17.04.2008 · Wer mit dem Internet zu tun hatte und von Wachstumsperspektiven redete, konnte sein Unternehmen an der Börse brillant verkaufen. In den Jahren 1998 bis 2000 sorgte das Schlagwort „New Economy“ für Faszination unter den Anlegern. Zahlreiche Millionäre und Milliardäre wurden für kurze Zeit geschaffen. Das meiste war nur ein schöner Traum.
Von Daniel MohrThyssen-Krupp gleich EM.TV. Dieses Ergebnis brachte der Börsenhandel am 14. Februar 2000. Beiden Unternehmen wurde ein Marktwert von knapp 14 Milliarden Euro zugemessen. Auf der einen Seite der Börsengleichung ein Stahlriese aus dem Ruhrgebiet mit fast 200.000 Mitarbeitern, 32 Milliarden Euro Jahresumsatz 1999 und einer Dividendenausschüttung von 368 Millionen Euro. Auf der anderen Seite der Gleichung ein Münchner Filmrechtehändler mit nur einem Umsatz von 320 Millionen Euro, aber der Ankündigung der Gebrüder Thomas und Florian Haffa, binnen weniger Jahre die Umsätze zu vervielfachen und Milliardengewinne zu erzielen.
Die Börsianer waren in den Monaten bis zum Frühjahr 2000 endgültig und komplett der Vision der Welt der „New Economy“ erlegen. Solide wirtschaftende Unternehmen der „Old Economy“ mit umfangreichem Eigentum an Produktionsstätten und Patenten wurden links liegengelassen. Zu langweilig und vor allem zu langsam ließ sich hier Geld verdienen.
Die Lemminge wollten nicht zusehen
Sehr viel mehr Charme hatten die Ankündigungen zahlreicher junger Unternehmensführer, mit dem Zaubermedium Internet zwar aktuell noch kein Geld zu verdienen, auf Basis bunter Power-Point-Business-Pläne aber immense Umsatzsteigerungen mit traumhaften Umsatzrenditen erzielen zu können. In den kleinen Unternehmen des im Jahr 1997 geschaffenen Börsensegmentes Neuer Markt reichten wenige „Gläubige“ der Wachstumsgeschichten aus, um die Aktienkurse steigen zu lassen.
Das fand Interesse bei anderen Anlegern. Schließlich wird an der Börse nichts schlimmer empfunden, als anderen tatenlos bei der Geldvermehrung zuzusehen. Wie die Lemminge marschierten die Marktteilnehmer mit ihrem Kapital in alles, was mit Internet, Computern und Mobiltelefonen zu tun hatte. Folglich stiegen die Kurse und noch mehr Anleger wurden angelockt und sprangen auf den Zug auf.
„New Economy“ und Mehr
Aber auch die Unternehmer wurden hellhörig. Die Börse empfing jedes Unternehmen der „New Economy“ mit offenen Armen. So leicht ließ sich selten Kapital beschaffen - für das weitere Wachstum der Unternehmen wie auch für die Gründer selbst. Bis zum Jahresende 1999 kletterte die Zahl der am Neuen Markt notierten Aktiengesellschaften auf mehr als 200. Die Marktkapitalisierung stieg auf 111 Milliarden Euro. Binnen der nächsten drei Monate sollte sie sich nochmals mehr als verdoppeln.
Die Euphorie blieb aber längst nicht auf den Neuen Markt beschränkt. Die Höhenflüge des Deutschen Aktienindex Dax in dieser Zeit basierten fast nur auf vier Unternehmen - natürlich mit Bezug zur „New Economy“: Siemens, Mannesmann, SAP und Deutsche Telekom.
Zum Höhepunkt der Euphorie brachte Siemens seine Tochtergesellschaft Infineon - befasst mit der Herstellung von Computerchips - an den Markt. Am 13. März 2000 wurden 174 Millionen Aktien zu 35 Euro ausgegeben. „Habe gerade im Depot meiner Freundin 40 Stück Infineon entdeckt“, schrieb ein begeisterter Anleger damals in einem Internetforum. „Bei mir leider keine Aktien, bei Mutter auch nichts.“ Ein anderer freute sich über „geschenktes Geld von der Comdirect! 40 Stück bei nur 70 Zeichnung. Wurde auch Zeit. Viel Glück euch allen bei späteren Emissionen.“
Neuemissionen und Losglück
Die Begeisterung über den Erhalt von Aktien bei einem Börsengang hatte seine guten Gründe. Seit Monaten waren die Börsengänge von Unternehmen aus dem Bereich der „New Economy“ stets eine Garantie für hohe Kursgewinne am ersten Handelstag. Kursverdopplungen waren eher die Regel als die Ausnahme. Selbst der mit 6 Milliarden Euro vergleichsweise große Börsengang von Infineon enttäuschte die Anleger nicht. Der Kurs kletterte gleich am ersten Tag von 35 Euro auf bis zu 85 Euro, mittlerweile kostet eine Aktie nur noch knapp 5 Euro.
Das Zeichnen von Aktien wurde zum Lotteriespiel. Die ausgegebenen Papiere waren vielfach überzeichnet. 5,7 Milliarden Infineon-Aktien hätten verkauft werden können. Nur wenige Anleger bekamen einen Teil ihrer gezeichneten Aktien. Welche Papiere sie da gerade erworben hatten, war bis auf den Namen des Unternehmens meist unbekannt. Es war auch egal, der massenweise Ansturm auf die Aktien sorgte unabhängig aller harten Fakten für das Einzige, was am Ende interessierte: die Rendite. Und die stimmte bis ins Frühjahr 2000 hinein immer.
Das Ende kam schleichend
Zwar gab es warnende Stimmen, sie fanden jedoch kein Gehör. Zu übermächtig war die Allianz aus Banken, Analysten, Medien, Jungunternehmern und begeisterten Anlegern, als dass man sich die neue Form der Geldvermehrung mies machen lassen wollte. Schließlich verdienten alle gut. Die Banken haben niemals so viele Börsengänge aufs Parkett begleiten können. Die Anleger eröffneten zu Millionen neue Depots und zeichneten und kauften Aktien wie nie zuvor. Und die Unternehmer wurden zumindest auf dem Papier binnen weniger Wochen nicht selten zum Milliardär.
Doch der Weg in umgekehrter Richtung ließ nicht lange auf sich warten. Es gab kein konkretes Ereignis, das die traumhafte Geldvermehrung beendete. Es war wohl mehr ein mulmiges Gefühl, das immer mehr Anleger beschlich und zur Vorsicht übergehen ließ. Im Frühjahr 2000 offenbarten immer mehr Unternehmen, dass ihre hochgesteckten Wachstumserwartungen sich bisher noch nicht realisieren ließen. Im Sommer kursierten erste als „Todeslisten“ bezeichnete Papiere mit Unternehmen, die von der Zahlungsunfähigkeit bedroht sein könnten. Schließlich machte die Mehrzahl der Unternehmen der „New Economy“ noch Verluste, einige konnten noch nicht einmal nennenswerte Umsätze aufweisen.
Vom Traum zum Albtraum
Und auch bei den Börsengängen hatte die Euphorie ein Ende. Anleger bekamen plötzlich alle gezeichneten Aktien zugeteilt - oft mehr als sie bezahlen konnten. Was wenige Wochen vorher noch ein Traum war, wurde zum Albtraum. Emissionsgewinne gab es oft kaum noch, und da viele Anleger zumindest einen Teil der großen Menge an Aktien sofort wieder verkaufen mussten, ging es mit den Kursen steil bergab. Wer dies einmal mitgemacht hatte, zeichnete vorerst keine Aktien mehr. Die Zahl der Neuemissionen ebbte stark ab und kam dann für Jahre fast völlig zum Erliegen.
Gerade noch rechtzeitig kam die Deutsche Telekom mit ihrer dritten und besonders umstrittenen Plazierung von Aktien an den Markt. Im Juni 2000 wurden nochmals 200 Millionen Aktien zu je 66,50 Euro insbesondere an Privatanleger ausgegeben. Der Kurs hatte sich zwar schon deutlich von seinem Hoch im März von mehr als 100 Euro entfernt, dennoch konnten sich Unternehmenschef Ron Sommer und auch der deutsche Staat noch über einen guten Preis freuen. Heute notiert die Aktie bei rund 11 Euro.
Comroad und andere Untaten
Vergangene Woche begann der Mammut-Prozess gegen die Telekom vor dem hessischen Oberlandesgericht. Zahlreiche Anleger fühlten sich verschaukelt und bemängeln die Aufklärung über Risiken. Es ist bei weitem nicht der einzige, der sich mit den Vorgängen der damaligen Zeit befasst. Etliche Pläne der Unternehmen entpuppten sich als Luftschlösser, zahlreiche Anleger klagten.
Comroad konnte sogar nachgewiesen werden, dass die Umsätze fast komplett erfunden waren. Der Vorstandsvorsitzende Bodo Schnabel wurde zu sieben Jahren Haft wegen Kursbetrugs, Insiderhandels und gewerbsmäßigem Betrug verurteilt. Nach einer Verfassungsbeschwerde wurde letztlich ein Vergleich erzielt.
Mittlerweile sind mehr als zwei Drittel der einst mehr als 300 Unternehmen am Neuen Markt wieder vom Kurszettel verschwunden. Der Auswahlindex Nemax 50 fiel von fast 10.000 Punkten im März 2000 bis auf 300 Punkte im Herbst 2002. Zahlreiche Unternehmen hatten nur noch Aktienkurse von wenigen Cent. Auch der Dax fiel von mehr als 8000 Punkten im März 2000 auf nur noch 2188 Punkte im März 2003.
Die Überflieger der „New Economy“-Blase wie Siemens, SAP und Telekom haben die alten Höhen bei weitem nicht mehr erreicht. Die Treiber im Dax sind längst andere Unternehmen der „Old Economy“. Thyssen-Krupp wird heute mit 19 Milliarden Euro bewertet, EM.Sport, wie EM.TV mittlerweile heißt, mit 200 Millionen Euro.