28.10.2008 · „Leerverkäufer“, also Anleger, die auf fallende Kurse setzen, verdienten in den vergangenen Wochen gut. Sie haben zwar einen schlechten Ruf, erfüllen aber eine sinnvolle Funktion. Die hohen Risiken, die sie eingehen, zeigt das Beispiel Volkswagen.
Von Christof LeisingerFür viele sind die Finanzmärkte nur dann interessant, wenn sie für Schlagzeilen sorgen. Das heißt, die Kurse müssen stark steigen oder deutlich fallen.
Gehen die Notierungen nach oben, so ist alles Friede, Freude, Eierkuchen. Die Anleger sind fröhlich, die Journalisten können jubeln und alle beteiligten Unternehmen machen glänzende Geschäfte, steigern ihre Umsätze und vor allem auch die Gewinne. Skeptiker oder gar Kritiker werden in diesem Umfeld kaum wahrgenommen oder einfach ignoriert.
Short-Seller werden in Krisen regelmäßig zu Sündenböcken ...
Anders sieht es dagegen aus, wenn die Kurse nach unten laufen. Plötzlich ist aller Orten von Krise die Rede. Immer mehr „Experten“ analysieren „kompetent“ die Ursachen und benennen die Sündenböcke. Regelmäßig trifft es die so genannten Short-Seller. So werden jene Anleger genannt, die Preis- und Kursübertreibungen kritisch hinterfragen und letztlich sogar dagegen „wetten“, um von den Fehleinschätzungen der übrigen Marktteilnehmer und der überfälligen Korrektur profitieren zu können.
In diesem Sinne wirken die Short-Seller im normalen Marktgeschehen als vernünftiges Korrektiv zur allgemeinen Unvernunft. Ihre Wirkung zeigte sich in den vergangenen Monaten überdeutlich. Denn ihre Wetten gegen überteuerte und falsch positionierte Immobilien- und Finanzunternehmen zahlte sich voll aus. Urplötzlich gerieten sie jedoch wieder einmal in Verruf. Sie seien hoch spekulativ, unmoralisch - und sie destabilisierten das gesamte Finanzsystem, hieß es. Leerverkäufe auf einzelne Werte wurden sogar untersagt.
Dabei hatten die Short-Seller recht. Denn sie korrigierten nur Fehlentwicklungen, die in den Jahren zuvor von zu tiefen Zinsen, zu hohen Geldmengen, gierigen Anlegern und vor allem auch von zu laxen Regulatoren verursacht worden waren. Diese Kombination von Faktoren hat dazu geführt, dass sich der Finanzsektor von der Realwirtschaft abkoppeln und sich unglaublich aufblähen konnte. Zu Spitzenzeiten kamen große Teile der Gewinne der S&P-500- oder der Dax-Werte aus dem Finanzbereich. Alleine das deutete schon auf eine Fehlentwicklung hin. Denn gesunde Volkswirtschaften wachsen auf der Basis robuster, innovativer Produktionssektoren - und nicht auf dem brüchigen Fundament von Dienstleistungen zweifelhaften Nutzens.
... dabei sind sie ein vernünftiges Marktkorrektiv
Was soll am Short-Seller unseriöser sein als am Geschäftsgebaren der Leute und der Unternehmen, von deren Aufgeblasenheit er zu Recht überzeugt war? Es wäre merkwürdig, absurd und gar irrational, wenn als Lehre aus der Krise gezogen würde, die Phantastereien des Überschwangs seien wirtschaftlich gerechtfertigt, nicht aber der Verdacht und das aktive Vorgehen der Short-Seller gegen optimistische Schönfärbereien.
Der Vorwurf an die Leerverkäufer lautet, sie säten das Misstrauen, das sie danach bewirtschafteten, und streuten falsche Informationen, weil sie nur an denen verdienten. Solche Vermutungen mögen zwar intuitiv eingängig sein. Allerdings sind sie an den Haaren herbeigezogen. Denn der Leerverkauf kann letztlich nur erfolgreich sein, wenn die Fakten, auf denen er basiert, auch richtig sind. Denn sonst geht die Rechnung nicht auf: Die Anzahl und die finanzielle Power der Anleger, die auf steigende Kurse setzen, ist größer als die der Short-Seller.
Entsprechend hoch sind die Risiken. Während eine Aktie nie unter den Wert von Null fallen kann, sind potentielle Kursgewinne unbegrenzt. Hat ein Short-Seller eine Aktie leer verkauft, deren Kurs danach stark steigt, so kann er riesige Verluste einfahren. Das zeigt sich aktuell am Beispiel von Volkswagen.
Sie gehen hohe Risiken ein
Die Aktie läuft innerhalb kurzer Zeit immer weiter nach oben. Am Dienstag erreichte sie sogar Kurse von bis zu 1.005 Euro je Aktie, was dem Unternehmen zu einer Marktkapitalisierung von bis zu knapp 300 Milliarden Euro verhalf. Es war damit zum teuersten Unternehmen der Welt geworden. Das gilt im wörtlichen Sinne. Denn wert ist die Aktie diesen Preis nicht, da das Unternehmen operativ im aktuellen Umfeld nie und nimmer so stark wachsen kann, wie der Kurs unterstellt.
Sehr wahrscheinlich sind jedoch Short-Seller für den Kursaufschwung mit verantwortlich. Da die Automobilkonjunktur schwach ist, hatten sie die Volkswagenaktie leer verkauft. Sie waren davon ausgegangen, dass das Unternehmen weniger umsetzen und verdienen werde und dass der Aktienkurs aus diesem Grund fallen werde.
Diese Überlegung mag vom Ansatz her richtig sein. Allerdings haben sie einen Faktor übersehen: Den Übernahmeversuch von Volkswagen durch Porsche. Er führt dazu, dass auf dem Markt immer weniger Stücke verfügbar sind. So müssen die Short-Seller bei steigenden Kursen ihre Positionen decken, indem sie einer immer geringer werdenden Aktienanzahl hinterherlaufen. Genau das kann den Kurs auf ungeahnte Höhen treiben. Es ist jedoch unvernünftig, darauf zu wetten. Denn in diesem Stadium ist die Kursentwicklung noch unkalkulierbarer als sonst schon.