04.01.2008 · Ein Rentnerhaushalt gibt jeden Monat mindestens 2000 Euro aus. In Zukunft dürfte es deutlich mehr werden. Wie groß der Bedarf ist, das wird oft sehr pauschal geschätzt. Nur selten rechnen die Banken genau.
Von Dyrk Scherff„Sorgen Sie für das Alter vor.“ Das wird den Bürgern ständig eingehämmert. Schnell errechnen die Banken, welche Lücke zwischen dem Bedarf und den Zahlungen aus der gesetzlichen Rentenkasse klafft. Das Loch soll mit privater Vorsorge gestopft werden.
Wie groß der Bedarf ist, das wird oft sehr pauschal geschätzt. Nur selten wird richtig gerechnet. Doch das wäre wichtig, denn von der Versorgungslücke hängt der Betrag ab, den der Sparer jeden Monat zurücklegen muss.
Hausbau und Kinder sparen
Bisher empfahlen Banken oft, dass 70 Prozent des letzten Nettoeinkommens nötig sind. Künftig wird dieser Wert eher auf 80 Prozent steigen. Diese Leitzahl muss an die Lebensumstände angepasst werden. Wer ein Haus baut, muss jahrelang Kredite tilgen, die im Ruhestand wahrscheinlich schon bezahlt sind.
Auch für Menschen mit Kindern sind im Alter vielleicht nur 60 Prozent des letzten Nettoeinkommens nötig, weil die Kosten für deren Ausbildung wegfallen. Wer keinen Nachwuchs hat und zur Miete wohnt, wird im Alter weniger entlastet. Für ihn können sogar 100 Prozent oder mehr nötig sein.
Kein Verlass auf grobe Durchschnitte
Doch je näher Berufstätige an den Ruhestand kommen, umso weniger sollten sie sich auf diese groben Durchschnittswerte verlassen. Sie können exakter rechnen. Denn ihr Einkommen wird sich nicht mehr stark verändern, gleichzeitig wissen sie schon ziemlich genau, wie sie ihre Rentenzeit verleben wollen und was das kostet.
Diese Bedarfsrechnung kann dann auch genauer berücksichtigen, welche Kosten im Ruhestand wegfallen. Dazu gehören nämlich nicht nur die Kreditzahlungen für das Haus und die Aufwendungen für die Ausbildung der Kinder, sondern auch Beiträge zur Altersvorsorge, Berufskleidung und Versicherungen gegen Berufsunfähigkeit. Dagegen steigen die Ausgaben für Gesundheit, Reisen und Freizeit.
Gestiegene Ansprüche
Ein typischer Rentnerhaushalt, in dem durchschnittlich 1,5 Personen wohnen, gab 2005 monatlich 1870 Euro für den Konsum aus, wie das Statistische Bundesamt ausgerechnet hat (siehe Infografik). Diese Konsumausgaben machen den Großteil seiner Kosten aus. Hinzu kommen noch Versicherungsprämien oder Steuern, zum Beispiel für das Auto.
Künftige Rentner werden aber einen deutlich höheren Bedarf haben. Das ergibt eine Studie des IWG Bonn für das Deutsche Institut für Altersvorsorge (DIA). Sie verweist auf höhere Eigenbeteiligungen in der Krankenversorgung und auf steigende Ansprüche der Ruheständler. Sie wollten mehr reisen, kauften sich teurere Kleidung, höherwertige Lebensmittel, mehr Elektronik und häufiger neue Möbel als heutige Rentner. Und sie geben freiwillig mehr Geld für Wellness, Naturheilverfahren und Gesundheitsvorsorge aus.
Der Studie zufolge steigen die Konsumausgaben von Rentnerhaushalten daher von 2005 bis 2020 um durchschnittlich 40 Prozent auf 2700 Euro im Monat, bei Neurentnern sogar bis auf 3100 Euro. Dies sind freilich Zahlen in Preisen von 2005. Künftige Rentner, die ihren Bedarf errechnen, müssen aber auch die Inflation berücksichtigen. Bei einer Preissteigerung von zwei Prozent im Jahr entsprechen 2700 Euro in zehn Jahren schon 3300 Euro.
Geringere Leistungen der Krankenversicherung erhöhen Bedarf
Überdurchschnittlich stark werden dabei die Preise für Gesundheitsleistungen zulegen. Die Ausgaben für das Wohnen, der größte Kostenblock, könnten hingegen abnehmen, weil Ruheständler zunehmend kleinere, altengerechte Wohnungen beziehen. Der prozentuale Anteil an den Gesamtausgaben steigt beim Übergang vom Berufsleben in den Ruhestand dennoch. Denn die Miete bleibt ungefähr gleich hoch, während der Gesamtkonsum normalerweise zurückgeht.
Wer seinen Bedarf errechnet hat, sollte ihn in fixe und variable Anteile zerlegen. In den Fixblock fließen notwendige Aufwendungen etwa für Wohnung, Nahrung und Kleidung ein. Diese Kosten sollten aus unbefristeten Zahlungen etwa aus der staatlichen oder einer privaten Rentenversicherung finanziert werden. Dann geht das Geld auch in einem langen Leben nicht aus. Der variable Bedarf, also etwa Reisen und Freizeit, kann notfalls reduziert werden, wenn die anderen Ersparnisse aufgezehrt sind.
Wer erst in 30 oder 40 Jahren in den Ruhestand geht, für den lässt sich der Bedarf heute kaum genauer als mit der groben Zielmarke von 70 oder 80 Prozent des Nettoeinkommens vorhersagen. „Präziser muss es auch noch nicht sein“, sagt Jochen Scheffler, Leiter der Finanzplanung der UBS für Kunden in Deutschland. Wichtiger sei, früh mit dem Sparen zu beginnen. „Wer zu spät startet, kann nachher nicht die nötigen Sparraten leisten.“
Dyrk Scherff Jahrgang 1971, Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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