Die Weltwirtschaft ist in Bewegung. Klaus Wellershoff, Chef-Volkswirt der UBS, ist um klare Antworten nicht verlegen. Der Dollar werte weiter in Richtung 1,20 Dollar zum Euro auf. Von den großen Wirtschaftsnationen werden nur China und Deutschland eine Rezession vermeiden können.
Herr Wellershoff, zu den bemerkenswertesten Entwicklungen der jüngsten Zeit an den Märkten gehört der starke Rückgang der Rohölpreise. Hat sich die Nachfrage so schnell gedreht?
Man muss im Blick behalten, wie stark der Ölpreis zuvor gestiegen war. Die Weltwirtschaft befand sich ja bis vor kurzem in einer Aufschwungphase wie zuletzt Ende der sechziger/Anfang der siebziger Jahre. Und das Wachstum blieb in der ersten Jahreshälfte entgegen den Erwartungen weiterhin stark. Jetzt erleben wir einen schnellen Verfall der Konjunktur. Daneben haben sich viele Finanzinvestoren aus den Rohstoffmärkten zurückgezogen, auch die spekulativen Kräfte sind vor dem Hintergrund der eingetrübten Wirtschaftslage vorsichtiger geworden.
Gibt es einen Zusammenhang zwischen dem fallenden Ölpreis und dem steigenden Dollarkurs, wie viele behaupten?
Statistisch lässt sich dieser Zusammenhang belegen, eine Kausalität damit zu verbinden, halte ich indes für eine Spekulation.
Wie geht es weiter mit dem Dollar?
Der zu beobachtende Anstieg folgt in erster Linie aus einer bisherigen Unterbewertung zum Beispiel gegenüber dem Euro, wie die Kaufkraftparitäten beider Währungen deutlich zeigen. Hinzu kommt jetzt die Wirtschaftsabschwächung in Europa. Der Trend zum schwächeren Dollar ist gebrochen. Im Gegenteil: er wird in den nächsten zwei bis drei Jahren deutlich aufwerten in Richtung 1,20 Dollar zum Euro. Noch stärker könnten allerdings einige asiatische Währungen gewinnen.
Sie gehören zu den größten Pessimisten für die Wirtschaftsentwicklung in Europa. Rutschen wir in eine Rezession ab?
Diese sehen wir in erster Linie für Großbritannien, Spanien und Italien, vielleicht sogar Frankreich voraus. Deutschland wird 2009 aller Voraussicht nach um ein Prozent wachsen. Die pessimistische Sicht für die anderen Länder gilt auch in Anbetracht der Erwartung, dass sich die Vereinigten Staaten erholen sollten. Die Gründe dafür sind hausgemacht: der Verfall der Immobilienpreise, die lange von einem zu niedrigen Realzins profitierten, sowie in Südeuropa überproportional gestiegene Lohnstückkosten.
Erstreckt sich der Pessimismus auch auf Deutschland?
Hier ist die Ausgangslage anders. An den Immobilienmärkten kam es zu keinen Übertreibungen. Zugleich ging Ende der neunziger Jahre die D-Mark eigentlich zu stark in den Euro-Verbund. Statt über den Scheinvorteil der Wechselkurse verbesserte der Exportweltmeister seine internationale Wettbewerbsposition durch Lohnzurückhaltung. Das zahlt sich jetzt aus. Deutschland bleibt im Export stark und kann die Konsumzurückhaltung mit den Inlandsinvestitionen ausgleichen. Von den großen Wirtschaftsnationen auf der Welt werden daher nur China und Deutschland der Rezession entkommen.
Zugleich herrscht die Sorge vor einer steigenden Inflation. Wird selbst die amerikanische Notenbank den Leitzins weiter erhöhen?
Den amerikanischen Verbrauchern fehlen nach Auslaufen der staatlichen Anreize wieder 50 Milliarden Dollar im Quartal. Andererseits hat der Überkonsum keineswegs nachgelassen. Die Wachstumsraten werden möglicherweise bis in das erste Quartal 2009 negativ sein. Die Fed wird daher den Leitzins auf absehbare Zeit nicht weiter erhöhen.
Die Europäische Zentralbank EZB wurde wegen ihrer jüngsten Zinserhöhung sogar hörbar kritisiert. Dies sei in Anbetracht der Konjunktursorgen ein Fehler gewesen, hieß es. Ziehen Sie sich diesen Schuh an?
Die EZB und andere Zentralbanken können einem leid tun. Sie werden jetzt für ihren Auftrag gescholten, die Inflation im Zaum zu halten. Dabei ist mittelfristig eine Beschleunigung der Preissteigerung so sicher wie das Amen in der Kirche. Wir sehen ja schon jetzt Zweitrundeneffekte der Energie- und Rohstoffpreissteigerungen, etwa in den Lohnrunden. Dies bedeutet, dass die Unternehmensgewinne unter Druck geraten. Das werden sie in der nächsten Aufschwungphase durch Preiserhöhungen möglichst rasch bereinigen wollen. Zugleich dringen die Arbeitnehmer auf weitere Reallohnsteigerungen.
Die großen Schwellenländer Brasilien, Russland, Indien und China werden gerne unter dem Begriff „Bric-Länder“ zusammengefasst. Ist dies noch gerechtfertigt angesichts der Verwerfungen in der Weltwirtschaft?
„Bric“ klingt gut, aber wir haben davon nie viel gehalten. Die Länder sind zu unterschiedlich, wie sich jetzt gerade zeigt, wo wir von der Finanzkrise weg in eine Krise der Weltwirtschaft gehen. Wir setzen auf exportstarke Rohstoffländer, aber weniger auf Russland als vielmehr Brasilien, wo uns auch der Binnenmarkt interessanter erscheint.
Wie beurteilen Sie die aktuelle Lage der Banken? Ist zumindest in Europa die Finanzmarktkrise vorbei?
Der Verfall der Immobilienmärkte in Europa wird auf die Bankbilanzen durchschlagen. Hinzu kommen vermehrt die klassischen Kreditrisiken aus der Industrie, wohingegen die Negativmeldungen über die Verbriefungen amerikanischer Hypotheken weiter abnehmen werden. Das spricht dafür, dass vor allem kleinere Banken jetzt Probleme bekommen werden.
Die hohen Renditen vieler Bankanleihen wirken auf Anleger verlockend. Sollen sie investieren?
Die Finanzmarktkrise hat gezeigt: Die Aktionäre der Banken müssen bluten, während Sparer und Anleihegläubiger durch die Regulatoren geschützt werden. Man kann daher Käufe von Rentenpapieren auf Verfall vertreten, nicht zuletzt mit Blick auf die erzielbaren Renditen. Die Risiken sollten begrenzbar bleiben, solange man den Grundsatz einer breiten Diversifikation berücksichtigt und vielleicht mehr auf größere Banken bei der Anlage-entscheidung setzt.
Eine persönliche Frage zum Schluss. Sie haben jetzt einen wöchentlichen Podcast eingerichtet. Muss man Klaus Wellershoff wirklich so oft hören?
Unser Ansatzpunkt lautet: Was bewegt aller Voraussicht nach die Märkte in der kommenden Woche? Im Mittelpunkt steht das Bemühen um intelligente Kommentierung. Dabei kann ich auf die Expertise unserer 200 Analysten in 13 Ländern, aber auch auf externe Fachleute in den Bereichen Außen- und Sicherheitspolitik zurückgreifen.
Immer noch keine Insel der Seligen!
Karl-Heinz Andresen (khaproperty)
- 22.08.2008, 21:47 Uhr
Kreditkrise verkannt ! Kompetenz??
Jan Jansen (jan_jansen)
- 23.08.2008, 13:11 Uhr
