26.09.2008 · Der 700 Milliarden Dollar teure, erste Rettungsplan des Finanzministers gibt den Banken keinerlei Anreiz für Reformen und riskiert zudem, diejenigen zu belohnen, die die größten Fehler gemacht haben. Es könnte ein Rettungsplan für Banken werden, die sowieso nicht zu retten sind.
Von Peter CoyIst dies wirklich der beste Weg, um 700 Milliarden Dollar auszugeben? Finanzminister Henry Paulson und Notenbank-Chef Ben Bernanke üben Druck auf den Kongress aus, um unverzüglich ihren enorm teuren Plan umzusetzen. Das Ziel ist der Ankauf von abgewerteten, mit Hypotheken besicherten Wertpapieren sowie anderen, stark risikobehafteten Vermögenswerte. Sollte dieser Plan nicht gelingen, so hat Bernanke den Senat am 23. September gewarnt, „wird sich die Wirtschaft nicht auf einen normalen, gesunden Weg erholen können“.
Doch es wächst die Sorge, dass die Wirkung des Plans angesichts der Größe des Problems schnell verpuffen könnte. Die in harten Zeiten erworbene Erfahrung in den Vereinigten Staaten, die bis in die Zeit der Weltwirtschaftskrise zurückreicht - sowie in anderen, sehr unterschiedlichen Ländern, wie Japan, Südkorea und Mexiko - zeigt, dass der von Paulson und Bernanke verfolgte Ansatz, die amerikanische Wirtschaft wieder in Gang zu bringen, möglicherweise keinen Erfolg bringen wird.
Die Aussicht macht Angst
Das ist eine Furcht einflössende Aussicht. Denn wenn das Ergebnis des Einsatzes von 700 Milliarden Dollar nur aus einem Haufen schwächelnder Finanzinstitutionen bestehen sollte, die ausreichend Geld zum Überleben haben, aber nicht florieren, dann nimmt sich die aktuell wachsende Unruhe gegenüber dem zu erwartenden Ärger der Steuern zahlenden Öffentlichkeit noch mild aus.
Vergessen Sie die heiße Debatte darüber, ob Konkurs gegangene Banken dazu gezwungen werden sollten, ihre Gratisaktien zurückzuzahlen. Das ist nur Kleingeld. Das wirkliche Problem mit dem Rettungsplan, so meinen viele Volkswirte, ist der Versuch, etwas bereits in seinem Wesen Widersprüchliches darzustellen: die Rettung eines freien Marktes. Indem die Regierung Wertpapiere übernimmt, ohne diesen Kauf an Bedingungen zu knüpfen, erhalten die Finanzinstitutionen nicht den richtigen Anreiz, um wieder zu gesunden.
„Es ist unklar, ob das System auf diese Weise wieder flott gemacht werden kann“, so Raghuram Rajan, ehemaliger Chefvolkswirt des Internationalen Währungsfonds, heute Professor an der Graduate School of Business der University of Chicago. „Wir sollten mehr Kapital in die bereits gut kapitalisierten Unternehmen stecken und nicht denjenigen geben, die die größten Fehler gemacht haben.“
Absolut freiwillig
Angesichts der rasanten Geschwindigkeit, mit der sich Umstände aktuell verändern, könnte der von Paulson und Bernanke in dieser Woche auf dem Capitol Hill in Washington verfolgte Plan nicht das letzte Wort sein. Auch wenn der Plan mehr oder weniger unverändert genehmigt wird, könnte er vom nächsten Congress oder der nächsten Regierung geändert werden oder sogar zurückgenommen werden, sofern sich die wirtschaftlichen und finanziellen Rahmenbedingungen nicht verbessern. Eine neue Studie des Internationalen Währungsfonds hat ergeben, dass viele Länder, die mit Bankenkrisen zu kämpfen haben, ihre Pläne fortlaufend revidieren, sobald ein Lösungsansatz nach dem anderen scheitert.
Derzeit scheinen Paulson und Bernanke alles zu versuchen, um weitere große Übernahmen zu vermeiden, nachdem sie Fannie Mae und Freddie Mac sowie den Versicherungsriesen American International Group geschluckt haben. Ihr Rettungsplan ist absolut freiwillig. Die Inhaber der Wertpapiere können ohne jeden Zwang wählen, ob sie verkaufen wollen oder nicht. Das passt zu Paulsons langjährigem Hintergrund an der Wall Street - er ist ehemaliger Vorstandsvorsitzender von Goldman Sachs - mit anderen Worten, er hat eine starke Abneigung gegen die direkte Kontrolle der Regierung über die Finanzmärkte.
Hilfe für lebendige Tote?
Das Risiko der Rettung eines freien Marktes besteht allerdings darin, dass das Geld nicht effizient eingesetzt wird. Die Unternehmen, denen der größte Vorteil daraus zuteil wird, werden diejenigen sein, die die meisten schlechten Wertpapiere angehäuft haben. Folglich könnte die Regierung Unternehmen stützen, die unter normalen Umständen nicht überleben würden - vergleichbar mit lebendigen Toten. Diese Finanzinstitute werden nicht ausreichend Geld für ein effizientes Kreditgeschäft haben. Stattdessen werden sie ihre gesamte Energie darauf verwenden, einfach nur zu überleben, während sie Gelder vereinnahmen, die anderorts besser eingesetzt wären.
Paulson und Bernanke haben sich absichtlich sehr vage über den Preis geäußert, den die Regierung für die Wertpapiere zahlen würde. Wenn sie so wenig wie möglich zahlt, werden sich die meisten Banken nicht beteiligen. Doch wenn der Preis oberhalb des Marktniveaus liegt, „würde dies einer umfangreichen Transferzahlung von den Steuerzahlern an die Banken gleichkommen“, so Charles Wyplosz, Wirtschaftswissenschaftler am Hochschulinstitut für Internationale Entwicklungsstudien in Genf.
Sind wir bei Plan B oder schon bei Plan X?
Bestenfalls entpuppen sich die mit Immobilien besicherten Wertpapiere, die sich in den Bilanzen der Banken befinden, als überraschend werthaltig. Er hofft, dass die Regierung, die sich zum Kauf der Wertpapiere verpflichtet, in der Lage sein wird, den Handel mit diesen Wertpapiere anzukurbeln. Sobald im Markt klar wird, dass die verschmähten Wertpapiere doch einen erheblichen Wert besitzen, so Paulsons Hoffnung, wird sich die Unsicherheit über das Vermögen der Finanzinstitute legen und sie werden wieder in der Lage sein, sich auf dem üblichen Wege Kapital zu beschaffen und ihr Kreditgeschäft wieder aufzunehmen.
Sollte sich bei der Durchführung des Plans des Finanzministeriums jedoch herausstellen, dass die Wertpapiere so wertlos sind, wie viele befürchten, werden Paulson und Bernanke dringend einen Plan B benötigen (oder sind wir bereits jetzt bei Plan X?). Die äußerst niedrigen Verkaufspreise werden die Finanzinstitute zwingen, anzuerkennen, dass der Bilanzansatz ihrer Vermögenswerte zu hoch gewesen ist. Sie werden Abschreibungen vornehmen müssen, was viele von ihnen mit mangelnder Kapitalausstattung hinterlassen könnte. An diesem Punkt wird die Regierung gezwungen sein, sie zu übernehmen und dann zu schließen oder sie mit stabilerenInstituten zu fusionieren.
Öffentlicher Eigentümer
Welche Alternativen bestehen zum Rettungsplan von Finanzminister Paulson? Eine Alternative bestünde für die Regierung darin, sich weniger auf den Kauf schlechter Vermögenswerte zu konzentrieren, und stattdessen das Finanzsystem mit neuem Kapital auszustatten, indem sie größere Anteile ausgewählter Unternehmen kauft. Das würde bedeuten, Gewinner und Verlierer zu bestimmen, ein verhasster Gedanke unter den Befürwortern der freien Märkte.
Doch dadurch könnte Geld gespart werden und die Steuerzahler würden bei Erholung der Banken einen Teil ihres Geldes zurückerhalten. Bei seiner Aussage am 23. September hat Bernanke den Gedanken zurückgewiesen, Anteile an denjenigen Firmen zu übernehmen, die Vermögenswerte verkaufen. Denn er befürchtete, dass diese „Strafmaßnahme“ sie daran hindern könnte, sich konstruktiv zu verhalten. Daniel Alpert, Bankenexperte der Investmentbank Westwood Capital, vergleicht dies mit der Befürchtung, dass ein Ertrinkender die Rettungsleine zurückweisen könnte.
Das Vorbild Schweden
Eine vorübergehende Übernahme durch die öffentliche Hand hat in Schweden funktioniert. Dort war es ein Schlüssel für die schnelle Erholung von der Bankenkrise in den frühen neunziger Jahren. „Wenn man das gesamte Verlustrisiko übernimmt, sollte man auch einen Teil der Gewinnchancen erhalten. So würde der normale Bürger argumentieren“, so Lars Thunell. Er wurde mit der Leitung eines von der Schwedischen Regierung garantierten Unternehmens mit dem Namen Securum betraut, das angeschlagene Unternehmen und Vermögenswerte übernahm.
Heute leitet Thunell die zur Weltbank gehörende Internationale Finanz-Corporation in Washington. Bo Lundgren, Leiter des Schwedischen National Debt Office, berichtet, dass er sich in diesem Jahr zwei Mal mit Vertretern der Fed getroffen hat, um über die Strategie Schwedens zu sprechen. Seiner Ansicht nach ist es für den Erfolg einer staatlichen Intervention nicht ausreichend, nur Gelder zur Verfügung zu stellen. Die Regierung, so sagte er, „muss die vollständige Kontrolle über die Verwendung der Vermögenswerte haben.“
Andere Länder haben Bankenkrisen behoben, indem sie Unternehmensanteile gekauft haben, um ihren Banken auf diesem Weg direkt Kapital zuzuführen, anstatt einfach nur die wertlosen Vermögenswerte aufzunehmen. Die USA sind unter der Leitung des staatseigenen Unternehmens Reconstruction Finance Corporation in den frühen 30er Jahren ebenfalls so vorgegangen.
Die neue Studie des Internationalen Währungsfonds, die Anfang September veröffentlicht wurde, untersucht 42 systemischen Bankenkrisen im Zeitraum von 1970 und 2007. Sie stellt fest, dass der Ankauf von Vermögenswerten durch die Regierungen (so wie im Plan von Paulson vorgesehen) „höchst ineffizient erscheint“. In einem Interview vom 23. September sagt einer der Autoren, Luc Laeven, dass die direkte Kapitalspritze oft effizienter für die Unternehmen ist, die gerettet werden sollen. (Auch wenn diese Studie vom Internationalen Währungsfonds veröffentlicht wurde, spiegelt sie nicht die offizielle Meinung der Behörde wieder).
Eine Frage der Fairness
Ungeachtet der Frage der Effizienz spricht auch vieles für ein faires Vorgehen bei einem Rettungsplan, indem man nicht willkürlich Geld an angeschlagene Unternehmen ausschüttet. Jeffrey Sachs, Leiter des Earth Institute an der Columbia University hat Russland in der Übergangsphase vom Kommunismus begleitet, bevor er aus Widerwillen gegenüber dem Aufstieg der Oligarchen zurücktrat. Wenn er über diese Erfahrung spricht, sagt Sachs: „Bei allem, was getan wird, muss eine gewisse Fairness herrschen. Gerade jetzt sehen wir eine tiefe und berechtigte Skepsis gegenüber dem Finanzministerium. Man hat den Eindruck, die Wall Street rettet gerade die Wall Street.“
Sofern man aus der Geschichte Rückschlüsse für die Zukunft schließen kann, dann wird der Plan von Finanzminister Paulson wahrscheinlich darauf hinauslaufen, die Kosten für die Steuerzahler zu verringern, indem er die Regierung in die Lage versetzt, die stabileren Firmen wieder zu kräftigen und die schwächeren sterben zu lassen bzw. sie mit anderen zu verschmelzen. Für die Regierung könnte dies auch einen Machtzuwachs in anderer Hinsicht bedeuten.
Das Beispiel Japan
Um dem deflationären Einfluss massiver Schuldentilgung entgegenzutreten, wird die Regierung wahrscheinlich ihre Ausgaben in öffentliche Projekte ausweiten, auch wenn dies das Haushaltsdefizit anschwellen lässt. Die umfangreichen Investitionen Japans in nur wenige nutzbringende Straßen und Brücken wurden oft belächelt.
Doch dies hat die Arbeitslosenquote des Landes auf einem niedrigen Niveau gehalten und verhindert, dass die Wirtschaftsleistung jemals wieder unter das Niveau des Jahres 1990 gesunken ist, der Zeitpunkt, zu dem der Aktienmarkt seinen Gipfel erreichte, so Richard Koo, Chefvolkswirt des Nomura Research Institute. Koo meint, „Wenn die Regierung diese Ausgaben nicht tätigt, wird das Defizit immer größer werden, weil die Wirtschaft zusammenbricht“.
Green Deal statt New Deal?
Eine häufig genannte Option für die Vereinigten Staaten ist der so genannte „Green Deal“ - eine Art moderner Nachfolger der als New Deal bezeichneten Gesetzesinitiative zur Förderung von Beschäftigung und öffentlicher Entwicklung in der Zeit der Weltwirtschaftskrise. Hierdurch würde eine Mischung aus hoch- und niedrigqualifizierten Arbeitsstellen entstehen. Die Vorsitzende des in Massachusetts angesiedelten Hochschulinstitutes für Technologie verlangt nicht ein Programm für die Schaffung neuer Arbeitsplätze, sondern meint, dass eine „Engergierevolution“ die Wirtschaftsentwicklung unterstützen und gleichzeitig die globale Erwärmung sowie ebenso die Abhängigkeit vom Erdöl reduzieren würde.
Wie sich die Dinge entwickeln, hängt teilweise auch davon ab, ob der Republikaner John McCain oder der Demokrat Barak Obama den Kampf um das Weiße Haus gewinnen. Um aber mit einer Finanzkrise historischen Ausmaßes fertig zu werden, würden sich beide Regierungen gezwungen sehen, deutlich stärker zu intervenieren, als es die Vereinigten Staaten von Amerika in den letzten Jahren gesehen haben. Paulsons Rettungsplan für den freien Markt könnte im Nachhinein wie der letzte Atemzug einer gescheiterten Wall Street Kultur erscheinen.
"Paulsons Rettungsplan für den freien Markt könnte im Nachhinein
Dieter Spethmann (dspeth)
- 26.09.2008, 18:35 Uhr
Dem Artikel stimme ich zu . Es ist lächerlich und zugleich himmelschreiend
Alphonse Diable (lediable)
- 27.09.2008, 00:28 Uhr
Übersetzt: setzen, sechs.
Alexander Eck (AlexEck)
- 27.09.2008, 01:20 Uhr