08.12.2008 · „Buy on bad news“ - das ist kurzfristig das Motto der Aktienanleger. Angesichts der fundamentalen Lage stellt sich jedoch die Frage, wie weit dieses tragen kann. Tatsächlich sind die Aktien nicht so günstig, wie sie aussehen mögen.
„Buy on bad news“ - das scheint zumindest kurzfristig das Motto der Anleger zu sein. Diese Wahrnehmung leitet sich aus der Tatsache ab, dass die Wall Street am Freitag sehr schlechte Nachrichten vom Arbeitsmarkt abschüttelte und mit Kursgewinnen aus dem Handel ging.
Diese Entwicklung überrascht. Immerhin hat die amerikanische Wirtschaft im November außerhalb der Landwirtschaft 533.000 Jobs verloren. Das war nicht nur deutlich mehr als befürchtet, sondern rechnet man auch die optische Schönung ein, die durch das so genannte Birth-Death-Modell in den amerikanischen Arbeitsmarktbericht einfließen, so war das eindeutig die schlechteste Zahl seit 34 Jahren.
Schulden haben in die Krise geführt ...
Auch von Unternehmensseite sind die Nachrichten alles andere als positiv. Mit wenigen Ausnahmen begibt eine Firma nach der anderen Umsatz- und Gewinnwarnungen und vermeldet, Investitionen einschränken und Kosten senken zu wollen. Kostensenkungen bringen in der Regel den Abbau von Arbeitsplätzen mit sich. In den Vereinigten Staaten ist das längst nicht mehr zu übersehen, in Europa und anderen Teilen der Welt dürften sich entsprechende Zahlen in kurzer Zeit zeigen.
Angesichts der unsicheren Jobs und der anhaltenden Turbulenzen an den Finanzmärkten werden die Verbraucher verunsichert. Da sie ihren Konsum einschränken, kann sich die wirtschaftliche Abwärtsspirale selbst verstärken. Immerhin tragen die Konsumausgaben maßgeblich zur wirtschaftlichen Entwicklung bei, zumindest in den entwickelten Staaten. Dagegen können auch öffentliche Ausgabenprogramme nicht ankommen, die in der Regel über Schulden finanziert werden.
Genau diese jedoch haben die gegenwärtige Krise ausgelöst. In den vergangenen Jahrzehnten strapazierten immer mehr Wirtschaftsteilnehmer ihre Bilanzen immer stärker. Das führte auf der einen Seite zwar zu einem Wirtschaftsboom, wie er sich in den Jahren 2000 bis 2006 in ausgeprägter Form an den angelsächsischen Immobilienmärkten zeigte. Allerdings hat der Boom zu einem unnatürlichen Preisauftrieb und zur Überschuldung vieler Wirtschaftsteilnehmer geführt.
Diese wurde genau in dem Moment zum Problem, an dem die Vermögenspreise nicht mehr weiter nach oben liefen, sondern nach unten. Immer mehr Kreditnehmer und -geber gerieten und geraten in der Folge unter Wasser, da der Wert von Sicherheiten, die bei der Vergabe von Krediten hinterlegt oder berücksichtigt wurden, schwand und noch immer schwindet. Sie sind zur Anpassung der Positionen gezwungen. Genau dieser Effekt führte zusammen mit der Intransparenz vieler strukturierter Produkte zu zunehmenden Insolvenzen, zu Verlusten bei Anlegern, zum Misstrauen der Banken untereinander und letztlich zum Kursverfall an den Börsen, zum „Einfrieren“ der Kreditmärkte und zum Überschwappen der Krise auf die Realwirtschaft.
... neue werden höchstens zu Strohfeuern führen
Staatsgarantien mögen zwar dazu führen, dass das Vertrauen der Banken untereinander langsam wieder zurückkommt. Allerdings werden sich ihre Geschäftsmodelle der Vergangenheit, die im Wesentlichen auf der stetig zunehmenden Verschuldung der verschiedenen Wirtschaftsteilnehmer beruhten, nicht wiederbeleben lassen. Daran werden auch keynesianische Ausgabenprogramme kaum etwas ändern. Denn sie können die überzogene Konsumneigung der vergangenen Jahre höchstens vorübergehend neu beleben, indem sie den Schuldenstand der öffentlichen Hand weiter nach oben treiben.
Mittelfristig sind sie sogar kontraproduktiv: Erstens werden Ausgaben und Investitionen, die aufgrund solcher Anreize vorgezogen werden, später nicht mehr anfallen. Dann wirken entsprechende Nachfrageausfälle dämpfend. Zudem stellt sich die Frage, ob es sinnvoll ist, Bürgern und Unternehmen erst Steuern abzuknöpfen, sie durch einen kostspieligen bürokratischen Apparat zu schleusen, um sie schließlich willkürlich Branchen mit starken Lobbies in Form von Subventionen zukommen zu lassen.
Insgesamt muss die Sparquote in vielen Staaten steigen, insbesondere in den angelsächsischen. Aus diesem Grund lässt sich das Konsumniveau der vergangenen Jahre nicht wieder erreichen. Das führt in der Zukunft zusammen mit der notwendigen Konsolidierung im Finanzsektor zu einer unterdurchschnittlichen Gewinnentwicklung. Deswegen sind Aktien keineswegs so günstig, wie sie optisch aufgrund zu optimistischer Gewinnerwartungen aussehen mögen.
Das schließt nicht aus, dass die Börsen kurzfristig aus technischen Gründen immer wieder einmal deutlich zulegen. Allerdings dürften die Kursgewinne kaum nachhaltig sein. Neue Tiefs sind keineswegs ausgeschlossen. Immerhin waren verschiedene Bärenmärkte der Vergangenheit mit deutlicheren und länger anhaltenden Kursrückschlägen verbunden, wie sie in den vergangenen Monaten realisiert wurden. Der Kursboden dürfte erst dann gefunden werden, wenn die Arbeitsmärkte deutlichere Schwäche gezeigt haben, sobald die Überbestände und die Überbewertungen an den Immobilienmärkten vollständig abgebaut worden sind und sobald sich die Lage an den Kreditmärkten normalisiert hat. Noch scheint es nicht soweit zu sein. Immerhin haben die verschiedenen Hauspreisindizes weiteren Spielraum nach unten.