02.02.2006 · Die amerikanische Aktienstrategin Elaine Garzarelli im FAZ.NET-Interview über die amerikanischen Börsen, lohnende Branchen und die Frage, welche Märkte Brasilien, Rußland, Indien und China als Wachstumswunder ablösen.
Die amerikanische Aktienstrategin Elaine Garzarelli, seit mehr als 20 Jahren in der Finanzbranche tätig, ist derzeit „bullish“. Im FAZ.NET-Interview spricht sie über die amerikanischen Börsen, lohnende Branchen und verrät, was nach BRIC kommt.
Ihr Unternehmen Garzarelli Research erstellt Analysen für etwa 100 institutionelle Kunden, die jeweils mehr als 100 Millionen Dollar verwalten. FAZ.NET hat sie verraten, welche Aktien ihre Favoriten sind - abzurufen in der Bilderstrecke.
Frau Garzarelli, die amerikanischen Börsen kamen 2005 nicht richtig vom Fleck. Jetzt sehen Sie den Dow Jones Index bis Jahresende bei 14.150 und den S&P 500 bei 1.635 Punkten - das wäre ein Plus von rund 30 Prozent zum Jahresbeginn. Ist das nicht ein wenig zu optimistisch?
Nein. Eine starke Produktivität, eine geringe Inflation und eine gesunde Volkswirtschaft sorgen für gute Gewinne. Unser Modell zeigt, daß der S&P 500 gemessen am Kurs-Gewinn-Verhältnis über 25 Prozent unterbewertet ist. Wenn unsere Annahmen stimmen, sollte das faire KGV bei 19 liegen. Bei einem Ölpreis über 80 Dollar müßten wir unsere Prognosen aber anpassen.
Verglichen mit deutschen Aktien sind amerikanische Aktien doch heute schon teuer.
Das stimmt nicht. Wir rechnen damit, daß die Unternehmen im S&P 500 ihren Gewinn je Aktie im Schnitt um zehn Prozent steigern, dann sieht die Bewertung gut aus. Unsere Indikatoren, die die Richtung der Börsen anzeigen, stehen mit einem Wert von 46 Prozent auf bullish. Bevor sie nicht unter 30 Prozent fallen und damit auf bearish drehen, empfehlen wir, voll investiert zu bleiben.
Ford und General Motors, einst zwei amerikanische Vorzeigeunternehmen, haben größte Probleme. Wie sieht die Zukunft der Autoindustrie in den Vereinigten Staaten aus?
Auf keinen Fall großartig. Ich hoffe, daß GM und Ford überleben. Aber sie werden sich schlechter entwickeln als der S&P 500.
In welchen Branchen lohnt sich statt dessen ein Investment?
Unsere Favoriten, gemessen an ihrem Potential, den S&P hinter sich zu lassen, sind Bau- und Landmaschinen, Chemie, Industriekonglomerate, Halbleiter und Kommunikationsausrüster.
Wagen wir einen Blick über den Ozean. War der „Livedoor“-Fall in Japan ein erstes Anzeichen dafür, daß die Börse in Tokio an Fahrt nachläßt?
Das glaube ich kaum. Auf lange Sicht ist Japan auf dem Wege der Besserung. Der Aufwärtstrend in der Volkswirtschaft und an der Börse sollte sich fortsetzen.
Wie sieht es mit den Märkten Deutschland und Europa aus?
Deutschland und Europa werden weiterhin gut laufen. Aber die Vereinigten Staaten sollten noch besser sein. Europa zieht in der Geldpolitik die Zügel an, wir haben die Zinserhöhungen bald hinter uns.
Brasilien, Rußland, Indien, China - ewig kann das Wachstum in den BRIC-Ländern nicht anhalten. Was kommt danach?
Polen, Peru, Taiwan und Korea.
Elaine Garzarelli
Elaine Garzarelli entwickelte 1980, kaum hatte sie die Schule verlassen, ihr eigenes Finanzmarktmodell. Sie war jung und attraktiv und hatte stets einen druckreifen Spruch für die Medien auf den Lippen. „Raus aus Aktien“, empfahl sie im Oktober 1987. Tatsächlich kam der große Crash an Wall Street.
Das Wunder der Vorhersehung machte die bis dahin wenig prominente Garzarelli auf einen Schlag zum Star. Als „Kassandra der Wall Street“ genoß sie Aufmerksamkeit und Ruhm, schrieb viel und bewies ihr Talent für telegene Auftritte.
Ihr Stern verglühte in den neunziger Jahren. Sie verspielte ihren Ruf spätestens im Jahr 1996, als sie die Leser ihres Börsenbriefes fälschlicherweise auf einen weiteren Crash einstimmte und den Ausstieg aus dem Aktienmarkt empfahl. Doch der Kurseinbruch blieb aus, die Börsenparty ging weiter. (F.A.S.)