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Altersvorsorge Der Deutsche: eine einzige Rentenlücke

31.03.2006 ·  Das „Sargklappern“ ist ein alter und wirksamer Vertriebstrick der Versicherer. Aufrufe zum Angst-Sparen - nach dem Motto: Ihr werdet alle arme Schlucker sein - sind auch nicht unberechtigt. Sie gehen aber mächtig auf die Nerven. Kein Wunder, daß die Deutschen das Kinderkriegen auf die lange Bank schieben.

Von Stefan Ruhkamp
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Wenn Banken und Versicherer an das Geld ihrer Kunden wollen, scheuen sie keine Mühen. Mit Dutzenden von Studien legen sie in der Form eines Mantras dar, daß der Deutsche eine einzige Rentenlücke ist. Die jüngste Untersuchung haben die Versicherer beim Meinungsforschungsinstitut Allensbach bestellt. Zwei Drittel der Befragten geben demnach - vermutlich zerknirscht - zu, man müßte sich eigentlich mehr mit der eigenen Altersversorgung beschäftigen.

Jeder zweite tut dies auch. Doch was kommt dabei heraus? Wenig - das mal traurige, mal verständnislose Kopfschütteln der Autoren muß man sich mitdenken -, herzlich wenig. Monatlich müßten pro Nase 345 Euro auf die hohe Kante, so lautet die Selbsteinschätzung der Sparer, hat die Victoria-Versicherung herausgefunden. Und wieviel sparen sie tatsächlich: 137 Euro im Durchschnitt. Und das, obwohl - wie die Axa versichert - jeder zweite Erwerbstätige für seinen Ruhestand einen geringeren Lebensstandard erwartet.

Ein Manko reiht sich an das andere

Das wenige, was sie sparen, legen die Deutschen auch noch falsch an. Zu vorsichtig, sagt die Fondsgesellschaft Fidelity. Zu wenige Aktien, sagt das Deutsche Aktieninstitut. Und so reiht sich in der Altersvorsorge ein Manko an das andere. Um ihre Mahnungen effektiver und wissenschaftlich fundiert unters Volk zu bringen, haben die Versicherer eigens das Deutsche Institut für Altersvorsorge ins Leben gerufen, bezahlt unter anderem von der Allianz. Sie hat außerdem den Vertrieb mit einem kleinen Rechenschieber bewaffnet, mit dem jeder seine statistische Lebenserwartung ermitteln kann. Ein heute dreißigjähriger Mann wird demnach älter als 87, eine Frau sogar rund 92 Jahre alt. Na dann wird es aber Zeit, etwas fürs Alter zurückzulegen, lautet die Botschaft der Vertriebsleute.

„Tun wir doch“, könnte die Antwort der Deutschen sein. Die Sparquote liegt bei acht Prozent, Tendenz steigend. Das hat uns sogar schon den Tadel des SPD-Politikers Franz Müntefering eingebracht. Mehr Konsum müsse her, zum Wohle der Konjunktur, forderte er. Wie das mit der Forderung der Regierung nach mehr privater Vorsorge zusammenpassen soll, sagte Müntefering damals nicht.

Die Spar-Appelle gehen mächtig auf die Nerven

Um Mißverständnisse zu vermeiden: Die Deutschen müssen ihre Altersvorsorge tatsächlich anpacken. Dafür ist vermutlich sogar noch mehr Sparfreude notwendig, denn die gesetzliche Rente ist im Umlageverfahren organisiert und wegen der zunehmenden Alterung der Bevölkerung unterfinanziert. Das Geld für die private Vorsorge darf auch ruhig bei Versicherern und Banken angelegt werden. Warum auch nicht?

Doch die Mahnungen und Studien sind inzwischen inflationär. Das sogenannte „Sargklappern“ ist ein alter und wirksamer Vertriebstrick der Versicherer. Die Aufrufe zum Angst-Sparen - nach dem Motto: Ihr werdet alle arme Schlucker sein - sind auch nicht völlig unberechtigt. Sie gehen aber mächtig auf die Nerven. Kein Wunder, daß die Deutschen das Kinderkriegen auf die lange Bank schieben. Wie soll man beim ständigen Denken an Alter und Rente auch in Stimmung dazu kommen?

Man kann mit dem Sparen auch zu früh beginnen

Dabei sehen die Deutschen ihre Aussichten für den Ruhestand mittlerweile durchaus realistisch. Sie unterschätzen vielleicht ihre Lebenserwartung und setzen immer noch etwas zuviel Hoffnung in die gesetzliche Rente, aber die meisten wissen: Im Alter wird es knapper. Ebenso wirklichkeitsnah sind aber auch die Gründe, sich noch nicht allzu intensiv mit dem Thema zu beschäftigen. Immerhin ein gutes Fünftel der Befragten sagte in einer Allensbach-Umfrage zur Altersversorgung: „Ich fühle mich noch zu jung, um mich mit dem Thema zu beschäftigen.“

Das ist ein guter Grund, denn anders als es die Finanzdienstleister suggerieren, kann man mit dem Rentensparen auch zu früh beginnen. Die Versicherer verkaufen ihre Rentenverträge gern an Großeltern, die für die Altersvorsorge ihrer Enkel sparen wollen. Das ist abstrus. Bevor der Mensch in Rente geht, braucht er eine gute Ausbildung, später müssen Berufseinstieg, Auto, Familiengründung und unter Umständen ein Eigenheim finanziert werden. Wer sich zu früh an einen extrem langen Rentenvertrag bindet, büßt finanzielle Flexibilität für die vordringlichen Aufgaben ein. Die Rente sollte deshalb in jungen Jahren - wenn überhaupt - nur eine Nebenrolle spielen.

Etwas mehr Gelassenheit, bitte!

Ein bißchen mehr Gelassenheit wäre beim Thema Altersvorsorge also angebracht. Eine Hilfe könnte der nordirische Philosoph George Best sein, der wegen seines begnadeten Umgangs mit dem Fußball zu Geld gekommen ist. Gefragt, wo sein Vermögen geblieben sei, sagte Best, das meiste habe er für Alkohol, Weiber und schnelle Autos ausgegeben - den Rest habe er einfach verpraßt.

Ganz so radikal müssen es die Deutschen ja nicht halten. Sie sollten das Leben genießen, sich sinnlos vermehren und wenn dann noch Geld übrigbleibt, können sie es immer noch zur Bank oder Versicherung tragen. George Best hat übrigens - zumindest aus finanzieller Sicht - alles richtig gemacht. Er hat nicht fürs Alter gespart und ist mit 59 Jahren verstorben.

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