06.07.2008 · Die Welser waren eine der mächtigsten Handels- und Finanzdynastien. In die Weltgeschichte gingen sie mit ihrem Versuch ein, in Südamerika ein legendäres Goldreich zu entdecken. Ihr Bündnis mit den Habsburgern und ein Mangel an Unternehmertalenten führte sie in den Untergang.
Von Gerald BraunbergerIm Frühjahr 1546 tauchten in El Tocuyo, einem Nest im Westen Venezuelas, zwei Totgeglaubte auf: Philipp von Hutten und Bartholomäus Welser der Jüngere waren fünf Jahre zuvor mit einem Trupp von 100 Männern in das unerschlossene Landesinnere aufgebrochen, um das sagenhafte Goldreich El Dorado zu suchen.
Wegen ihrer langen Abwesenheit galten die Männer als verschollen, und als sie mit etwa 30 verbliebenen Gefährten wieder die Zivilisation erreichten, waren sie aufrührerischen Spaniern, die in der Zwischenzeit die Kontrolle über Venezuela übernommen hatten, äußerst unwillkommen. Denn Philipp von Hutten und Bartholomäus Welser der Jüngere standen für den Machtanspruch der Augsburger Kaufmannsfamilie Welser auf Venezuela, die dort seit dem Jahre 1528 mit Billigung der Krone in Madrid die Statthalterschaft ausübte.
Grausames Ende eines Machtkampfs
Die Aufrührer lösten das Problem auf radikale Weise: In der Nacht vom 17. auf den 18. Mai 1546 wurden von Hutten und Welser grausam ermordet. Man hackte ihnen mit einer stumpfen Machete die Köpfe ab, ohne sie, wie es bei einem regulären Todesurteil üblich gewesen wäre, vorher ihre Sünden beichten zu lassen. Auch wenn der Anführer der Mörderbande später öffentlich gehenkt und gevierteilt wurde, hatten die Welser das Machtspiel um ihren südamerikanischen Besitz endgültig verloren. Die Niederlage war der Anfang vom Ende einer großen Kaufmanns- und Finanzdynastie, die ihren Anfang in Augsburg genommen hatte.
Augsburg war im späten Mittelalter und zu Beginn der Neuzeit eine der wichtigsten deutschen Wirtschafts- und Finanzmetropolen. Die Stadt am Lech beherbergte eine große Zahl erfolgreicher Kaufmannsfamilien, von denen die Fugger und die Welser über ihre Konkurrenz hinausragten. Doch während die Fugger lange Zeit als neureiche Außenseiter betrachtet wurden, waren die Welser anerkannte Vertreter der Kaufmannschaft in Augsburg, wo sie wichtige politische Ämter übernahmen. Wie viele erfolgreiche Familien ihrer Zeit begannen die Welser im Warenhandel, zu dem erst später Finanzgeschäfte hinzutraten.
Am Anfang stand die freundliche Übernahme
Der Name Welser erschien erstmals in einer Urkunde aus dem Jahre 1246, ihren Aufstieg nahm die auch in Nürnberg mit einem Unternehmen ansässige Familie allerdings erst im 15. Jahrhundert, als sie eine starke Präsenz im europäischen Handel mit Baumwolle, Barchent (ein in Mischgewebe aus Baumwolle auf Leinenkette), Gewürzen und Seide sowie im Bergbau und in der gewerblichen Produktion unter anderem von Textilien besaß. Da die Welser damals enge Beziehungen nach Italien unterhielten, wo sich gerade das Bankwesen entwickelte, betrieben sie auch Finanzgeschäfte. So lassen sich Verbindungen zur Bank der berühmten Familie Medici nachweisen.
Die Blütezeit der Welser begann mit einer freundlichen Übernahme. Im Jahre 1479 heiratete ein Welser-Spross, Anton, in die Memminger Kaufmannsfamilie Vöhlin ein, die weitgespannte Handelsbeziehungen pflegte, aber unter einem Nachfolgeproblem litt. Besaß die gemeinsame Gesellschaft Welser & Vöhlin zu Beginn noch fast 20 Teilhaber, so wussten die Welser die Macht in ihre Hand zu bekommen. Um das Jahr 1517 herum war Anton Welsers Sohn Bartholomäus der Ältere (1484 bis 1561), der bedeutendste aller Welser, mehr oder weniger alleiniger „Regierer“, wie man es damals nannte, der nun wieder in Augsburg ansässigen Gesellschaft. Sie trug jetzt auch seinen Namen: „Bartholomäus Welser und Gesellschaft“.
Finanziers der Bestechung
Kurz zuvor hatte die schicksalhafte Hinwendung der Welser nach Spanien und Portugal begonnen. Die Iberische Halbinsel war dabei, Italien den Rang der führenden südeuropäischen Handelsmacht abzulaufen, nachdem Kolumbus im Jahre 1492 Amerika entdeckt hatte (das er für Indien hielt) und Vasco da Gama im Jahre 1497 einen Seeweg in das richtige und wegen seiner Gewürze begehrte Indien ausfindig machte, indem er um die Südspitze Afrikas herumfuhr.
Wer jedoch als deutsches Handelshaus in großem Stil Geschäfte in Spanien machen wollte, brauchte enge Beziehungen zum dortigen Herrscherhaus - und das waren die Habsburger, die damals nicht nur ihr Kernland Österreich, sondern bedeutende Teile Europas kontrollierten und deswegen beständig in kostspielige Kriege mit rivalisierenden Mächten wie Frankreich verwickelt waren.
Die Welser hatten auch schon früher Machthabern Geld geliehen, aber erst ihre Beteiligung an der Finanzierung der Wahl des spanischen Habsburgers Karl zum deutschen Kaiser Karl V. im Jahre 1519 verwickelte sie in das große Geschäft der Staatsfinanzierung. Damals flossen 852.000 Gulden Bestechungsgelder an Kurfürsten und andere dienstbare Geister, von denen die Fugger 543.000 Gulden, die Welser 143.000 und drei italienische Häuser jeweils 55.000 Gulden mobilisierten.
Klumpenrisiko Staat
Die Zahlen geben in etwa die Bedeutung der jeweiligen Häuser wieder. Waren die Welser während großer Teile des 15. Jahrhunderts den Fuggern noch überlegen gewesen, hatten die Fugger dank einer überragenden Führung durch ihren „Regierer“ Jakob zu Beginn des 16. Jahrhunderts die Spitze übernommen. In späteren Jahrzehnten gelang es Bartholomäus Welser zwar, den Abstand zum Rivalen (und gelegentlichen Geschäftspartner) zu verringern; einholen ließen sich die Fugger aber nicht mehr.
In den darauf folgenden Jahren nahmen die Habsburger immer wieder zur Finanzierung von Kriegen Geld in Augsburg auf, was bei den beteiligten Häusern ein „Klumpenrisiko“ entstehen ließ: Sie wurden sehr stark von einem Kreditnehmer abhängig, was umso gefährlicher war, als ihr Kredit nicht nur aus Eigenkapital stammte, sondern aus Kapital fremder Gesellschafter und kündbaren Einlagen vermögender Privatkunden. „Allmählich löste sich das Geldgeschäft von dem ihm eigentlich zugrundeliegenden Warenhandel ab“, konstatierte der Historiker Theodor Gustav Werner.
Riskante Expansion
Bartholomäus Welser erklärte dieses Geschäftsmodell in einem Schreiben an den Augsburger Rat: „Es hätten viele Bürger und Bürgerinnen der Stadt ihr Vermögen in namhaften Summen bei ihm und seinen Gesellschaftern liegen und sie selbst hätten es unter anderem in Spanien und den Niederlanden in Händen und Gebieten des Kaisers stecken.“ Das konnte gutgehen, solange die Habsburger zahlungskräftig blieben. Andernfalls drohten erhebliche Schwierigkeiten.
Lange Zeit ging es für die Welser gut, und dementsprechend nahmen die Gewinne deutlich zu. In der Zeit von 1520 bis 1550 zählten sie fraglos zu den größten und erfolgreichsten Unternehmen der Welt. Denn einerseits zahlten die Habsburger hohe Zinsen, zudem verliefen die Geschäfte in Spanien sehr einträglich. Im Zusammenhang mit den Kreditgeschäften der Welser ist wohl auch die Vergabe der Statthalterschaft von Venezuela im Jahre 1528 zu sehen. Weit entfernt von der Augsburger Zentrale, verlegten sich die südamerikanischen Statthalter der Welser aber weniger auf die wirtschaftliche Entwicklung der Region als vielmehr auf die vergebliche Suche nach Gold.
Niedergang im Staatsbankrott
Als die Welser ihre Statthalterschaft 1556 endgültig verloren, befand sich Bartholomäus Welser seit vier Jahren im Ruhestand. „Er hab sich aus Spania gar gezogen“, hatte er gegen Ende einem Geschäftsfreund mitgeteilt. Anders als der große Jakob Fugger war Bartholomäus Welser kein nur auf Geschäfte fixierter Mensch. Er besaß ausgeprägte historische Interessen und beschäftigte sich auch mit Religion.
Überhaupt waren die Zeiten jetzt trüb: Die Reformation hatte Deutschland - und darunter so manche Kaufmannsfamilie - tief gespalten, die Macht der katholischen Habsburger erodieren lassen und damit die Geschäfte der großen Handelshäuser erschwert. Im Jahre 1557 erklärte Karls Nachfolger in Spanien, Philipp II., den Staatsbankrott. Die schockierten Gläubiger, zu denen auch die Welser zählten, wurden mit Staatspapieren abgefunden, deren Kurs bald einbrach.
Experten vom Konkurs nicht überrascht
Zudem war der Unternehmergeist in der Familie weitgehend erloschen: Die Welser hatten sich längst als eine vermögende Familie etabliert, deren Mitglieder lieber der Wissenschaft, den Künsten oder einfach dem lockeren Leben nacheiferten als der aufreibenden Tätigkeit von Geschäftsleuten.
Spätestens seit dem Jahr 1580 galt die Welser-Firma guten Kennern als gefährdet. Im Jahre 1588 meldeten die auch längst nicht mehr in Blüte stehenden Augsburger Fugger ihrem Statthalter in Madrid, „wir wir stundtlich In sorgen gestanden, das Hauß (der Welser) wird gar einfallen“. Kurze Zeit später klagten die Fugger, dass die Welser „den Credito gantz vnd gar verloren“ hätten.
Als das Unternehmen im Jahre 1614 schließlich in Konkurs ging, reagierte die breite Öffentlichkeit dennoch überrascht - zu legendär klang immer noch der Name Welser. Das Zeitalter der oberdeutschen Kaufmanns- und Bankiersfamilien war jedoch unwiderruflich vorüber.
Gerald Braunberger Jahrgang 1960, Redakteur in der Wirtschaft, verantwortlich für den Finanzmarkt.
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