02.12.2007 · Tief im Süden Chinas liegt der Bezirk Xishuanbanna, ein chinesisches Ferienparadies. Dort gibt es die Traditionen zahlreicher Minderheiten zu entdecken, denen zum Teil mehr Rechte eingeräumt werden als den meisten Chinesen.
Von Lilo SolcherHerr Hu (“Sagen Sie einfach Rudi zu mir“) hat in Peking Deutsch studiert und garniert seinen Wortschatz mit vielen Jas. Frau Cheng (“Mein Lehrer nannte mich Diana“) wollte eigentlich Englischlehrerin werden, hat aber dann ihr Faible für Touristenführungen entdeckt. Herr Hu lächelt viel, und Frau Cheng quasselt viel. Unsere beiden Reiseführer wollen uns die Schönheiten von Xishuanbanna zeigen, jenem autonomen Bezirk in der Provinz Yunnan, der ganz im Süden Chinas an Burma und Laos grenzt.
Ausländer sind hier bisher kaum unterwegs, die Chinesen aber haben das tropische Paradies der Volksrepublik schon längst entdeckt. Bekannt ist Xishuanbanna für die vielen Minderheiten - zu den zwölf ursprünglichen gesellen sich mittlerweile noch die Han-Chinesen, die tatkräftig am Aufbau des Fortschritts arbeiten: Schulen und Hospitäler werden gebaut und Straßen, die bis in entlegene Bergdörfer reichen. Die neue Autobahn von Bangkok nach Kunming, der Hauptstadt von Yunnan, schlägt Schneisen in die Natur.
Die Dai halten an ihren Traditionen fest
Auch unsere beiden Führer sind Han. Doch die Mehrheit der Einwohner von Xishuanbanna - eine Million auf knapp 20.000 Quadratkilometern, für China eine geringe Bevölkerungsdichte - sind Dai, die in ihren Dörfern trotz allen Fortschritts noch an ihren alten Traditionen festhalten.
Xishuanbannas Hauptstadt Jinghong, mit 80.000 Einwohnern eine Kleinstadt im Reich der Mitte, hat sich für die Touristen herausgeputzt: „Lasst uns danach streben, Jinghong zur Hauptstadt des Öko-Tourismus zu machen“, fordert ein Banner. Doch vor allem ist Jinghong eine Art Shoppingcenter: ein Jadeladen, ein Teeladen, ein Jadeladen, ein Teeladen, ein Jadeladen. Aber dann: ein Tempel als Disco, Jeans- und Schuhläden, ein Friseur mit Englischkenntnissen, ein Puma-Shop, Anzüge, Kleider, Schuhe, ein Juwelier. In der Seitenstraße drei Betten, auf denen massiert wird, ein Schuhputzer, bettelnde Dai-Kinder, ein Kaufhaus, ein Handyladen. Überall Chinesen, die eifrig einkaufen. Nur in der Straße vor den Jade- und Teeläden herrscht Leere, ein paar Verkäufer spielen Karten, andere machen ein Nickerchen. Kaum jemand spricht Englisch, auch nicht in den Läden. Kreditkarten kennt man hier nicht, und selbst das Wort Dollar ist den meisten unbekannt.
Der Markt lässt Touristen erblassen
Auf dem Nachtmarkt sind die Chinesen unter sich. Hier breiten die Bauern vom Umland stolz aus, was die Städter gerne essen: Entenzungen am Spieß, getrocknete Frösche, Fischblasen, Schweineschwänze und natürlich Geflügel in allen Varianten, lebend, halbtot, am Spieß, in der Suppe. Herr Hu lächelt, als er sieht, dass wir blass werden. „Sie wissen doch, wir Chinesen essen alles, was vier Beine hat, mit Ausnahme von Tischen und Stühlen.“
Davon können wir uns auch auf dem Markt in Ganlaba überzeugen, auf dem sich scheinbar ganz Xishuanbanna trifft. In Körben drängen sich ganze Hühnerfamilien, und obenauf sitzt der Hahn und kräht. Überbordende Farbenpracht an den Gemüseständen, dazwischen stillen junge Mütter ihre Babys. In den Seitenstraßen haben sich die Metzger breitgemacht, mitten unter totem Geflügel, Schweinehälften und Rinderzungen liegt ein Hundekopf. Im Schatten sitzen ein paar Männer und spielen Mah-Jongg.
Chinesen lieben es laut
Xishuanbanna ist ein chinesisches Ferienparadies. Und die Chinesen lieben es laut. Im Regenwald, über dessen Wipfeln die Kabinen einer Seilbahn gleiten, wird zwar überall zum pfleglichen Umgang mit der Natur ermahnt. „Dieses kleine Gras lebt und bittet Sie, mit Ihren Füßen Barmherzigkeit zu zeigen“, heißt es etwa in holprigem Englisch. Gleichzeitig plärrt chinesischer Pop aus den Lautsprechern an den Masten der Seilbahn und übertönt jedes Vogelgezwitscher. Kinder kreischen vor Vergnügen, wenn sie in Lianenschaukeln in die Lüfte fliegen, Spaziergänger rufen einander über große Distanzen zu und lachen laut über das Echo. Wie sollte sich bei dem Lärm auch nur einer der 250 Wildelefanten zeigen, die von den Millionen von Elefanten übriggeblieben sind?
Herr Hu und Frau Cheng sind begeistert von den zahmen Elefanten, die im Naturpark Kunststücke vorführen. Hunderte von Chinesen teilen diese Begeisterung. Den noch freien Dickhäutern wünscht man, der Lärm möge sie weiterhin vertreiben, damit sie nicht in die Fänge der Menschen geraten. Frau Cheng mag es, wenn alles perfekt funktioniert, vielleicht wollte sie ja aus diesem Grund einmal Lehrerin werden. Am liebsten ist es ihr, wenn alles nach Plan läuft. Selbst Pflanzen machen da keine Ausnahme. Den Strauch der tanzenden Blätter besingt sie ausführlich, bis sich wirklich ein paar Blätter leise im Wind drehen. Und verschlossene Türen gibt es für unsere Reiseführerin nicht. In den Dörfern der Minderheiten führt sie uns gnadenlos in verdreckte Küchen und armselige Schlafräume.
Tracht und Ahnenaltar
Herr Hu erzählt von den „Minderheiten“, für die die strenge Ein-Kind-Politik des Politbüros im fernen Peking nicht gilt. Bis zu drei Kinder dürfen sie hier in Xishuanbanna haben. Er selbst ist 38, hat eine zweijährige Tochter und ist nicht ganz einverstanden mit den Auswirkungen der verordneten Geburtenkontrolle, die vorwiegend kurzsichtig sei und vor allem auf Kosten der weiblichen Nachkommen gehe. „Bald wird China zu wenig Mädchen haben“, sagt er und spricht dann von den „verwöhnten Prinzen“, denen die Eltern keinen Wunsch abschlagen. Bei den Minderheiten ist das noch anders. Kinder sind Teil dieser dörflichen Welt und werden meist den Großmüttern überlassen.
Frau Cheng öffnet die Tür zum Haus eines frisch verheirateten Jinuo-Pärchens. Die Minderheit mit tibetischen Ursprüngen wurde erst 1979 als bislang letzte Ethnie anerkannt. „Kinder des Onkels“ nennen sie sich, weil sie glauben, dass sie von einem Geschwisterpaar abstammen, das in der Sonnentrommel eine Art Sintflut überlebt hat. Die Sonnentrommel ist bis heute größtes Heiligtum jedes Jinuo-Dorfes, auch wenn die Jungen sich immer weiter von den Traditionen entfernen. Stolz zeigt die junge Frau ihre letzten Errungenschaften: eine Art Sideboard, auf dem der Fernseher den Platz des Ahnenaltars einnimmt. Der Ehemann fühlt sich sichtlich unwohl unter den neugierigen Blicken der Fremden. Draußen knattert ein Moped vorbei. Die jungen Jinuo sind in der Gegenwart angekommen. Jeans und T-Shirts ersetzen die bestickten Jacken und Hosen. Nur die Alten tragen noch Tracht. Der Wind der Veränderung hat Xishuanbanna erreicht.