27.07.2008 · Dieser chinesische Held der Arbeit kommt einem recht bekannt vor. Von Freitag an fahren deutsche Schnellzüge in Peking - ein kleiner Erfolg für Siemens. Daraus könnte bald mehr werden.
Von Dyrk ScherffDie chinesischen Schriftzeichen an der Front des ICE-Zuges verraten: Der deutsche Hochgeschwindigkeitszug fährt von nun an auch fern der Heimat. Am kommenden Freitag, eine Woche vor Beginn der Olympischen Spiele, wird er erstmals fahrplanmäßig auf der gerade fertiggestellten Hochgeschwindigkeitsstrecke von Peking in die Küstenstadt Tianjin rasen.
Wie schnell genau, ist noch ein Geheimnis der Chinesen. Es ist zu erwarten, dass sie unbedingt die Schnellsten auf der Welt sein wollen. Und deswegen 320 Stundenkilometer überbieten werden, die bisher das Maximum im Alltagsbetrieb sind. Bis zu 350 sind möglich.
In diesem Tempo kann der fernöstliche ICE die 115 Kilometer lange Neubaustrecke in knapp 20 Minuten bewältigen. Für China ist das ein Sprung nach vorne, bei 200 bis 250 Stundenkilometern war bisher Schluss. Für Siemens ist es auch ein großer Schritt, denn der Konzern wird mit einem chinesischen Partner bis 2010 insgesamt 60 Züge im Wert von fast 700 Millionen Euro bauen. Das öffnet die Tür in den größten Schnellbahnmarkt der Welt. "Wir hoffen auf weitere Bestellungen", sagt Edzard Lübben, verantwortlich für die Siemens-Hochgeschwindigkeitszüge.
10.000 Kilometer neue Hochgeschwindigkeitsstrecken
Die Aufträge könnten kommen, denn die Chinesen wollen in den nächsten Jahren 10.000 Kilometer Hochgeschwindigkeitsstrecken bauen, darunter die wichtigste Linie von Peking nach Schanghai. Dafür werden schnelle Züge gebraucht: rund 1200 Stück mit einem Wert von mehr als zehn Milliarden Euro.
Der europäische Markt wächst viel langsamer. Gerade hat zum Beispiel die Deutsche Bahn acht bis zwölf neue Züge ausgeschrieben. Siemens bietet natürlich mit. Auch nach Russland liefert das Unternehmen acht Züge, nach Spanien hat es 26 Züge verkauft. "Daher sind die künftigen Bestellungen der Chinesen wegen des großen Volumens für die ganze Bahnbranche sehr wichtig", sagt Lübben. Die Konkurrenten Bombardier (Kanada), Alstom (Frankreich mit dem TGV) und Kawasaki (Japan mit dem Shinkansen) stehen in den Startlöchern. Sie haben gute Chancen. Denn in den vergangenen Jahren haben sie ebenfalls Aufträge aus Peking bekommen.
Doch der ICE hat ein paar technische Vorteile. Er bietet mehr Platz, ist leichter und damit energiesparender als die alten Modelle der Konkurrenz. Von Freitag an ist der ICE außerdem der schnellste Zug im Einsatz. "Wenn er im Alltag die hohen Geschwindigkeiten zuverlässig fährt, hat er gute Chancen, neue Aufträge zu gewinnen", erwartet Peter Mnich, Professor für Bahntechnik an der TU Berlin, der auch in Schanghai lehrt. Die Wettbewerber haben zwar ähnlich schnelle und platzsparende Züge entwickelt, aber sie fahren noch nirgends, haben also nicht bewiesen, dass sie ohne Kinderkrankheiten laufen.
Wichtig wird auch sein, wie viel Siemens bereit ist, in China fertigen zu lassen. Peking fordert einen zunehmend größeren Anteil. Außerdem sei relevant, wie stark sich Politiker für die Produkte ihres Landes einsetzen. "Da sind die Franzosen viel besser. Die preisen ihren TGV an, während wir über Menschenrechte diskutieren", sagt Mnich.
Schnell in China
Dieser chinesische Held der Arbeit kommt einem recht bekannt vor. Der neue Hochgeschwindigkeitszug für das Reich der Mitte basiert auf dem Velaro von Siemens, der ursprünglich als ICE 3 für die Deutsche Bahn entwickelt wurde. Die chinesische Bahn hat 60 Exemplare des Velaro bestellt, eines davon stellte jetzt mit 394,3 km/h einen Landesrekord für Eisenbahnen auf. Unter Aufsicht des Eisenbahnministers Liu Zhijun, der sicher sehr erfreut war, benötigte er für die 115 Kilometer lange Strecke zwischen Peking und Tianjin 25 Minuten und zehn Sekunden. Der China-Velaro ist schwerer und breiter als zum Beispiel die Variante für Spanien, wie Siemens mitteilt. Die ersten drei der 60 CRH 3, so die chinesische Typenbezeichnung, wurden in Krefeld gefertigt, die anderen 57 stellt vertragsgemäß im Zuge des Technologietransfers Tangshan Locomotive & Rolling Stock Works in Tangshan her. Fünf Züge werden schon zu den Olympischen Spielen im August im Einsatz sein. (lle.)
Dyrk Scherff Jahrgang 1971, Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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