Nach mehreren Tagen mit deutlichen Kursverlusten, die in den verschiedenen Indizes zuletzt auf Mehrjahrestiefs geführt hatten, zeichnet sich der Donnerstag als Tag der Erholung ab. Trotzt der schlechten Stimmung, der andauernden wirtschaftlichen Verunsicherung und trotz grottenschlechter Konjunktur- und Unternehmenszahlen - die Allianz legte am Donnerstag mit einem Jahresverlust von 2,4 Milliarden Euro vor, während der Kurs der Aktie um 12 Prozent steigt - scheinen Markt bewegende Anleger zumindest kurzfristig wieder Risikoappetit gewonnen zu haben.
Er zeigt sich reflexartig in der kurzfristig Wiederbewebung beliebter Strategien der vergangenen Jahre. Erstens wertet der Yen gegen den Dollar ab, wie wenn es nie eine Kredit- und Wirtschaftskrise und massive Zinssenkungen gegeben hätte. Zweitens hat der Preis für ein Barrel Öl der Sorte WTI in wenigen Tagen um mehr als 30 Prozent zugelegt auf zuletzt 43,40 Dollar. Drittens steigen die Aktien von Versicherungs- und Finanzwerten deutlich und stark.
Wirtschaftliche Realität sieht alles andere als ermutigend aus
Dabei zeigt sich die wirtschaftliche Realität in Europa am Verbraucher- und Industrievertrauen, die sich im Februar beide auf dem tiefsten Stand seit Beginn der Erhebungen befanden. In den Vereinigten Staaten, der inzwischen dampflosen Kredit getriebenen Wirtschafts- und Konsumlokomotive der vergangenen Jahre, fallen die hereinkommenden Zahlen durchwegs schwach aus. Im Januar ging zum Beispiel der Auftragseingang für langlebige Güter um 5,2 Prozent zurück, während die Erstanträge auf Arbeitslosenhilfe und die registrierten Arbeitslosen im Februar deutlicher zunahmen als ohnehin schon befürchtet.
Daraus lassen sich keine positiven Aspekte für die Finanzmärkte ableiten. Weder für die Börsen, noch für den Rohstoffbereich. Was der Ölpreis trotz der schwachen wirtschaftlichen Aussichten und der damit verbundenen Nachfrageschwäche immer wieder einmal treiben mag, das sind spekulative Positionen. Sie lassen sich daran ablesen, dass einzelne Ölfonds wie etwa der United States Oil Fund stark an den Terminmärkten engagiert sind und einen großen Teil der ausstehenden Kontrakte in den Büchern haben. Solche Marktteilnehmer hätten inzwischen eine kritische Masse erreicht, erklären Analysten. Das heißt im Klartext nichts anderes, als das sie die Preisentwicklung beeinflussen können.
Gerade in Rohstoffbereich stellt sich angesichts der vergleichsweise engen Märkte und der spekulativen Exzesse der vergangenen Jahre die Frage der Regulierung. Wer Wirtschafts- und Finanzkrisen der gegenwärtigen Art künftig ernsthaft vermeiden will, dürfte spekulativen Exzessen solcher Art künftig vorbeugen müssen. Das gilt besonders für das Öl: Je nach Preisniveau wirkt es als Schmier- oder als Bremsmittel.
Paul Volcker, ehemaliger Präsident der amerikanischen Zentralbank mit Erfolgen in der Inflationsbekämpfung und nun Berater des amerikanischen Präsident Barack Obama, plädierte am Donnerstag in einer Anhörung vor dem Senat für „starke Beschränkungen“ für Hedge-Fonds, Private-Equity-Häuser, die Eigenhandelsbereiche der Banken und vergleichbare Akteure an den Märkten.
Im Rohstoff- und Finanzbereich stellen sich Regulierungsfragen
Die Regulierungsfrage stellt sich jedoch vor allem auch im Finanzbereich. Kursgewinne von mehr als 20 Prozent wie alleine am Donnerstag bei den Papieren von Lloyds Bank, Legal & General oder der Royal Bank of Scotland und zweistellige Kurszuwächse bei den Aktien von Swiss Re, der UBS, von Aegon oder auch der Allianz mögen zwar reizvoll sein. Allerdings lassen sich bei vielen Unternehmen dieser Art die operativen Entwicklungen der Vergangenheit nicht wiederholen. Viele der Banken sind angesichts der Entwicklung in der Realwirtschaft zu groß, zu stark mit risikobehafteten Positionen belastet und die Geschäftsmodelle der Vergangenheit, die auf eine extreme Risikoneigung und hohe Verschuldung ausgerichtet waren - sind nicht mehr tragbar. Und wenn, dann lassen sie aufgrund des Konkurrenzdrucks nur noch unterdurchschnittliches Wachstum erwarten.
Zudem ist die Aktionärsbasis vielfach aufgrund von Kapitalmaßnahmen stark verwässert worden. Fremdfinanzierungen - auch in Form von staatlichen Beteiligungen oder Garantien - sind sehr teuer geworden. Wer auf dieser Basis davon ausgeht, dass die Unternehmen in ihrer Gesamtheit in absehbarer Zukunft wieder stark und profitabel werden wachsen können und dass die Kurse ihrer Aktien wieder die Hochs der Vergangenheit erreichen werden, muss schon optimistisch sein. Die meisten dieser Werte sind inzwischen zu reinen Zockerpapieren verkommen. Experten gehen davon aus, dass einige Unternehmen der Branche in der aktuellen Form vom Markt verschwinden werden.
Sei es in Form einer Insolvenz oder auch in Form einer Verstaatlichung und der folgenden Aufteilung in verschiedene kleinere Unternehmen. Wirtschaftsnobelpreisträger Edmund Phelps hält das bei Firmen wie der Citigroup oder auch der Banc of America für möglich. Dort würden Aktien- und Anleiheanleger in diesem Falle in die Röhre gucken. Welche Papiere noch wahre Werte bieten, ist kaum auszumachen. Nur sehr wenige sehen zumindest optisch so solide aus, wie zum Beispiel die Northern Trust Corporation in Chicago.
Insgesamt gibt es starke Zweifel, ob Kurserholungen weit tragen können. Viele betrachten sie als technische Kurserholungen, die unter Umständen auch einmal weiter tragen könnten, als zunächst erwartet.
Wette? Welche Wette?
Alexis Schweitzer (alexisschweitzer)
- 03.03.2009, 09:17 Uhr
