13.07.2006 · Die Kleinstadt Yangshou in der südchinesischen Provinz Guanxi wird bei ausländischen Touristen immer beliebter. Inmitten einer bizarren Karstlandschaft sehen grün überzogene Felskegel aus wie gekrümmte Zuckerhüte.
Von Jutta BlumeAuf der Hauptstraße der Kleinstadt Yangshuo fahren alle durcheinander: Lastfahrräder, Motorräder, Kleinbusse. Die Menschenmenge vor der Markthalle ist schier undurchdringlich. Etwas ruhiger wird es erst auf der Xi Jie, der Weststraße. Dort stehen zweistöckige Häuser, die mit Holzschnitzereien verziert sind. Sie bilden den Kern des Städtchens, das vor mehr als eintausendvierhundert Jahren entstand. Am Ende der Straße fließt der Li-Fluss.
Auf der Uferpromenade stehen Frauen und halten den Fremden Fotos von Booten entgegen, die man für Ausflüge mieten kann. Der Fluss fließt durch eine bizarre Karstlandschaft, die grün überzogenen Felskegel sehen aus wie gekrümmte Zuckerhüte. Ihre Namen lauten „Die sieben Geister zu Pferde“ oder „Die Liebenden“. Die Höhlen in den Felsen dienten über die Zeiten als Verstecke für einheimische Kriegsfürsten, Teilnehmer am Langen Marsch und chinesische Truppen während der japanischen Besatzung.
Stark und süß: Ihr könnt heiraten
Ein Mann in brauner Lederjacke geht wie zufällig vorbei, grüßt auf englisch und bleibt einige Meter weiter stehen. Long Zhen ist Lehrer und nutzt die Anwesenheit von Ausländern, um sein Englisch zu üben. Er hat den touristischen Boom der Stadt, die heute dreihunderttausend Einwohner zählt, von Anfang an miterlebt. „Im Jahr 1979 machten wir mit der Schulklasse einen Ausflug hierher, um unsere ersten Ausländer anzuschauen. Ich fand sie damals unglaublich hässlich mit ihren großen Nasen und den hellen Haaren.“ Erst im Jahr zuvor war die autonome Region Guanxi für den Tourismus geöffnet worden. Obwohl es inzwischen in diesem Teil Chinas kaum noch jemanden gibt, der noch nie eine „Langnase“ gesehen hat, erregen Touristen in den Dörfern auf dem Land nach wie vor Aufsehen.
Die Kühle des Abends vertreibt uns von unserem Platz am Fluss. In einem Café am Ufer bestellen wir Ingwertee. In jeder Tasse schwimmt eine ganze Ingwerknolle, der Tee ist stark und süß. „So hat der erste Tee bei meinen Schwiegereltern geschmeckt“, erzählt Long Zhen. „Das war, als ich um die Hand meiner Frau anhielt. Ich wurde zu ihrer Familie eingeladen, wir aßen zusammen, und anschließend servierten sie Ingwertee. Seit alters verkündet man so bei uns eine Entscheidung: Ist der Tee stark und süß, heißt das, man ist als Schwiegersohn akzeptiert. Ist er hingegen wäßrig und ungesüßt, lautet die Antwort nein. Dann ist kein weiteres Wort mehr nötig.“
Die Familie sieht sich einmal im Jahr
Inzwischen lebt Long Zhen von seiner Frau und dem gemeinsamen Sohn getrennt. Nicht, weil sie einander nicht mehr lieben würden, sondern weil die Verhältnisse sie dazu zwingen. Als Schullehrer verdient Long Zhen umgerechnet achtzig Euro im Monat - zuwenig für ein Leben zu dritt. Seit drei Jahren arbeitet seine Frau im dreihundert Kilometer entfernten Guangzhou als Näherin in einer Fabrik. Die Familie sieht sich einmal im Jahr, wenn die Fabriken zum chinesischen Neujahrsfest schließen. Für den einen freien Tag, den sie in der Woche haben, lohnt sich die weite Reise nicht.
Am folgenden Tag bringt uns Long Zhen nach Jiu Xian, dem Dorf, in dem er aufgewachsen ist. Mit Leihfahrrädern fahren wir ein Stück die Hauptstraße Richtung Guilin entlang, dann biegen wir in eine kleinere Straße zwischen abgeernteten Reisfeldern ein und folgen schmalen verwinkelten Gassen zu den betagten Lehmhäusern von Baisha, dem Nachbardorf. „Hier war früher das Kino“, sagt Long Zhen. „Wir kamen jeden Abend. Wenn ein Film eine Woche lang lief, sahen wir eben siebenmal den gleichen Film.“ Heute hat auch in Baisha jeder einen DVD-Spieler, das Dorfkino ist verwaist. Am nahen Yulong-Fluss, dem Drachen-Fluss, waschen Frauen Wäsche neben einer Brücke aus Natursteinen. Die Fischer, die auf Flößen aus gebogenen Bambusstämmen balancieren, halten eine lange Stange in der Hand. Sie ist an eine Autobatterie angeschlossen. Mit Stromschlägen werden die Fische betäubt und dann mit einem Kescher aus dem Wasser geholt.
Die Kinder waren immer hungrig
In Long Zhens Heimatdorf Jiu Xian hocken seine Verwandten auf Holzschemeln in der Sonne und spielen Karten. Kartenspieler sind ein häufiges Straßenbild in China. Long Zhen holt frisches Gemüse aus dem Garten seines Vaters und kocht für uns. „Als Kinder hatten wir ständig Hunger“, erinnert er sich. „Einmal stahlen wir ein Huhn. Am nächsten Tag fragte der Nachbar, ob jemand das Tier gesehen habe, und wir sagten, es sei gewiss in den Fluss gefallen und ertrunken.“
Zwar starb in den siebziger Jahren, als Long Zhen aufwuchs, niemand mehr an Hunger auf dem Land im Süden Chinas wie noch in der Dekade zuvor, die Landwirtschaft musste sich seinerzeit aber noch immer von der Politik des „Großen Sprungs nach vorn“ erholen. Ende der Fünfziger waren die Bauern zu Volkskommunen zusammengefasst worden, die von der Zentralregierung beispielsweise verpflichtet wurden, eine bestimmte Menge Stahl zu produzieren. Die Felder wurden nicht mehr bestellt, verheerende Hungersnöte waren die Folge. Erst nach Maos Tod im Jahre 1976 wurden die Volkskommunen aufgelöst, die Bauern durften wieder für sich selbst wirtschaften.
Am Erdwall endete das Kaiserreich
Von der Umwälzung der Eigentumsverhältnisse kündet auch das ehemalige Gutshaus im alten Teil von Jiu Xian. In den schattigen Höfen leben nur noch einige Hühner und Schweine. Das Gut war nach 1949 enteignet worden, die Ländereien wurden an die Landarbeiterfamilien verteilt. Anfangs bewohnte jede Familie ein Zimmer im herrschaftlichen Haus, doch dann bauten die Bauern eigene Häuser, und das Gutsgebäude verwaiste. Auf zwei Bambusstöcken trocknen nebeneinander Kleidungsstücke und selbstgemachte Wurst. Wir radeln weiter über die Dämme zwischen den Reisfeldern, und Long Zhen weist auf einen unscheinbaren Erdwall: Dort endete in der Qin-Dynastie, um das Jahr zweihundert vor Christus, das chinesische Kaiserreich.
Still liegt der Yulong-Fluss in der Dämmerung. Doch bald schon könnte die Gegend aus ihrem Dornröschenschlaf erwachen. Die Regierung plant, die Region weiter für den Tourismus auszubauen.