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Anlage-Strategie Nur wer das ABH chinesischer Aktien kennt, kann profitieren

31.08.2004 ·  Chinas Wirtschaft, und somit zwangsläufig auch der dortigen Börse, wird von vielen Experten großes Potential bescheinigt. Doch der Handel mit Wertpapieren aus dem Reich der Mitte verlangt eine intensive Vorbereitung.

Von Christoph Hein
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Chinas Wirtschaft legt Jahr für Jahr um mehr als acht Prozent zu. Zwar gibt es Warnungen vor einer Überhitzung der Konjunktur, die langfristige Wachstumsprognose für das Reich der Mitte scheint allerdings intakt. Das Pro-Kopf-Einkommen in China dürfte sich in jeder Dekade verdoppeln. Im Jahr 2040 könnte die Wirtschaftsstärke Chinas gar an diejenige der Vereinigten Staaten von Amerika heranreichen.

Der Chefanalyst Fred Hu von Goldman Sachs schrieb in seiner in Finanzkreisen fast Kultstatus erreichenden Studie mit dem schönen Titel "Das Kapital", daß Chinas Aktienmärkte nicht zu bremsen seien: „Die wichtigen Trends - die breite Privatisierung, die Reform der Pensionsfonds, die Restrukturierung des Finanzmarktes und die technologische Fortentwicklung - lassen uns erwarten, daß Chinas Aktienmarkt im Jahr 2010 eine Größe von etwa 2 Billiarden Dollar erreichen wird, 65 Prozent des Bruttoinlandsproduktes."

Zum Ende des vergangenen Jahres lag die Marktkapitalisierung bei 540 Milliarden Dollar und machte den Aktienmarkt jenseits der Chinesischen Mauer damit immerhin schon zum achtgrößten Aktienmarkt der Welt. Langfristig sehen die Aussichten gut aus, kurzfristig gab es keinen scharfen Einbruch der Konjunktur aufgrund der Restriktionen durch die Regierung - warum aber zieht die chinesische Börse dann nicht mit?

Chinas Aktienmarkt fällt in diesem Jahr negativ aus der Rolle

Seit Jahresbeginn haben die A-Aktien in der Wirtschaftsmetropole Schanghai zwölf Prozent an Wert verloren, die B-Aktien gar gut 19 Prozent eingebüßt. Das gleiche Bild am zweiten Handelsplatz, im südchinesischen Shenzhen: Die A-Aktien verzeichneten ein Minus von 14 Prozent, die B-Aktien von gut 20 Prozent. Diese Entwicklung verwundert auf den ersten Blick um so mehr, als sie alles andere als typisch ist: So haben beispielsweise die Märkte in Tokio oder in der chinesischen Sonderverwaltungsregion Hongkong ausgesprochen positiv auf die Erholung der dortigen Volkswirtschaften reagiert: Der Nikkei hat in Jahresfrist mehr als neun Prozent gewonnen, der Hongkonger Hang Seng Index in 52 Wochen mehr als 18 Prozent gutgemacht.

Die Kursentwicklung zeigt einmal mehr, daß in China andere Regeln herrschen und die Börsen der Volksrepublik sich mit keinem anderen Handelsplatz in der ganzen Welt vergleichen lassen. China ist ein komplizierter Markt, und das in mehrfacher Hinsicht: Kompliziert, was die Notierung seiner Aktien, ihre Klassifizierung und die Indizes betrifft. Kompliziert aber auch im Hinblick auf die Beurteilung des wirklichen Wertes seiner Wertpapiere. Zumal der Staat mit einem Anteil von etwa 70 Prozent immer noch der bei weitem größte Aktionär der börsennotierten Unternehmen ist. Dabei wurden die Staatskonzerne allerdings einst zu vollkommen überhöhten Preisen auf das Börsenparkett gebracht - zu Preisen, die nicht mehr zu erzielen sein werden, wenn der Staat sich von weiteren Anteilen trennt.

Es gibt auch mahnende Stimmen

Schon aus diesem Grund äußern sich Kenner des chinesischen Finanzmarktes, wie etwa Ivo Naumann von der Unternehmensberatung Roland Berger in Schanghai, skeptisch: Er zeigt sich überrascht über das starke Interesse der Europäer am Einstieg in den chinesischen Aktienmarkt und warnt davor, daß China gezwungen sein könnte, über einen Abbau der vom Staat gehaltenen Aktien die Luft aus dem Markt zu lassen.

Der chinesische Aktienmarkt ist ein junger Markt: Im Jahr 1984 kamen in Kreisen der Zentralbank erste Überlegungen zum Aufbau eines Aktienhandels auf. Sie erwiesen sich jedoch schnell als "ideologisches Sperrgebiet", wie Sebastian Heilmann beobachtet hat, Professor an der Universität in Trier und einer der Kenner des Marktes.

Lange indes ließen sich die spielverliebten Chinesen den Handel mit den Unternehmensanteilen nicht verbieten: Das "gupiao re", das Aktienfieber, griff spätestens im Jahr 1990 um sich. Im September 1990 wurde die Börse in Schanghai eröffnet. Im Dezember folgte die Sonderwirtschaftszone Shenzhen aufgrund einer Eigeninitiative der dortigen Stadtregierung, deren Voranschreiten Peking erst im Juli des Jahres 1991 offiziell absegnete.

„Während amerikanische Vorbilder die Börse in Schanghai beeinflußten, war für den Aufbau der konkurrierenden Börse in Shenzhen das Leitbild Hongkongs maßgeblich", meint Heilmann. Es waren die Zeiten, wo es in Shenzhen zu Tumulten und Polizeieinsätzen kam, weil jeder Chinese Aktien erwerben wollte.

Markt ist undurchsichtig

In den 14 Jahren ihres Bestehens boten die beiden Handelsplätze unzählige Skandale, aber auch die Chance, viel Geld zu verdienen. Das größte Risiko für den Anleger liegt nicht in den regulatorischen Defiziten, sondern in der Undurchsichtigkeit des Marktes. Wenn selbst ausländische Banker hinter vorgehaltener Hand einräumen, in der Regel wenig Einblick in die Strukturen, die Handlungsstränge, die Hierarchien und die Finanzpositionen eines chinesischen Unternehmens zu haben, wie sollen ausländische Anleger ihn dann gewinnen?

Die chinesischen Betrugs- und Korruptionsskandale, die sich wie Perlen auf einer Schnur aufreihen lassen, zeigen, wie undurchsichtig der chinesische Unternehmensdschungel ist. Das grundsätzliche Interesse an den innerchinesischen A-Aktien (siehe Textende: Die Aktiengattungen) ist zu einem weiten Teil darüber zu erklären, daß die Chinesen bislang keine Anlagealternative haben. Also spekulieren sie mit einem Teil ihres Geldes in Aktien, inzwischen meist wohl wissend, daß sie sich auf kaum etwas anderes als eine Wette einlassen.

Diese Unsicherheiten auf dem festlandchinesischen Markt arbeiten zugunsten der Börse Hongkong: Denn die Papiere, die hier als H-Aktien notiert sind, haben zumindest das unvergleichlich strengere Überwachungs- und Zulassungsverfahren der früheren britischen Kolonie erfolgreich absolviert. So streben festlandchinesische Unternehmen - in den kommenden Monaten wohl insbesondere zwei der vier Staatsbanken - nicht nur auf der Suche nach frischem Geld die Notierung in Hongkong an. Sie erhalten neben einer Finanzspritze auch einen immensen Vertrauensgewinn, den sie wiederum für ihr Marketing in China selbst nutzen können.

Preise zwischen China und Hongkong werden sich angleichen

Dabei sind aufgrund der Differenzen zwischen den Preisen der einzelnen Dividendenpapiere an den Börsen in Schanghai und Shenzhen auf der einen und Hongkong auf der anderen Seite gute Geschäfte zu machen: Die 29 an den beiden Handelsplätzen geführten Papiere festlandchinesischer Gesellschaften werden in Hongkong gegenüber den Notierungen in Festlandchina mit Kursabschlägen von 15 bis 80 Prozent gehandelt. Das allerdings muß nicht mehr lange so bleiben: Unter dem angekündigten Schema "Qualified Domestic Institutional Investor (QDII)" wird es früher oder später institutionellen festlandchinesischen Investoren erlaubt sein, auch in Hongkong zu kaufen.

Die Folge liegt auf der Hand: Die Preise werden sich angleichen. Vor diesem Hintergrund empfiehlt Andy Mantel von Pacific Sun Investment Management derzeit zum Beispiel die Aktie von Nanjing Panda zum Kauf: Der Hersteller von Mobiltelefonen und Kommunikationstechnologie, dessen Papiere seit 1996 in Schanghai (A-Aktien) und Hongkong (H-Aktien) notiert sind, werden in Hongkong mit einem Abschlag von 80 Prozent gegenüber den Kursen in Schanghai gehandelt.

Für alle drei Handelsplätze gilt jedoch gemeinsam, daß sich innerchinesische Turbulenzen auf die Aktienkurse auswirken. Freilich sind auch hier Unterschiede auszumachen: In Hongkong sind die größeren, abgesicherten und besser geführten chinesischen Unternehmen notiert. Sie sollten vor Erschütterungen in China besser gewappnet sein als manch kleiner, schwer einschätzbarer Börsenwert in Schanghai oder Shenzhen.

Unsicherheiten rund um den Yuan

Trotz des insgesamt positiven langfristigen Ausblicks auf die Entwicklung Chinas bleiben einige große Risiken: Dazu zählen die nicht auszuschließende "harte Landung" der Konjunktur, in der einzelne Bereiche überhitzt sind. Dazu zählen allerdings auch soziale Mißstände. Landeskenner berichten von einem Machtkampf in Peking zwischen Präsident Hu Jintao und seinem Vorgänger, dem als Vorsitzenden der Militärkommission immer noch mächtigen Jiang Zemin. Demnach dringt Hu weiterhin auf den Abbau der Sozialprobleme als wichtigste Aufgabe seiner Regierung, während Jiang Sicherheitsfragen und damit auch die Taiwan-Debatte in den Vordergrund rücken will.

Unsicherheiten bestehen auch bezüglich der Währungs- und Finanzpolitik: Wird der Yuan aufgewertet und sein Kurs gar freigegeben, wie es vor allem amerikanische Politiker im Vorwahlkampf fordern? Wird China die Leitzinsen anheben, um die Konjunktur abzukühlen? Bislang scheint das Konsumverhalten der Chinesen von alledem kaum berührt: Im Juli stiegen die Einzelhandelsumsätze um 13,2 Prozent, verglichen zum entsprechenden Vorjahresmonat. Im Jahresmittel rechnen Analysten nun mit einem Plus von etwa zwölf Prozent.

Langfristig führt also für ein ausgewogenes Depot kaum ein Weg an China vorbei. Zumindest dann, wenn sich Aktionäre der Risiken bewußt sind und ihre Hausaufgaben gemacht haben. Wie aber kann sich ein Anleger dem Fernen Osten nähern?

Wenn überhaupt, dann ist ein langer Atem gefragt

Anlagestrategen empfehlen in die siebtgrößte Volkswirtschaft der Erde einen stetigen, wenn auch vorsichtigen Aktienkauf. Relativ sicher - allerdings auch schon sehr teuer - erscheinen Rohstoffwerte. Die australischen Riesen wie Rio Tinto und BHP gründen ihr Wachstum zu weiten Teilen auf die Nachfrage Chinas nach Kohle oder Erz, Anleger können hiervon eher indirekt profitieren. Etwas näher an der wirtschaftlichen Entwicklung in China selbst ist derjenige, der auf multinationale Konzerne setzt, die ihr China-Geschäft vor Ort ausbauen. Diese Unternehmen gibt es zahlreich; sie reichen von ABB bis Volkswagen.

Fonds bieten einen wesentlich direkteren, allerdings immer noch abgefederten Einstieg in ausgewählte chinesische Papiere. Noch direkter ist der Kauf von Einzelaktien der in Hongkong oder in New York notierten festlandchinesischen Unternehmen. Sie verlangen allerdings eine genaue Risikoabschätzung. Da sie in Dollar notieren, gibt es zudem ein Währungsrisiko.

Die Aktiengattungen

A-Aktien: Nur chinesische Staatsbürger können die an den beiden Handelsplätzen in Schanghai und Shenzhen notierten Aktien chinesischer Unternehmen gegen Yuan kaufen.

B-Aktien: Aktien chinesischer Unternehmen, die in Schanghai oder Shenzhen in Dollar oder Hongkong-Dollar gehandelt werden. Ein winziges, illiquides Segment, zugänglich für wenige ausländische und einige chinesische Investoren.

H-Aktien: Wertpapiere festlandchinesischer Unternehmen, die an der Börse der Sonderverwaltungszone Hongkong gegen Hongkong-Dollar gehandelt werden.

N-Aktien: Wertpapiere festlandchinesischer Unternehmen, die an der New Yorker Börse in amerikanischen Dollar als ADR gehandelt werden. Die Unternehmen müssen nach US-GAAP bilanzieren.

P-Chips (P-Aktien): Im Ausland - vorwiegend in Hongkong und New York - notierte Aktien festlandchinesischer Entrepreneure, die nach dem Sturz von Tulpenmilliardär Yang Bin allerdings ins Zwielicht gerieten.

Red Chips (Rote Aktien): In Hongkong gehandelte Aktien von Unternehmen, die ihren Firmensitz in Hongkong haben. Von dort operieren sie in Festlandchina. Allerdings besitzen sie in der Regel dank einer ausgeklügelten Struktur einen festlandchinesischen Eigentümer im Hintergrund.

Die Aktiengattungen

A-Aktien: Nur chinesische Staatsbürger können die an den beiden Handelsplätzen in Schanghai und Shenzhen notierten Aktien chinesischer Unternehmen gegen Yuan kaufen.

B-Aktien: Aktien chinesischer Unternehmen, die in Schanghai oder Shenzhen in Dollar oder Hongkong-Dollar gehandelt werden. Ein winziges, illiquides Segment, zugänglich für wenige ausländische und einige chinesische Investoren.

H-Aktien: Wertpapiere festlandchinesischer Unternehmen, die an der Börse der Sonderverwaltungszone Hongkong gegen Hongkong-Dollar gehandelt werden.

N-Aktien: Wertpapierre festlandchinesischer Unternehmen, die an der New Yorker Börse als ADR gehandelt werden. Die Unternehmen müssen nach US-GAAP bilanzieren.

P-Chips (P-Aktien): Im Ausland - vorwiegend in Hongkong und New York - notierte Aktien festlandchinesischer Entrepreneure, die nach dem Sturz von Tulpenmilliardär Yang Bin allerdings ins Zwielicht gerieten.

Red Chips (Rote Aktien): In Hongkong gehandelte Aktien von Unternehmen, die ihren Firmensitz in Hongkong haben. Von dort operieren sie in Festlandchina. Allerdings besitzen sie in der Regel dank einer ausgeklügelten Strategie einen festlandchinesischen Eigentümer im Hintergrund.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 31.08.2004, Nr. 202 / Seite 20
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