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Aktienhandel Short-Selling: Der Yeti der Börse?

07.09.2006 ·  Ein geheimnisvolles, skrupelloses Monster, das die gute Kursentwicklung hervorragender Aktien stört - das ist das übliche Bild vom Short-Seller. Doch blickt man auf die Daten, ist man versucht, das Monster für einen Schneemenschen zu halten.

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Wer sich mit Grimms Märchen auseinandersetzt, kann es mit der Angst zu tun bekommen, wenn er über viel Phantasie verfügt und nachts allein schlafen muß. Auch die Börse ist nicht gerade arm an Albtraumgestalten, die so manchen Anleger um den Schlaf zu bringen vermögen.

Eines davon ist ein Monster, das vor allem dann beständig gesichtet wird, wenn sich der Kurs einer Aktie angstvoll immer kleiner macht und sich unter (nahezu) alle Unterstützungsmarken duckt. Der Name des Schreckgespenstes, das aus dem wilden Land jenseits des Atlantiks auch zu uns gekommen ist, ist „Short-seller“ oder zu gut deutsch: Leerverkäufer.

Leerverkäufe sind nicht so einfach

Doch wie das so ist: Nicht hinter jedem toten Schaf steckt gleich auch ein Problembär. Die Macht der „Shorties“ wird vielfach überschätzt. Das gilt vor allem für Deutschland, wo Leerverkäufe lange verboten waren und Privatanleger erst seit kurzem über Plattformen einiger Online-Broker im begrenztem Umfang und mit begrenzter Auswahl Leerverkäufe tätigen können.

Aber auch in den Vereinigten Staaten ist das leerverkaufen schon lange nicht mehr so einfach, wie es einmal war. Erst am Dienstag belegte die Vereinigung der amerikanischen Börsenhändler NASD die Investmentbank Morgan Stanley mit einer Rekordstrafe von 2,9 Millionen Dollar, weil sie zwischen 1999 und 2006 in 157 Fällen massiv gegen Handelsregeln verstoßen hatte.

Unter anderem hatte die Bank Tausende von Leerverkäufen durchgeführt, ohne daß sie sicher gestellt hatte, daß die entsprechenden Werte geliefert oder geliehen werden konnten. Dieses nackte Short-Selling ist seit einiger Zeit ganz untersagt oder zumindest deutlich erschwert worden.

Ausmaß wird überschätzt

Ohnehin wird der sogenannte „Short Interest“, also die Zahl oder der Anteil der Aktien, die leerverkauft und noch nicht geliefert wurden, meist grob überschätzt. So betrug der Short Interest in der Microsoft-Aktie im August gerade einmal 0,7 Prozent der ausstehenden Aktien, bei Oracle 1,0 und bei Intel 1,1 Prozent. Andere Schwergewichte haben einen höheren Short Interest. So waren es bei Boeing im Juli 7,5 Prozent, bei Hewlett-Packard 6,5 und bei AT&T knapp unter sechs Prozent.

In anderen Werten, die stärker unter Druck stehen, wie etwa Ford, kann die Quote schon einmal deutlich stärker ausfallen. So lag sie bei dem amerikanischen Autobauer im August bei knapp 20 Prozent und bei General Motors bei 16,7 Prozent.

Rückschlüsse werden gerne aus der Veränderung des Short Interest gezogen. Einige nehmen an, daß ein Anstieg der Short-Positionen Druck auf den aktuellen Kurs ausübt, andere sehen darin eine Indikator für eine künftig schwächere Kursentwicklung, weil sich die Einschätzung des Wertes verändert.

Beides läßt sich nicht unbedingt bestätigen. So fiel der Short Interest im Juli bei Ford und General Motors deutlich. Doch während Ford im laufenden Monat Kursverluste verzeichnete, legte die GM-Aktie zu. Und im August verhielten sich beide umgekehrt. Und während der Short Interest in der GM-Aktie sowohl im Juli als auch im August deutlich zurückging, stieg der Kurs im Juli und fiel im August.

Das Monster im Freiverkehr

Wie gerne Leerverkäufe bemüht werden, um Kursverluste zu erklären, die eigentlich ganz andere Ursachen haben, zeigt sich indes nirgends deutlicher als bei amerikanischen Freiverkehrswerten. Gerade Firmen in diesem Segment, deren Aktienkurse nicht selten ins Bodenlose fallen, haben dies in der Vergangenheit immer wieder auf hemmungs- und skrupellose Leerverkäufe zurückgeführt.

Das konnten sie auch recht gut, denn die Leerverkäufe wurden nicht gemeldet. Doch das hat sich seit Juli geändert. Im August veröffentlichte die NASD erstmals Daten zum Short Interest in 2.443 Aktien am schwach regulierten „Bulletin Board“ und den 5.404 Aktien des Telefonhandels und der „Pink Sheets“.

Und demnach, so der Anlegerschutzdienst Stockpatrol, stellt sich das Schreckgespenst des Short-Selling im Freiverkehr als „Untier im Nadelstreifenanzug“ heraus. Vor allem hatten sie den Market-Makern immer wieder „nacktes“ Short-Selling unterstellt, da nur diesen das gestattet ist.

Short-Selling im Freiverkehr bedeutungslos

Doch nach den für Juli und August veröffentlichten Zahlen betrug der gesamt Short Interest im Freiverkehr im Juli 1,38 Milliarden Aktien und fiel im August auf 1,24 Milliarden. Das macht pro Wert gerade einmal 175.000 bzw. 158.000 Aktien. Eine der größten Short Positionen entfiel mit rund 95 Millionen Aktien dabei auf den im Konkursverfahren befindlichen Kraftwerksbauer Calpine. Indes waren dies nur 16,7 Prozent der gesamten Aktien.

Und die Größe des Short Interest dünnt sich rasch aus. Nur bei 15 Werten lag er im August überhaupt über zehn Millionen Aktien, bei 176 Werten über einer Million. Bei 3.425 Aktien lag er dagegen unter 1.000 Stück. Und wie Stockpatrol feststellt: Manchmal tut es denen, die am lautesten schreien, am wenigsten weh.

So schob laut dem Dienst Richard Surber, Vorstandschef der Nexia Holdings, erst kürzlich die schlechte Kursentwicklung der Aktie auf mißbräuchliche Leerverkäufe. Die Nexia-Aktie wurde vor zehn Jahren noch mit 93,70 Dollar notiert und erreichte im März 2000 bei 1.343,70 Dollar ein Allzeithoch. Im November 2004 fiel der Kurs erstmals unter einen Cent (!), zuletzt wurde der Kurs mit drei Tausendstel Cents (!) festgestellt.

Seit spätestens 2002 sanken die Umsätze beständig von 1,1 Millionen Dollar auf zuletzt 416.000, ein Gewinn wurde in dieser Zeit nie verzeichnet, außer in dem jüngst im Juni verstrichenen zweiten Quartal. Der gesamte Short Interest betrug im Juli 37 und im August 5.032 Stück. Das waren gerade einmal 0,0000085 bzw. 0,00116 Promille der ausstehenden Aktien. Wie das den Kurs beeinflussen soll, muß Richard Surber erst einmal erklären.

Stockpatrol zieht aus den Erkenntnissen das Fazit, daß sich Firmenchefs vielleicht besser darauf konzentrieren sollten, ihre Probleme in den Griff zu kriegen und vor allem aufhören sollten, Aktien an skrupellose Promoter und undurchsichtige Finanziers in rauhen Mengen abzugeben, anstatt nach Sündenböcken zu suchen. Dem ist wohl nur wenig hinzuzufügen.

Die in dem Beitrag geäußerte Einschätzung gibt die Meinung des Autors und nicht die der F.A.Z.-Redaktion wieder.

Quelle: @mho
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