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Anlageberatung Beraten und für dumm verkauft

06.10.2008 ·  Gerade jetzt brauchen Kunden die Hilfe ihrer Anlageberater. Doch die empfehlen munter Zertifikate und riskante Papiere. Denn die Banken brauchen erstens dringend Geld. Zweitens sind sie an hohen Margen und Provisionen interessiert.

Von Nadine Oberhuber
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An einen Satz können sich noch alle erinnern. An das Versprechen, „Dieses Papier ist absolut sicher. Das Schlimmste, was Ihnen passieren kann, ist, dass Sie nur Ihren Einsatz wiederbekommen und keine Zinsen." Dann fielen Worte wie „Kapitalschutz" und „Garantiezertifikat".

Ein Bankberater bemühte gar die allerhöchste Instanz: „Dass Sie Ihr Geld wiederbekommen, ist so sicher wie das Amen in der Kirche." Nur an einen Begriff kann sich kein Anleger erinnern: an das Wort "Totalverlust". Das sei im Wortschatz ihres Beraters nicht aufgetaucht, sagen übereinstimmend Hunderte Kunden, die einen Großteil ihres Geldes verloren haben, mit Lehman-Zertifikaten.

Bei der Auflösung von Termingeldern von Zertifikaten „überzeugt“ worden

Ist das Zufall? Leiden diese Kunden an einer partiellen Amnesie, einem Gedächtnisverlust, wie ihn Ärzte gelegentlich bei Schockzuständen zugestehen? Oder darf man dahinter nicht ein System vermuten? Das System, dass Bankberater ihren Kunden Produkte als „absolut sicher" verkauften. Während sie den - sogar gesetzlich vorgeschriebenen - Hinweis auf die Ausfallrisiken solcher Papiere systematisch den Prospekten überließen. Mit dem Wissen, dass diese verklausulierten Broschüren ohnehin keiner liest.

Was den Fall so dreist macht: Es waren nicht bloß ein paar verirrte Produktfreaks, die von der Pleite der amerikanischen Bank betroffen sind und damit vielleicht ihre gesamte Altersvorsorge verlieren. Es sind über tausend deutsche Sparer, die insgesamt wohl eine zweistellige Millionensumme in den Depots abschreiben müssen. Und es könnten noch etliche folgen.

Es waren allesamt keine wilden Spekulanten auf der Jagd nach dem Superzins. Sondern meist Festgeld- und Sparbuchanhänger. Die wurden bei der Auflösung von Termingeldern von den Zertifikaten „überzeugt", berichten sie. Rentner ebenso wie Familienväter, manche haben sogar Immobilienkredite mit den "100 Prozent sicheren Zertifikaten" besichert. Es waren Sparkassenkunden, Kunden von Volksbanken, vor allem aber die von Citibank und Dresdner Bank. "Es zieht sich auch durch alle Schichten und Altersgruppen", sagt Volker Pietsch vom Deutschen Institut für Anlegerschutz (DIAS), "die Geldinstitute haben katastrophal beraten." Und fast alle tun es immer noch.

Man muss sich nur in diesen Tagen umhören, was Berater verunsicherten Kunden empfehlen: "Zertifikate auf das Boomland Vietnam" oder "Korridor-Bonus-Zertifikate". "Verkaufen Sie all Ihre Aktien, und setzen Sie auf Geldmarktfonds", riet ein Berater einem Kollegen. Der tat es und sah prompt, wie sein Depot sich in wenigen Tage dezimierte. Der Höhepunkt war, wie ein Banker einer langjährigen, besonders sicherheitsbewussten Kundin sagte: "Sie sollten Ihre Risikostufe erhöhen, damit Sie jetzt dynamischer anlegen können." Lauter ernstgemeinte Tipps.

Schlecht betreut fühlen sich die Kunden aber vor allem, weil ihnen ausgerechnet jetzt kein Banker ehrlich zu konservativen Produkten rät. Zu Tages- und Festgeld oder Bundesanleihen, zu sicheren Häfen, wenn man sein Geld möglichst gut durch die Krise bringen will. Stattdessen verkaufen sie selbst jetzt - und selbst Rentnern - fast unveräußerliche Schiffsfonds mit Laufzeiten von zehn Jahren als "sichere Anlage". „Es ist irrwitzig, was da gerade erzählt wird", sagt Finanzexperte Niels Nauhauser von der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg. Aber es wundert nicht.

„Die Banken refinanzieren sich auf dem Rücken der Kleinanleger“

Warum die Banken das tun? Weil sie selber Geld brauchen. Weil die Marge bei Produkten wie Geschlossenen Fonds rund 20 Prozent beträgt, rechnet Nauhauser vor, „und weil die Berater gerade jetzt angehalten sind, für ihre Institute hohe Provisionen zu erzielen, wenn die schon kein Geld mehr aus anderen Quellen bekommen". Volker Pietsch wettert deshalb: „Die Banken refinanzieren sich auf dem Rücken der Kleinanleger."

Jahrelang sagte keiner, "dass Zertifikate gefährlicher sind als Aktien oder Fonds", kritisieren die Betroffenen. Weil Zertifikate nämlich kein Sondervermögen sind wie Fonds. Sondern Darlehen, die Anleger dem Herausgeber gewähren, dem Emittenten. Geht der pleite, ist der Wert des Papiers dahin. Reguliert ist der Markt nicht.

Natürlich kann man argumentieren, das steht alles in den Risikohinweisen. Das schrieben auch Medien, die anfangs noch vor der Konstruktion warnten, als die ersten Zertifikate auf den Markt kamen. Aber irgendwann, mit dem zigtausendsten Produkt und den guten Renditen, ließen die warnenden Stimmen nach. Und alle ritten die Zertifikatewelle. Auch die Anleger. Die kauften die Papiere, weil sie ein bis zwei Prozentpunkte mehr Rendite versprachen als Festzinsprodukte. Und so viel Sicherheit.

Irgendwann verschwand auch die Übersicht. Rund 400.000 verschiedene Zertifikate können Anleger derzeit in Deutschland kaufen, rechnen Verbände vor. Darunter auch ganz komplizierte „White Label"-Produkte, bei denen kleinere Banken von größeren Papiere bekommen, ihr eigenes Etikett draufkleben und sie unter ihrem Namen verkaufen. Das war ein Grund, weswegen etliche Volksbank-Kunden jetzt die Papiere von Lehman im Depot haben: Sie hatten sie als Zertifikate der DZ Bank, des Zentralinstituts des genossenschaftlichen Finanzsektors, gekauft. Als Zertifikat auf Europas Index Eurostoxx.

Sind die Kunden richtig über die Risiken informiert worden?

Die Banken freilich wehren sich gegen die Vorwürfe: Sie hätten formvollendet über die Risiken aufgeklärt, „das Risiko des Totalverlusts steht auch in der Dokumentation", sagt ein Sprecher der Citibank. Die Berater hätten ihre Kunden lediglich auf das extrem gute Rating der Privatbank Lehman hingewiesen. Und bereits seit Mai habe die Bank die Produkte aus dem Vertrieb genommen.

Es gibt aber ein Dokument, das zumindest die Vermutung nährt, dass nicht alle Banken im Anlegersinne reagiert haben: Derzeit macht eine „Argumentationsunterstützung" die Runde, mit der die Dresdner Bank noch drei Tage vor der Lehman-Pleite ihre Berater versorgte. Darin heißt es: „Die aktuelle Krise der Lehman Brothers Holding führt zu vielen Nachfragen und berechtigten Sorgen." Es sei zwar der Fall, dass ein Anleger „mit dem Totalverlust seines Kapitals rechnen" müsse. Das fettgedruckte Fazit aber lautet: "Insgesamt sehen wir (...) keinen Handlungsbedarf bei den Emissionen von Lehman Brothers."

So klagen jetzt Geschädigte an Sorgentelefonen von Anlegerverbänden, sie hätten ihre Papiere abstoßen wollen, doch die Banken hätten abgewiegelt: „Das Geld ist absolut sicher." Während die Verbände das „systematische Falschberatung" nennen, prüfen Anlegeranwälte derzeit, ob die Banken dafür haftbar gemacht werden können.

Das wird aber schwer: Die vorgeschriebenen Formulare zur erfolgten Risikoaufklärung müssen alle Anleger beim Kauf unterzeichnen. Manche Bankberater sollen sogar dreist Zettel vorgelegt haben, auf denen die Kunden bestätigten, sie kauften die Zertifikate ausdrücklich auf eigenen Wunsch und nicht auf Grundlage der Beratung. „Das Häkchen an der Klausel wird maschinell gesetzt", behaupteten die Verkäufer. Damit wird es schwer zu argumentieren, der Kunde sei in die Produkte hineingeschwatzt worden. Denn welche Worte wirklich in den Verkaufsgesprächen gefallen sind, können Anleger ohne Zeugen kaum beweisen. Da steht schon jetzt Aussage gegen Aussage.

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Jahrgang 1973, freie Autorin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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