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Interview „Aktien haben noch zehn Prozent Potential nach oben“

30.06.2004 ·  „Die Börsen sind fair bewertet und haben angesichts der positiven Gewinnentwicklung der Unternehmen noch Kurspotential,“ so Jaap van Duijn als Chefstratege von Robeco im Interview. Dagegen sieht er den Dollar weiter abwerten.

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Nach einem fulminanten Jahr 2003 war das Jahr 2004 für Anleger bisher noch nicht sonderlich ertragreich. Zumindest dann, wenn man auf die bekanntesten Indizes schaut. Denn geopolitische Risiken und aufkommende Inflations- und Zinsängste dämpften den Risikoappetit der Anleger merklich.

Die Frage ist nun, wie es weitergehen wird und wie sich Anleger für den Rest des Jahres positionieren sollten. FAZ.NET unterhielt sich darüber mit Jaap van Duijn. Er ist Chefstratege von Robeco, der mit einem verwalteten Vermögen von 112 Milliarden Euro größten Fondsgesellschaft der Niederlande. Gleichzeitig betreut er als Fondsmanager den Robeco Economic Recovery Fund, der im Jahresverlauf bisher immerhin knapp fünf Prozent zugelegt hat.

Die aktuellste Frage ist, was die amerikanische Notenbank bei ihrer zinsentscheidenden Sitzung machen wird.

Sie wird den amerikanischen Leitzins wie erwartet um 25 Basis- oder 0,25 Prozentpunkte erhöhen -, auch in jeder der kommenden Sitzungen im laufenden Jahr. Am Jahresende wird der Leitzins bei 2,25 Prozent liegen. Alles andere wäre eine Überraschung.

Was würde bei einer Überraschung passieren?

Die amerikanische Notenbank Fed zögert unglaublich stark, den Leitzins von einem unglaublich tiefen Niveau zu erhöhen. Bei einem Wachstum von vier Prozent und einer Inflationsrate, die sich 2,5 Prozent nähert, wäre ein Leitzins von drei Prozent eher angemessen. Sollte die Fed den Leitzins um 50 Basispunkte erhöhen, würde sie damit zwar ihr Vertrauen in die starke konjunkturelle Entwicklung in Amerika ausdrücken. Die Märkte würden aber negativ reagieren, da die Inflationsängste wieder aufkämen. Ich persönlich würde einen stärkeren Zinsschritt begrüßen.

Wieso?

Um die Unsicherheit aus dem Markt zu bringen. Denn wenn die Fed den Leitzins Schritt für Schritt erhöht, wird die Spekulation vor jedem Treffen wieder neu beginnen: Tut sie´s, tut sie es nicht und wenn, wie stark?

Was halten sie von den Börsen generell im Moment?

Ich denke sie sind fair bewertet, vor allem in Europa. Wir könnten die übliche „Sommerflaute“ bald hinter uns haben, möglicherweise kommt noch einmal eine Zwischenkorrektur. Aber dann sehe ich bis in den März des kommenden Jahres höhere Kurse. Denn die Gewinne der Unternehmen nehmen weiter zu und machen die Aktien immer attraktiver.

Wird es bei der Gewinnentwicklung nicht bald wieder zu Enttäuschungen kommen?

Das Momentum beim Gewinnwachstum wird sicherlich abnehmen. Aber die Zahlen sehen im Vergleich mit dem vergangenen Jahr immer noch sehr gut aus. Sollte die Weltwirtschaft weiter wachsen, dürften auch die Gewinne und damit die Aktien weiter zulegen.

Blicken Sie optimistisch auf die Weltkonjunktur?

Im Moment rechne ich mit einer leichten Abschwächung des Wachstums von vier auf drei Prozent in Amerika. Aber das ist immer noch beachtlich. Auch in Europa könnte sich die Exportstärke langsam positiv auf die Binnenwirtschaft auswirken. Gleichzeitig gibt es in Europa keinen Grund für höhere Zinsen. Insgesamt denke ich, wir sind noch ziemlich früh ´dran im Konjunkturzyklus.

Amerika mit seinen riesigen Ungleichgewichten ist kein Problem?

In Amerika ist das Wachstumsrisiko auf Grund der steigenden Zinsen am größten. Betrachtet man das Leistungsbilanzdefizit, so ist es genau so unser Problem, wie ihres. Denn was sie von uns zuviel importieren, importieren wir von ihnen zu wenig. Ähnlich sieht es aus mit Asien. Es ist ganz normal, daß die Produktion von Gütern an die günstigsten Standorte wandert. Man kann es Unternehmen wie Siemens oder Philips nicht übel nehmen, wenn sie in China aktiv werden.

Das Wachstum in Amerika wurde gefördert durch tiefe Zinsen, öffentlichen Ausgaben und Zinssenkungen. Was passiert, wenn diese auslaufen?

Sie können leicht eine Geschichte schreiben, nach der alles in einem Desaster enden wird. Aber solche Stories konnte man schon in den 80er-Jahren lesen. Normalerweise lösen sich die Probleme allmählich und nicht schockartig. Was ist damals passier? Der Dollar hat an Wert verloren und das werden wir später im Jahr auch wieder beobachten. Ich denke, der Greenback ist noch nicht stark genug gefallen, um zu einer Trendwende in der Handelsbilanz zu führen. Er wird sehr wahrscheinlich auf 1,4 Dollar je Euro gehen. Zudem werden nach den Wahlen in Amerika die öffentlichen Ausgaben wieder zurückgehen und möglicherweise die Steuern wieder steigen. Das sollte auch zur Korrektur beitragen. Höhere Zinsen werden das Wachstum auch etwas dämpfen.

Wie sieht es aus mit der Verschuldung?

Die Unternehmen haben kein Problem, sie schwimmen auf Grund des starken Cashflows förmlich im Geld. Die hohen Schulden bei den Konsumenten sind schon eher bedenklich, vor allem auch mit Blick auf den Häusermarkt. Bei steigenden Zinsen wird auch die Staatsverschuldung immer mehr zur Last. Das dürften allerdings die Gründe sein, die Alan Greenspan den Leitzins nur langsam werden anheben lassen. Die Amerikaner werden die Entwicklung in Großbritannien und Australien beobachten, wo die Zinsen schon erhöht wurden.

China und Japan finanzieren mehr oder weniger das amerikanische Defizit. Besteht nicht die Gefahr, daß sie ihre Gelder abziehen könnten?

Das ist zwar oft zu lesen. Allerdings sind sie Gefangene der Situation. Was könnten sie denn mit ihrem Geld tun? Sollten sie beginnen zu verkaufen, würde der Wert der Wertpapiere schnell fallen. Damit würden sie sich ja selbst ins Knie schießen. Offensichtlich vertrauen sie in die Stärke der amerikanischen Wirtschaft und so haben sie noch bis vor kurzem amerikanische Treasuries gekauft. Sie werden ihre Meinung sicherlich nicht so schnell ändern.

Sehen sie keine Friktionen in der „Chinaerfolgsgeschichte“?

Die japanische Wirtschaft ist zwischen den Jahren 1959 und 1970 im Durchschnitt jährlich um elf Prozent gewachsen. Wieso sollte es China nicht können?

China ist riesig. Treibt der wachsende Bedarf die Preise der Rohstoffe nicht nach oben?

Doch sicherlich. Das Land ist allerdings der Preisentwicklung - sei es bei Öl oder auch Stahl - stärker ausgesetzt als die Industriestaaten. Denn die Verbrauchsintensität ist höher. Langfristig gehe ich von einem deutlich steigenden Ölpreis aus. Aktien von Unternehmen, die in diesem Bereich tätig sind, dürften längerfristig eine gute Anlage sein.

Wie würden Sie sich als Privatanleger positionieren?

Bis ins Frühjahr des kommenden Jahres dürften Aktien attraktiv sein. Bis Ende des Jahres dürften sie zehn Prozent zulegen. Dabei sind wirtschaftssensitiven Branchen interessant. Ich mag Industrieunternehmen wie MAN und andere in Europa, Tyco International, Ingersol Rand, Danaher, Honeywell, United Technologies und in Europa auch die Versicherungen.
Nach der jüngsten Korrektur dürften im Rahmen des langfristigen Aufwärtstrends auch die Rohstoffwerte wie Rio Tinto, Anglo American, Alcoa oder BHP Billiton zusammen mit Goldwerten wieder interessant werden. Interessant könnten auch Softewareaktien wie SAP oder Microsoft werden. Weniger interessant finden wir die Energie- und Halbleiterwerte.

Wie sieht es aus mit den Rentenmärkten?

Ich rechne nicht mehr mit großen Bewegungen. Zum Jahresende könnten die Kurse wieder leicht anziehen. Aktien sind allerdings interessanter.

Wie sind sie global positioniert?

Wir sind untergewichtet in Amerika, auf Grund der hohen Bewertungen und weil wir mit einer leichten wirtschafltichen Abkühlung rechnen. Am meisten mögen wir Japan und die Schwellenländer. Hier sollte man allerdings breit diversifizieren. In Japan sind wir beispielsweise investiert in Mizuho Financial, wir haben auch Konsumfinanzierer gekauft und eine Reihe von Unternehmen, die im Geschäft mit Flachbildschrimen aktiv sind. Zum Beispiel Asahi Glass oder Toppan Printing.

Abschlußfrage: Wieso bewegt sich in Europa wirtschaftlich so wenig?

Ich würde sagen, es ist ein Mangel an politscher Führungskraft. Sei es bei Chirac, Schröder oder Blair. Sie müssen die Gewerkschaften entweder hinter sich bringen oder ihre Macht brechen. Denn die Gewerkschaften sind die europäischen „Bremsklötze“

Das Gespräch führte Christof Leisinger

Quelle: @cri
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