10.07.2008 · Vor 220 Jahren gegründet, hat die Kölner Finanzdynastie Oppenheim mehrere Kriege und Währungsumstellungen gemeistert. Ihre Bank wird weiterhin von Familienmitgliedern geführt.
Von Brigitte KochVier Revolutionen, ein halbes Dutzend Kriege, in die das Rheinland mittelbar oder unmittelbar hineingezogen wurde, sechs Währungsumstellungen und dazu elf Staats- und Herrschaftssysteme: All das hat die Kölner Finanzdynastie Oppenheim in den 220 Jahren ihrer Bankgeschichte überlebt.
Sie hat es nicht nur überlebt. Sie hat auch in turbulentesten Zeiten ihre Unabhängigkeit bewahrt, immer wieder neue Herausforderungen angenommen, war in der einen oder anderen Epoche Schrittmacher in sich wandelnden Märkten. Und sie hat in ihrer allerjüngsten Geschichte die Konsolidierung in der Bankenwelt genutzt, um sich mit dem Erwerb der traditionsreichen BHF-Bank zur größten familiengeführten, unabhängigen Privatbank-Gruppe Europas aufzuschwingen. Allein in den zurückliegenden zehn Jahren haben sich die Zahl der Mitarbeiter, das Eigenkapital und das Ergebnis dieses heute auf die Vermögensverwaltung und das Investmentbanking konzentrierten Instituts mehr als verdreifacht.
Folgsame Nachfahren
In den mehr als zwei Jahrhunderten haben stets vier noch heute geltende Grundtugenden das Gesicht der Bank bestimmt, ist in der Unternehmenschronik nachzulesen: Traditionsbewusstsein, Flexibilität, die Fähigkeit zum Zusammenhalt der Familie und Qualitätssinn. „Ein Bankhaus muss Principien haben, sonst geht es zu Grund“, gab Simon von Oppenheim, Sohn des Gründers Salomon Oppenheim, seinen Nachfahren mit auf den Weg.
Offensichtlich waren sie recht folgsam. Denn mittlerweile wird das Bankhaus in siebter Generation geführt. Und mit Christopher Freiherr von Oppenheim, seit 2000 persönlich haftender Gesellschafter, gehört heute nicht nur ein direkter Nachfahre, sondern auch ein Namensträger zum Kreis der die Bank leitenden Partner.
Wachstum durch Zukäufe
Wie bei vielen Bankiersfamilien liegt der Ursprung des rheinischen Geldhauses in diversen Speditions-, Handels- und Kommissionsgeschäften. Parallel dazu liefen Bank- und Geldgeschäfte. Salomon Oppenheim war erst 17 Jahre alt, als er sich 1789, dem Jahr der Französischen Revolution, mit einem Kommissions- und Wechselhaus zunächst in Bonn selbständig machte.
Mit Unterstützung seiner Frau Therese baute er das Unternehmen auf und legte mit ersten Zukäufen wie beispielsweise der Beteiligung an der Rheinschifffahrts-Assekuranz, der späteren Agrippina-Versicherung, den Grundstock für einen großen Beteiligungsbesitz der Oppenheims. Dieser sollte später zu dem Pfund werden, mit dem die Kölner Bankiers bei der Umsetzung ihrer Wachstumsstrategien noch bis heute wuchern können.
Eisenbahnen, Banken und Versicherungen
Die Söhne Simon und Abraham, beide mit Töchtern aus alten Bankiersfamilien verheiratet, gelten als risikofreudige Pioniere der Industriefinanzierung, speziell Abraham als die größte Gründerpersönlichkeit des Clans. Damals engagierte sich die Familie in vielen Sparten, gründete diverse Gesellschaften, meist in der Rechtsform der AG.
Sie war Mitbegründer und Großaktionär der Rrheinischen Eisenbahn-Gesellschaft, der Köln-Mindener Eisenbahn-Gesellschaft und erwarb weitere Bahn-Beteiligungen im In- und Ausland. Mit der Gründung der Colonia-Feuerversicherung, der Kölnischen Rückversicherung und der Kölnischen Hagelversicherung machten sie Köln zu einem führenden Versicherungsplatz, und mit der Centralbodenkredit AG wurde die erste große Hypothekenbank ins Leben gerufen. Und auch bei der Finanzierung der Schwerindustrie im Aachener Revier und im Ruhrgebiet waren die später in den Adelsstand erhobenen Bankiers Vorreiter.
Sinn für Höheres
Die nächste Generation, repräsentiert von den Freiherren Eduard und Albert von Oppenheim, musste fast 50 Jahre alt werden, bis sie das Ruder übernehmen konnte. Doch so kam es, dass sie sich zunächst mehr um die schönen Dinge des Lebens kümmern konnten. Ihnen verdankt Köln den botanischen Garten „Flora“ und den am Rheinufer gelegenen Zoo. In diese Zeit fiel auch der Aufbau des heute zu den berühmtesten deutschen Rennställen gehörenden Gestüts Schlenderhan, des ältesten Privatgestüts der Welt.
Wie bei vielen Finanzdynastien gehörte auch bei den Oppenheims kulturelles und soziales Engagement stets zu Tradition und Selbstverständnis der Familie. Zahlreiche karitative und wissenschaftliche Stiftungen gehen auf sie zurück. Eine der jüngeren Stiftungen unterstützt den „Friedrich Carl von Oppenheim“-Lehrstuhl für die Erforschung des Rassismus, Antisemitismus und des Holocaust an der Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem. Und das Wahrzeichen der Stadt, der Kölner Dom, konnte nur dank ihrer großzügigen Unterstützung in einer Art Public-Private-Partnership fertiggestellt werden.
Unter anderem Namen durch dunkle Zeit
Natürlich ging es nicht nur bergauf. Mit der wachsenden Bedeutung der Großbanken und einigen glücklosen Engagements schien der Aufstieg der Oppenheims Ende des neunzehnten Jahrhunderts jäh gefährdet: Es kursierten Gerüchte über Zahlungsschwierigkeiten, die die Brüder jedoch durch die Offenlegung ihrer Vermögensverhältnisse in der Kölnischen Zeitung aus dem Weg schafften.
Auch für die nächste Generation blieben die Zeiten, geprägt von der Wirtschaftskrise nach dem Ersten Weltkrieg und der galoppierenden Inflation, turbulent. Die Chronik hebt vor allem ein wichtiges Ereignis heraus: Der damals gesundheitlich schwer angeschlagene Simon Alfred von Oppenheim konnte 1931 den renommierten Bankier Robert Pferdmenges gewinnen.
Ohne es damals ahnen zu können, rettete er damit das Bankhaus durch die Nazizeit. Denn die nächste Generation - die in der Leitung der Bank von Waldemar und Friedrich Carl Freiherren von Oppenheim repräsentiert wurde - litt unter Verfolgung und Ausgrenzung. Und das, obwohl die Familie schon vor Generationen den christlichen Glauben angenommen hatte. Auf nationalsozialistischen Druck musste das Bankhaus seinen Namen aufgeben. Die Bank firmierte in jenen dunklen Jahren unter Pferdmenges & Cie. Der Namensgeber führte die Bank als Treuhänder, während sich die Familieninhaber im Hintergrund hielten.
Später Schritt ins Wertpapiergeschäft
Dem späteren Ratgeber und Freund Konrad Adenauers verdankt es die Familie, dass sie das nationalsozialistische Regime ohne größere Substanzverluste überstanden hat. Damit ist sie eine große Ausnahme unter den deutschen Privatbankiers jüdischen Ursprungs. Überhaupt spielen familienfremde Teilhaber seit den vom Wiederaufbau geprägten fünfziger Jahren eine wichtige Rolle in der Führung und strategischen Prägung der Bank. So war beispielsweise der langjährige Bundesbankpräsident Karl Otto Pöhl von 1993 bis 1998 der Sprecher der Partner.
Bis Anfang der neunziger Jahre des letzten Jahrhunderts war das Firmenkundengeschäft wichtigstes Standbein der Bank. Der vor drei Jahren verstorbene Alfred von Oppenheim, eine der besonders herausragenden Bankier-Persönlichkeiten innerhalb der Familie, baute daneben das Wertpapiergeschäft zur zweiten Geschäftssäule aus.
Vermögende Privatkunden und Institutionelle
Gemeinsam mit seinen damaligen Partnern erkannte er 1989 zudem die Notwendigkeit, die Eigenkapitalbasis zu stärken, um den neuen Anforderungen eines europäischen Binnenmarktes und dem schärfer werdenden internationalen Wettbewerb gewachsen zu sein. Das oberste Unternehmensziel vor Augen, nämlich den langfristigen Erhalt der Unabhängigkeit, plädierte er für den Verkauf der Mehrheitsbeteiligung an dem Colonia-Versicherungskonzern.
Der Erlös wurde in die Expansion und Modernisierung der Bank gesteckt. Zehn Jahre später sorgte die damalige Führungsriege mit dem Abschied vom Konzept der Universalbank und der Aufgabe des Kreditgeschäftes für eine weitere tiefgreifende Weichenstellung: Seither positioniert sich Oppenheim als integrierte Vermögensverwaltungs- und Investmentbank.
Zu den Kunden gehören - sehr - vermögende Privatkunden sowie institutionelle Anleger. Oppenheim berät bei Unternehmenstransaktionen, begleitet als Emissionshaus Börsengänge und Kapitalerhöhungen oder ist Partner bei der Strukturierung und Arrangierung von Finanzierungen. Die Minderheitsbeteiligung an der später in Schieflage geratenen Mittelstandsbank IKB diente der strategischen Partnerschaft bei der gemeinsamen Betreuung attraktiver Mittelständler.
Von Köln nach Luxemburg
Dass es der heutige Sprecher der Partner, der in die Familie eingeheiratete umtriebige Matthias Graf von Krockow, geschafft hat, die Bank zur Nummer eins unter Europas Privatbanken zu formen, geht wesentlich auf die für ein Bankhaus dieser Größe spektakuläre Übernahme der Frankfurter BHF-Bank zurück. Diese 600 Millionen Euro schwere Transaktion, mit der die Kölner Bankiers im Dezember 2005 die Finanzwelt überraschten, wurde vollständig aus eigener Kraft gestemmt. Dabei zahlten die rund 40 Gesellschafter aus der mit vier größeren Stämmen heute recht weit verzweigten Familie rund zwei Drittel aus der eigenen Schatulle.
Heute wird die Bank von vier persönlich haftenden Gesellschaftern geleitet, nämlich den Familienmitgliedern Matthias Graf von Krockow und Christopher Freiherr von Oppenheim und den beiden familienfremden Bankmanagern Friedrich Karl Janssen und Dieter Pfundt.
Die Kontrollfunktionen in den wichtigen Aufsichtsgremien Aufsichtsrat und Gesellschafterausschuss nehmen zwei weitere Nachfahren des Gründers wahr: Georg Baron von Ullmann, der Schwager des heutigen Oppenheim-Sprechers, und Friedrich Carl Freiherr von Oppenheim, der jüngere Bruder Alfreds. Insofern ist Oppenheim auch heute noch durch und durch Familienunternehmen. Und auch die vor mehr als einem Jahr aus strategischen Gründen erfolgte Sitzverlegung an den internationalen Bankenplatz Luxemburg ändert nichts daran, dass die Finanzdynastie ihrer Heimatstadt Köln tief verbunden bleibt.