11.06.2008 · Die Volksbefreiungsarmee wird von einer altbackenen Landmacht zu einer Streitkraft transformiert, die Peking auf der Weltbühne politische und militärische Optionen verschaffen soll. Ausgerechnet die Langsamkeit dieser Entwicklung ist ihr Erfolgsgeheimnis.
Von Sascha LangeChina ist auf dem Weg zur Weltmacht. Dabei stützt es sich nicht nur auf die wirtschaftliche Stärke, die seit Jahren zweistellige Wachstumsraten aufweist, sondern auch auf eine konsequente Verbesserung seiner militärischen Fähigkeiten. Diese Entwicklung geht zwar deutlich langsamer voran als die wirtschaftliche, aber gerade das ist wahrscheinlich das Erfolgsgeheimnis.
Die Wirtschaftskraft hat eindeutig Vorrang. China begibt sich nicht in einen ruinösen Rüstungswettlauf mit dem Westen wie die Sowjetunion in den achtziger Jahren. Gerade wegen der wirtschaftlichen Dynamik entstehen aber auch größere Spielräume für den langen Marsch zur militärischen Stärke. Die Kommunistische Partei hat alle Möglichkeiten, die künftige Struktur und Funktion der Streitkräfte so zu gestalten, dass sie langfristig dem Weltmachtanspruch in gleichem Maße gerecht werden wie schon heute die Wirtschaftskraft.
China als Schüler Amerikas
Über die Höhe der Militärausgaben gibt es unterschiedliche Angaben. Die amerikanische Regierung veranschlagt das chinesische Militärbudget selbst in einer zurückhaltenden Schätzvariante auf etwa 65 Milliarden Euro für 2007. Die offizielle Zahl Pekings für 2008 liegt dagegen nur bei umgerechnet 37,5 Milliarden Euro. Selbst wenn diese Summe näher an der Wahrheit liegen sollte: Bei offiziellen jährlichen Steigerungsraten von fast zehn Prozent zwischen 1990 und 2005 hat sich der Basiseffekt längst zu einem Lawineneffekt gewandelt. Im laufenden elften Fünfjahresplan sind die Steigerungsraten für die Militärausgaben erheblich über die des allgemeinen Wirtschaftswachstums hinausgeschnellt.
Doch was heißt das konkret? Wie sieht China sich selbst, und welche strategischen Ziele lassen sich bei der langfristigen Planung erkennen? Das offizielle Weißbuch zur Verteidigung sieht eine dreistufige Entwicklung vor: Bis 2010 soll eine solide Grundlage für die Modernisierung der Streitkräfte geschaffen werden; wesentliche Fortschritte sind bis 2020 zu erreichen; und bis zur Mitte des Jahrhunderts soll eine Armee entstehen, die im Zeitalter der „informationszentrierten“ Kriegführung angekommen ist.
Diese Vorgaben zeigen, dass sich China trotz allen Selbstbewusstseins immer noch als Schüler des großen Lehrmeisters Vereinigte Staaten sieht. Strategische Ziele der amerikanischen Streitkräfte, wie etwa die Transformation zur elektronischen Kriegführung mit Informationen („Information Warfare“), werden fast eins zu eins übernommen, um die Kommunikationstechnologie zur Koordinierung militärischer Operationen einsetzen zu können. Statt Quantität ist nun Qualität Trumpf.
Modernisierung und Neuorientierung
Das Motiv des Nacheiferns ist auch bei der Umstrukturierung der chinesischen Armee zu erkennen. Ähnlich wie zunächst in den Vereinigten Staaten wird bei der Volksbefreiungsarmee das Personal drastisch verringert. Nach Angaben des amerikanischen Verteidigungsministeriums gibt es in den chinesischen Landstreitkräften jetzt 1,4 Millionen Soldaten. Der Generalstab erwägt angeblich weitere Reduzierungen. Die so frei werdenden Finanzmittel sollen zur Beschaffung von Hochtechnologie-Systemen aufgewandt werden, die für eine informationszentrierte Kriegführung geeignet sind.
Auch bei der technischen Entwicklung von Waffensystemen für den Weltraum oder die Land-, Luft- oder Seekriegführung eifert China den Vereinigten Staaten nach. In Auslegung und Design sind fast überall die Wesenszüge amerikanischer Vorbilder zu erkennen.
Die Modernisierung und grundlegende Umorientierung erfordert einen hohen Aufwand, da das reichlich vorhandene Material fast ausschließlich russischen Ursprungs ist. Aus politischen und strukturellen Gründen setzte das chinesische Militär in der Vergangenheit eher auf Masse denn auf Klasse und folgte damit der alten sowjetischen Kriegsphilosophie. Deshalb war Peking aber auch stark von Moskau abhängig, und das waffentechnologische Niveau bei Forschung, Entwicklung und Produktion lag noch deutlich unter dem Russlands. So war es nur folgerichtig, dass China zunächst danach trachtete, die eigenen Fähigkeiten zu verbessern.
Das Beste aus beiden Systemen
Durch die ständige Ausweitung der nationalen Anteile an Montage, Fertigung und Entwicklung wurde nach und nach ein eigener Grundstock aufgebaut. Neben Russland übernahm dabei auch Israel eine prominente Komplizenrolle, besonders auf dem Gebiet der Luftfahrtindustrie. So konnten in den vergangenen Jahren bei der Produktion von Waffensystemen die einheimischen Anteile erheblich gesteigert werden. Durch ein äußerst pragmatisches Vorgehen ließen sich die Stärken westlicher und russischer Waffensysteme oft zu einem eigenen „chinesischen Ansatz“ kombinieren.
Das auf diese Weise hergestellte Kriegsgerät wurde zunächst in kleinen Stückzahlen hergestellt und in Dienst gestellt. Die Erfahrungen aus dem Umgang mit diesen Ausrüstungsgegenständen flossen dann in neue Konstruktionen ein. Auffällig ist, dass diese Zyklen sich in den letzten Jahren deutlich verkürzt haben. Auf einigen Gebieten konnte die chinesische Rüstungsindustrie inzwischen Anschluss an den Stand der internationalen technischen Entwicklung gewinnen.
Kurioserweise setzte China so das Konzept des „spiral development“ besser um als die amerikanischen Streitkräfte, die es entwickelt haben. Auf diesem Feld hat der Schüler sogar mehr erreicht als nur Augenhöhe mit dem Lehrmeister. Die gewonnenen Erkenntnisse werden in vielen Fällen zur Modernisierung genutzt, meistens zur Verbesserung schon vorhandener Waffensysteme.
In den kommenden Jahren wird sich zeigen, inwieweit sich vermehrt auch eigene, chinesische Anschauungen und Prinzipien entwickeln, die nicht mehr auf amerikanische Vorbilder zurückgreifen. Der Schwerpunkt der Modernisierung liegt zurzeit bei Systemen der Luft- und Raumfahrt. Die Fähigkeiten der Vereinigten Staaten auf diesem Gebiet haben die militärische Führung in Peking offenbar dermaßen beeindruckt, dass sie nun ebenfalls bemüht ist, sich diese kräfteverstärkenden, weil (Informations-)Übersicht und Beweglichkeit bietenden militärischen Optionen zu verschaffen.
Künftig auch zur Offensive fähig
Auch zur Nutzung des wachsenden Arsenals finden sich die entscheidenden Verlautbarungen im chinesischen Weißbuch. Als Punkt eins der nationalen Verteidigungspolitik wird die Wahrung der nationalen Sicherheit und Einheit genannt. Gemeint ist damit die Taiwan-Frage. Unter Punkt vier werden konkretere Vorgaben für die Teilstreitkräfte im Rahmen der sogenannten „aktiven Verteidigung“ erläutert. So soll das Heer von einem Instrument zur regionalen Verteidigung zu einer Streitmacht mit „transregionaler Mobilität“ umgebaut werden.
Die Pläne für die Marine wirken auf den ersten Blick zurückhaltender, weil sie, bei der aktuellen Konzentration auf Operationen im Küstenvorfeld, zunächst defensiver Natur sind. Peking sieht Taiwan aber ausdrücklich als unveräußerlichen Bestandteil Chinas an. Folglich werden die Gewässer um Taiwan als chinesisches Hoheitsgebiet betrachtet. Die Vorgaben für die chinesische Luftwaffe werden deutlicher formuliert. Von der territorialen Verteidigung ausgehend, soll sie künftig auch zu offensiven Operationen fähig sein.
Geostrategisch konzentriert sich China somit zunächst auf einen Ausbau seiner militärischen Fähigkeiten für die umliegenden Regionen. Die derzeitigen Rüstungsvorhaben sind darauf ausgerichtet, die taiwanesische Unabhängigkeit zu unterbinden. Die Beschaffungsprogramme dienen genau diesem Ziel und folgen damit dem Weißbuch.
China entdeckt die Ozeane
Das gilt für die große Anzahl taktischer ballistischer Raketen ebenso wie für Kampfflugzeuge, Schiffe und Unterseeboote. Dem entspricht die Verstärkung von Luftlandetruppen und amphibischen Verbänden. Diese Fähigkeiten sind für eine Landmacht wie China überproportional stark ausgeprägt. Außerdem werden sie in der Militärregion Nanjing, gegenüber der Küste Taiwans, massiert. Auch die Reichweiten der dort stationierten Waffensysteme entsprechen der Entfernung zu Taiwan. Dagegen sind amphibische Kräfte in der Militärregion Guangzhou im inselreichen Süden der Volksrepublik nur äußerst spärlich vorhanden.
Schließlich ist auch die Personalpolitik in den chinesischen Streitkräften auf das militärische Ziel Taiwan bezogen. Kurz vor dem 17. Parteikongress im Oktober 2007 wurden vier hohe Generäle befördert, die alle über erhebliche Erfahrung für eine Operationsplanung hinsichtlich Taiwan verfügen. Sie übernahmen die Positionen des Generalstabschefs und seines Vertreters sowie die des Oberbefehlshabers der Marine und der Luftwaffe.
Die militärische Konzentration auf Taiwan ist aber nur als Auftakt zu verstehen. Die jahrtausendealte Landmacht China entdeckt die Ozeane als Raum von strategischer Bedeutung. Denn die Seewege ermöglichen nicht nur den Export gewaltiger Mengen von Konsumgütern; sie sind auch für den Import dringend benötigter Rohstoffe von hoher Bedeutung. Außerdem werden bedeutende Rohstoffreserven im Südchinesischen Meer vermutet. Auch die zunehmenden Spannungen zwischen den Seestreitkräften Südostasiens, die sich immer häufiger in Katz-und-Maus-Spielen niederschlagen, werden zu einem weiteren Ausbau der chinesischen Kriegsmarine beitragen.
Statt zu lamentieren werden Fakten geschaffen
Auffällig ist neben diesen klaren Zielen der chinesischen Verteidigungspolitik aber auch die deutliche Zurückhaltung gegenüber den Vereinigten Staaten und ihren Plänen für ein nationales Raketenabwehrsystem. Dabei hat China durchaus Grund zur Besorgnis: Mit gerade drei Dutzend Interkontinentalraketen im Bestand der strategischen Raketenstreitkräfte könnte das chinesische Atomwaffenpotential durch die amerikanischen Abfangraketen erheblich beeinträchtigt werden. Doch statt ohne Aussicht auf Erfolg über die Absichten der Vereinigten Staaten zu lamentieren, konzentriert sich China aufs Handeln und verstärkt seine strategischen Raketenkräfte.
Ein derartiger Aufwand bei Produktion, Stationierung, Ausbildung und Manövern ist zuletzt während des Kalten Krieges im Abschreckungswettbewerb zwischen den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion zu beobachten gewesen. In einem vergleichbaren Umfang profitieren von diesen Rüstungsanstrengungen auch die taktischen Raketenstreitkräfte.
Peking beklagt sich auch nicht laut über die amerikanischen Bestrebungen zur Beherrschung des Weltraums. Auch hier wurden und werden stattdessen Fakten geschaffen. Im Januar hat China seine Fähigkeit demonstriert, auch Satelliten im oberen Bereich der „niedrigen“ Umlaufbahnen zu zerstören. Doch nicht nur der Abschuss von Satelliten wird inzwischen beherrscht, auch die Startkapazitäten für Raketen wachsen, da die politische Führung die strategische Bedeutung unabhängiger Zugangs- und Nutzungsmöglichkeiten im Weltraum erkannt hat.
Wenig Beachtung hat bisher die Verdrängung Europas vom Bronzeplatz der Weltraumfahrt gefunden. Nicht nur, dass mit Yang Linwei am 15. Oktober 2003 der erste „Taikonaut“ aus eigener, nationaler Kraft ins All befördert wurde; seit 2003 ist Europa von China auch bei den Starts von Trägerraketen mit 36 zu 22 deutlich abgehängt worden. Und der Abstand in der Startstatistik vergrößert sich zusehends. Während sich die Europäer auf den einen Startplatz in Französisch-Guayana konzentrieren, wird bei Wenchang, auf der Insel Hainan im Südchinesischen Meer, bereits der vierte Startkomplex aus dem Boden gestampft.
Beachtliche Flotte von Satelliten
Von dort sollen künftig auch Raketen des Typs „Langer Marsch 5“ ins All aufbrechen. Diese Trägerrakete, die sich zurzeit noch in der Entwicklung befindet, wird ein technisch erheblich verbessertes Modell sein. Einerseits sind Erfahrungen aus dem Bau und Einsatz verschiedener Vorgängerprogramme genutzt worden, andererseits soll beim Raketenantrieb der neuste Stand der Technik erreicht werden. Konzeptionell wird das Modell Langer Marsch wegen der konsequenten Anwendung des Prinzips der Modularität die Voraussetzungen für die Entwicklung einer kompletten Raketenfamilie mit unterschiedlichen Nutzlastkapazitäten schaffen.
Schon heute verfügt das chinesische Militär über eine beachtliche Flotte eigener Kommunikations-, Aufklärungs- und Navigationssatelliten im Erdorbit. Sie reichen zwar noch nicht an das technologische Niveau westlicher Systeme heran, doch der „Panda“ nähert sich auf seiner Verfolgungsjagd mit Siebenmeilenstiefeln diesem Ziel. Setzt sich diese Entwicklung fort, kann China in der Raumfahrt schon im kommenden Jahrzehnt zu Russland und fast auch schon zu den Vereinigten Staaten aufschließen.
Die strategische Schwerpunktsetzung bei den Weltraumsystemen zahlt sich auch dahin gehend aus, dass dies das erste Gebiet werden wird, auf dem China nicht nur die Technologien anderer Nationen abkupfern muss, sondern sich kraftvoll und vor allem unabhängig eigene Werkzeuge zur Vertretung seiner Interessen schaffen kann. Europa hingegen fällt zurück und kann nun selbst damit beginnen, sich China zum Vorbild zu nehmen.
Enorme Rückstände bei U-Booten
Ein umfangreiches Ausbauprogramm gibt es auch für die U-Boot-Waffe. In den vergangenen zehn Jahren wurde mit der Entwicklung, Konstruktion und Produktion von jeweils zwei konventionell und nuklear angetriebenen Unterseebootklassen begonnen. Dies ist weltweit ein Spitzenwert. Doch die praktische Nutzung dieser Systeme steht dazu in einem krassen Widerspruch.
Nach Angaben der Vereinigung Amerikanischer Wissenschaftler (FAS) hat die gesamte Unterseebootflotte Chinas im Jahre 2006 lediglich zwei Patrouillen durchgeführt. Auch verschiedene Unfälle in den letzten Jahren deuten darauf hin, dass der Ausbildungsstand bei den Unterseebooten einem Vergleich mit dem der amerikanischen Marine nicht standhält und noch enorme Rückstände aufzuholen sind.
Bei zahlreichen Waffenplattformen, wie zum Beispiel den Kampfflugzeugen des Typs J-10 und J-11, sind wesentliche Sensoren und Effektoren aber nur mit massiver Unterstützung aus Israel, Russland und Südafrika entwickelt und einsetzbar geworden. Diese Hilfe aus dem Ausland wird aber zusehends durch eigene Expertise ersetzt. Deshalb ist mit mehr Eigenentwicklungen zu rechnen. Inwieweit diese mit dem internationalen waffentechnischen Niveau mithalten können, wird sich erst noch zeigen müssen.
Doch fraglich ist nicht etwa, ob, sondern nur, wann chinesische Konzepte, Konstruktionen und Operationsweisen in der Breite an die Weltspitze heranreichen werden. Neben den besonders energisch vorangetriebenen Programmen für Raumfahrtsysteme und Kriegsschiffe kann inzwischen auch der Bau von Militärhubschraubern als Beispiel gelten.
Bedeutende Unterstützung aus dem Ausland
So kombiniert zum Beispiel der Kampfhubschrauber Z-10 zahlreiche, klug gewählte Konstruktionsmerkmale westlicher Vorbilder. Geschnürt wird so ein neues Paket, das konzeptionell als der modernste Kampfhubschrauber gelten kann, da viele Maßnahmen getroffen wurden, um eine verringerte Entdeckbarkeit (Stealth) zu erreichen.
Verblüffend ist, dass es auch bei diesem Vorhaben eine bedeutende Unterstützung aus dem Ausland gibt. Die Triebwerke stammen aus den Vereinigten Staaten, und bei der Konstruktion gibt es Hilfe aus Europa, insbesondere aus Frankreich und Italien. Dieser Transfer von Wissen wird weiter ausgedehnt. Bis 2012 will China einen neuen Transporthubschrauber, den Z-15, bauen. Partner der chinesischen Industrie ist der europäische Hubschrauberkonzern Eurocopter. Solche Beispiele ließen sich fortsetzen.
Noch scheinen westliche Konzerne darauf zu vertrauen, dass sie Chinas Durst nach strategisch verwertbaren Technologien und Systemen gewinnbringend nutzen können, indem sie den verheißungsvollen Markt des Reiches der Mitte für sich erschließen. Darüber hinaus sollen die günstigen Fertigungskosten dieses Landes mit einer Milliardenbevölkerung nicht nur bei der Herstellung von Kleidung und Spielzeug, sondern zunehmend auch bei modernen Technologiegütern genutzt werden. Doch derartige Anlagen eignen sich bisweilen auch zur Produktion von Waffensystemen. Lücken im Kenntnisstand der Chinesen werden systematisch durch Spionage geschlossen. Auch die Ausbildung einer großen Schar von chinesischen Studenten im Ausland liefert viel Wissen frei Haus.
Die Betrachtung der chinesischen Militärentwicklung offenbart ein hohes Maß an Pragmatismus in der politischen Führung. Nach einer Phase der intensiven Analyse sind die wichtigsten strategischen Ziele definiert worden. Der Anspruch auf Weltgeltung wird nach dem noch immer phantastisch anmutenden Wirtschaftswachstum nun auch zunehmend durch das Schaffen leistungsfähiger sicherheitspolitischer Instrumente unterstrichen. Die Volksbefreiungsarmee wird von einer altbackenen Landmacht der vielen Stiefel zu einer Streitkraft transformiert, die China helfen soll, sich auf der Weltbühne politische und militärische Optionen zu verschaffen. Langfristig hat diese Entwicklung mindestens die Ebenbürtigkeit mit anderen wichtigen Staaten zum Ziel.
Amerikas Vorsprung schrumpft
Insgesamt entspricht die Entwicklung der chinesischen Streitkräfte bisher den politischen Vorgaben. Sie befinden sich zurzeit in einem Modernisierungs- und Konsolidierungsprozess. Zunächst strebt Peking danach, mit seinen militärischen Fähigkeiten Anschluss an das internationale Niveau zu finden. Der regionalen Kriegführung innerhalb der ersten Inselkette (einschließlich Taiwans) wird bisher noch die größte Aufmerksamkeit gewidmet. Langfristig dürfte die Sicherstellung der Passage durch die sogenannte zweite Inselkette - eine Linie, die von Japan über die Marianen bis zu den Marschall-Inseln führt - angestrebt werden.
Nach dem Kauf von mittlerweile vier Flugzeugträgerrümpfen, um deren Konstruktion zu studieren, werden konkrete Baumaßnahmen schon vorbereitet. Mit dem ersten einsatzfähigen Flugzeugträger, der die entsprechenden Fähigkeiten der indischen Marine deutlich übertreffen dürfte, ist im kommenden Jahrzehnt zu rechnen.
Allerdings liegt China mit seinem einsatzbereiten militärischen Potential noch immer auf fast allen Feldern weit hinter den Vereinigten Staaten zurück. Deren Vorsprung schrumpft aber - Peking holt auf. Natürlich wird eine weitere Angleichung der Fähigkeiten nicht über Nacht stattfinden. Aber in der chinesischen Kultur sind Geduld und das Denken in längeren Zeiträumen fest verankert.
Abzuwarten bleibt, welche Schlussfolgerungen in Deutschland und Europa aus dem Aufstieg Chinas gezogen werden. Geben sie sich mit der Position von eher passiven Zuschauern zufrieden, die im globalen Wettrennen zunehmend zu kämpfen haben werden? Oder wollen sie wie die Vereinigten Staaten versuchen, ihre Interessen in Asien zu sichern? Mit China als wirtschaftlich und militärisch aufsteigender Großmacht kann diese Weltregion für die absehbare Zukunft mit einem dynamischen Kraftgewinn und anhaltender Aufmerksamkeit rechnen.