28.02.2009 · Aktienkurse sinken. Anleihen werfen niedrige Zinsen ab. Mittelfristig lauert das Inflationsgespenst. Auch Immobilien sind kein Renner. Bleiben nur noch Gold und Kartoffeln? Anleger gehen ungewöhnliche Wege - und bereiten sich auf das Schlimmste vor.
Von Stefan RuhkampZuerst verstehen die Bauern gar nicht, was Doktor Tremmel will. Einen Acker kaufen? Was fängt ein Städter damit an? Kartoffeln gibt es doch im Supermarkt. „Vielleicht nicht mehr lange“, fürchtet Tremmel und gesteht sich eine Sorge ein, die viele Menschen bisher allenfalls in ihrem Unterbewusstsein mit ihm teilen. Vermögen, das in Aktien steckte, hat sich in der Finanz- und Wirtschaftskrise binnen Jahresfrist halbiert. Anleihen werfen mickrige Zinsen ab – und womöglich könnte Inflation den Wert der Papiere mindern. Häuser sind in Deutschland vielerorts unverkäuflich, in Amerika sind sie der Krisenherd.
Was bleibt? Tremmel bereitet sich auf ein Leben als Selbstversorger vor. Mit Gold hat sich der Mittfünfziger längst eingedeckt, weil er dem Euro nicht traut. Aber Gold kann man in der Not nicht essen. Deshalb also der Acker. Tremmel ist alles andere als ein Spinner. Der promovierte Volkswirt arbeitet als Geschäftsführer im Bankwesen. Seinen wahren Namen will er nicht in der Zeitung lesen; seine Ängste könnten seinem Ansehen schaden, befürchtet er.
Großer Ansturm auf das Gold
Auf diese Sorgen haben sich versierte Finanzberater schon eingestellt. Birgit Eichhorn ist für eine Vermögensverwaltung in München tätig, die auf reiche Familien spezialisiert ist. Mehr als einer dieser Kunden sei nun dabei, sich im größeren Stil Land zu kaufen. „Wir halten immer noch einen glimpflichen Ausgang der Krise für wahrscheinlich“, sagt Eichhorn. Deshalb solle der größere Teil des Vermögens auf herkömmliche Art angelegt werden, rät sie ihren Kunden.
Aber es könne eben auch anders kommen. Und für diesen Fall verschaffen sich Eichhorns Mandanten eine Art Versicherung. Gold zählt zur Grundausstattung, und nun beginnen sie damit, landwirtschaftliche Flächen zu erwerben. Zum Konzept gehört auch der Erwerb von Beteiligungen an regionalen Bäckereien und Metzgerei-Betrieben, um im Krisenfall die Weiterverarbeitung von Getreide und Fleisch sicherzustellen. Damit könne der Anleger die Ernährung seiner Familie und etwaiger Beschäftigter sicherstellen.
Eine Massenbewegung ist diese Art der Krisenvorsorge bisher sicherlich nicht. Aber wie sehr die Zweifel an der Stabilität des Geldsystems und der Wirtschaft gewachsen sind, kann David Galle an seinem Umsatz sehen. Der Vertriebsleiter des Berliner Münz- und Edelmetallhändlers Taurus beliefert die Pessimisten der Hauptstadt mit krisenfester Währung. Vom Silbertaler für 16 Euro das Stück bis zum Goldbarren für mehr als 12.000 Euro ist alles im Programm. Galle ist auch für ein kleines Ladenlokal verantwortlich, das die Laufkundschaft bedient. „Jetzt in der Krise warten da manchmal schon morgens einige Familien“, berichtet er.
Früher war für den kleinen Laden ein Monatsumsatz von rund 140.000 Euro normal. Im Oktober, nach der Insolvenz der amerikanischen Bank Lehman, schoss der Umsatz auf mehrere Millionen Euro hoch und übersteigt derzeit immer noch die Millionengrenze. Sogar einige Unternehmen decken sich bei Taurus inzwischen mit Gold ein, um auch bei einer weiteren Eskalation der Finanzkrise noch mit harter Währung zahlen zu können. Die privaten Käufer greifen zu, obwohl sie hohe Spannen zwischen An- und Verkauf akzeptieren müssen. Die Rücknahmepreise für die meisten Münzen liegen 15 bis 25 Prozent unter den Verkaufspreisen. Doch davon lassen sich die Krisenkäufer nicht abschrecken.
Drei Schafe für eine Kuh
Woher rührt die Angst? Wir sind an das Mysterium gewöhnt, dass man für bunt bedruckte Papierzettel Brot, ein Auto oder ein Haus kaufen kann. Mancher erwartet als Gegenleistung für Geld sogar Anerkennung, Liebe oder Sicherheit im Leben.
Es lohnt ein Rückblick, wie es dazu gekommen ist: Bevor es Geld gab, musste für jeden Tausch ein Preisverhältnis gefunden werden. Eine Kuh für zwei Schweine. Zwei Schweine für drei Schafe. Drei Schafe für eine Kuh. Kommen mehr Güter und Dienstleistungen hinzu, wird die Zahl der Preisrelationen rasch unüberschaubar, weil für jedes Güterpaar ein Tauschverhältnis gefunden werden muss.
Geldwirtschaft bedeutet Vereinfachung, reduziert sie doch die Preisverhältnisse auf die Anzahl der handelbaren Güter. Obendrein lassen sich Werte leichter verwahren und transportieren. Geld konnte bei unseren Vorfahren so manches sein: Kühe, Pelze, Muscheln, Zigaretten. Besonders begehrt war aber in vielen Kulturen das Edelmetall Gold. Anfangs zahlte man direkt mit Gold, später reichten Zettel, die den Anspruch auf Auszahlung einer bestimmten Menge Goldes begründeten.
Bargeld garantiert keine Ansprüche mehr
Inzwischen geht die Menschheit auf dem Gebiet der Zettelwirtschaft andere Wege. Für die meisten Währungen spielt Gold als Deckung keine wesentliche Rolle mehr. Bargeld muss zwar von jedermann als Zahlungsmittel akzeptiert werden, aber es garantiert keinen Anspruch mehr auf einen bestimmten Gegenstand wie Gold, Muscheln oder Kühe.
Trotzdem halten die meisten Menschen Geld für einen verlässlichen Wertmaßstab, weil sie darauf vertrauen, dass die Zahl der Zettel in einem gesunden Verhältnis zur Menge der produzierten Güter und Dienstleistungen steht.
Doch dieses Vertrauen wird nun auf mehrere Arten erschüttert. Viele Banken haben riesige Summen für windige Geschäfte verliehen. Fließt dieses Geld nicht zurück, droht den Banken die Insolvenz – und dass sie ihre Verpflichtungen gegenüber ihren Gläubigern, zum Beispiel den Sparern nicht erfüllen können.
Im Herbst vergangenen Jahres drohte deshalb für kurze Zeit ein Ansturm der Gläubiger auf schwache Banken. Bundeskanzlerin Angela Merkel entschärfte die Situation, in dem sie für alle Einlagen privater Kunden bei deutschen Banken eine staatliche Garantie aussprach. Zudem kündigten die Regierungen aller großen westlichen Staaten an, keine systemnotwendige Bank untergehen zu lassen.
Staatsbankrotte erscheinen möglich
Doch um die Rettungspakete für die Banken zu finanzieren, müssen die Staaten noch mehr Schulden auf sich nehmen, oft zwei- und dreistellige Milliardenbeträge in bis vor kurzem unvorstellbaren Größenordnungen. Für einige Länder – insbesondere solche, die schon zuvor stark auf Kapitalzuflüsse aus dem Ausland angewiesen waren – ist die Schuldenlast nun so groß geworden, dass ein Staatsbankrott möglich erscheint. Neue Schulden können sie nur machen, wenn sie hohe Risikoprämien zahlen.
Um die Dimensionen zu verdeutlichen: Der irische Staat muss in diesem Jahr rund ein Viertel seines Haushalts mit Schulden finanzieren. Die amerikanische Regierung hat schon für knapp 2000 Milliarden Dollar Anteile an Unternehmen und Banken gekauft oder ihnen Kredite gegeben. Weitere 5000 Milliarden Dollar sind in Aussicht gestellt. Die amerikanische Notenbank Fed hat bereits ihre Bilanzsumme verdoppelt. Sie schafft also zusätzliches Geld. Mit anderen Worten: Sie bedruckt bunte Zettel. Daran machen sich die Sorgen so manchen Anlegers fest, dass es früher oder später zu einem Inflationsschub kommt.
Inflationsschübe wären für Regierungen nicht gerfahrlos
Die Schuldenorgie zur Stützung der Wirtschaft könnte künftige Regierungen in Versuchung bringen, die Zins- und Tilgungslasten durch Geldentwertung zu vermindern. Die Londoner Korrespondentin der F.A.Z. berichtet von drei Tischgesprächen in dieser Woche. Alle drei mit erfahrenen Bankvorständen, die unabhängig auf dasselbe Thema kommen: Es wird in den kommenden Jahren schwierig, Vermögen vor dem Zugriff des Staates zu bewahren. Entweder es kommt zu Inflation, oder es drohen hohe Vermögensteuern, lautet der Tenor. Auf die eine oder andere Art werde sich der Staat entlasten, um den Bankrott zu verhindern.
Diese Sorge, dass es zu einem Inflationsschub kommen müsse, blendet freilich wichtige Aspekte aus: So müssten die Notenbanken „mitspielen“, indem sie nach der Belebung der Wirtschaft die Zügel schleifen lassen und damit inflationärem Preisauftrieb den Boden bereiten.
Doch ist die Europäische Zentralbank (EZB) unabhängig von den Regierungen der Euro-Länder, unterliegt keinerlei Weisungen; ihre oberste Pflicht ist, Preisstabilität zu wahren. Auch viele andere Zentralbanken sind politisch unabhängig und keine willfährigen Handlanger der Regierungen. Zudem wäre das Zulassen oder gar Schüren von Inflation auch für Regierungen nicht gefahrlos. Denn Preisauftrieb würde auch die Vermögen und Altersvorsorge ungezählter Bürger entwerten – und die sind alle Wähler. Es ist deshalb keineswegs sicher, ob es tatsächlich zu einem größeren Inflationsschub kommt. Zumal der weitere Verlauf der globalen Wirtschaftskrise noch völlig offen ist.
Die Inflation könnte bis zu sieben Prozent betragen
Deshalb sind Szenarien denkbar, die sich komplett widersprechen. Gerhard Schleif zum Beispiel, der über viele Jahre für die Bundesrepublik Deutschland die Schuldenaufnahme organisiert hat, rechnet für die dieses und das nächste Jahr mit einem stabilen Preisniveau. „Aber danach gibt es ein großes Risiko, dass wir Inflationsraten von 5 bis 7 Prozent erleben werden.“
Geht es wirklich in diese Richtung, droht im schlimmsten Fall ein sich selbst verstärkender Prozess. Dann würde sich der Kauf von Gold oder Sachwerten auszahlen. Langlaufende Anleihen würden dagegen stark entwertet. Aktien beteiligen die Inhaber zwar am Sachkapital der Unternehmen, aber in einem inflationären Umfeld können auch sie an Wert verlieren.
Gold könnte zum Verlustbringer werden
Es kann aber auch anders kommen. Gerade hat der Chefvolkswirt der Deutschen Bank, Norbert Walter, einen Rückgang der deutschen Wirtschaftstätigkeit um 5 Prozent in diesem Jahr vorhergesagt – wenn es günstig laufe. Bei einem derartigen Rückschlag könnte es trotz aller Staatsausgaben auch zu einer mehrjährigen Deflation mit sinkenden Güterpreisen kommen.
Das hat Japan in den neunziger Jahren durchgemacht, obwohl die Staatsverschuldung damals ähnlich rasch gewachsen ist wie jetzt in vielen westlichen Ländern. Setzt sich die Deflation fest, würden die Inhaber von Staatsanleihen vermutlich profitieren, weil die Zinsen noch weiter sinken und weil die Kaufkraft ihres Vermögens aufgewertet wird. Gold könnte hingegen zu einem Verlustbringer werden. Walter meint deshalb: „Gold ist etwas, das man Frauen schenken sollte – als Schmuck.“
Für Doktor Tremmel bleibt es also schwierig. Auch mit seinem Kartoffelacker ist er noch nicht weitergekommen. Die Bauern wollen wohl das Land verkaufen; da er selbst das Land aber nicht zu bewirtschaften vermag, möchte er eigentlich nur den Nießbrauch, also einen Anspruch auf einen Teil der Ernte. Doch darauf will sich bisher niemand einlassen. Tremmel muss also entweder kaufen und künftig selbst die Kartoffeln anpflanzen, wässern und ernten. Oder er bezahlt sie einfach wie bisher im Supermarkt. Hoffentlich auch künftig mit Euro und nicht mit Krügerrand.