23.06.2005 · Die Notierungen werden weiter steigen/Die Technische Analyse / Von Wieland Staud
FRANKFURT, 23.Juni. Alle reden wieder einmal vom Erdöl. Spätestens seit der Preis für ein Faß Öl am vergangenen Montag einen historischen Höchstkurs erreicht hat, geht wenigstens unter den Kommentatoren die Angst um. Jeder weitere Anstieg des Ölpreises um wenige Cents wird voll Sorge analysiert und jeder Punkt, den zum Beispiel der Deutsche Aktienindex Dax verliert, ihm angelastet. Wirtschaftsforschungsinstitute tun ein übriges. Sie rechnen den gestiegenen Ölpreis auf wahrscheinliche künftige Wachstumsraten um und kommen dabei zu wenig erbaulichen Ergebnissen.
Aber ist das alles wirklich so schlimm? Keine Frage: Für Autofahrer wäre es ein Segen, wenn dieser Öl-Chart sich langsam zu einer Topbildung hinreißen lassen und fortan den Weg in tiefere Preisregionen antreten würde. Denn wenn dann wie momentan auch der Euro schwächelt und das wahrscheinlich weiter tun wird, hört mit einiger Sicherheit irgendwann der Spaß für alle Beteiligten auf. Allerdings könnte man mit einer kleinen Portion Naivität auch zum Ergebnis kommen, daß steigende Ölnotierungen für den Dax gut sind. Immerhin hat sich mit dem Ölpreis in den vergangenen beiden Jahren auch der Dax verdoppelt. Und gerade die vergangenen vier Wochen machen da keine Ausnahme: Das Öl legte 10 amerikanische Dollar und der Dax immerhin noch 5 Prozent zu.
Unterm Strich ist das vielleicht nicht so schlimm, wie oft behauptet wird. Das macht den Ausblick auf die künftige Entwicklung des Ölpreises etwas erträglicher, denn der wird weiter steigen. Unverändert notiert er in einem absolut perfekten, makellosen Aufwärtstrend. Jeder Anstieg führt zu einem neuen Allzeithoch; jede nachfolgende Konsolidierung fällt nicht unter das Tief der jeweiligen vorangegangenen Atempause zurück. Wir rechnen seit dem Überschreiten der einst genannten Zielzone von 50 Dollar für das Barrel Öl mit Preisen zwischen 65 und 70 Dollar. Gerade angesichts des sich zunehmend beschleunigenden Aufwärtstrends und der zweifelsfreien Erkenntnis, daß gerade die langfristigen Trends erst in Exzessen zu enden pflegen, wäre es allerdings ziemlich fahrlässig, schon heute auf das Ende der Hausse auf diesem Niveau zu wetten.
Aber Hand aufs Herz: Das ist auch völlig normal. Bei einer täglichen weltweiten Verbrauchsrate von fast 30 Millionen Barrel wäre selbst dann, wenn wir auf Erdöl schwimmen würden, schon heute das Ende der Weltölreserven absehbar. Je weniger es von etwas gibt und je größer die Nachfrage danach, desto höher der Preis. Das ist auf jedem nicht regulierten Markt so, und dabei wird es auf alle Ewigkeit bleiben. Der Ölmarkt macht da gewiß keine Ausnahme.
Ähnliches läßt sich über Gold sagen. Das wird zwar selten wirklich verbraucht und bleibt uns deshalb in weit größerem Ausmaß dauerhaft erhalten als das Öl, aber auch hier gelten die Gesetze des Marktes. Wenn auf dem aktuellen Niveau das Angebot schneller abnimmt als die Nachfrage oder wenn die Nachfrage schneller zunimmt als das Angebot, dann steigt der Preis. Genau das läßt sich seit geraumer Zeit beobachten, und so wird es auch weitergehen. Es bleibt deshalb beim nächsten Etappenziel von rund 480 Dollar und der Prognose eines langfristig auf neue historische Höchstkurse und damit über 800 Dollar hinaus steigenden Preises für die Feinunze.
Endlich hat dieser Anstieg auch für Investoren aus hiesigen Breiten etwas Gutes. Denn durch die Euro-Schwäche werden die Kursgewinne des Goldes nicht mehr durch den Anstieg des Euro nahezu komplett kompensiert. Im Gegenteil: Die Dollarstärke verschafft Investoren aus der Eurozone sogar noch "windfall profits", Gewinne, die ihnen unbeabsichtigt zusätzlich in den Schoß fallen. "Europäisches Gold" notiert jetzt im Bereich seiner Zehnjahreshochs von rund 360 Euro, und diese Entwicklung wird sich fortsetzen. Mehr als temporäre Verschnaufpausen im Aufwärtstrend sind nicht zu erwarten.
Zum Deutschen Aktienindex: Seine Widerstandskraft ist schier unglaublich. Es scheint momentan nicht viel zu geben, was den Dax wirklich über den Tag hinaus irritieren kann. Das ist schon sehr erstaunlich. Geschieht das doch zu einem Zeitpunkt, da zusätzlich zum Ölpreis auch von der Wall Street kaum Unterstützung kommt, die Europäische Union in der Krise ist und der Euro schwächelt. Ohne den Wunsch zu versprühen, dafür gebrandmarkt zu werden: Vielleicht ist es ja gerade die europäische Unruhe und die damit verbundene Aussicht auf Veränderungen, die dem Devisenkurs Flügel verleihen.
So oder so: Vom gegenwärtigen analytischen Standpunkt aus betrachtet, ist es auf jeden Fall unwahrscheinlich, daß sich daran kurzfristig viel ändern wird. Der Dax befindet sich in einem intakten Aufwärtstrend, der erstaunlicherweise gerade seit Mitte Mai wieder von zunehmender Skepsis begleitet wird. Für einen technischen Analysten ist dies die beste aller Welten. Der Kurs steigt - und niemand will es wahrhaben. Es bleibt also bei einem kurzfristigen Kursziel von 4750 Punkten und der Einschätzung, daß da im Laufe des Jahres noch deutlich mehr nachkommen könnte. Erst ein Rückfall unter 4310 Punkte könnte daran etwas ändern. Aber die Wahrscheinlichkeit dafür, daß der Dax sich einen solchen Ausrutscher in den nächsten beiden Wochen leistet, ist praktisch Null. Gleichgültig, welche Kapriolen der Ölpreis in dieser Zeit schlägt.
Der Autor leitet die Staud Research GmbH in Bad Homburg.