07.03.2009 · Anne T. ist das Pseudonym einer Frau, die zehn Jahre als Derivatebrokerin gearbeitet hat. In ihrem Buch schreibt sie über die grenzenlose Gier nach den Boni, die Lust am Risiko und die Exzesse der Branche.
Anne T. ist das Pseudonym einer Frau, die zehn Jahre als Derivatebrokerin gearbeitet hat. Ihrer Meinung nach hat die Branche nur funktioniert, weil die Gier nach den Boni in den Banken gefördert wurde. Ihre Erfahrungen hat sie in einem Buch niedergeschrieben.
Der Titel Ihres Buches "Die Gier war grenzenlos" legt die Schlussfolgerung nahe, dass die Zeit der Gier vorbei ist. Banker, die ihre Boni einklagen, obwohl sie Milliarden verzockt haben, lassen jedoch etwas anderes vermuten . . .
Die Gier ist eine grundlegende menschliche Eigenschaft, die schon in der Bibel gegeißelt wird. Es wird sie immer geben. Im Investmentbanking ist sie aber besonders ausgeprägt, weil sich dort sehr schnell sehr viel Geld verdienen lässt. Im Moment sind die gestrichenen Boni das Thema, das die Investmentbanker am meisten umtreibt. Jeder fragt sich, wie er unter den gegebenen Umständen noch das Beste für sich herausholen kann.
Gibt es da keine Schuldgefühle?
Nein. Wir haben unseren Job gemacht und getan, was die Vorstände von uns verlangt haben. Der einzelne Banker sieht sich nur als kleines Rädchen innerhalb des Systems. Aus Schuldgefühlen wird niemand auf seinen Bonus verzichten.
Sind die Anreizsysteme in den Banken der Grund dafür, dass die Investmentbanker diese unüberschaubaren Risiken eingegangen sind?
Das ganze System hat nur funktioniert, weil jeder Neuankömmling von Anfang an darauf getrimmt wurde, Geld über alles andere zu stellen. Die Sucht, Geld zu verdienen, gehört in den Handelsräumen zur Kultur und wird von den Chefs gefördert.
Warum?
Je süchtiger der einzelne Banker nach Geld ist, desto mehr wird er versuchen, für seinen Arbeitgeber einen möglichst hohen Gewinn einzufahren, denn danach bemisst sich sein Bonus. Je mehr Risiken er eingeht, desto höher fällt der potentielle Gewinn aus - und damit auch sein Gehalt. Der Kampf um die Boni ist alles, was für einen Investmentbanker zählt, das ist wie ein Sport.
Aber gibt es nicht Ärger, wenn einmal etwas schiefgeht?
Die Fluktuation bei diesen Jobs ist hoch. Wer den Arbeitgeber wechselt, nimmt das Geld mit und lässt die Risiken bei der Bank - oder beim Kunden.
Ist die Ära des Investmentbankings nun vorbei?
Ich denke, dass wir diese Exzesse erst einmal nicht mehr sehen werden, auch strukturell ändert sich zur Zeit in der Bankenlandschaft ja einiges. Aber ich bin mir sicher, dass findige Leute schon bald wieder anfangen werden, neue Produkte zu konstruieren, mit denen sich viel Geld verdienen lässt. Schließlich ging es nach dem Platzen der Junk-Bond-Blase in den achtziger Jahren und dem Platzen der New Economy in diesem Jahrtausend auch schon bald wieder los.
Würde mehr Regulierung helfen, solche Exzesse in Zukunft zu verhindern?
Vielleicht nicht unbedingt mehr Regulierung, aber zumindest eine bessere. Das interne Risikomanagement sollte bei der Modellentwicklung noch sorgfältiger vorgehen, auf globaler Ebene müssen die ineinander verflochtenen Risiken gesammelt und besser verstanden werden. Auch die Aufsichtsbehörden haben vieles einfach durchgewinkt; teilweise vielleicht auch, weil sie die komplexen Produkte gar nicht verstanden haben.
Haben Sie Ihren Entschluss, den Job aufzugeben, schon einmal bereut?
Nein, diese Entscheidung war richtig. Ich bereue jedoch nicht, was ich in den letzten zehn Jahren erlebt habe. Denn das Geschäft ist unglaublich faszinierend und abstoßend zugleich. Nichts ist dem Adrenalinstoß zu vergleichen, den man spürt, wenn man gerade einen großen Deal abgeschlossen hat. Das ist wie Extremsport.
Was hat Sie darüber hinaus an diesem Beruf gereizt?
Im Investmentbanking haben die Derivatebroker zur Elite gehört, weil sie mit den komplexesten Produkten zu tun hatten. Ich fand es toll, zum Kreis dieser Finanzelite zu gehören, die in der Woche mit Millionen handelt. Verantwortung für so viel Geld zu haben verleiht einem ein unglaubliches Machtgefühl. Auch der luxuriöse Lebensstil trägt dazu bei, dass man sich schnell zur Gewinner-Elite zählt. Außerdem lässt der Job sehr viel Freiheit. Bei der Wahl der Strategie, wie man Geld verdienen will, sind der Phantasie fast keine Grenzen gesetzt.
Hatten Sie denn keine Schuldgefühle, wenn Sie institutionellen Anlegern hochspekulative Produkte verkauft haben, als wären es Sparbücher?
Nein. Wir haben ja nur die Vorgaben des Vorstands umgesetzt. Ich fand es allerdings unglaublich, wie sehr die Privatanleger ausgenommen wurden. Das lag vor allem an der Provisionsstruktur. Ich habe meinen Bekannten immer geraten, die Finger von solchen konstruierten Finanzprodukten zu lassen.
Wie war die Atmosphäre in den Handelsräumen?
Der Umgangston ist sehr rauh, keiner hält sich mit Höflichkeiten auf. Dafür bleibt einfach keine Zeit. Wenn nichts los ist, ist die Stimmung locker, es werden viele dumme Sprüche gerissen, die meisten davon sind entweder sexistisch oder zumindest zynisch. Aber wenn etwas Wichtiges passiert, muss man sich auf den Punkt konzentrieren können. Wer dann nicht schnell umschalten und unter hohem Druck Entscheidungen treffen kann, ist dort fehl am Platz.
Und wer das nicht schafft . . .
... ist ganz schnell draußen. Der Konkurrenzdruck ist sehr hoch, Solidarität unter Kollegen gibt es kaum. Es ist extrem wichtig, dass man seine Gefühle ausschalten kann. Man darf bei dem Gedanken, dass ein falsch gesetztes Komma der Bank einen Millionenverlust bescheren könnte, nicht in Panik geraten.
In dem Buch schreiben Sie: "Investmentbanker sind verlogene, arrogante Selbstdarsteller, die ihre Liebe zum Geld über alles andere stellen und sich selbst verkaufen." Ist das nicht sehr verallgemeinert?
Vielleicht trifft das nicht auf jeden Investmentbanker gleichermaßen zu, aber die Richtung stimmt. Die Verlogenheit zeigt sich vor allem gegenüber den Kunden. Man spielt ihnen Interesse vor und heuchelt Freundschaft und Verantwortungsgefühl, dabei geht es nur darum, ihnen möglichst viel Geld aus der Tasche zu ziehen. Nach außen geben die meisten den seriösen, verantwortungsvollen Banker, dabei geht es allen nur um die Kohle.
"Tarnung ist alles" lassen Sie eine Kollegin in dem Buch sagen. Färbt die emotionale Härte auch auf das Privatleben ab?
Ja. Man neigt dazu, sich auf Menschen zu konzentrieren, die sich ebenso wenig mit Kleinigkeiten aufhalten wie man selbst und im gleichen Umfeld arbeiten.
Sie sind vor dem Lehman-Crash ausgestiegen. Haben Sie damit gerechnet, dass diese Blase platzen würde?
Wir haben gewusst, dass die Politik des billigen Geldes in Amerika problematisch ist und dass die Preissteigerungen auf dem amerikanischen Immobilienmarkt nicht ewig anhalten werden. Aber mit einer Krise dieses Ausmaßes hat keiner gerechnet.
Warum sind Sie dann ausgestiegen?
Zum einen war der Glamourfaktor nach den Jahren ausgereizt. Vor allem wollte ich aber nicht mehr in einem Job arbeiten, in dem Geld der einzige Maßstab ist.
Und was machen Sie jetzt?
Ich arbeite immer noch in der Finanzbranche, aber nicht mehr als Brokerin. Vor allem trinke ich in meinem jetzigen Job sehr viel weniger Alkohol als früher.
Das Gespräch führte Judith Lembke.
Scheinheilig
Sebastian Mueller (Sebastianms)
- 07.03.2009, 14:26 Uhr
Auch die Politik ist da nicht ganz unschuldig
Dieter Wundrak (wundi)
- 07.03.2009, 15:26 Uhr
Das Problem ist die Politik - nicht der Trader
Harald Franz (HaraldFranz)
- 07.03.2009, 19:15 Uhr
Ich kann mich Herrn Mueller nur anschließen...
Dennis Kran (DennisKran)
- 07.03.2009, 19:42 Uhr
Wenn das Buch VOR dem großen Finanzcrash geschrieben worden wäre ...
K. Peter Luecke (microplan2002)
- 07.03.2009, 20:18 Uhr