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Island Jeder Feuerberg ist eine Frau

14.05.2010 ·  Eyjafjallajökull - diesen Zungenbrecher kennt ganz Europa, seit der isländische Vulkan mit seiner Asche den Flugverkehr lahmgelegt hat. Vielen gilt der Berg als Bösewicht. Doch er hat einen guten Grund für seinen Zorn.

Von Karen Krüger
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Auf Island gibt es so viele Vulkansagen, wie es dort im Sommer Glühwürmchen gibt. Eine von ihnen geht so: Nahe dem Gletscher Mýrdalsjöküll arbeitete eine Köchin namens Katla. Katla war nicht nur von aufbrausender Natur, sondern hatte zum Verdruss ihrer Mitmenschen auch noch Zauberkräfte. Mit Bardi, dem Schafhirten, machte sie jedoch in einem Anfall von Ärger anderweitig kurzen Prozess: Sie ertränkte ihn in einem Pökelfass. Als wenige Wochen später der Schopf des verschwundenen Hirten aus der Lauge wieder auftauchte, nahm Katla die Beine in die Hand und stürzte sich in eine Gletscherspalte - doch selbst das Eis wollte die übellaunige Katla nicht haben: Der unter dem Gletscher liegende Vulkan brach aus, spuckte wochenlang giftige Asche und Lava - und wird seither Katla genannt. Auch den anderen Vulkanen gaben die Isländer Namen ihrer Töchter. Vielleicht waren die genauso wild.

Island, Land aus Feuer und Eis, gesegnet und verflucht mit einer Natur, die so überwältigend, so wild, so lebensfeindlich ist, dass die ersten Bewohner der Insel gar nicht anders konnten, als sich die bebende und Feuer speiende Erde mit den Launen der Götter zu erklären. Der Vulkan Hverfjal: die Flammenburg der schönen Gerda, Tochter des Bergriesen Gymir. Der Vulkan Hekla: das Tor zur Hölle, vor dem man die Verdammten jammern hören kann. Die Vulkanschlucht Eldgjá: Hier ritt der Götterbote Hermodhr in das Reich der Toten, um den ermordeten Sonnengott Baldur zu befreien. Über Jahrhunderte hinweg wurde so fast jedem isländischen Vulkan eine Geschichte oder Sage geschenkt. Nur einer der Vulkanschwestern ging leer dabei aus: Eyjafjallajökull. Sie, die es verborgen unter einer Decke aus 250 Metern Schnee und Eis immerhin auf 1667 Höhenmeter brachte, war den isländischen Sagenerzählern keine Silbe wert. Sie war einfach ein Vulkan unter vielen; ein Nichts, ein Mauerblümchen zwischen ihren mythenumrankten Schwestern; eine schwerfällige Riesin neben der nervösen Hekla - seit der Besiedlung Islands brach sie mehrere Dutzend Male aus - und der schlechtgelaunten Katla - bei jeder Eruption walzte sie mit ihrer Lava mehrere Bauernhöfe nieder. Ihre Asche kann man noch heute in Westeuropa finden. Vielleicht wäre Eyjafjallajökull nicht ausgebrochen, wenn man auch ihr ein wenig Aufmerksamkeit geschenkt hätte. Nichts kränkt eine weibliche Seele so sehr wie Missachtung. Vor allem wenn es um Konkurrenz unter Schwestern geht.

E-15

"Sie heißt nicht Eyjafjalla, auch wenn das fast alle europäischen Zeitungen seit Beginn des Ausbruchs schreiben. Sie heißt Eyjafjallajökull. Lässt man die Endung weg, dann wäre das, als würde man nur Zug anstatt Zugspitze sagen." Katrin Juliusdottir, die isländische Tourismusministerin, zieht eine Augenbraue in die Höhe, als gehe es hier nicht um einen Vulkan, sondern um persönliche Eitelkeit. Doch sie hat recht: "Eyjafjall" sei ausgebrochen, lautete die Nachricht vieler Reporter, die am 14. April über die Fernsehsender flimmerte. "Eyjafjallajoghurt" nannte man den Vulkan in Großbritannien. Mit der Abkürzung "E-15" drückten sich amerikanische Journalisten bald vor dem schwer auszusprechenden Wort: Fünfzehn Buchstaben muss die Zunge formen, bevor der Name nach dem Eingangs-E sein Ende erreicht. Die Verstümmelung ihres Namens muss für die Vulkanschwester Eyjafjallajökull eine weitere Kränkung gewesen sein. Doch mit dem Mythos, auf den sie so lange warten musste, hat es geklappt: Als erster Vulkan Islands wird Eyjafjallajökull als "Aschemonster" und als jener Vulkan in die Geschichte des Landes eingehen, dessentwegen man für sieben Tage den gesamten Flugverkehr über Europa sperrte. Geschäftsleute wurden lahmlegt, und auf dem Umleiteflughafen Glasgow feierten wartende isländische Parlamentarier, Schriftsteller und Zufallsreisende eine feuchtfröhliche Party. Auf ganz Island erzählen die Menschen mit leuchtenden Augen davon. Angeblich wurde sogar gesungen - wenn Isländer zusammenkommen, ist das allerdings keine Seltenheit.

Brodelt es in den isländischen Vulkanen, dann brummt normalerweise auch die Reisebranche. Auf Island, das man je nach Gemütslage an die Spitze der Welt oder an ihr Ende verorten kann, hatte man nach dem Bankencrash von 2008 viele Hoffnungen in sie gelegt. Doch bisher sind die Vulkanbummler ausgeblieben; niemand will riskieren, dass der Urlaub wegen der Asche in der Luft ein Ende mit tagelangem Ausharren am Flughafen nimmt.

Im Felsen schlummernde Elfen

Der Ausbruch sei eine großartige Gelegenheit, die Vulkaninsel in Aktion zu erleben, wird die Tourismusministerin nicht müde zu betonen. Jetzt, genau in diesem Augenblick, erfinde sich Island wieder einmal neu. Und dann sagt sie zwei Sätze, die einen Moment länger als ihre übrigen Worte im Raum stehen bleiben, die traurig stimmen, weil sie einem die Illusion rauben, dass man in Island noch immer den Rest der Welt vergessen kann: "Wir waren vorbereitet auf den Ausbruch, Europa aber war es nicht. Die Sperrung des Luftverkehrs hat gezeigt, dass das globale System viel zu sensibel auf Naturereignisse reagiert." Willkommen Island in der globalisierten Welt.

Wir wollen ihren Insignien den Rücken kehren, verlassen Reykjavík und schlagen den Weg in Richtung der Gletscher und Eyjafjallajökulls ein. Zwölf Stockwerke zählt das höchste Haus auf Reykjavík, das auch das höchste von ganz Island ist. Man ist dort stolz darauf, drei dieser Häuser zu haben. Doch gegen die mächtige Bergkulisse am Horizont kommen sie nicht an. Bald ist der Elfenstein passiert, die Straße schlägt um ihn einen eleganten Bogen: Bei ihrem Bau hatten Straßenarbeiter tagelang versucht, den für isländische Verhältnisse recht kleinen Stein durch Sprengungen aus den Weg zu räumen; doch immer wieder waren dabei schwere Unfälle passiert. Dann erschien eines Tages ein Bauer an der Absperrung und verkündete, ihm seien im Traum Elfen erschienen, deren Wohnort ebenjener Felsblock sei. Um diese nicht weiterhin zu stören, wurde daraufhin die Straße mit einer Kurve um den Stein gelenkt - in Island respektiert man die Natur und die in ihr lebenden Wesen.

Magma unter den Füßen

Es geht durch einen Tunnel unter dem Meer hindurch, seine grobgehauenen Wände sehen aus, als hätten ihn Zwerge in den Fels geschlagen. Wasserleitungen, in Stein gefasst, tauchen neben der Straße auf, in ihnen führt man heißes Quellwasser aus Deildartunga der Hauptstadt zu. Früher, als die Isolierung der Leitungen noch schlechter war und die abstrahlende Wärme im Winter den daraufliegenden Schnee zum Schmelzen brachte, nutzten Kinder sie als Wanderweg. Der Busfahrer schaltet das Radio ein: "Der Ascheausstoß Eyjafjallajökulls hat sich um das Zwanzigfache verringert, die Säule steigt steil in den Himmel. Katla zeigt keinerlei Veränderungen." Die Stimme des Radiosprechers klingt gelassen, gespannt blicken wir aus dem Fenster. Doch noch ist nichts zu sehen.

Die heiße Quelle von Deildartunga dagegen kündigt sich schon aus der Ferne an, mit einer riesigen Dampfsäule. "Rauch", sagten die ersten Siedler, als sie im neunten Jahrhundert von ihren Schiffen aus zum ersten Mal die weißen Schwaden erblickten. Vulkane, Lava - das alles kannten die aus Norwegen eingewanderten Menschen aus ihrer Heimat nicht. Auch keine heißen Quellen. Jene vor uns soll die größte in ganz Europa sein. Bis zum Bankencrash schwärmten die Isländer von ihr als der größten Thermalquelle der Welt. Seit dem Zusammenbruch jedoch ist man vorsichtig mit Superlativen. Es gluckst, es sprudelt, beißender Schwefelgeruch liegt in der Luft; pro Sekunde werden einhundertachtzig Liter siedendes Wasser an die Oberfläche gedrückt, erhitzt durch Magma, das hier nur fünf bis sechs Kilometer unter der Erde fließt. An diesem Flecken Islands ist ihre Kruste besonders dünn.

Schock über Zusammenbruch

Vor Hunderten, vielleicht Tausenden von Jahren hat das Wasser sich von den Gletschern aus auf den Weg in den Boden gemacht, sickerte durch erkaltete Lavaströme, vermischte sich mit Quellwasser zu einem ruhig dahinfließenden, unterirdischen Bach. Laut zischend ergießt es sich jetzt über grünbemoosten Steinen, ganz so, als sei es ganz und gar nicht einverstanden mit der Welt, in die man es zurückgezwungen hat. Das, was es sieht, dürfte ihm nicht gefallen: 8,5 Prozent Arbeitslose zählt das Land. Statt mit Eis kämpfen die Isländer derzeit mit einem riesigen Schuldenberg. Groß war deshalb der Jubel in den isländischen Zeitungen, als kürzlich der Deutsche Bundestag die Aufnahme von EU-Beitrittsverhandlungen mit der Insel erwog. Zwar wünscht sich nur eine Minderheit der Isländer eine verbindliche Anknüpfung an den Kontinent - wir sind zu klein, Europa wird unsere Sprache und Kultur verschlingen, sagen die Skeptiker, dennoch war die deutsche Debatte Balsam für das angekratzte isländische Selbstbewusstsein. Denn kaum hatte das Land den Schock über den Zusammenbruch der Banken überwunden, brach das weltweite Murren über die Aschewolke aus, und wegen der gestrichenen Flüge drohten Island weitere wirtschaftliche Verluste. Zur Zeit der ersten Siedler glaubten die Menschen, dass man Silber, das man vor dem Tod selbst vergräbt, mit ins Jenseits nehmen kann. Niemand weiß, wie viele Schätze noch in der isländischen Erde ruhen. Gerade jetzt mag sich so mancher Isländer wünschen, einen dieser Schätze zu bergen.

Diejenigen, die sie vergruben, waren rauhe, unabhängige und stolze Gesellen; Bauern, die wegen Zwistigkeiten aus Norwegen geflüchtet waren oder weil es für sie dort nicht genügend Ackerland gab. "Snaeland", Schneeland, nannten sie aus naheliegenden Gründen die Insel zunächst; erst später setzte sich "Island", Eisland, als Bezeichnung durch. Glaubt man den isländischen Sagas, in denen der damalige Alltag wie in einer Art Familienchronik festgehalten ist, dann war das Leben der Siedler ein Überlebenskampf, geprägt von Prügeleien, tragischen Todesfällen und Fehden - jeder Bauer hatte eine Axt im Schrank, die beileibe nicht nur gegen Bäume zum Einsatz kam. Bei der Ankunft der ersten norwegischen Schiffe bedeckten noch Birkenwälder ein Viertel der Insel, doch für den Flottenbau, für ihre Raubzüge, bei denen sie von fremden Ufern vieles, aus englischen Gefilden aber vor allem schöne Frauen stahlen, so dass es deshalb heute in Großbritannien keine schönen Frauen mehr gibt, wie Isländer gerne witzeln, brauchten die Wikinger Holz. Innerhalb von dreihundert Jahren zogen sie das Land deshalb bis auf die Felsen aus. So gründlich, dass sich junge Isländer, die es heute nach dem Schulabschluss meistens in die Fremde zieht, dort vor allem über die vielen Bäume wundern.

Natterngift bei Erdbeben

Mit den Launen der isländischen Natur hatten sich die Siedler schnell arrangiert, was sie nicht selbst erklären konnten, erklärten sie sich mit dem Treiben der Götter. Wenn etwa die Erde bebte, dann hieß es: Jetzt ist wieder Natterngift in Lokis Antlitz getropft. Denn für Loki, den Mörder von Sonnengott Baldur, hatten sich die Götter eine besonders schwere Strafe ausgedacht: Sie schmiedeten ihn in einer Höhle an und befestigten über seinem Kopf eine Natter, deren Gift Loki bis in alle Ewigkeit quälen soll. Doch Sigyn, Lokis Ehefrau, hat sich neben den Gefangenen gesetzt und fängt das Gift in einer Schale auf. Nur wenn sie hinausgeht, um diese auszuleeren, kann das Gift auf die Haut ihres Gatten tropfen. Dann jedoch wird Loki jedes Mal von einem solch furchtbaren Schmerz gequält, dass nicht nur er, sondern auch die Erde erzittert.

Das Deuten von Naturerscheinungen überlässt man in Island heute der Wissenschaft - was man über Vulkanologie wissen muss, lernen die Kinder im Erdkundeunterricht. Die Gelassenheit angesichts von Vulkanen und Erdbeben ist den Menschen aber geblieben. Der Typus des verschrobenen Naturburschen, für den Vulkane und die bis zu sechzehn Millionen Jahre alten Steine noch immer die Wohnstätten mythologischer Wesen sind, ist auf Island inzwischen eine Seltenheit.

Urenkel des Hexenmeisters

Einen finden wir aber, nahe des Örtchens Husafell. „Asche, welche Asche?&“, fragt Páll Gudmundsson und blickt zu den Bergen, zwischen denen weiß ein Gletscher leuchtet. „Ich sehe nichts. Da ist doch alles hell, als hätte gerade eben jemand den Berg gewaschen“, sagt er sanft und wendet sich wieder seinen Steinen zu. Helle, weiche Töne schweben durch den Raum, als die mit Garn umwickelten Klöppel sie berühren. Es ist eine eigentümliche Melodie; die Steine singen, als hätte der Bildhauer in ihnen tatsächlich die Elfen zum Leben erweckt. Steinharfe nennt Gudmundsson das Instrument, das aussieht wie ein riesiges Xylophon. Die Klangstäbe sind nicht aus Holz, sondern aus unbearbeiteten Liparit-Platten zusammengestellt. Gudmundsson hat sie in den Bergen gesammelt, in deren Talkessel der Hof seiner Familie liegt.

Seit dem achtzehnten Jahrhundert lebt sie dort; einer der Vorfahren von Gudmundsson soll ein großer Hexenmeister namens Snorebirnson gewesen sein. Ein wenig magisches Talent scheint auch in Gudmundssons Adern zu fließen: Fragt man ihn nach den in Felsbrocken gemeißelten Frauen- und Männergesichtern, die aufmerksam von den Regalen des Ateliers auf die Zuhörer blicken, dann lächelt er: Die seien schon im Stein gewesen, er hätte ihnen nur geholfen herauszukommen. Von seinem Vorfahren Snorebirnson wird erzählt, er habe einmal einen Wal, der in einem Fjord zahlreiche Schiffe zum Kentern brachte, mit Zaubersprüchen wieder ins offene Meer geleitet. Doch von Beschwörungsformeln will Páll Gudmundsson nichts hören. Vor allem nicht, wenn es um Eyjafjallajökull geht. „Vulkane sind hier schon immer ausgebrochen, das gehört einfach dazu“, sagt er und verabschiedet sich mit einem festen Händedruck.

Drachenschwanz im Himmel

„Noch ist kein Ende des Ausbruchs absehbar. Die Asche wird jedoch immer gröber und fällt nur noch in der Nähe des Vulkans zu Boden", sagt der Sprecher im Radio. Wir nähern uns der Südküste und damit dem Vulkan. Doch noch ist Eyjafjallajökull nicht in Sicht. Kleine Höfe mit roten Dächern strecken sich wie Katzen in der Sonne. Auf einer gelben Wiese steht ein Islandpferd und lauscht der Stille, vom Grollen des Vulkans ist nichts zu hören. Es geht um einen schroffen nackten Berg herum, vor uns liegt jetzt eine schnurgerade Straße. Wildgänse grasen rechts und links - normalerweise bevorzugen sie die Wiesen in größeren Höhen. Und dann sehen wir sie: Eyjafjallajökull, der Fluch für Flugzeuge und Piloten, die neue Königin unter den isländischen Vulkanen. Wie eine schräg abgeflachte Sahnetorte sieht sie aus, verschämt wie ein junges Mädchen, hat der Millionen Jahre alte Vulkan seine Spitze in der Aschewolke versteckt. Gebogen wie ein mächtiger schwarzer Drachenschwanz steigt sie in den Himmel. Und dennoch ist es ein friedliches Bild.

Eine Brücke führt uns über den Fluss Markarfjölt, in den sich nach Ausbruch des Vulkans die Gletscherflut ergoss. Schwarzer Schlick und schlammige Schuttberge säumen seine Ufer, das Wasser ist von einer grauen Farbe. Auf einmal kann man sich vorstellen, mit welch brachialer Kraft sich Eyjafjallajökull von ihrem Mantel aus Eis und Schnee befreite und wie das Wasser von dem Gletscher geschossen kam - die Brücke konnte nur gerettet werden, weil man rechts und links von ihr die Straße aufriss, damit das Wasser vorbeifließen konnte. Als es wieder sank, blieben in dem Flussbett kleine schwarze Geröllinseln zurück, übersät mit Eisbrocken groß wie Eier. Hinter dem Fluss erreichen wir die sogenannte Krisenzone, sie ist ein dünnbesiedelter, dreißig Kilometer langer und nur anderthalb Kilometer breiter Streifen. Insgesamt wurden aus ihm etwa achthundert Menschen evakuiert. Die Nachricht erreichte die Menschen früh am Morgen des 14. April per SMS: „;Der Ausbruch von Eyjafjallajökull hat begonnen. Bitte evakuieren zu den nächsten öffentlichen Hilfsstellen.“

Geordneter Rückzug

Auch Gudmundar Vidarson hat die Nachricht bekommen. Er ist ein Isländer aus dem Bilderbuch: groß, breit und schweigsam. Sein Hof liegt direkt am Fuße des Vulkans, seit dreihundert Jahren schon. Ein hübsches kleines Haus, eine Kapelle und ein großer Pferdestall. Die schwarze Asche, die sich fünf Zentimeter hoch auf all das legte, hat er längst schon wieder weggeräumt; die Regenrinne musste er dafür auseinanderschrauben, die Asche in ihr war hart wie Beton. Nachtschwarz sei es an dem Morgen des Ausbruchs auf einmal geworden, so dass er vom Fenster aus nicht einmal mehr den Pferdestall habe erkennen können, erzählt der Bauer. Siebenhundertfünfzig Tonnen Asche spuckte Eyjafjallajökull da pro Sekunde. Also packte Gudmundar Vidarson seine beiden Hunde, die Frau und Kinder in das Auto und fuhr mit ihnen davon. „Wir haben das ja vorher oft genug geprobt“, brummt er. Ja, der Hund sei am Abend zuvor ein wenig unruhig gewesen, und nein, die Pferde, einhundertvierzig hat er insgesamt, hätten keinerlei Nervosität gezeigt. Ob er nie daran gedacht hat, vom Fuße des Vulkans wegzuziehen? Gudmundar Vidarson blickt ein wenig verständnislos und sagt dann: „Wieso sollte ich? Bisher ist noch niemand wegen des Vulkans gestorben. In Deutschland fahren die Menschen doch viel auf der Autobahn, das ist viel gefährlicher als so ein Vulkan.“

Gudmundar Vidarson verschwindet wieder in der Eingangstür und kehrt mit einer Flasche Schnaps zurück. Auf der Kühlerhaube seines Jeeps verteilt er eine Batterie von Gläsern. Beim zweiten Schluck fängt er zu plaudern an. Gudmundar Vidarson erzählt von seinem ersten Vulkanausbruch, er war damals gerade neun Jahre alt. Wunderschön sei das gewesen, wunderschön. Im Schlafanzug sei er mit seinem Vater am Fenster gestanden und habe sich über den roten Horizont gefreut. „Es war ein unvergessliches Erlebnis.“ Wie zur Bestätigung lässt Eyjafjallajökull plötzlich ein tiefes Grollen ertönen. Es klingt mächtig, aber irgendwie nicht unfreundlich.

Informationen: Mehrmals wöchentlich fliegt Icelandair nach Island, im Internet unter www.icelandair.de. Über Reisemöglichkeiten im Land gibt Visit Iceland Auskunft, Rauchstraße 1, 10787 Berlin, Telefon: 030/50504200. Auf dem Pferdehof von Gudmundar Vidarson kann man übernachten und Reiterferien verbringen, Informationen im Internet unter www.skalakot.com.

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Jahrgang 1975, Redakteurin im Feuilleton.

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