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Aktienanlage Von der Verzweiflung zum Prinzip Hoffnung

27.10.2008 ·  Eine Frage reizt die Analysten und Marktstrategen in diesen Wochen ganz besonders: Welche Werte sind denn noch zu empfehlen? Und doch gibt es manche Mutige, die den Aktienmarkt schon im späten Stadium der Baisse sehen. Das ist doch beruhigend, oder?

Von David Bogoslaw
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Auf die Frage, in welche Aktien man in den kommenden sechs bis zwölf Monaten investieren sollte, reagieren Anlagestrategen dieser Tage gereizt. Die meisten entgegnen, dass sie nicht sagen könnten, wie lange die Rezession dauere, wie tief sie sein werde oder wie sich risikoscheue Anleger nach den kräftigen Kursrückgängen an den Aktienmärkten verhalten sollten.

Einige werden ihnen erzählen, dass es auf kurze Sicht nur wenige lukrative Kaufgelegenheiten gebe, während andere auf Maßnahmen für geduldige Anleger verweisen, anstatt sich Zweifeln und Pessimismus hinzugeben oder das Versagen einer diversifizierten Portfoliostruktur einzuräumen. Geduld heißt in diesem Fall, dass man es sich leisten kann, mit seinen Investments auf absehbare Zeit keine positive Rendite einzufahren.

Da die Investmentwelt im Laufe der Krise auf den Kopf gestellt wurde und heftige Marktschwankungen inzwischen zum Alltag gehören, bat Business Week einige bereits für frühere Artikel befragte Finanzexperten um ihre Einschätzung der aktuellen Situation. Die Entscheidung, welche Investment-Gurus diesmal konsultiert werden sollten, erwies sich allerdings als schwierig, waren doch die von zahlreichen Marktexperten für 2008 abgegebenen Prognosen viel zu optimistisch ausgefallen, selbst wenn sie von Personen stammten, auf deren zukunftsgerichtete Aussagen in der Vergangenheit am meisten Verlass war.

Ein weiterer Rückgang?

Rob Arnott, Vorsitzender des Vermögensverwalters Research Affiliates, der Anlagekonzepte an Unternehmen wie Pimco lizenziert, wäre nicht überrascht, wenn es in dieser Baisse zu einem weiteren Rückgang käme. Die Aktien, die sich während der Turbulenzen und dem Gemetzel bislang am tapfersten schlugen (Wachstumswerte der Branchen Technologie, Telekommunikation und Gesundheitswesen), dürften nach seiner Ansicht noch nicht das volle Ausmaß der bevorstehenden Risiken widerspiegeln.

„Wenn wir im frühen Stadium einer Rezession sind, dann befinden wir uns wahrscheinlich in einem späten Stadium der Baisse“, so Arnott. „In den kommenden sechs bis zwölf Monaten werden wir in den Wachstumssektoren eine klare Kapitulation erleben, die das Fundament für eine Hausse legen wird.“ Er bezweifle, dass der Häusermarkt vor 2010 einen Boden finden werde, wohingegen die Wirtschaft in jenem Jahr bereits auf dem Wege der Erholung sei.

Bruce McCain, Chefinvestmentstratege der Key Private Bank, erinnert daran, dass massive Verkäufe, wie wir sie in den vergangenen Wochen beobachten konnten, typischerweise die Zittrigen aus dem Markt schütteln, woraufhin nur jene zurückbleiben, die sich langfristig engagieren. Doch wie in den frühen 1930er-Jahren könnten sich die Herausforderungen für das Finanzsystem am Ende als vergleichsweise moderat oder als sehr ernst erweisen, je nachdem, ob die staatlichen Maßnahmen einige der vor fast 80 Jahren begangenen Fehler werden vermeiden können. Auf kurze Sicht rechnet Bruce McCain mit einer Aktienrally und einem anschließenden neuerlichen Test der Anfang Oktober markierten Tiefs.

Einige Marktstrategen sagen eine Jahresendrally voraus

Als Zeichen einer Erholung würde McCain ein Austrocknen des Verkaufsvolumens während eines möglichen neuerlichen Tests der früheren Tiefs bevorzugen. Wenn der Markt nicht auf neue Tiefstände vordringe, dann rechne er mit einer Aufhellung der Anlegerstimmung, die eine Aufwärtsbewegung des Marktes anstoßen könne. Nach seiner Ansicht würden sämtliche Fortschritte bei der Aktienbewertung jedoch nur langsam und stetig erfolgen. „Wir können Aussagen über das mögliche Szenario im kommenden Jahr treffen, solange wir eine Entwicklung in diese Richtung beobachten und solange die Wirtschaft nicht stärker einzubrechen beginnt“, so McCain.

Einige Marktstrategen sagen eine Jahresendrally voraus, die bereits Anfang November einsetzen könnte, je nachdem, wie überverkauft der Aktienmarkt bis dahin sei. Es wird jedoch gemeinhin nicht davon ausgegangen, dass eine Aufwärtsbewegung bei einer länger und tiefer als üblich ausfallenden Rezession über das Jahresende hinaus fortdauere.

Barry Ritholtz, Chefmarktstratege bei Ritholtz Research & Analytics, beschreibt den gegenwärtigen Aktienmarkt als „Plasmamarkt“, in Anspielung auf den vierten Aggregatzustand, der sich nach starker Erhitzung von Materie einstellt, wenn nicht länger die klassischen Regeln der Physik, sondern die Gesetze der Quantenmechanik gelten.

Ritholtz zufolge hätten in der globalen Kreditklemme alle einschlägigen Regeln über die Fundamentaldaten des Marktes, über technische Handelsmuster und all das, was in rückläufigen Märkten funktioniere, ihre Gültigkeit verloren. „In diesem stark veränderten Umfeld müssen wir sehr vorsichtig sein“, so Ritholtz. „Dies geht am einfachsten, indem man Indizes statt Einzeltitel kauft, was dem genauen Gegenteil unseres üblichen Ansatzes entspricht. Für gewöhnlich betreiben wir eine gezielte Aktienauswahl.“

Der Markt könnte frühere Tiefs testen

Arnott sieht für sich bislang noch keinen Grund für Optimismus gegenüber Aktien, ist jedoch der Auffassung, dass sich in den stark gebeutelten Sektoren mit Substanzwerten - etwa bei Finanzdienstleistungen - letztlich gute Kaufgelegenheiten bieten dürften. „Wir wissen nicht, wer als nächstes dran glauben muss, sind jedoch überzeugt, dass sich das Wettbewerbsumfeld mit jedem Zusammenbruch verbessert“, so Arnott.

Nach Ansicht von Ritholtz stecken die Vereinigten Staaten seit einem Jahr in einer relativ milden Rezession, unabhängig davon, was die von der amerikanischen Regierung veröffentlichten Quartalsberichte zur Entwicklung des Bruttoinlandsprodukts sagen. Diese moderate Rezession sei zwar bereits in den Aktienkursen eingepreist, „wir wissen jedoch nicht, ob auch eine schlimmere Rezession in den Kursen enthalten ist“. Der Markt könnte die Anfang Oktober erreichten Tiefs erneut testen und sie möglicherweise sogar unterschreiten, Ritholtz wettet jedoch auf eine breit angelegte Rally, die den S&P-500 mit nur sehr geringer Stimulation um 10 bis 15 Prozent nach oben führen könnte.

William Nobrega, geschäftsführender Gesellschafter der Investmentberatungsgesellschaft Conrad Group, geht davon aus, dass sich Industriegüterhersteller wie Caterpillar und Deere infolge von starken Auslandsumsätzen und aufgrund von bevorstehenden Infrastrukturinvestitionen in den Vereinigten Staaten, die sich allein im Jahr 2009 auf bis zu 150 Milliarden Dollar belaufen könnten, gut behaupten dürften. Auch Unternehmen im Bereich erneuerbare Energien wie Johnson Controls und Umweltdienstleister wie Waste Management seien Nobrega zufolge gute Kaufgelegenheiten.

Mangel an Klarheit

Mani Govil, Fondsmanager bei RS Investments und verantwortlich für den 700 Millionen Dollar schweren RS Large-Cap Alpha Fund (bis zum 15. Oktober unter der Bezeichnung RS Core Equity Fund geführt), zählt zu den wenigen Marktteilnehmern, die für Aktien aufgrund mangelnder Klarheit über die weitere Richtung der Wirtschaft und die Stärke des Finanzsystems großes Potenzial sehen. Sein Fokus liegt jedoch stärker auf Einzeltiteln als auf breiten Sektoren. Hierbei meidet er traditionell defensive Sektoren wie Verbrauchsgüter, vor allem deshalb, weil ihre Bewertungen noch zu hoch seien, um im Falle einer Konjunkturerholung ausreichend Wachstumsspielraum zu besitzen. Govil hält Ausschau nach Unternehmen, die sich sowohl während eines Wirtschaftsabschwungs als auch zu Beginn einer Erholung gut schlagen sollten.

Sein aktueller Favorit ist die Schnellrestaurantkette McDonald's, für die im laufenden Jahr ein Gewinnanstieg von 15 bis 20 Prozent gegenüber dem Vorjahr prognostiziert wird, während für 2009 - wenn die Ertragskraft der meisten Unternehmen sinken dürfte - ein Zuwachs von fünf bis zehn Prozent erwartet wird. Govil zufolge werde das Unternehmen von fallenden Rohstoffpreisen, robustem Umsatz auf vergleichbarer Ladenfläche und einer Expansion der von Franchise-Nehmern geführten Restaurants profitieren.

„Außerhalb der Vereinigten Staaten werden von McDonald's selbst betriebene Läden an lokale Unternehmer verkauft, die für gewöhnlich Vermarktungsvorteile besitzen, da sie stärker in die lokalen Märkte eingebunden sind“, sagt Govil und fügt an, dass auch die Gewinnmargen von Franchise-Restaurants, die einen bestimmten Prozentsatz ihrer Gewinne an den Franchise-Geber abführen, in der Regel höher ausfielen als jene der von McDonald's selbst betriebenen Läden.

Als weiteren Favoriten nennt er Republic Services, den drittgrößten Abfallentsorger auf dem amerikanischen Markt, der nach seiner Einschätzung jedoch das beste Management der großen Drei aufweise. Entsorger seien konjunkturresistenter als normale zyklische Unternehmen, nicht von einer robusten Konjunktur abhängig und aufgrund der in den zurückliegenden 20 Jahren erfolgten Branchenkonsolidierung mit einer gewissen Preissetzungsmacht ausgestattet. Govil zufolge werde Republic Services zudem von niedrigeren Kraftstoffpreisen und von Kostensenkungen als Folge der jüngsten Übernahme von Allied Waste Industries profitieren.

„Schnäppchen für geduldige Anleger“

Tom McManus, Chefinvestmentstratege bei Wachovia Securities, betrachtet die Aktien von Konsumgüterunternehmen wie Procter & Gamble und Coca-Cola als attraktive Investments, nicht nur aufgrund ihrer relativ günstigen Bewertungen, sondern auch wegen ihres jährlichen Dividendenwachstums. Procter & Gamble, das auf Grundlage des für 2009 prognostizierten Gewinns mit einem KGV von 13,7 gehandelt wird, verzeichnete im bisherigen Jahresverlauf einen Kursrückgang von 17 Prozent. Gegenüber Aktien, die seit Jahresbeginn um bis zu 50 oder 70 Prozent gesunken sind, schlägt sich das Unternehmen daher nach wie vor gut.

Mit einer Dividendenrendite von 6,2 Prozent kann sich Procter & Gamble zwar nicht mit anderen renditeträchtigen Titeln messen, die jährliche Dividendenausschüttung des Unternehmens wurde in den vergangenen fünf Jahren jedoch um durchschnittlich 12 Prozent erhöht, was dem Fokus auf Gewinnwachstum in internationalen Märkten zu verdanken ist. Coca-Cola weist auf Basis des für 2009 geschätzten Gewinns ein KGV von 13,6 auf, während das jährliche Dividendenwachstum in den vergangenen fünf Jahren im Durchschnitt bei 11,5 Prozent lag.

„Dies sind zwar keine Wahnsinns-Knüller, aber es sind Schnäppchen für geduldige Anleger, die davon profitieren, dass die Konjunktur trotz eines sinkenden Gesamtmarktes noch keinen extremen Druck auf diese Unternehmen ausübt“, konstatiert McManus.

Für diejenigen, die nicht ganz so zuversichtlich in die Zukunft blicken, hat Laszlo Birinyi, Vorsitzender von Birinyi Associates, folgenden Hinweis parat: „Jede wichtige Entscheidung, die man [im kommenden Jahr] trifft, basiert entweder auf Vermutungen oder auf dem Prinzip Hoffnung.“

Angesichts der rasanten Richtungswechsel des Marktes rät Birinyi den Anlegern zu etwas aggressiveren Gewinnmitnahmen bei derzeit gehaltenen Aktien, während man weiterhin in Positionen investiert bleiben solle, indem man bei Kursrückgängen Anteile derselben Aktien zurückkaufe. „Man sollte dem Markt nicht den Rücken kehren“, so Birinyi.

David Bogoslaw ist Reporter für den Investing Channel der Business Week.

Quelle: Business Week Online
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