14.08.2008 · Komplizierte Sprachen schnell lernen - mit diesem Versprechen lockt das Landesspracheninstitut Studenten und Angestellte mit Auslandsambitionen nach Bochum. Ohne Disziplin klappt der Crashkurs aber nicht. Ein Ortsbesuch.
Von Julia LöhrM ¯a, mán, mang. D¯a, dan, dàng. T¯a, tán, tang - seit einer halben Stunde geht das schon so. Im Seminarraum S 13 am Landesspracheninstitut (LSI) in Bochum machen sich die Teilnehmer eines Sprachkurses mit den Feinheiten der chinesischen Sprache vertraut. Das hört sich mehr wie Gesangsunterricht an. Mal gilt es, einen hohen Ton zu halten, mal, einen tiefen Ton in den Bauch zu brummen. "Schöpfen Sie Ihr Stimmvolumen aus", ermuntert Dozent Manfred Frühauf, bevor er die nächsten Silben vorsingt. Was sich hinter den Buchstabenkombinationen verbirgt, wissen die Teilnehmer am Tag eins des dreiwöchigen Kurses noch nicht. Erst mal geht es um den richtigen Klang, denn der ist von großer Bedeutung im Chinesischen. Sonst wird aus einem Goldfisch schnell ein Walfisch. Oder aus einem Flugticket nach Paris eines nach Bali.
Das Landesspracheninstitut genießt den Ruf einer Sprachenschmiede. Aus ganz Deutschland kommen Studenten, aber auch Mitarbeiter von Unternehmen und Verbänden oder aus dem Auswärtigen Amt nach Bochum, um sich auf einen Aufenthalt in fernen Ländern vorzubereiten. Rund 1200 Teilnehmer sind es im Jahr, zwei Drittel Studenten, ein Drittel Berufstätige. "Chinesisch und Russisch sind die beliebtesten Sprachen", sagt Institutsleiter Jochen Pleines. Daneben sind noch Arabisch, Japanisch, Koreanisch und Persisch im Angebot.
Ein Ingenieur, eine Flugbegleiterin, eine Soziologin, ein Jurist
Für den aktuellen Chinesisch-Intensivkurs haben sich 28 Teilnehmer angemeldet, die sich auf vier Gruppen verteilen. Da ist zum Beispiel der Ingenieur von Bosch, der in Kürze samt Familie in die Nähe von Hongkong ziehen wird, wo Bosch ein Werk und eine Entwicklungsabteilung betreibt. Da ist die Flugbegleiterin von Lufthansa, die auf ihren vielen China-Flügen besser klarkommen will. Die Soziologin, die bald an der Universität Qingdao Deutsch unterrichten wird. Der Jura-Absolvent, dem der Deutsche Akademische Austausch Dienst (DAAD) ein sechzehnmonatiges China-Stipendium spendiert. Oder der Ingenieur vom Automobilzulieferer ZF Lenksysteme, der in Nanjing eine Entwicklungsabteilung aufbauen soll. Die Frage "Ist dein Visum schon da?" kommt beim gegenseitigen Beschnuppern gleich nach "Wie heißt du?"
Nach den ersten Tonübungen sind die Eindrücke gemischt. "Ich fand es leichter als erwartet", sagt Jura-Absolvent Christian Nordholtz. Der ZF-Ingenieur Jens Schäfer ist skeptischer. "Ich bin mir nicht sicher, ob das in drei Wochen was wird", sagt er. Der Leiter des Sinicums, Manfred Frühauf, macht Mut: "Plappern Sie einfach drauflos, die Chinesen sind erstaunlich leidensfähig." Die Abbrecherquote ist nach Angaben des Instituts minimal, und wenn mal einer vorzeitig aufhöre, habe das private oder berufliche Gründe.
Abgeschiedene Lage als Teil des Konzepts
Seit 1973 gibt es das LSI, zunächst angegliedert an das Wissenschaftsministerium von Nordrhein-Westfalen, seit dem vergangenen Jahr integriert in die Ruhr-Universität. Seinen Sitz hat es zwanzig Minuten Fußmarsch durch ein Waldgebiet von der Uni entfernt in einem ehemaligen Studentenwohnheim. Die Lage fernab von Kneipen und Kinos ist Teil des Konzepts: Möglichst wenig soll die Teilnehmer ablenken von dem Ziel, in drei Wochen eine exotische Sprache alltagstauglich zu sprechen. "Einige Unternehmen haben schon gefragt, ob wir nicht die Fernseher in den Zimmern abhängen könnten", erzählt Institutsleiter Pleines. Das hat er dann aber doch nicht getan.
Die Lehrer des LSI unterrichten nach selbstentwickelten Lehrmaterialien und -methoden. So behandeln etwa die Chinesisch-Dozenten die komplizierten Schriftzeichen nur am Rande, sie konzentrieren sich auf die Lautschrift Pinyin, die auch Chinas Schulen unterrichten. 800 Vokabeln und rund 50 Grammatikregeln werden die Kursteilnehmer in den drei Wochen pauken. Unterricht ist täglich von 8.30 Uhr bis 16.45 Uhr, samstags bis 11 Uhr, dazu kommen täglich zwei bis drei Stunden Hausaufgaben. Das erfordert Disziplin. "Wir waren abends noch in der Stadt etwas essen", erzählt Bosch-Ingenieur Karl-Bernhard Lederle am nächsten Morgen beim Frühstück. Da falle es schon schwer, anschließend noch mal Töne zu üben. "Aber das ist eine Frage der Moral. Wenn man das am ersten Abend nicht schafft, hat man die ganze Zeit ein Problem."
Enormes Tempo im Unterricht
Wer den Unterricht beobachtet, dem fällt vor allem das Tempo auf: Einige Dozenten reden so schnell, dass man sich fragt, wann sie Luft holen. Alle paar Minuten werfen sie einen Blick zur Uhr, um zu schauen, ob sie noch im Zeitplan liegen. Der Druck ist groß, schließlich hat das Institut einen Ruf zu verlieren. Es lebt davon, dass die Teilnehmer am Ende die Sprache beherrschen, dass sie die Kurse weiterempfehlen. "Wir stehen unter Legitimationsdruck", sagt Pleines. 3 Millionen Euro kostet das LSI im Jahr. Rund eine Million erwirtschaftet es durch die Teilnehmergebühren, die sich etwa für den dreiwöchigen Chinesischkurs zwischen 420 Euro für Studenten und 1620 Euro für Firmenkunden bewegen, plus Unterkunft. Das restliche Geld im LSI-Etat kommt vom Land Nordrhein-Westfalen.
Pleines weiß, dass manche sein Institut für Luxus halten, auf den man in Zeiten knapper öffentlicher Kassen gut verzichten könnte. Der Sechzigjährige mit dem rotblonden Haar sucht deshalb nach neuen Geldquellen. "Wir werden immer kommerzieller. Ich begrüße das." Er liebäugelt zum Beispiel damit, auch Spanisch anzubieten. "Das könnte eine Cash-Cow werden." Und er veranstaltet auf Wunsch von Unternehmen Seminare, im Herbst etwa einen Japan-Workshop für die Thyssen-Krupp-Tochter Uhde. Nicht allen Mitarbeitern gefällt das kaufmännische Denken des bekennenden Altachtundsechzigers, sie fühlen sich primär der Völkerverständigung verpflichtet. Als Konkurrenz zu privaten Bildungsanbietern sieht Pleines das LSI nicht. Der Schwerpunkt werde immer auf "distanten" Sprachen liegen, die sich für kommerzielle Anbieter nicht rechneten.
Kostendruck? „Sprachen leiden als Erstes“
Doch das Institut braucht neue Kunden. Mit Sorge beobachtet Pleines die Umstellung auf das Bachelor-Master-System an den Hochschulen. "Wir merken deutlich, dass die Studenten durch die dicht gepackten Stundenpläne kaum noch Zeit für etwas anderes haben." Gleiches gilt für den wachsenden Kostendruck in den Unternehmen. "Sprachen leiden als Erstes", sagt Pleines, dessen Position es mit sich bringt, dass er die Kontakte zur Wirtschaft pflegt. Großunternehmen seien noch eher als Mittelständler bereit, ihre Mitarbeiter drei Wochen auf Fortbildung zu schicken. "Aber auch in den Konzernen fragen sich die Fachabteilungen: Warum sollen wir so lange auf den verzichten? Soll er die Sprache halt abends lernen." Den Personalabteilungen sei es dagegen schon eher bewusst, dass Entsendungen häufig deshalb scheiterten, weil sich Mitarbeiter und Familie mangels Sprachkenntnissen in der Fremde nicht wohl fühlen.
In den Seminarräumen - grau-blauer Teppich, vier Tische im Quadrat, Blick in den Wald - haben die Teilnehmer inzwischen das Tönesingen hinter sich gelassen. Jetzt geht es an die erste Lektion des mehr als 300 Seiten starken Lehrbuchs: sich vorstellen, mit Namen, Wohnort und Beruf. "Ich ruf' meinen Chef an und sag' ihm, dass ich in ein anderes Land will", stöhnt einer der Teilnehmer nach den ersten Satzübungen. Dozentin Ning-Ning Loh- John zückt ein Gebiss und demonstriert, wo genau die Zunge an die Zähne zu stoßen hat, damit der richtige Zischlaut herauskommt.
Dass in den Gruppen etwa dem Germanistik-Absolventen ein Konsul gegenübersitzt, ist kein Zufall. "Die Studenten sind in der Lernmaschine drin, die Älteren haben zum Teil schon Erfahrung in dem Land gesammelt. Das ergänzt sich gut, da entstehen regelrechte Seilschaften", erklärt Pleines. Noch heute treffe sich eine Gruppe aus einem früheren Russischkurs zum Stammtisch in Moskau. Vielleicht kommt ja bald ein neuer deutscher Stammtisch in einer chinesischen Metropole dazu. Chinesisch aber würde dort wohl nicht gesprochen.