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Im Gespräch: Margrit Kennedy „Geld kann nicht für uns arbeiten“

07.11.2008 ·  Die Versuche, die Finanzkrise zu beheben, setzen nicht an den Ursachen an, kritisiert die Wissenschaftlerin Margrit Kenney. Sie fordert stattdessen einen stärkeren Gleichlauf des Geldsystems und der Realwirtschaft. Dadurch sollen auch unternehmerische Beteiligungen wie Aktien statt Zinsen gefördert werden.

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Die Versuche, die Finanzkrise zu beheben, setzen nicht an den Ursachen an, kritisiert die Wissenschaftlerin Margrit Kenney. Sie fordert stattdessen einen stärkeren Gleichlauf des Geldsystems und der Realwirtschaft. Dadurch sollen auch unternehmerische Beteiligungen wie Aktien statt Zinsen gefördert werden.

Frau Professor Kennedy, die Finanzkrise scheint sich wieder zu verstärken. Wie beurteilen Sie die Lösungen, die in Angriff genommen werden, um aus dieser Krise herauszukommen?

Ich stehe den praktizierten Lösungsversuchen kritisch gegenüber. Sie beheben nicht die Ursachen, sondern schieben eine systemische Lösung, die an den Wurzeln des Problems ansetzt, nur hinaus und sie werden langfristig eher zusätzliche Probleme sozialer und wirtschaftlicher Art schaffen. Grundsätzlich ist es vernünftig, wenn der Staat in dieser Situation den Banken aus der Klemme hilft. Aber das grundsätzliche Problem besteht darin, dass sich die Finanzwirtschaft viel zu weit von der Realwirtschaft entfernt hat. Zwischen 1950 und dem Jahr 2000 ist die Realwirtschaft um den Faktor 7 gewachsen, die Finanzwirtschaft aber um den Faktor 32. Spekulative Transaktionen im Devisenbereich machen heute 98 Prozent aller Finanztransaktionen aus. Da stimmt einfach etwas nicht.

Was müsste Ihrer Meinung nach getan werden?

Im aktuellen Geldsystem ergänzen sich der Zins und die Inflation bestens, um den Geldkreislauf in Gang zu halten. Der führt jedoch zwangsläufig zu Instabilität. Denn durch den Zinseszinseffekt folgt das Geld einem exponentiellen Wachstum, was aus mathematischer Notwendigkeit zu Instabilität führen muss. So lange wir das nicht ändern, wird das Weltfinanzsystem instabil bleiben.

Eine Welt ohne Zinsen? Das ist kaum vorstellbar.

Der Zins ist auch nicht das Problem, sondern der Zinseszins. In der Natur hört alles ab einer optimalen Größe auf zu wachsen und geht dann in ein qualitatives Wachstum über. Was die Banken uns versprechen, nämlich dass Geld für uns arbeitet, ist nicht realistisch. Haben Sie schon einmal Geld arbeiten sehen? Ich nicht. Das Zinseszinssystem führt dazu, dass viele Preise - für Waren und für Wohnungsmieten - zum großen Teil aus Zinsen bestehen.

Was bedeutet das für unser Geldsystem?

Das bedeutet, dass unser Geld in regelmäßigen Abständen kollabieren muss, denn die Realwirtschaft kann ab einer bestimmten Größe nicht mehr mithalten. Eine Stabilisierung des Finanzsystems ließe sich beispielsweise durch die Erhebung einer Liquiditätsabgabe erreichen. Je länger jemand Bar- oder Giralgeld hält, desto mehr verliert es an Wert. Dadurch wird ein Anreiz geschaffen, Geld auch bei einem Zinsniveau langfristiger Sparanlagen um Null Prozent dem produktiven Kreislauf zuzuführen, wenn man es nicht für Konsum ausgeben möchte. So könnte der Zinssatz für langfristige Sparanlagen und Kredite marktmäßig auf das Niveau des realen Wirtschaftswachstums absinken. Die Allokationsfunktion des Zinses bliebe erhalten, seine Umlaufsicherungsfunktion jedoch würde eine Liquiditätsabgabe übernehmen.

Welche Lösungen schlagen Sie vor?

In der Natur herrschen immer zwei Prinzipien, welche Nachhaltigkeit garantieren: Effizienz und Vielfalt. Unser heutiges Finanzsystem ist sehr effizient, man kann es sich kaum effizienter vorstellen. Aber es fehlt ihm die Vielfalt. Und dadurch wird es instabil. Und es kennt nur ein Ziel, aus Geld mehr Geld zu machen. Deshalb brauchen wir zusätzliche Geldsysteme, die auch andere Ziele unterstützen.

Ihre Folgerungen klingen sehr utopisch.

Sie sind es aber nicht. Das islamische Finanzwesen praktiziert bereits das Ziel, Geld möglichst ohne Reibungsverluste produktiven Zwecken zuzuführen und den Zinseszins zu vermeiden. Ich merke, dass immer weniger Menschen solche Vorschläge für utopisch halten, und zunehmend mehr zuhören. Nehmen Sie zum Beispiel die Initiativen, mit denen durch Regionalwährungen die regionale Wirtschaft in Deutschland gestärkt wird. Mittlerweile gibt es 27 solcher Regionalwährungen in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Andere komplementäre Währungen, die zinsfrei arbeiten, stärken Gesundheit, Bildung, kleine und mittlere Unternehmen, die Versorgung älterer Menschen und andere Ziele.

Welchen Vorteil haben solche Währungen für die Wirtschaft?

Auf diese Weise wird vermieden, dass sich das Wachstum des Geldsystems völlig von dem der Realwirtschaft abkoppelt und zu diesen krisenhaften Zusammenbrüchen führt. Indem Geld möglichst rasch in unternehmerische Investitionen fließt, merkt man schneller, wann eine natürliche Grenze für finanzielle Investitionen erreicht ist. Dadurch, dass wir diese Grenze weit überschritten haben, wurde diese beispiellose Finanzkrise ausgelöst. Sie ist mittlerweile in ihre zweite Phase eingetreten. Die Banken müssen ihre Kredite verknappen. Das trifft die Unternehmen und dann auch die Steuereinnahmen der Staaten. Wir kommen in eine Abwärtsspirale, von der niemand weiß, wo sie enden wird.

Was schlagen Sie vor?

Nutzen wir verstärkt komplementäre Geldsysteme um herauszufinden, wieweit wir mit anderen Umlaufsicherungen und Geldentwürfen kommen. In der Schweiz gibt es seit vielen Jahren eine Selbsthilfeorganisation von Geschäftsleuten, die zusammen die WIR-Bank betreiben. Im Prinzip funktioniert diese wie eine normale Bank, nur dass sie zusätzlich eine eigene Währung, den WIR-Franken, herausgibt, wobei sich Geschäftsleute untereinander Geld leihen. Ich wünsche mir solche Initiativen auch für die Unternehmen in der Europäischen Union. Denn solche komplementären Systeme funktionieren besonders in schlechten Zeiten gut. Und dadurch kann unser gesamtes Geldsystem stabiler werden.

Margrit Kennedy und die ökonomischen Grundlagen ihrer Arbeit

Professor Dr. Margrit Kennedy wurde 1939 in Chemnitz geboren und arbeitet seit vielen Jahren über das Thema Geld und Regionalwährungen. So baut sie derzeit das Netzwerk Regiogeld auf. So gibt es derzeit mehr als 30 regionale Komplementärwährungen in Deutschland.

Das Konzept beruht auf einem Konzept des 1930 verstorbenen deutschen Ökonomen Silvio Gesell, der es für ökonomisch nachteilig hielt, wenn die Geldfunktion der Wertaufbewahrung mit der Funktion als Tauschmittel vermischt wird wie es im aktuellen Geldsystem der Fall ist.

Geld sollte Gesell zufolge so dosiert werden, dass seine Kaufkraft und damit auch die Preise stabil bleiben. Dazu entwickelte er das Konzept des umlaufgesicherten Geldes, einer Steuer auf Liquidität. Dieses Schwundgeld oder Freigeld sollte mit einer zeitabhängigen Nutzungsgebühr behaftet werden. Dadurch soll ein Anreiz für den Besitzer von Geld geschaffen werden, es nicht zu horten, sondern rasch weiter zu geben - durch Konsum oder durch Investition. Solche Geldsysteme gab es immer wieder in der Geschichte.

Umlaufgesichertes Geld ist nicht zu verwechseln mit Inflation. Zwar verliert auch Freigeld wie inflationiertes Geld mit der Zeit an Kaufkraft. Doch die Währung selbst und die darin ausgedrückten Werte bleiben stabil. Das bekannte Märchen „Momo“ von Michael Ende beruht zum Teil auf der Freigeldtheorie.


Quelle: Das Gespräch führte Christian von Hiller
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