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Taiwan Der Mensch beißt die Schlange

29.07.2007 ·  Ohne Taiwan wäre die Welt ärmer. Das fleißige Land versorgt sie mit Laptops, Mobiltelefonen und Flachbildschirmen. Doch Taiwan hütet auch den Gral des chinesischen Buddhismus. Allerdings merkt man das nicht immer gleich.

Von Jakob Strobel y Serra
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Buddhas fünf Gebote lauten: Du sollst nicht töten. Du sollst nicht stehlen. Du sollst dich nicht berauschen. Du sollst nicht ehebrechen. Du sollst nicht lügen. In Taiwan, das den Gral des chinesischen Buddhismus hütet, seit ihn General Tschiang Kai-schek dort vor den gottlosen Kommunisten in Sicherheit gebracht hat, sind diese fünf Gebote Gesetz. Allerdings merkt man das nicht immer gleich.

Der Nachtmarkt Hua Xi in der taiwanischen Hauptstadt Taipeh ist berühmt für seine Schlangenrestaurants. Die Spezialitäten des Hauses dösen auf dem Tresen oder in Käfigen gleich am Eingang, weil die chinesische Küche größten Wert auf absolute Frische legt. Darunter wartet in Verschlägen das Schlangenfutter, gleichfalls absolut frisch: süße Häschen, nicht größer als Stoffkuscheltiere, die ab und zu zur Ermunterung des Publikums an die Kriechtiere verfüttert werden. Die Schlange schlingt sich um das Häschen, das ganz verblüfft dreinschaut, erdrückt es mit erstaunlich viel Muße und lässt es dann gemächlich in ihrem Schlund verschwinden. Die Live-Fütterung ist vor allem bei Kindern beliebt, die sich vollkommen ungerührt am Schlangenkäfig die Nase plattdrücken und das Ganze fachmännisch kommentieren. Taiwanische Kinder haben eine vorbildliche Einstellung zu Nutz- und Haustieren.

Du sollst nicht töten

Schlangen schmecken nicht jedem. Manchen ist das Fleisch zu fade, anderen die Galle zu kräftig, die traditionell als Aperitif serviert wird; dazu befestigt man die Schlangen mit dem Kopf an einem Nagel, öffnet die Galle und zieht anschließend die Haut so einfach ab wie einen Strumpf vom Bein. Wer es gern etwas vertrauter hat, kann auf dem Nachtmarkt auch Schweinefüße, Fischköpfe oder Hühnerhälse naschen. Und wer aus welchen Gründen auch immer keinen Appetit bekommt, sollte sich von den Wogen plappernder Menschen durch die hellerleuchtete Nacht treiben lassen, vorbei an Handlesern und Kartendeutern, Raubkopiengroßhändlern und Trottoir-Spielotheken mit lauter Miniaturflippern für die tapferen Kinder Taiwans. Einen schönen Eindruck vom Einfallsreichtum dieses Landes vermitteln auch die Dildo-Fachgeschäfte mit ihrem ganz und gar erstaunlichen Sortiment, die fast noch zahlreicher sind als die Garküchen. Das will schon etwas heißen.

Nicht weniger beeindruckend ist die Auswahl an Stärkungsmitteln, die tagsüber um die Ecke in der Dihua-Straße verkauft werden, dem letzten pittoresken Stückchen des alten Taipeh. Den Seehecht gibt es am Stück, vom Hirsch nur Pfote, Schwanz und Penis, und alles getrocknet, weil Getrocknetes die Spezialität der Dihua-Straße ist, dieser wunderbaren Kombination aus Apotheke und Delikatessengeschäft. Denn für die Chinesen sind gutes Essen und gute Gesundheit Verbündete, nicht Feinde - wer sich hier geschmackvoll den Bauch vollschlägt, braucht anschließend keine Medizin, die hat er dann schon im Magen.

Die Auswahl ist betörend: Knollen, Wurzeln, Rinden, Beeren, Pilze, die in Schachteln so liebevoll drapiert werden wie Pralinés; Chrysanthemen, Hyazinthen, Jasmin, Lavendel, Osmanthus, als riesige Duftsäcke die Straße säumend, eine Allee des Wohlgeruchs. Hier finden sich hunderttausend Lebewesen wieder, die alle ihr Leben ließen zum Wohl des Menschen: Oktopusse, die wie mumifiziert aussehen, Vögel samt Vogelnestern, die mit verschwörerischem Blick unter der Theke hervorgeholt werden, Haifischflossen in Steven-Spielberg-Größe, die ein Vermögen wert sind - im taiwanischen Restaurant kostet das Schälchen mit etwas Ingwer nicht unter fünfzig Euro. Die Flossensuppe beim Chinesen um die Ecke für dreizwanzig ist also Scharlatanerie. Da schwimmt bestimmt kein Haifisch drin, der ist noch am Leben.

Du sollst nicht stehlen

Es gibt auf der ganzen Welt keine großartigere Raubkunstsammlung als das Nationale Palastmuseum von Taipeh: sechshundertfünfzigtausend Exponate in atombombensicheren Magazinen, achttausend Jahre chinesische Kulturgeschichte von der Steinzeit bis zum Ende der Qing-Dynastie. Den Mitteleuropäer lassen Jadeschwerter aus dem fünfundzwanzigsten Jahrhundert vor Christus ganz kleinlaut werden, weil seine Verwandtschaft damals höchstens mit Holzknüppeln um sich schlug. Er bestaunt Seladon-Keramik aus der Jahrtausendwende, die so unfassbar zeitlos ist, als hätte sie das Bauhaus entworfen. Und er steht fassungslos vor Irrwitzigkeiten wie einem Olivenholzschiffchen aus dem achtzehnten Jahrhundert: Acht Menschen trinken auf ihm Tee, jeder mit einem anderen Gesichtsausdruck, jeder mit einer Tasse in der Hand, die Fenster lassen sich öffnen, und in dem Rumpf sind die dreihundert Schriftzeichen der „Ode an die rote Klippe“ eingeritzt. Sie sind allerdings schwer zu lesen, weil das Bötchen gerade einmal achtunddreißig Millimeter misst.

Dem weisen Tschiang Kai-schek verdanken die Taiwaner dieses prachtvolle Museum. Er raffte die Schätze der Verbotenen Stadt in Peking zusammen und schaffte sie 1949 nach seiner Niederlage gegen die Kommunisten auf die Insel - zusammen mit einer halben Million Soldaten, anderthalb Millionen Zivilisten und den gesamten Goldvorräten Chinas. Von seinem Volk ließ er sich das unter anderem mit einer monströsen Gedächtnishalle aus weißem Marmor samt vier Fußballfelder großem Aufmarschplatz danken, in der Tschiang als Monumentalskulptur hockt wie eine bronzene Riesenkröte - das letzte Monument der Kleingeistigkeit seines Größenwahns. Die Taiwaner diskutieren gerade hitzig darüber, den Bau in „Demokratiegedächtnishalle“ umzubenennen, weil der Diktator außer seinem Hauptberuf als Vater des Vaterlandes auch ein paar andere, weniger ruhmreiche Nebentätigkeiten ausübte.

Immerhin hat Tschiang Kai-schek aus der bettelarmen Insel von der Größe Baden-Württembergs einen Tigerstaat mit scharfen Krallen gemacht, ein blühendes Gemeinwesen, das in seiner Plackerei für ein besseres Leben bisher indes wenig Zeit für die schönen Dinge des Daseins gefunden hat. Deshalb ist Taipeh keine Perle unter den Hauptstädten dieser Erde, sondern eher ein Sammelsurium aus Apartmentklötzen, Bürokisten und Stelzenautobahnen, dessen einzige nennenswerte Würzung eine Milliarde bunter Werbetafeln mit chinesischen Schriftzeichen sind.

Du sollst dich nicht berauschen

Doch zum Glück gibt es jetzt den Taipei 101, der den Petronas Towers in Kuala Lumpur den Weltrekord für das höchste Gebäude der Erde stibitzt hat: ein fünfhundertacht Meter hoher Koloss mit hundertundeiner Etage in Form eines Bambus und einer sechshundertsechzig Tonnen schweren Dämpfungskugel aus Stahlplatten als Lebensversicherung gegen die ständigen Erdbeben, die ganz oben im Turm an sechzehn Stahlseilen hängt und wie ein gefangen gehaltenes Raumschiff aussieht. Taipei 101 ist nicht die Krönung der Skyline von Taipeh. Er ist die Skyline von Taipeh und steckt wie ein Riesenlöffel aus Glas und Stahl einsam im Häuserbrei. Das verleiht seiner Größe etwas Groteskes, fast Unbeholfenes, ein armer Gigant unter lauter Normalwüchsigen, der noch aus einem anderen Grund das Mitleid des vorbeireisenden Mäkelästheten verdient: Ein Bambus soll er sein, doch er ist viel zu dick dafür. Er ist ein Mammutbaum im Bambusröckchen. Und doch ist er ein Segen für die Stadt. Denn endlich hat sie ein Emblem, endlich ihren Eiffelturm.

Tainan ist die älteste und schönste Stadt der Insel, ihre Schatztruhe, randvoll gefüllt mit Tempeln, Pagoden und Schreinen, Karpfenteichen, Bonsaigärten und Wasserfällen, Himmelstoren, Gigantentrommeln und ehrwürdigen Bäumen. So dekorativ wie Weihnachtsschmuck hängen Mangos, Javaäpfel und Drachenaugen daran, während andere Bäume von Schmarotzerwurzeln bildschön umklammert werden wie Laokoon von den Schlangen, so ergeht es dem Banyan vor dem Affentempel. In Tainan gibt es Götter für alles, den Krieg, die Literatur, für Examens- oder Eheglück, gutes Wasser, gute Ernten, gute Heimkehr. Und weil die Taiwaner so sehr ihren Göttern vertrauen, wimmelt es in den Tempeln vor Gläubigen, die baumstammdicke Bündel von Räucherstäbchen anzünden und in mächtigen Öfen dicke Packen Göttergeld aus Altpapier verbrennen, das soll den persönlichen Reichtum befördern. So qualmt und dampft es in den Götterhäusern wie in einer Köhlerei ohne Kamin, und der Fremde entschwebt lächelnd in einen Räucherstäbchenrausch, er darf das auch, er ist ja kein Buddhist.

Tainans Metaphysik ist auch sonst ziemlich handfest. Im Konfuzius-Tempel opfern Schüler und Studenten am Geburtstag des Meisters ein Schwein, eine Ziege und eine Kuh, um anschließend die Haare aus dem Fell zu zupfen, denn so wird man weise wie Konfuzius selbst. Oder sie legen Kopien ihrer Studentenausweise den Göttern zu Füßen, um für gute Noten zu bitten. Oder sie schreiben dem Partnervermittlungsgott kleine Billets d'amour mit den gewünschten Charaktereigenschaften des Zukünftigen und hängen sie kichernd im Tempel auf. Oder sie werfen das Glückshölzchen, das aus zwei muschelförmigen Hälften besteht: Landet eines auf der flachen und eines auf der gewölbten Seite, wird der Wunsch erfüllt; bei zweimal flach lacht der Gott, bei zweimal gewölbt weint er, und in beiden Fällen wird es nichts mit dem Wunsch.

Du sollst nicht ehebrechen

Überwuchert und überbaut von Tempeln, Pavillons und kaiserlichen Stelen auf steinernen Schildkröten sind längst auch die Reste des Forts Provintia, das die Niederländer bei ihrem kurzen Gastspiel als Kolonialmacht in Taiwan hinterließen. Und hier thront das Denkmal der triumphalen Rückeroberung als lebensechte Figurengruppe. Es zeigt den chinesischen General Koxinga, der 1662 die Europäer vertrieb, mit Schwert und herrischem Blick, ihm gegenüber ein Holländer mit gesenktem Haupt, waffenlos. Ursprünglich kniete der Geschlagene, was den wütenden Protest der Niederlande entfachte. Sie seien noch nie in ihrer Geschichte vor irgendjemandem in die Knie gegangen, zeterten sie, was die Taiwaner als höfliche Menschen dazu bewog, über Nacht den zu Boden gegangenen Holländer gegen einen stehenden auszutauschen. Ihre wahre Rache ist den Niederlanden aber anderswo vergönnt: Fast jede Kneipe in Tainan schmückt sich mit Bierplakaten der Amsterdamer Brauerei Heineken, so als gäbe es keine anderen Marken auf dem Globus. Es ist ein bizarrer Monopolismus - wenn schon Rausch, dann exklusiv mit Pilsje.

Die Betelnuss-Bikinimädchen sind die sonderbarste Berufsgruppe Taiwans. Zu Tausenden hocken sie in aufgebockten Glaskästen am Straßenrand, oft nicht mit mehr als dem Allernötigsten bekleidet, gerne tragen sie auch weiße Lederschaftstiefel. Sie verkaufen Zigaretten, Heineken, vor allem aber die Betelnuss, die gekaut wird und den Schlaf raubt. Die Mädchen, so heißt es höflich, seien nicht zu kaufen. Doch wenn man mit den Lastwagenfahrern redet, den leidenschaftlichsten Betelnusskauern, bekommt man nach dem siebten Pilsje zu hören, dass es einen Spruch in Taiwan gebe: Wer wenig Geld habe, bekomme nur eine Nuss von den Mädchen. Wer aber genug Geld auf den richtigen Tisch lege, bekomme auch zwei.

Millionen Betelnussbäume wachsen an den Flanken der Berge, die aus Taiwans Mitte emporsteigen wie ein steinerner Panzer mit grünem Pelz, schlanke, hohe Bäume, die an magersüchtige Palmen erinnern. Sogar an den Ufern des berühmten Sonne-Mond-Sees hoch im Herzen der Insel haben sie sich ihren Platz erobert. Das Gestirnengewässer ist so etwas wie das Traumbild der taiwanischen Ideallandschaft: ein See voller Symbolik, der zur einen Hälfte wie die Sonne und zur anderen wie ein Halbmond aussieht, die perfekte Kombination aus Wasser und Berg nach der Lehre der Geomantie, die in allem Geographischen Göttliches sieht. Der See ist umgeben von überwucherten Bergen und oft in dramatische Wolkenfetzen gehüllt. Bewacht wird er von einer neunstöckigen Pagode, die der gute Sohn Tschiang Kai-schek zu Ehren seiner Mama errichten ließ. Jedem Kalligraphen schlage hier das Herz bis zum Hals vor Glück, sagt man. Allerdings sollte der Zeichner den einen oder anderen Starkstrommast, das Wasserkraftwerk hinten rechts und die Armada von Ausflugsbooten fürs vollständige Idyll wegretuschieren. Darüber kann man auch leicht hinwegsehen, und ganz bestimmt machen das die Flitterwöchner, bei denen der See besonders beliebt ist als Fotokulisse für geomantische Glücksgefühle und ewige Treueschwüre wider den Ehebruch.

Du sollst nicht lügen

Die Wahrheit wohnt ein paar Kilometer vom Sonne-Mond-See entfernt in einem Kloster von vatikanischen Ausmaßen. Wenn die goldene Kuppel des Chung Tai Chan im Immergrün des Bergregenwaldes wie ein Deus ex machina auftaucht, weigert man sich lange, zu glauben, was man sieht: ein siebenunddreißig Stockwerke hoch in den Himmel ragendes Dreieck aus rotem Granit, das einem meditierenden Menschen nachempfunden ist mit der Kuppel als Kopf und den Schenkeln als Armen. Die monumentale Triangel ist bestückt mit mammutmächtigen Bronzebuddhas, königspalmenhohen Himmelskönigen und wohnwagengroßen Tempelwächtern. Sie wird beherrscht von einer dreißig Meter hohen Teak-Pagode hinter Glasfronten, die im Widerschein von zehntausend kupfernen Buddha-Reliefs kilometerweit schimmert. Und die Monumentalität nimmt im Inneren kein Ende: Eine Gebetshalle ist imposanter als die andere, die erste aus schwarzem Granit, die zweite aus weißem Marmor, die dritte ganz in Rot und Gold, eine Lotus-Intarsie prachtvoller als die vorhergehende, ein Flammenkranz leuchtender als jener zuvor und alles blitzblank und brandneu - solche Glaubensfestungen wurden in Europa seit Jahrhunderten nicht mehr gebaut.

Vor sechs Jahren erst hat Meister Wei Chueh das Kloster gestiftet, ein Zen-Buddhist reinster Lehre, kein Gruppensex-Guru mit Rolls-Royce-Fuhrpark. Er stammt vom chinesischen Festland, hauste zehn Jahre lang als Eremit in den Bergen Nordtaiwans, fand dort Erleuchtung, scharte immer mehr Jünger um sich und tauschte aus Platznot seine Berghütte gegen diesen Klosterkoloss ein. Er sei auch schon wieder zu klein, weil zur Sonntagsmesse nicht selten dreitausend Menschen kämen, sagt die einzige Ausländerin unter den Mönchen und Nonnen, eine hagere, kahlrasierte, wundersam weltentrückte Frau aus dem Schwäbischen. Sie führt Besucher durch das Kloster wie eine Botin aus dem Leben hinter dem Leben, macht sie mit der Unerschütterlichkeit ihres Glaubens ganz wirr und ist schon so weit fortgeschritten auf ihrem Weg der Vergeistigung, dass man sich nicht wunderte, wenn sie im nächsten Moment davonflöge wie Mary Poppins. Die Taiwaner seien eben sehr gläubig und die fünf Gebote ihnen sehr wichtig, sagt sie, und überhaupt sei das Leben doch viel zu kurz, um es mit irdischer Ablenkung zu vergeuden. Dann lädt sie den Fremden ein, wiederzukommen, und zieht sich zurück, zu Fuß, nicht mit Flügeln, und man bleibt mit leise pochendem Herzen stehen als Dreieinhalbfünftelbuddhist, der fast jeder von uns ist, und zögert für einen endlosen Wimpernschlag.

Quelle: F.A.Z., 26.07.2007, Nr. 171 / Seite R1
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Jahrgang 1966, Redakteur im „Reiseblatt“.

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