06.07.2006 · Für die meisten Anleger sind Abzocker faule Menschen, die die Gutgläubigkeit und Ahnungslosigkeit ihrer Mitmenschen ausnutzen. Das ist nur die halbe Wahrheit. Wer richtig abzocken will, muß viel Einsatz bringen. Das macht es aber nicht besser.
Wer träumt nicht davon, einmal an der Börse den großen Coup zu landen? Und dann nichts wie raus und ab auf die Malediven. Nun, bekanntlich fällt das Glück nur dem Tüchtigen zu - oder man muß doch ein wenig nachhelfen. Die einzige Frage ist - wie fängt man es richtig an?
Als allererstes muß man sich von dem Gedanken verabschieden, daß dies ohne Risiko möglich sei. Im Gegenteil: Abzocker gehen hohe Risiken ein, zum einen rechtlicher, zum anderen marktlicher Natur. Denn so mancher Versuch, an einem Kursanstieg zu verdienen, landet beim Staatsanwalt - oder einfach nur im Abfalleimer.
Nur marktenge Werte eignen sich
Darüber hinaus: Wer dem Glück nachhelfen - im Klartext: Kurse manipulieren - will, kann das nicht mit großen und liquiden Werten tun. Denn zum ersten ist es sehr viel leichter möglich, die Ansichten einiger weniger Personen zu manipulieren als die einer breiten Anlegerschicht. Zum zweiten fehlen einem Privatanleger jegliche Mittel und Wege, die Ansichten institutioneller Anleger zu manipulieren. Gerade diese aber sind bei marktbreiten, liquiden Werten entscheidend.
Der gute Abzocker sucht sich also einen möglichst marktengen Wert, dessen Kurs es nun anzutreiben gilt. Marktenge Werte haben den Vorteil, daß dies meist sehr preiswert möglich ist. Oft genügt eine kleine Kauforder, um den Kurs zu treiben. Gern wird dazu eine deutsche Regionalbörse gewählt, an der das Handelsvolumen nun einmal geringer ist. Ein Warnzeichen kann es also sein, wenn der Wert zum Beispiel in Frankfurt stagniert, aber in Hamburg kräftig zulegt.
Kurse manipulieren ohne große Geldausgaben
Als nächstes muß der Kurs über längere Zeit steigen. Das kostet den Manipulator zwar etwas Geld, ist aber auch relativ einfach. Die Methode hängt davon ab, ob es gelingt, zunächst ein Budget an Aktien zu erwerben. Kann man zum Beispiel 1.000 Aktien kaufen, so lassen sich diese im Grunde über Monate hinweg ständig zwischen zwei Depots hin und her spielen. Noch besser, man hält 900 und verkauft lediglich 100 Aktien hin und her. Eigentlich genügt dazu auch ein Depot - aber zwei fallen bestimmt nicht auf.
Es sind keine Aktien zu haben, weil der Streubesitz verschwindend gering ist und die Aktie vor zwei Jahren 99 Prozent ihres Wertes verloren hat? Macht nichts. Die Lösung hat zwar ein gewisses Risiko, funktioniert aber meistens. Man stellt einfach eine sinnlos große Order ein - zum Beispiel 100.000 Aktien zum Preis von einem Euro. Selbst wenn diese bei Erfüllung nicht zu bezahlen wäre - angesichts der Marktenge ist nicht zu erwarten, daß jemand so viel Aktien verkaufen will.
Mit dem Orderzusatz „Fill-or-kill“ gibt es auch keine unerwünschten Teilausführungen. Hält man dieses Orderverhalten eine Weile durch, wird der Kursmakler irgendwann sicherlich den Taxkurs heraufsetzen - er kann gar nicht anders. Das Dumme ist nur, daß der Manipulator im Erfolgsfall möglicherweise gar keine Stücke besitzt, die er verkaufen könnte.
Entwicklungshilfe für die Presseabteilung
Steigt der Kurs nun, werden bestimmt Anleger aufmerksam, die mit Technik-Scheuklappen an der Börse agieren: „Der Kurs steigt, da werden die Nachrichten schon kommen“, heißt es dann. Gut für den eifrigen Abzocker, besonders wenn er bis dahin ein paar Stücke hat einsammeln können. Hat er Glück, geht die Bergfahrt ohne sein Zutun weiter.
Indes beginnt nun die Rechnerei. Wie viele Stücke brauche ich noch, damit sich die Arbeit lohnt? Welche Kosten sind bereits entstanden? Vor allem aber beginnt das Pokerspiel: Wie weit kann ich das Spiel noch treiben, bevor bei dem nachfrageschwachen Wert das künstlich aufgeblähte Interesse zusammenbricht? Abzocken ist eben harte Arbeit.
Wer auf längerfristigen Erfolg setzt, muß der Nachrichtenlage ein wenig nachhelfen. Hier ist die richtige Auswahl des Wertes entscheidend. Inlandswerte bergen die latente Gefahr eines Dementis. Es gilt also in diesem Fall zu prüfen, ob das Unternehmen eine gute Pressearbeit macht. Dank des Internets läßt sich das Datum der jüngsten Pressemeldung rasch herausfinden. Ein getürkter Anruf als Journalist gilt auch als probates Mittel.
Chinesisch-brasilianisches Nano-Solar-Immobilien-Beteiligungs-Unternehmen
Aktien kleiner ausländischer, vor allem außereuropäischer Unternehmen haben zwar den Vorteil, daß unerwünschte Dementis wenig wahrscheinlich sind. Indes bergen sie den großen Nachteil, daß sie am Ruf des jeweiligen Landes hängen. Entscheidend sind darüber hinaus auch Größe und Branche.
So böte sich die Aktie des Personaldienstleisters Carlisle Group Ltd. aus dem mittelamerikanischen Belize, dem früheren Britisch-Honduras, unter dem Gesichtspunkt des Handelsvolumens und der Nachprüfbarkeit an. Gefällig ist auch, daß das Unternehmen im vergangenen Geschäftsjahr 349,3 Millionen Pfund umgesetzt hat und somit auch echtes Geschäft und Gewinne ausgewiesen werden.
Andererseits wird die Begründung des Kurspotentials schwieriger. Zudem sind weder Personaldienstleistungen noch der Standort Belize besonders attraktiv. Vor allem mißtrauen gerade gutgläubige Anleger häufig exotischen Standorten.
Vorzugsweise wird daher auf Mode-Branchen und Mode-Länder zurückgegriffen. Ideal wäre derzeit ein chinesisches Beteiligungs-Unternehmen, das schwerpunktmäßig in Unternehmen aus dem Bereich der Herstellung von Nanotechnik-Solarzellen auf Basis nachwachsender Rohstoffe investiert, die auf Geschäftsimmobilien in bester Lage in den Metropolen der Welt installiert werden. Oder wäre das ein bißchen zu dick aufgetragen?
Tips von „André Kostheutgarnichts“ und „Warrant Bluffnet“
Wie man unschwer feststellt, ist die Zukunft entscheidend. Denn die wird an der Börse gehandelt. Insofern läßt sich eigentlich jeder beliebige Wert verwenden, Hauptsache, man versichert irgendwie glaubwürdig, daß das Unternehmen restrukturiert wird und sich einem neuen - wie oben beschriebenen - Geschäftsmodell zuwendet. Merke: Nichts ist zu blöd, als daß es nicht jemand glauben würde.
Besonders beliebt sind dabei Konkurswerte. Hier gibt es keine lästige Öffentlichkeitsarbeit mehr, und auch die Insolvenzverwalter haben besseres zu tun, als sich mit irgendwelchen Spekulanten herumzuschlagen.
Hat man sich also erfolgreich ein Objekt der Gier gewählt, gilt es nun die Botschaft unter das Börsenvolk zu bringen. Die einfachste, wenn auch nicht effektivste Methode sind Internet-Foren. Unter Decknamen wie „George Sorglos“, „André Kostheutgarnichts“ oder „Warrant Bluffnet“ läßt sich dort trefflich die Propagandatrommel schlagen. Indes erreicht man nur eine begrenzte Klientel. Außerdem gibt es immer irgendwelche Konkurrenten, die nichts lieber tun, als dem Feind in die Suppe zu spucken.
Nichts kann schöner sein auf Erden als Börsenbrief-Schreiber zu werden
Also braucht man Hilfe von anderer Seite. Wer gerne teilt, beauftragt einen kleinen „Investor-Relations-Dienst“. Das sind sogenannte Börsenbriefe, die dann und wann einen Wert besonders anschieben, indem sie bunte, kaum aussagekräftige „Analysen“ an ihre Adreßdatenbank versenden.
Wer nicht so gerne teilt, gründet schon mal flugs seinen eigenen Börsenbrief. Was man dazu braucht, ist nichts weiter als ein wenig Webspace und einen PDF-Generator. Erstere gibt es fast umsonst und letzteren bisweilen gar völlig kostenlos. Dann bastelt man eine Website, einen Börsenbrief, in dem man den eigenen Wert hervorkehrt und ansonsten das abschreibt, was in anderen Börsenbriefen steht. Diesen Brief zitiert man dann im Internet-Forum.
Nicht vergessen, die neue sensationell erfolgreiche Publikation bekannt zu machen. Dafür gibt es spezielle Websites, die entweder Börsenbriefe listen oder sogar deren „Analysen“ in der dritten Person wiedergeben: „Die Experten von „Kursgewinne kostenlos“ empfehlen die Aktie der Highflyer Inc. mit einem Potential von 999 Prozent...“
Ihr Musterdepot läuft bereits seit sechs Jahren erfolgreich und hat sogar in der schlimmsten Baisse-Zeit 22 Prozent Rendite p.a. gebracht. Die Werte könne sie ja nachträglich heraussuchen. Nicht zu dick auftragen! Interessenten können sich auf Ihrer Website für den Brief anmelden, den Sie als PDF versenden. Mit etwas Glück verdienen Sie sogar noch etwas nebenher.
Die Kunst des unbestimmten Erfolgs
Vorsicht ist angebracht bei der Botschaft selbst. Je konkreter man sich festlegt, um so leichter können Fehler nachgewiesen werden. Deswegen erfolgen Übernahmen grundsätzlich „in Kürze“ oder „bald“. Übernommen wird dabei stets „ein führendes Unternehmen“, egal worin diese Führung besteht. Dieses ist bereits profitabel, bietet „ungeahntes Marktpotential“ und bewirkt einen „großen Umsatzanstieg“. Die Technologie des Unternehmens ist führend und könnte einen Markt revolutionieren. Ob das technisch möglich und wirtschaftlich sinnvoll wäre, ist ja nicht ihr Bier.
Als Börsenbrief-Schreiber sprechen Sie grundsätzlich nur direkt mit dem Vorstand, noch besser mit „Offiziellen“. Im Internet-Forum können Sie sich dagegen sogar dazu versteigen, zu behaupten, der CEO habe Ihnen etwas gesagt - wahlweise zu Ihnen selbst oder dem Börsenbrief. Letzteres können Sie dann immer noch dementieren.
Damit sind alle rechtlichen Grauzonen längst ausgeschöpft, meistens mehr als das. Was der Staatsanwalt belangen kann, ist eine Frage, die im Zweifelsfall lange vor Gericht geklärt werden muß. Zwar kann sich der eifrige Abzocker noch als Investor-Relations-Repräsentant ausgeben, doch damit ist der Betrugstatbestand nun endgültig und offenkundig erfüllt. Und von moralischen Aspekten lohnt es längst nicht mehr zu reden.
Wie sich zeigt ist Abzocken, wenn man es richtig macht, harte Arbeit, die mit hohem Risiko behaftet ist. Mit derselben Energie könnte man auch Geld auf sehr viel bequemere Art und Weise verdienen und wäre obendrein ein erheblich ehrlicherer Mensch.
Wer als Anleger bewußt auf eine solche Kursblase einsteigt, geht ein noch höheres Risiko ein. Er weiß nie, wann der Initiator die Lust verliert und aussteigt. Bei marktengen Werten geht es noch schneller abwärts als aufwärts.
Wer gerne spekuliert ist daher gut beraten, nicht auf Informationen zu bauen, die aus Quellen stammen, deren Seriosität nicht nachweisbar ist. Auch die Information selbst muß einer kritischen Prüfung standhalten können. Ist sie substantiell oder vage? Ist sie vor allem nachprüfbar? Sonst gerät man allzu leicht genau dahin, wo der Abzocker sein Opfer haben will und sorgt dafür, daß dieser die wenig verdienten Früchte seiner kaum bewundernswerten Arbeit einfährt.