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Gastkommentar "Kaufen und Liegenlassen" funktioniert auf ganz lange Sicht nicht

04.02.2005 ·  Eine der gängigsten Weisheiten am Aktienmarkt lautet, daß die Geldanlage in Aktien dann kaum zu schlagen ist, wenn Anleger nur genügend Zeit mitbringen. Peter Meier vom Börsenbrief Zyklen Trends Signale erklärt, warum diese Strategie nicht so einfach funktioniert.

Von Peter Meier
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Langfristig liefern Aktien die höchsten Renditen. Auf dem Papier ist alles ganz einfach: 100 Dollar im Jahr 1900 in amerikanische Aktien investiert, ergäbe heute ein Vermögen von 1,7 Millionen Dollar. Der jährliche Wertzuwachs betrug in diesem Zeitraum gemäss der Studie "Triumph of the Optimists" durchschnittlich 10,1 Prozent.

Soweit die Theorie. Angesichts dieser Zahlen haben Sie sich vielleicht auch schon einmal gefragt, wieso Ihr Großvater oder Urgroßvater nicht schlau genug gewesen ist, anno 1900 auch nur 100 Dollar (damals zwar eine stattliche Summe) in amerikanische Aktien anzulegen - und Sie könnten nun die Früchte seines Weitblicks ernten.

Die Realität gestaltet sich etwas komplexer

Doch in der Realität ist das langfristig erfolgreiche Investieren in Aktien viel schwieriger. Wenn es so einfach wäre, wie es bei der Lektüre solcher Studien erscheint, gäbe es heute viel mehr Millionäre. Da ist zuerst einmal die Inflation, der Erzfeind eines jeden Sparers. Um den Wertverfall der amerikanischen Währung bereinigt, entsprechen die 1,7 Millionen Dollar gerade mal der Kaufkraft von 71.000 Dollar aus dem Jahr 1900. Die reale, also inflationsbereinigte Aktienrendite betrug im letzten Jahrhundert nur noch 6,7 Prozent im Jahr.

Das größte Problem beim Investieren über 10, 20 oder 100 Jahre ist aber der stete Wandel der Börsenwelt. Die fortlaufende "kreative Zerstörung" des Kapitalismus, wie es der Ökonom Joseph Schumpeter nannte, tritt an den Finanzmärkten deutlich zutage.

Wirklich langfristiges "Kaufen und Liegenlassen" funktioniert in der Praxis nicht. Die glänzenden Anlageresultate solcher Studien kommen nur dank des "Survivor Bias" zu Stande. Mit diesem "Überlebenden-Effekt" bezeichnen Finanzmarktforscher die Tatsache, daß sich historische Renditen nur von Wertpapieren oder Indizes berechnen lassen, die es heute noch gibt. Die Aktien von Firmen, die inzwischen pleite gegangen sind, fallen in der Regel unter den Tisch.

Aktienindizes wie der 1896 gegründete Dow Jones Industrial, die als Berechnungsgrundlage für langfristige Renditestudien dienen, weisen dank des Survivor Bias einen höheren Anlageertrag aus: Unternehmen, mit denen es wirtschaftlich bachab geht, werden aus dem Index gestrichen und durch neue Titel ersetzt. Der Index spiegelt also nur die Performance der überlebenden, nicht jedoch der gescheiterten Firmen des letzten Jahrhunderts.

Rechenbeispiele beziehen sich auf Indizes

Andererseits wird der positive Renditeeinfluß des Survivor Bias dadurch kompensiert, daß in einen Index wie den Dow Jones nur etablierte Großunternehmen aufgenommen werden. Diese haben aber zumeist die stärkste Wachstumsphase bereits hinter sich. Kleinere, nicht im Index vertretene Firmen wachsen in der Regel stärker und dürften folglich auch bessere Anlagerenditen abwerfen. Auf lange Sicht dürften sich diese beiden Effekte in etwa neutralisieren, so daß die viel zitierten 10,1 Prozent jährlicher Ertrag durchaus realistisch sind für Anleger, die den Index nachbilden.

Aber eben, diese Zahlen gelten nur für Abbildungen des Index - und damals gab es noch keine Indexaktien. Ein Anleger, der im Jahr 1900 einfach die damals zwölf Aktien im Dow Jones Industrial gekauft hätte, wäre im Verlauf der Jahrzehnte mit simplem "Kaufen und Liegenlassen" böse auf die Nase gefallen. Dies verdeutlicht ein Blick auf die wechselnde Zusammensetzung des Dow Jones im Verlauf der Zeit (siehe Grafik).

Die Aktienstars von 1900 und was aus ihnen wurde

Blue Chips des Jahres 1900 wie American Cotton Oil, American Sugar oder Pacific Mail Steamship sind schon längst von der Bildfläche verschwunden - von der Zeit und dem Wettbewerb des freien Marktes überholt. Einzig General Electric war damals wie heute im Dow Jones vertreten. Auch der Index des Jahres 1929, kurz vor dem großen Crash, verdeutlicht den Zahn der Zeit: Zwar tauchen schon mehr bekannte Unternehmen auf, die es heute noch in der einen oder anderen Form gibt. Aber ebenso lang ist die Liste der Verlierer. Die Radio Corporation of America zum Beispiel war der große Wachstumsstar im Dow Jones der 20er Jahre, vergleichbar mit Microsoft in den Neunzigern. Die Radio-Aktie kam im großen Crash böse unter die Räder und erreichte ihr Kursniveau von damals bis zu ihrem Untergang nicht mehr. Auch andere "Technologie-Stars" der damaligen Zeit wie National Cash Register oder Nash Motors sind längst Fälle fürs Aktienmuseum.

Jedes Mal, wenn Sie ein sagenhaftes Aktienmärchen wie das von Coca-Cola hören - der Softdrinkhersteller ging 1919 an die Börse und wer damals eine Aktie für 40 Dollar gekauft hätte, würde heute über rund fünf Millionen Dollar verfügen - ist Vorsicht angebracht. Der "Survivor Bias" ist hier am Werk: Genauso gut hätte ein damaliger Anleger nämlich auch die Aktie eines Konkurrenten von Coca-Cola kaufen können - und wer kennt diese Firmen heute überhaupt noch?

Doch nicht nur die historischen Aktienrenditen einzelner Firmen unterliegen dem Survivor Bias. Für Länderbörsen gilt genau das gleiche: Amerika war im vorigen Jahrhundert der Vorzeige-Aktienmarkt überhaupt. Die Börsen anderer Nationen verzeichneten im bewegten 20. Jahrhundert keine so ansprechende Performance - gleichwohl wird die langfristige Aktienrendite von zehn Prozent pro Jahr jeweils mit dem Beispiel des überlebenden Marktes Amerika unterlegt. Doch was ist mit Rußland, China oder Deutschland?

„Kaufen und Liegenlassen“ hätte seit 1900 ein Drittel des Kapitals gekostet

Versetzen wir uns mal in Gedanken in einen Investor aus dem Jahr 1900 und überlegen, an welchen Märkten er damals wohl Aktien gekauft hätte. Zur Auswahl standen etablierte Industrienationen wie Großbritannien, Frankreich, Deutschland oder Amerika. Doch auch viel versprechende Emerging Markets wie das Rußland des Zaren, dessen Börse damals immerhin elf Prozent der globalen Marktkapitalisierung stellte, das britische Indien mit einem Marktwertanteil von beachtlichen zehn Prozent oder Argentinien - damals eines der reichsten Länder der Welt - wären wohl auf seinem Kaufzettel gestanden.

Hätte ein damaliger Investor einfach gemäß der globalen Börsenkapitalisierungen sein Vermögen anteilsmäßig gestreut, hätte er mit simplen "Kaufen und Liegenlassen" innerhalb von 50 Jahren ein Drittel seines Geldes abschreiben können. Die deutsche Börse wurde durch die Hyperinflation Anfangs der 20er Jahre und den 2. Weltkrieg zu Grunde gerichtet. Russische und indische Unternehmen wurden nach der Oktoberrevolution bzw. der Unabhängigkeit verstaatlicht, also ebenfalls ein Totalverlust. Und in Argentinien machte wie in den meisten Ländern Südamerikas die typische Kombination von Hochinflation und Verstaatlichungen genauso jegliche langfristige Performance kaputt.

Fazit: Simples "Kaufen und Liegenlassen" funktioniert auf ganz lange Sicht nicht. Für zwei, fünf oder allenfalls zehn Jahre hat diese Strategie viele Vorteile. Doch schon mittelfristig kommt ein Anleger nicht darum herum, seine Aktieninvestments immer wieder zu überprüfen und gegebenenfalls Umschichtungen vorzunehmen. An den Börsen wechseln sich Moden und Zyklen ab, genauso wie im politischen Umfeld der Finanzmärkte. Hausse und Baisse, Euphorie und Panik, Liberalisierungen und Verstaatlichungen - nur der stetige Wechsel bleibt an den Aktienmärkten konstant.

Peter Meier ist Chefredakteur beim Schweizer Börsenbrief Zyklen Trends Signale.

Dieser Beitrag ist aus der aktuellen Ausgabe Nr. 217 entnommen.

Quelle: @JüB
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