Es ist schon ein merkwürdiges Zusammentreffen. Am Mittmochmittag wird bekannt, dass die amerikanische Finanzaufsicht SEC angesichts der Krise des amerikanischen Bankenmarkts die Bilanzierungsregeln für börsennotierte Unternehmen in den Vereinigten Staaten gelockert hat.
Am Donnerstagmorgen gibt dann die Schweizer Bank UBS bekannt, dass sie nach drei Verlustquartalen und Abschreibungen von gut 45 Milliarden Franken (knapp 29 Milliarden Euro) im dritten Quartal wieder die Gewinnschwelle überschritten habe. Man rechne aufgrund vorläufiger Schätzungen mit einem kleinen Gewinn, teilte der Konzern am Donnerstag vor einer außerordentlichen Generalversammlung in Basel mit. Zu weiteren Abschreibungen machte die UBS vorerst keine Angaben.
Razzia bei der Pokerrunde
Ob zwischen der Änderung der Bilanzierungsregeln und dem angekündigten Gewinn der UBS ein Zusammenhang besteht, lässt sich erst beurteilen, wenn die Bilanz und die zugrunde gelegten Bewertungen der Vermögenswerte im November auf dem Tisch liegen.
Bislang mussten Banken nach dem sogenannten „Mark-to-Market-Verfahren“ Verluste aus Wertpapiergeschäften unmittelbar in ihren Bilanzen ausweisen. Nach dem im Sommer 2007 in den Vereinigten Staaten der Verfall der Häuserpreise eingesetzt hatte, verloren die wenig liquiden mit Baudarlehen besicherten Derivate rasch an Wert, weil keiner der wenigen Marktteilnehmer mehr kaufen wollte. Es war wie beim „Schwarzen Peter“: Jeder fürchtete, am Ende darauf sitzen zu bleiben. Diejenigen Banken, die die nunmehr ungeliebten Papiere auf der Hand hatten, mussten hohe Abschreibungen tätigen und erlitten hohe Verluste.
Eine der Hauptursachen war also die Illiquidität des Marktes. Konnten sich die Beteiligten bis zum Ertönen der Todesglocke die Papiere hin und her schieben und Gewinne verbuchen, an deren Werthaltigkeit mancher Zweifel nicht unangebracht scheint, ließen sie sie nachher fallen wie eine illegale Pokerrunde bei einer Razzia die Karten.
„Begründete Beurteilung“ oder Willkür?
Nach dem Willen der SEC sollen sie jetzt ihre wertlosen Blätter nicht mehr mit dem Marktwert verbuchen, sondern sollen eine „begründete Beurteilung“ der künftigen Entwicklung des Marktwertes abgeben und die Verluste danach klassifizieren, ob sie nur vorübergehend oder dauerhaft sind.
Was sich theoretisch eigentlich richtig anhört, ist eine Aufweichung von Bilanzierungsregeln, die der Willkür Tür und Tor öffnet, gleichgültig, wie sehr die Wertansätze „basierend auf detaillierten Informationen zu den Geldanlagen und Angaben zum Marktumfeld“ begründet werden sollen.
Schon bis jetzt enthielten amerikanische Bankbilanzen. Ein Großteil der verbliebenen Erträge stammte in den vergangenen Quartalen aus sogenannten „Level 3-Aktiva“. Das sind Wertpapiere, für die selbst sowie für vergleichbare Papiere aufgrund nicht vorhandener Märkte keine Preise festgestellt werden können. Deren Wert wird dann über mathematische Modelle auf Basis „nicht-beobachtbarer Inputs“, so die Vorschrift, also letztlich nach subjektivem Empfinden berechnet.
Gefühlte Gewinne
Die Bedeutung machte der amerikanische Bilanzexperte Jonathan Weil schon 2007 deutlich: Die Bank Wells Fargo wies für das zweite Quartal 1,21 Milliarden Dollar Vorsteuergewinn (mehr als ein Drittel des gesamten Vorsteuergewinns) aus der Neubewertung von Hypothekenkrediten aus, für die das Unternehmen die Zahlungsströme erworben hatte (Mortgage Servicing Rights, MSR).
Diese 1,21 Milliarden Dollar aber waren zudem das Ergebnis einer Saldierung mit „Level-1-Verlusten“ (auf der Basis von Marktpreisen) aus Derivategeschäften, die Absicherungsgeschäfte gewesen seien. Fragwürdig, so Weil: Welche marktquotierten Derivate sicherten gegen Ausfälle bei Zahlungsströmen von Hypothekenkrediten ab? Sein Schluss: Man könne darauf wetten, dass die Verluste real waren, die Wertzuwächse aber eher die Substanz eines Gebetes hätten. Es ist fast wie beim Reden übers Wetter: Nicht der tatsächliche, sondern der gefühlte Gewinn ist w(r)ichtig.
Wells Fargo war nicht die einzige Bank, die seinerzeit hohe Gewinne aus „Level-3-Neubewertungen“ verbuchte. JP Morgan verbuchte aus der Neubewertung von MSRs ein Plus von 952 Millionen Dollar, die Citigroup von 1,3 Milliarden Dollar. Nach Angaben der französischen Bank BNP Paribas hatten Ende des ersten Quartals 2008 einige amerikanische Banken ein Mehrfaches ihres Eigenkapitals als „Level-3-Aktiva“ deklariert.
„Suspendierung der Wirklichkeit“
Die Klarstellung der amerikanischen Bilanzierungsregeln helfe Rechnungsprüfern, die Wertpapiergeschäfte von Unternehmen künftig besser bewerten zu können, teilte die SEC mit. Auch die Autoren der Finanzberichte der Unternehmen für das gerade abgeschlossene dritte Quartal erhielten dadurch mehr Klarheit.
Das ist theoretisch vielleicht richtig. Aber selbst die SEC weiß, dass sie damit neue Spielräume schafft, den wahren Wert einer Bank zu verschleiern. JP-Morgan-Analyst Dane Mott vergleicht den Umstand, dass die Bewertung mit Marktpreisen Ursache der Finanzkrise sei mit einem Patienten, der einen Arzt um eine Diagnose bittet und ihn dann beschuldigt, die Krankheit hervorgerufen zu haben.
Auf eine noch einfachere Formel brachte es Beth Brooke, stellvertretende Verwaltungsratsvorsitzende der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Ernst & Young und Nummer 41 auf der Forbes-Liste der mächtigsten Frauen, schon in der Dienstagsausgabe des „Wall Street Journal“: „Die Suspendierung der Mark-to-Market-Bewertung ist eine Suspendierung der Wirklichkeit“. Dem ist nichts hinzuzufügen.
Dem ist vielleicht doch etwas hinzuzufügen....
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