16.12.2008 · Die Finanzmärkte werden einer Reihe von Veränderungen unterworfen sein. Nachdem die Finanzkrise nun in einem klareren Licht erscheint, zeichnet sich auch der Regulierungsrahmen ab, der künftig zu erwarten ist.
Von David WyssDie amerikanischen Finanzmärkte werden demnächst anders aussehen, als sie es in den vergangenen Jahrzehnten taten. Ihre endgültige Gestalt hängt von vielen Faktoren ab, einschließlich der Erfolge und Misserfolge der Regierung des künftigen Präsidenten Obama sowie auch von der Tragweite der Probleme, die durch die gegenwärtige Kreditklemme verursacht werden.
Marktteilnehmer und Regulatoren ändern sich, doch wie genau, ist schwer zu bestimmen. Der Trend zur Globalisierung der Finanzmärkte wird sich wohl beschleunigen, zum Teil durch Kapitalinjektionen ausländischer Anleger in amerikanische Banken und Finanzinstitute. Allerdings erfährt der Trend zur Deregulierung aktuell offenbar eine Umkehr.
Staatliche Mitsprache in Banken
Die Globalisierung der Finanzmärkte hat sich in den vergangenen Jahren beschleunigt. Im Jahr 2006 betrug das langfristige, ausländische Investitionsvolumen in die Vereinigten Staaten knapp 1,2 Billionen Dollar. Vermögensverwalter haben sich daran gewöhnt, die höchste Rendite aus verschiedenen Währungen und Volkswirtschaften herauszuholen. Die enormen Handelsbilanzüberschüsse, die erdölproduzierende Länder und die asiatischen Volkswirtschaften angehäuft haben, verstärkten diese Tendenz: die liquiden Mittel mussten irgendwo investiert werden und schließlich gab es keine automatische Heimatwährung für die Investments.
Der Rettungsplan der Regierung, einschließlich der Kapitalspritze des Finanzministeriums für die Banken, ist als vorübergehende Maßnahme gedacht. Die Dauer wird von der erforderlichen Zeit für die Erholung des Bankensystems abhängen. Obwohl die Regierung von den unterstützten Banken Vorzugsaktien ohne Stimmrecht erhalten hat, wird sie Einfluss auf die Leitung der Banken nehmen, insbesondere dann, wenn sich abzeichnen sollte, dass diese erneut in Schwierigkeiten geraten. Das Ergebnis wird wahrscheinlich ein konservativeres Bankensystem sein und das ist es, was die Notenbank anstrebt - zumindest zum jetzigen Zeitpunkt.
Wie lange es dauern wird, um die Bankbeteiligungen wieder aufzulösen, wird von der Geschwindigkeit abhängen, mit der sich die Banken und Finanzmärkte wieder erholen. Je länger die Beteiligungen bestehen, desto wahrscheinlicher ist es, dass die Regierung die Regulierung verschärft. Denn wenn die Regierung eine Beteiligung hält, muss sie diese auch managen. Dies ist nicht nur in den Vereinigten Staaten so, sondern auch in Europa, wo die Regierungen noch größeren Anteile an den Banken übernommen haben.
Die Auflösung der Rettungspakete
Standard & Poor´s ist der Ansicht, dass die amerikanische Regierung versuchen wird, die Beteiligungen relativ schnell wieder aufzulösen. Die Regierung möchte einen Ertrag ausweisen, wird sich aber nur dann von einer Beteiligung trennen, wenn die Banken wieder profitabel zu sein scheinen und sich die Aktienkurse erholt haben.
Das Finanzministerium scheint die Absicht zu haben, die Anteile für die Dauer von drei bis fünf Jahren zu halten, was realistisch erscheint. Aber diese Zeitspanne könnte sich verlängern, wenn sich die Krise über einen längeren Zeitraum als erwartet hinstreckt oder eine weitere Rezession eintritt.
Staatliche Hypothekenkredite
Es ist immer noch möglich, dass die Regierung damit beginnt, Immobilienkredite direkt zu refinanzieren, wahrscheinlich vergleichbar mit der Art, wie das regierungsnahe Unternehmen Home Owners Loan Corporation in den 30er Jahren funktioniert hat: Es hielt die Wertpapiere der Banken bis zu ihrer Fälligkeit und erzielte einen kleinen Gewinn. Das könnte nun über bereits bestehende Körperschaften erfolgen, entweder über die Federal Housing Administration, Fannie Mae oder Freddie Mac.
Die Zukunft von Fannie und Freddie wird wahrscheinlich der umstrittenste Teil der Auflösung der Beteiligungen sein. Nach Ansicht des designierten Präsident Barack Obama haben die Unternehmen die Wichtigkeit ihrer Existenz angesichts des Zusammenbruchs der Märkte bewiesen und er sagte ebenfalls, dass er sie weiter unter enger staatlicher Kontrolle halten könnte. In diesem Szenario würde ihr Marktanteil von gegenwärtig 80 Prozent wahrscheinlich sinken, aber wenigstens bei den 60 Prozent bleiben, den sie besaßen, bevor ihre finanziellen Probleme 2004 anfingen.
Große Herausforderungen an eine effektive Regulierung
Die Regulierung an den Finanzmärkten erneut zu verschärfen, wird nicht einfach sein. Die Globalisierung macht es für die Regulierungsbehörden der einzelnen Länder schwer, die Zügel wesentlich straffer zu ziehen, da die Geschäftsaktivitäten in andere Märkte verlagert werden können. Eine stärkere Koordination unter den Regulatoren ist ganz klar erforderlich, wird aber angesichts der Vielzahl der Regulierungsbehörden in den Vereinigten Staaten sowie anderen Ländern schwer umzusetzen sein.
Die amerikanische Notenbank hat unter den Regulierungsbehörden eine führende Rolle, aber ihre Autorität ist unklar. Auch wenn andere Länder bereit wären, ihre Regulierungspolitik abzustimmen, bleibt unklar, mit welcher Behörde sie diese Abstimmung vornehmen müssten. Als ein Resultat der aktuellen Turbulenzen rechnen wir mit einer schlankeren Struktur der Aufsichtsbehörden, auch wenn sich die Aufsichtsbehörden der Vereinigten Staaten nicht in einer einzigen Behörde konzentrieren sollten, wie es in Großbritannien der Fall ist.
Änderungen von Basel II
Das Basel-II-Abkommen sollte eine einheitliche regulatorische Struktur für alle Länder bringen, aber die jüngste Krise hat einige Schwächen zutage gefördert, noch bevor das Abkommen wirksam geworden ist. Die Verwendung von Marktwerten für die bilanzielle Bewertung von Finanzvermögen hat die Zyklizität des Geschäfts deutlicher verschärft, als viele Befürworter erwartet haben.
Der Zusammenbruch der Märkte haben Marktwerte unter Druck gesetzt, was wiederum das Kapital der Banken angegriffen hat. Dies wiederum hat zu einem noch stärkeren Einbruch der Märkte geführt. Die Anteile von Basel II, die auf das Risikomanagement gerichtet sind, werden ebenfalls angesichts der Verluste in Europa wie in den Vereinigten Staaten kritisiert, so dass Änderungen an dem Abkommen sehr wichtig scheinen.
Reintermediation und die Investmentbanken
Standard & Poor´s erwartet eine Reintermediation im Bankensystem. Die Verschuldung in Relation zum Bruttoinlandsprodukt ist in den Vereinigten Staaten niedriger als in Europa, aber ihre Zusammensetzung ist sehr unterschiedlich, da in den Vereinigten Staaten höhere Kapitalmarktschulden und weniger Bankschulden bestehen.
Die Verlagerung weg von der Kreditvergabe durch Banken vollzieht sich seit Jahrzehnten, wurde aber in den letzten Jahren stark beschleunigt. Diese Verlagerung wird sich künftig zumindest teilweise umkehren. Die Europäer haben sich nie mit dem Ausmaß wohlgefühlt, mit dem amerikanische Banken Kredite aus ihren Bilanzen genommen haben und sie werden wahrscheinlich darauf bestehen, dass größere Risikoanteile in der Bank gehalten werden.
Das europäische Modell des Investment-Banking scheint sich durchgesetzt zu haben, da die Investmentbanken entweder von Geschäftsbanken übernommen wurden oder einen Quasi-Bank-Status angenommen haben. Dies war in Europa stets die Norm: die Investmentbanken werden letztlich durch die Zentralbanken kontrolliert. Die Vereinigten Staaten haben dieses Modell faktisch angenommen und es wird wahrscheinlich Bestand haben.
Auf dem Weg zum gemeinsamen Weltmarkt
Die Kombination aus Konsolidierung und Reintermediation führt zu einer Konzentration des internationalen Bankgeschäfts. Dieser Prozess hat sich in den Vereinigten Staaten in den vergangenen 25 Jahren vollzogen. Seit das landesweite Betreiben von Bankgeschäften gesetzlich möglich wurde, hat die Konsolidierungswelle die Anzahl großer, landesweit tätiger Banken auf eine einstellige Zahl reduziert.
Dies war auch in den meisten anderen industrialisierten Ländern der Fall und in fast keinem Land gibt es mehr als 10 größere Banken. In Europa vollzieht sich eine noch stärkere Konsolidierung, da die Eurozone zu einem einzigen Markt für Bankgeschäfte geworden ist. Wie lange wird es dauern, bis die Industrienationen zu einem großen Markt werden? Die Überlebenden werden mit großer Wahrscheinlichkeit die Banken mit der stärksten internationalen Struktur sein.
Kleine Banken können immer noch erfolgreich sein, denn sie verfügen über einen natürlichen Vorteil im Umgang mit kleinen und mittelständischen Unternehmen. Die Kreditvergabe an kleine und mittelständische Firmen erfordert eine umfangreichere Kenntnis des einzelnen Kreditnehmers und nicht nur seiner Bilanzen. Vor diesem Hintergrund werden kleine Banken wahrscheinlich überleben und auch wachsen, während mittelgroße Banken vom Markt verdrängt werden.
Die europäischen Modelle zur Rechnungslegung werden sich wahrscheinlich auch in Amerika durchsetzen. Die jüngsten Probleme haben die Glaubwürdigkeit einer prinzipienbasierten im Unterschied zu einer regelbasierten Rechnungslegung verstärkt - auch wenn es kaum Belege gibt, dass erstere besser funktioniert.
Die auf Marktwerten basierte Bilanzierung von Finanzvermögen könnte auch einer Neuregelung zum Opfer fallen, nachdem sich herausgestellt hat, dass sie in einer Situation zusammenbrechender Märkte und sinkender Preise prozyklisch wirkt. Die Anrechnung der erwarteten Verluste hingegen ohne eine vollständige bilanzielle Ausweisung erwarteter Verluste wiederum lässt neuerlich Bedenken aufkommen, dass Banken ihre Verluste systematisch unterschätzen werden, was irreführende Finanzberichte zur Folge hätte.
Unternehmen, die Credit Default Swaps (CDS) als Sicherungsgeber abschließen, haben allem Anschein nach beim Management der daraus entstehenden Risiken versagt. Diese Finanzinstrumente unterlagen bisher keiner Regulierung und wurden nirgendwo systematisch erfasst. Die Marktteilnehmer haben den Aussagen der Emittenten Glauben geschenkt, dass die Risiken unter Kontrolle seien. Der Staat New York hat vorgeschlagen, CDS wie Versicherungsprodukte zu regulieren.
Eine weitere Möglichkeit bestünde darin, sie als Finanzterminkontrakte zu behandeln und sie damit börsenfähig zu machen. Dies würde gewährleisten, dass sich die Risiken insgesamt ausgleichen würden und der Markt deutlich transparenter würde. Die Kommission zur Regulierung von Finanzterminkontrakten versucht gerade, die Rahmenbedingungen für so eine Börse zu schaffen.