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Island Noch schlummert die zornige Schwester

20.04.2010 ·  Nach dem Ausbruch des Eyjafjalla muss man nun die Eruption des Katla befürchten. Das könnte alles noch viel schlimmer machen. Der Gletscher über dem Zwillingsberg des kleinen Eyjafjalla hat nicht nur einen eigenen Namen. Er ist auch viel größer und vor allem dicker.

Von Matthias Rüb
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Man sieht ihn nicht vom Fuße des Gletschers aus, und man hört ihn auch nicht. Der Katla schläft oder ruht oder wie dergleichen Metaphern lauten mögen für Vulkane, die noch nicht erloschen sind, aber irgendwann wieder ausbrechen werden. Der Katla schläft also: Das ist noch das Beste am Vulkanausbruch im Süden Islands, unter dessen Folgen ganz Europa ächzt. Denn der Katla ist gewissermaßen die große Schwester des kleinen Eyjafjalla, der vor einem Monat nach zwei Jahrhunderten plötzlich erwachte - zunächst mit harmlosen Lavaflüssen, die unter der Gletscherschicht hervorbrachen, ehe dann vor einer Woche der aufgestaute Druck in der Vulkankammer in einer gewaltigen Eruption entwich. Seither stößt der Eyjafjalla jene gewaltige Aschewolke aus, die den Flugverkehr über Europa lahmgelegt hat.

Auch am Dienstag steht über dem Eyjafjalla, der vom Gletscher Eyjafjallajökull bedeckt ist, eine Rauchwolke. Die ist freilich nicht mehr so dunkel und dicht wie an den Tagen zuvor, sondern weiß und irgendwie luftig. Die Vulkanologen erkennen darin eine abermalige Veränderung der Aktivität, so etwas wie die dritte Phase der Eruption. Zuerst kam es zum kaum merklichen Magmafluss unter dem Gletscher, der allenfalls spektakuläre Wasserfälle an den Steilwänden der Basaltfelsen entstehen ließ, auf denen der Gletscher ruht. Dann öffnete sich eine riesige Spalte im Berg, aus der dunkle Asche und weißer Dampf in den Himmel schossen. Jetzt, nachdem der „Eisdeckel“ über der Vulkanöffnung geschmolzen oder verdampft ist, fließt das an die Oberfläche drängende Magma in zähen Flüssen den Berg hinab, und der Dampf wird weniger. Das wäre die ersehnte gute Nachricht für den europäischen Luftverkehr, die globalisierte Wirtschaft und nicht zuletzt die 300.000 Isländer, die nach der menschengemachten Implosion ihres Finanzwesens 2008 nun auch noch mit den Folgen der natürlichen Eruption eines ihrer drei Dutzend aktiven Vulkane leben müssen.

Bedrohliches Drohen schon aus der Entfernung

Man hört das bedrohliche Grollen des Eyjafjalla schon von 20 Kilometern Entfernung, wenn man, auf der Überlandstraße 1 von der Hauptstadt Reykjavík kommend, in die unwirkliche Rauch- und Staublandschaft vorgedrungen ist, die den Vulkan und seinen Gletscher von Nord- bis Südosten umgibt. Stoisch stehen die Ponys auf der Weide und fressen scheinbar ungerührt das nunmehr graue Gras ab. Durch den Staubschleier, durch den allenfalls fahles Sonnenlicht dringt, ziehen die Graugänse im Formationsflug. Die Bauern sind längst damit beschäftigt, die zentimeterdicke Ascheschicht von den grünen Metalldächern ihrer Häuser und Scheunen zu fegen und den Schlamm aus den Flüssen und Furten zu baggern.

Niemand weiß zu sagen, ob der Eyjafjalla nach vier turbulenten Wochen wieder für Jahre oder Jahrzehnte zur Ruhe kommt - oder ob er abermals eine neue Überraschung parat hat. Vor allem aber weiß niemand zu sagen, was der Katla tun wird, dessen ebenfalls unter einer dicken Gletscherschicht verborgener Gipfel etwa 25 Kilometer östlich vom Eyjafjalla in die Höhe ragt. Am Katla ist fast alles größer als beim Eyjafjalla, der mit einer Gipfelhöhe von fast 1700 Metern den Katla freilich um knapp 200 Meter überragt.

Zusammen mit Vulkan Hekla ein Zwillingspaar

Da ist zunächst die historische Bedeutung des Katla, der neben dem nicht weniger gefürchteten Vulkan Hekla in der isländischen Mythologie das Zwillingspaar der „Zornigen Schwestern“ bildet. Seit dem Jahr 930 sind 16 Ausbrüche des Katla verzeichnet. Und wenn der im Vergleich viel stillere Eyjafjalla einmal ausbrach, dann war es nur das Vorspiel zur Eruption des Katla. Bei allen drei in der Geschichtsschreibung verbürgten Ausbrüchen des Eyjafjalla - der letzte von Dezember 1821 bis Januar 1823 - folgte bald darauf ein viel heftigerer Ausbruch des Katla. Von 1755 wird über einen so heftigen Ausbruch des Katla berichtet, dass die Asche sich in dicken Schichten über Schottland legte. Beim letzten Ausbruch 1918 rissen die Eruptionen Eisstücke von der Größe eines Hauses aus dem Gletscher Mýrdallsjökull und schleuderten sie den Hang hinunter, bis sie in den Atlantik rollten. Nach der Statistik der Vulkanologen bricht der Katla mindestens einmal alle 100 Jahre aus, sodass eine Eruption der „zornigen Schwester“ fast schon überfällig ist.

Das Gletscherfeld über dem Katla hat - anders als Eyjafjallajökull über dem Eyjafjalla - nicht nur einen eigenen Namen. Es ist auch viel größer und vor allem dicker. Mýrdallsjökull bedeckt 700 Quadratkilometer und hat eine maximale Dicke von mehr als einem Kilometer. Die Magmakammer des Katla ist größer als jene des Eyjafjalla und liegt näher an der Erdkruste. Sollte es sich in den 92 Jahren seit dem letzten Ausbruch so mit Lava gefüllt haben, dass bei einer Eruption riesige Mengen des flüssigen Gesteins auf riesige Mengen Gletschereis stoßen würden, dann würde eine noch viel größere Asche- und Dampfwolke als beim Eyjafjalla entstehen. Der Ausbruch eines Vulkans kann durchaus die Eruption eines anderen hervorrufen - und bei diesen Nachbarn war es besonders häufig so.

Isländische Devise: Aufräumen und weitermachen

Viele der 300.000 Isländer scheinen in diesen Tagen von der düsteren Obsession beseelt, es müsse, als ob es in jüngster Zeit nicht schon genug Katastrophen gegeben hätte, noch schlimmer kommen. 1783 war so ein isländisches Katastrophenjahr, als eine acht Monate währende Eruption mehrerer Vulkane die Viehzucht und Landwirtschaft der kargen Insel so sehr in Mitleidenschaft zog, dass am Ende ein Viertel der damaligen Bevölkerung an Hunger und Krankheiten starb. Auch auf dem europäischen Festland ging 1783 als „Jahr ohne Sommer“ in die Geschichte ein, weil die Aschewolke aus Island monatelang den Himmel über ganz Europa verdunkelte. Überall gingen die Ernteerträge zurück, bittere Armut hielt Millionen Menschen über Jahre so fest im Griff, dass einige Historiker gar einen Zusammenhang zwischen dem „Jahr ohne Sommer“ und der Französischen Revolution sechs Jahre später erkennen wollen.

Im Café „Víkurskáli“ im Fischerstädtchen Vík an der Nationalstraße 1 sitzen die alten Männer mit ihren wettergegerbten Gesichtern und die Jungen mit der bleichen Haut der Dienstleistungsgesellschaft beim Mittagessen beisammen. Das Donnern vom Eyjafjalla nehmen sie, wenn überhaupt, gelassen zur Kenntnis. Auf die Frage, ob sie glauben, dass auch der Katla bald ausbrechen wird, zucken sie mit den Schultern. Und wenn der Katla ausbräche, dann täten sie das, was die Menschen auf dieser Vulkaninsel seit je tun, wenn sich die Erde geöffnet und flüssiges Gestein gespieen hat: aufräumen und weitermachen.

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Jahrgang 1962, politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.

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