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Nach der Aschewolke Fliegen um jeden Preis

21.04.2010 ·  Die Aschewolke hat sich verzogen, doch der Alltag an den Flughäfen stellt sich nur langsam ein. Schon an diesem Donnerstag wollen die großen deutschen Fluggesellschaften wieder den Normalbetrieb erreichen. Dafür müssen die Unternehmen bis ins Detail planen.

Von Peter-Philipp Schmitt
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Unter Umständen müssten einige der 15.000 gestrandeten Qantas-Passagiere noch Wochen warten, ehe die Fluggesellschaft sie zu ihrem eigentlichen Ziel fliegen könne, ließ der Vorstandsvorsitzende der größten australischen Airline, Alan Joyce, am Mittwoch wissen. Zugleich sprach er von einem „Passagierstau“, der nach dem Flugverbot über Europa wegen der Aschewolke des Vulkans Eyjafjalla aus Island abzubauen sei. Etwa sieben Millionen Euro habe die Sperrung des Luftraums Qantas Airways gekostet. „Das meiste fiel an, weil wir uns um unsere Passagiere kümmern mussten.“ Und das zahle eben keine Versicherung.

Die Aussagen Joyces sind für die deutsche Konkurrenz zum Teil nicht nachzuvollziehen. Wochenlanges Warten, um in die Heimat zurückzukehren – das zumindest schließen die großen Zwei für ihre Fluggäste aus. Allerdings sind sowohl Lufthansa als auch Air Berlin zurückhaltend, wenn es um exakte Zahlen geht. Von einem „Passagierstau“ sprechen beide Unternehmen nicht. Air Berlin hatte schon am Montag 104 Flugzeuge mit etwa 3300 Passagieren an Bord wieder in der Luft. Am Dienstag waren es bereits 600 Flüge mit Zehntausenden gestrandeten Urlaubern – an einem normalen Tag setzt Air Berlin etwa 700 Flugzeuge ein. „Wir sind ziemlich nahe dran am Regelflugbetrieb“, sagt Unternehmenssprecher Hans-Christoph Noack. Spätestens am Freitag werde man wieder „volles Programm“ fliegen. Wie viele Fluggäste noch auf einen Flug in den Urlaub warten, kann Noack nicht sagen. Schon allein, weil viele Reiseveranstalter, mit denen Air Berlin zusammenarbeitet, Tausende Reisende inzwischen auf dem See- und Landweg in die Heimat gebracht haben. Allerdings verkauft Air Berlin inzwischen sogar wieder Tickets, da es durchaus in den Maschinen freie Plätze gibt.

Während Air Berlin mittels Sondergenehmigung am Montag zunächst etliche sogenannte „ferry flights“ („Fährenflüge“) durchgeführt hat, also leere Maschinen von Deutschland aus in die Urlaubsgebiete schickte, um gestrandete Urlauber – und nicht nur die eigenen Passagiere – so schnell wie möglich zurückfliegen zu können, hat Lufthansa versucht, bis auf einige innerdeutsche Überführungsflüge kein Fluggerät ohne Passagiere in die Luft zu lassen. Ebenfalls am Montagabend starteten in Übersee die ersten Interkontinentalflüge der Lufthansa in Richtung Heimat – und zwar bis auf den letzten Platz voll. Die Maschinen samt Crews waren im Ausland vom Flugverbot überrascht worden und konnten nun, nach einigen freien Tagen, von dort aus wieder sofort eingesetzt werden. „Bei Streiks ist das anders“, sagt Lufthansa-Sprecher Boris Ogursky. Dann seien die Flugzeuge, die Piloten und das Kabinenpersonal in Deutschland und müssten nach Streikende erst wieder mühsam ins Ausland überführt werden. Insofern hat die „einmalige Situation“, die nach den Worten Ogurskys mit keinem Ereignis (11. September 2001, Sars-Ausbruch, Pilotenstreik) vergleichbar ist, sogar einige positive Aspekte. Doch längst nicht alle Flugzeuge sind bislang schon wieder dort, wo sie benötigt werden. Dabei gilt es vor allem, teure Leerflüge zu vermeiden. Zu beachten sind bei den Flugzeugen zusätzlich die scharfen Meilengrenzen für Inspektionen und Sicherheitschecks. Allerdings nutzten die Airlines die vergangenen Tage, um Wartungen der sowieso am Boden stehenden Maschinen nach Möglichkeit vorzunehmen und wenn möglich zeitlich sogar vorzuziehen.

„Reibungsloser Wiedereinstieg“

Lufthansa kam am Dienstag auf 200 eigens beantragte Sonderflüge, am Mittwoch waren es schon 700, viele davon unter Normalbetrieb. Das waren sogar 200 mehr als die zunächst angekündigten 500 – darunter alle rund 160 Interkontinentalflüge. Ogursky spricht von einem „reibungslosen Wiedereinstieg“. An diesem Donnerstag will die größte deutsche Fluggesellschaft schon wieder den Normalbetrieb erreichen – also alle 1800 Flüge an einem Tag zu mehr als 200 Zielen auf der ganzen Welt durchführen. Allein in den ersten drei Monaten dieses Jahres hat Lufthansa 12,2 Millionen Fluggäste transportiert. Sieben Millionen mehr waren es, wenn man die Tochtergesellschaften Swiss, Austrian Airlines und British Midland Airways dazuzählt, die ebenfalls wieder auf dem Weg zu einem Normalbetrieb sind. Air Berlin kam im ersten Quartal 2010 auf 6,2 Millionen Passagiere (inklusive übernommener Tuifly- Strecken).

Auch in allen anderen europäischen Ländern entspannte sich die Lage am Mittwoch weiter. Nach Angaben der Flugsicherheitsbehörde Eurocontrol konnten von den 28.000 geplanten Flügen fast 21.000 schon wieder stattfinden. Damit würden mindestens 75 Prozent des Luftverkehrs gewährleistet. Der größte deutsche Flughafen lief allerdings am Mittwoch nur auf halber Kraft. 700 statt der sonst üblichen 1400 Flugbewegungen konnten angeboten werden, wie die Betreibergesellschaft Fraport berichtete. Es werde mindestens noch weitere 24 Stunden brauchen, bis in den hoch vernetzten Verkehrsbeziehungen zwischen den europäischen Flughäfen wieder Normalbetrieb erreicht werde, kündigte ein Sprecher an. Die Passagiere müssten daher auch in den nächsten Tagen noch mit Behinderungen rechnen. Sie sollten sich vor Reiseantritt informieren.

Zugleich hatten sich viele Flughäfen darauf eingestellt, Maschinen rund um die Uhr abzufertigen. Die meisten festsitzenden Passagiere erreichten denn auch am Mittwoch schon ihre Zielorte. Nach Angaben des Deutschen Reiseverbandes kehrten mehr als 100 000 deutsche Urlauber von Reiseveranstaltern, die seit Freitag im Ausland festsaßen, nach Deutschland zurück. Am Mittwochmorgen warteten noch 20 000 Gäste auf einen Heimflug. Bis zum Abend sollte der überwiegende Teil von ihnen ebenfalls wieder in Deutschland gelandet sein. Das bestätigt auch die Lufthansa. An den Stationen auf den Flughäfen sind nach Angaben Ogurskys keine oder so gut wie keine gestrandeten Passagiere mehr. Er spricht von einigen wenigen noch an den großen deutschen Drehkreuzen in Frankfurt und in München. Wie viele es genau sind, kann er nicht sagen. Denn sobald ein Fluggast auf eine andere Maschine umgebucht ist, verschwindet er aus der Warteliste. Da Lufthansa überdurchschnittlich viele Geschäftsreisende hat, ist davon auszugehen, dass viele Fluggäste ihre Dienstreisen in den vergangenen Tagen storniert haben – also nicht mehr auf einen Transport warten.

Ebenfalls am Mittwoch wurde eine erste Bilanz gezogen: Nach Angaben einer Studie des britischen Geldhauses Royal Bank of Scotland strandeten in den vergangenen Tagen sieben Millionen Passagiere, 95.000 Flüge mussten insgesamt gestrichen werden. Die geschätzten Kosten des Asche-Chaos für die 313 betroffenen europäischen Flughäfen allein sollen 1,26 Milliarden Euro betragen, wie der Verband der europäischen Flughäfen errechnete. Die Fluggesellschaften verloren nach Angaben des internationalen Luftfahrtverbandes IATA („International Air Transport Association“) mindestens 1,3 Milliarden Euro. Und wegen der vielen festsitzenden Arbeitskräfte fuhr die europäische Wirtschaft nach Angaben der Royal Bank of Scotland jeden Tag einen Produktivitätsverlust in Höhe von 500 Millionen Euro ein.

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Jahrgang 1967, Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

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