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Im Gespräch: Paul De Grauwe, Wirtschaftsprofessor „Sparen wäre jetzt falsch“

21.07.2009 ·  Deutschland kann sich seine Schulden durchaus leisten, sagt der belgische Ökonom Paul De Grauwe. Die wachsende Staatsschuld sei das Gegenstück zur abnehmenden privaten Verschuldung.

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Deutschland kann sich seine Schulden durchaus leisten, sagt der belgische Ökonom Paul De Grauwe. Die wachsende Staatsschuld sei das Gegenstück zur abnehmenden privaten Verschuldung.

Herr De Grauwe, ganz Deutschland ist entsetzt über die wachsende Staatsverschuldung. Sie dagegen halten das Schuldenmachen derzeit für gerechtfertigt, warum?

Ich bin auch kein Anhänger des Schuldenmachens. Kein Zweifel, die aktuellen Staatsschulden und -defizite sind auf Dauer nicht tragbar. Einige Industrienationen weisen inzwischen Haushaltsdefizite von mehr als 10 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) auf. Schön ist das nicht. Aber derzeit gibt es einfach keine sinnvolle Alternative.

Wie wäre es mit Sparsamkeit?

Das würde die Krise nur verschärfen. Der Anstieg der Staatsschulden ist nur die Folge der vorangegangenen Verschuldung der privaten Haushalte und der Finanzwirtschaft. In den meisten Ländern - wenn auch in Deutschland im geringeren Maße - haben die Privaten, vor allem die Banken, riesige Schuldenberge angehäuft. Jetzt in der Krise versuchen sie die Verschuldung zu verringern.

Warum auch nicht, wenn es die Wurzel des Übels ist?

Es funktioniert bloß nicht, wenn alle auf einmal ihre Schulden reduzieren wollen. Dafür gibt es nämlich nur zwei Wege: Verkauf von Vermögenswerten oder Sparen. Beides ist eigentlich sinnvoll, um von den Schulden wegzukommen. Wenn aber alle zugleich Häuser, Aktien oder Unternehmen verkaufen wollen, dann fällt der Preis für diese Vermögenswerte. Und das macht zugleich einen Strich durch die Rechnung. Wegen der fallenden Vermögenspreise verschlechtert sich das Verhältnis zwischen Schulden und Sicherheiten weiter, gerade weil sich die Menschen um eine Entschuldung bemühen. Das kann in einer sich selbst verstärkenden Abwärtsspirale münden.

Und was ist gegen das Sparen einzuwenden?

Wenn das alle zugleich machen, bricht die private Nachfrage weg. Es folgen Insolvenzen, Arbeitslosigkeit, und wieder kann gerade das Bemühen um eine rasche Entschuldung den Abbau der Schuldenlast unmöglich machen. Denn die Einkommen sinken, von denen die Sparraten abgezweigt werden sollen. Die Entschuldung der Privaten gelingt nur, wenn der Staat das Gegenteil tut. Irving Fisher und John Maynard Keynes haben das schon vor langer Zeit beschrieben.

Dadurch wird aber nur die private Überschuldung in eine staatliche Überschuldung verwandelt.

Für den Moment ist dadurch aber immerhin Stabilität gewonnen.

In Deutschland werden die Schulden bis 2013 um 300 Milliarden Euro steigen. Sehen Sie nicht die Risiken?

In Deutschland gibt es eine allzu hysterische Diskussion über das Schuldenthema. Als ob Verschuldung unmoralisch wäre. Das Land kann sich die Schulden durchaus leisten, denn die wachsende Staatsschuld ist das Gegenstück zur abnehmenden privaten Verschuldung. Seien Sie doch froh, dass alle Welt Ihre Anleihen kaufen will.

Wann müssen die Staaten umschwenken und ihre Haushalte wieder ausgleichen?

Die Regierungen werden die Verschuldung reduzieren können, wenn sich die Wirtschaft erholt und wieder wächst. Ich würde das nicht zu früh versuchen, weil es dann einfach nicht funktionieren würde. Erst wenn die Rezession vorüber ist, werden Unternehmen und Privathaushalte wieder mehr Geld ausgeben. Das wird der Regierung erlauben, weniger auszugeben und die Staatsschulden zu reduzieren.

Das Gespräch führte Stefan Ruhkamp.

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