27.11.2008 · Um Verluste zu vermeiden, würden wir alles tun - sogar Verluste machen. Und versuchen lieber auf Nussschalen statt auf Dampfern ans Ufer zu gelangen. Ein Schnitt ins eigene Renditefleisch.
Von Hanno BeckAls sich der Tag auf der Rennbahn dem Ende neigt, steht unter dem Strich ein Verlust. Noch ein letztes Rennen ist offen - was also tun? Klare Sache: Man riskiert noch einmal ein größeres Sümmchen auf einen Außenseiter. Sollte dieser gewinnen, so hätte man mit einem Schlag alle Verluste ausgebügelt.
Aber würde man auf diesen Außenseiter setzen, wenn man insgesamt im Plus wäre? Warum sollte man den Tagesgewinn mit so einer riskanten Wette gefährden? Der Befund ist bemerkenswert: Der Ausgang der bisherigen Wetten - der Tagesverlust oder -gewinn - hat einen Einfluss auf das Wettverhalten. Liegt man in den Miesen, so geht man aufs Ganze, verbucht man ein Plus, so setzt sich die mentale „Mutter der Porzellankiste“ durch, die Vorsicht.
Wichtig ist nicht zu verlieren
Dieser Befund ist empirisch gut bestätigt: An den Rennbahnen zeigt sich, dass Wetten auf sogenannte Long Shots, also Pferde mit einer geringen Gewinnchance, vor allem am Ende eines Tages abgeschlossen werden; und dass überproportional viel Geld auf Pferde gesetzt wird, deren Gewinnchancen im Vergleich dazu zu gering sind.
Eine Erklärung für dieses Phänomen besteht in dem empirisch gut bestätigten Befund, dass Menschen keine Mühen und Risiken scheuen, um Verluste zu vermeiden, aber sehr vorsichtig werden, wenn Gewinne auf dem Spiel stehen.
Warum auch immer: Der Schmerz, 100 Euro zu verlieren, wiegt für uns offenbar schwerer als die Freude, 100 Euro zu gewinnen - wir hassen Verluste mehr, als wir Gewinne lieben.
Fair ist unfair
Eine kleine Wette illustriert diese Idee. Bei Kopf gewinnen Sie 100 Euro, bei Zahl verlieren Sie 100 Euro. Wahrscheinlichkeitstheoretisch betrachtet ist diese Wette das, was man „fair“ nennt: Würde man sie unendlich oft spielen, so würde man im Durchschnitt weder gewinnen noch verlieren.
Die meisten Menschen akzeptieren eine solche Wette allerdings nicht - ein sicherer Hinweis darauf, dass sie die möglichen Verluste aus diesem Spiel stärker gewichten als die entsprechenden Gewinne.
Gewinne, die mit der gleichen Wahrscheinlichkeit eintreten wie Verluste, reichen nicht aus, um für die drohenden Verluste zu entschädigen. Erhöht man die Wette - beispielsweise 200 Euro Gewinn gegen 100 Euro Verlust -, so steigt die Akzeptanz einer solchen Wette deutlich. Das entspricht auch in etwa den Ergebnissen von Experimenten: Menschen bewerten Verluste etwa doppelt so stark wie Gewinne. Und diese Neigung kann sehr teuer werden.
Der Schnitt ins Renditefleisch
Die wohl bedeutendste Folge dieser Verlustabneigung für Anleger ist der sogenannte Dispositionseffekt: Studien zeigen, dass Anleger dazu neigen, Verliereraktien zu lange zu halten und Gewinneraktien zu früh zu verkaufen. Testen Sie sich selbst: Sie haben zwei Aktien im Portfolio, eine 100 Euro im Plus, eine 100 Euro im Minus, beide sind derzeit 1000 Euro wert. Jetzt müssen 1000 Euro Bargeld her. Welche Aktie verkaufen sie: den Verlierer oder den Gewinner? Studien zeigen, dass viele Anleger im Zweifelsfall lieber die Gewinneraktie verkaufen - und sich damit ins eigene Renditefleisch schneiden. Genau das ist der Dispositionseffekt.
Die bekannteste Studie, die dieses Verhalten dokumentiert, stammt vom amerikanischen Ökonomen Terrance Odean. Odean hat sich die Konten von 10.000 Kunden amerikanischer Discountbroker angesehen und dabei ebenjenen Dispositionseffekt festgestellt. Während fast 15 Prozent aller Verkäufe Gewinneraktien waren, wurden nur knapp 10 Prozent Verliereraktien verkauft.
Statistisch gesehen, ist dieser Unterschied so groß, dass er nicht zufällig zustande gekommen sein kann, wenn man unterstellt, dass Anleger keinen Unterschied machen zwischen dem Verkauf von Gewinner- und Verliereraktien. Odeans Zahlen zufolge kostet dieser Effekt Anleger im Schnitt 4 Prozent Rendite.
Man wunschdenkt
Die Ursache dieses Effektes ist unsere Angst vor Verlusten: Ist das Aktienportfolio bereits im Minus, neigt man dazu, mehr Risiken einzugehen, um diesen Verlust zu vermeiden. Die Aussicht, einen Verlust real zu machen und ihn damit der Steuerbehörde, sich selbst und - am allerschlimmsten - dem Ehepartner einzugestehen, macht mutig und risikobereiter.
„Diese Aktie kommt zurück“, wunschdenkt man sich. Der Blick auf die bisherigen Verluste ist aber der falsche Ratgeber. Korrekterweise muss man sich fragen, ob man die Aktie heute noch zum aktuellen Kurs kaufen würde, unabhängig davon, ob sie dem eigenen Portfolio bisher Gewinne oder Verluste beschert hat.
Doch der Dispositionseffekt ist nicht auf den Aktienmarkt beschränkt: Auch beim Verkauf des Hauses finden sich Hinweise darauf, dass Hauseigentümer ihrer Verlustscheu zum Opfer fallen: Hauseigentümer wollen beim Verkauf ihres Hauses einen nominalen Verlust vermeiden und fordern deshalb zu hohe Preise - mit der Folge, dass sie zu lange auf ihren Häusern sitzenbleiben.
Nicht mit der Nussschale segeln
Wer also Investmententscheidungen von früheren Entscheidungen abhängig macht, wer dazu neigt, Gewinne mitzunehmen und Verluste laufen zu lassen, muss sich fragen, ob er ein Opfer des Dispositionseffekts ist. Doch was kann man dagegen tun? Die erste Vorsichtsmaßnahme besteht darin, seine eigene Abneigung gegen Verluste gründlich zu erforschen: Wie viel Prozent Kursverluste kann man wirklich ertragen? Diese Zahl sollte man sich als Gradmesser für den nächsten Aktienmarktcrash merken und eingedenk dieser Zahl die Ruhe bewahren, solange dieser Crash nicht dieses Ausmaß erreicht.
Am besten natürlich ist es, wenn man seine Einstiegspreise vergisst - dann kann man seine Verkaufsentscheidung nicht von irrelevanten Daten aus der Vergangenheit abhängig machen. Dabei kann es sich auch als hilfreich erweisen, sein Depot nicht jede Woche aufs Neue zu überprüfen. Ein oder zwei Depotüberprüfungen jährlich dürften für viele Anleger ausreichen; das reduziert die Gefahr, dass man zu oft und zu hektisch umschichtet, sorgt für mehr Gelassenheit und schützt ein wenig vor dem Dispositionseffekt.
Der Wirtschaftsprofessor Thomas Gilovich hat die Folgen des Dispositionseffekts mit einem einfachen Bild auf den Punkt gebracht: Wenn der Ruhestand, den man mit Hilfe seiner Investments erreichen will, das Ufer ist, so verhalten sich Anleger, die dem Dispositionseffekt verfallen, wie ein Kapitän, der bei der Fahrt auf das Ufer zu die Schiffe, die bisher bewiesen haben, dass sie seetüchtig sind - also die Gewinneraktien -, aufgibt, um auf angeschlagenen Nussschalen weiterzusegeln. So schnell kann man an den Finanzmärkten Schiffbruch erleiden.