09.11.2005 · Eine Schlange im Bus, ein reuiger Dieb und Tai-Chi-Übungen auf dem Standstreifen: Unterwegs in Schanghai, Chinas schlafloser Metropole.
Von Nils MinkmarKenny ist mein neuer bester Freund. Kenny ist Mitte Vierzig, gelernter Friseur und war mal in London. Jetzt sitzen wir gemeinsam in seinem neuen Club im französischen Viertel, jenem Teil von Schanghai, der in den Zwanzigern von der französischen Mandatsmacht der korsischen Mafia zur Bewirtschaftung überlassen wurde. Heute stehen hier noch schöne Altbauten, und Platanen säumen die Straßen, auch die Nanchang Road, in der Kenny ein Cafe betreibt, das „Ing/Ang“. Das hat große schöne Fenster und ist am Nachmittag oft ganz leer. Dann sitzt Kenny am Fenster und schaut auf die Stadt, seit zwölf Jahren macht er das schon. „Ich sitze in meinem Cafe wie in einem Zugabteil, bloß daß ich mich nicht von der Stelle bewege, während Schanghai rast.“ Die Formel-eins-Rennstrecke, die Magnetschwebebahn, die Autobahnen sind gebaut worden, während Kenny aus dem Fenster schaute. Und fast zweitausend Hochhäuser. Darunter fallen nur die, die mehr als achtzehn Stockwerke zählen. Kleinere gibt es doppelt so viele.
Im Keller unter dem Cafe hat Kenny nun einen Club aufgemacht. Man sieht Bruce-Lee-Filme auf einer Waschbetonwand, trinkt Flaschenbier, sitzt auf Hockern und hört komische Musik. „Einen schönen Club hast du da, Kenny“, sage ich; und daß er genauso auch in Berlin funktionieren könnte. Das freut ihn, denn er mag Europa. Bloß einen Einwand kann ich nicht unterdrücken: Der Club ist völlig leer. Es ist Samstag abend, und außer uns ist keiner da. Ich bin der einzige Gast, und ich zahle nicht einmal etwas, denn der Inhaber ist ja mein Freund. „Genau! Du hast das Konzept auf Anhieb verstanden“, strahlt Kenny. „Schanghai ist voll. Zwanzig Millionen Menschen! Aber mein Club bleibt leer! Der einzige leere Ort in dieser ganzen verdammten Stadt.“
Tai-Chi auf der Autobahn
Am Morgen hatte ich folgende Meldung in einer englischsprachigen Lokalzeitung gelesen: Die Autobahnpolizei mußte gestern am späten Nachmittag eingreifen, weil ein älterer Literaturprofessor seinen Wagen auf der Standspur der Autobahn geparkt hatte und daneben Tai-Chi-Figuren machte, was sowohl den Verkehr als auch ihn selbst gefährdete. Der Mann gab an, der Feierabendverkehr habe ihn so verwirrt und bekümmert, daß er zur Beruhigung augenblicklich diese Übungen habe machen müssen.
Eine Stadt wie Schanghai hat ihre Logik, aber die wird nicht allein von der so immens leistungsfähigen Wirtschaft bestimmt. Im Gegenteil: Bei allem Erfolg - Schanghai ist der Albtraum eines jeden Neoliberalen. Die Staatsquote ist immer hundert Prozent. Besitz muß sich den politischen Zielen unterordnen - auch wenn zur Zeit der Erwerb von Besitz das politische Ziel ist. Familie und Nachbarschaft sind die wichtigsten Kräfte im Alltag der Einheimischen - und wehe, das Essen schmeckt nicht. Von einer allseits flexiblen Gesellschaft ist man hier so weit entfernt wie Hans-Olaf Henkel von einer Mitgliedschaft in der chinesischen KP. Die überirdisch schöne Skyline von Pudong erleuchtet das gegenüberliegende Ufer des Jangtse, wo die weltberühmte Promenade Bund liegt, allerdings nur bis Mitternacht: Dann wird in der Weltstadt der Strom für Außenbeleuchtungen abgestellt, es muß gespart werden, und alle sollen zeitig zu Bett.
Schlaflos in Schanghai
Schlaf ist ein großes Thema in Schanghai. Ungezählte Menschen pendeln jeden Tag, nehmen die weitesten Wege in Kauf. Man muß lange Stunden absitzen, es gibt keine durchsetzungsfähigen Gewerkschaften. Überall sieht man Schlafende: Auf der Ladefläche eines Lkw, in der Ecke im Kaufhaus, selbst im Tempel. In der kritischen Stunde nach dem Mittagessen betrat ich ein schönes altes Teehaus. Im Erdgeschoß befand sich nur eine Art Rezeption, dort hing ein älterer Mann im Sessel, die Lider halb geschlossen. Am oberen Ende der Holztreppe wurde man von einem höflichen „Ni Hao“ begrüßt, das war ein Beo-Vogel, der den Stand der Dinge von seinem Käfig aus verfolgte. An einem langen Holztisch schliefen zwei junge Kellnerinnen, den Kopf auf ihren gekreuzten Unterarmen, hingebungsvoll und traumversunken, wie Kinder.
In der Küche sah ich einen schlafenden Koch, und der einzige Gast war ebenfalls eingenickt. Nach einer langen, leisen Weile erwachte eine Kellnerin und brachte Tee. Sie hat nicht gelächelt oder sich entschuldigt. China ist keine Dienstleistungsgesellschaft. Später hatten sie auch Musik aufgelegt, sehr schöne, melodiöse Lieder, vorgetragen von einer ganz klaren Frauenstimme. Alle, auch die stoppelbärtigen Männer mit Zigarette sprachen den Text mit. Teresa Deng sei es, wurde mir erklärt, lange durfte sie nur heimlich gehört werden; und daß sie „ein trauriges Leben hatte: Ihr Mann war nicht treu.“
Der (ein)gestellte Dieb
In der Zeitung war folgende Meldung: Ein kleiner Lebensmittelladen wurde des öfteren von einem Dieb heimgesucht. Der Besitzer legte sich auf die Lauer und ertappte irgendwann einen jungen Mann beim Klauen von Äpfeln. Als die Polizei eintraf, weinten beide. Der Besitzer verzichtete auf eine Anzeige und stellte den Jungen statt dessen ein. Sicher habe ihn die Not zum Klauen gezwungen, dem sei nun abgeholfen, erklärte der Geschädigte den Beamten.
Jeder China-Kenner wird einem versichern, Schanghai sei eine Weltstadt, wo man an Ausländer, an Weiße gewöhnt sei. Das stimmt auf der Hauptstraße und da auch nicht für die, die aus den Vorstädten gekommen sind. Man wird gemustert. Biegt man zweimal um die Ecke, in ein Wohnviertel, ist das Erstaunen groß. Die Straße, die Gasse ist ein gemeinsames Wohnzimmer, wo gespielt, diskutiert und gegessen wird, am Nachmittag sind viele im Schlafanzug unterwegs. Die Nachbarschaft wird auch gepflegt: Noch in den entlegensten Vierteln findet sich jemand, der die Bürgersteige kehrt, den Müll aufsammelt und alles ordentlich hält.
Wunderwaffe Adresszettel
Noch stärker sieht man das in Tonli und anderen kleinen Städten im Jangtse-Delta. Wer beobachtet hat, wie ein vielleicht neunzigjähriger Mann mit größter Ruhe eine Plastiktüte aus einem Kanal gefischt hat mit einem feinen weißen Netz an einer langen Bambusstange, der begreift, daß die Sorge um die Umwelt hier nicht erst durch große PR-Kampagnen erzeugt werden muß, zumindest nicht bei den vielen Alten. Die sind auch in der großen Stadt nicht einsam. Schon bei Sonnenaufgang findet man sich in Parks und am Bund, der Uferpromenade, zusammen zum Tai Chi. Mancher läßt auch einen Drachen steigen, der schwebt dann hoch am Himmel, zwischen den glänzenden Hochhäusern, und unten steht ein Mann, der noch Mao gekannt hat. Andere tanzen: Kokett schwingt die Altersgruppe Achtzig plus schon um neun Uhr morgens die blauen Baumwollhosen zu den Hits aus einem Kassettenrecorder.
Nachts muß man sich mit einem Zettel bewaffnen, auf dem die gewünschten Adressen stehen: die, wo man hin will, und die, zu der man zurück möchte. Englisch spricht kaum jemand. Taxifahrer tragen weiße Handschuhe und bedienen, wenn Ausländer einsteigen, erst einmal einen winzigen Sprechautomaten. Dann hört man ein schnarrendes Stimmchen, das die Fahrgäste auf englisch begrüßt. Die Fahrer sind ernst, als folgten sie einem hehren Ethos. Für Geld allein arbeiten sie nicht. Die Preise sind, wie in ganz China, für Europäer so niedrig, wie man es aus der Kindheit noch weiß, wie vor dreißig Jahren. Einmal wollte ich die Summe aufrunden. Der Mann, bestimmt Ende Fünfzig, verstand nicht. Irgendwann dämmerte ihm: Trinkgeld. Er hatte davon gehört, aber noch nie welches bekommen.
Diese Fahrer haben ihr Handwerk noch auf einfachen Landstraßen gelernt. Nun kreuzen sich an manchen Stellen in Schanghai sieben Autobahnen übereinander.
Nachts in Schanghai
In der Zeitung stand die Meldung von einer Bäuerin, die nach Schanghai gefahren war, um Waren auf dem Markt zu verkaufen, darunter eine fette Schlange. Im Stadtzentrum nahm sie den Bus, dort entwand sich das Tier ihrer Obhut. Irgendwann schrie eine junge Frau laut auf, sie hatte etwas an ihrem Bein bemerkt. Die Frau war außerdem schwanger. All das sorgte im Bus für große Heiterkeit.
Nachts in Schanghai trifft man früher oder später auf Mian Mian, genannt Kika. Eigentlich schreibt sie Geschichten, aber in China werden ihre Bücher nicht verlegt: zu gewagt. Sie muß die Szene dieser braven Millionenstadt verkörpern, ganz allein. Die australische „Vogue“ kommt, das indische MTV, und alle deutschen Magazine waren auch schon da. Sie erzählt von dem Film, den sie in Hongkong drehen wird. Ein hübscher Junge am Nebentisch kommt auf dem Weg zum Ausgang bei ihr vorbei, sagt „ciao“. Er wird die Hauptrolle spielen, sagt sie, er weiß es nur noch nicht. Einen echten Sixties-Club will sie gründen, sagt sie. Später erzählt sie mir noch von einer CD, einem Band mit Gedichten und, ich glaube, auch von einem Musical. Alles werde demnächst erscheinen, weltweit, aber eben nicht in Schanghai. Und dann hat sie mich dem klügsten Mann von Schanghai vorgestellt, einem Philosophen, Lyriker und Weisen. Das war Kenny.
Reisen nach Schanghai bietet unter anderem der Hamburger Veranstalter China Tours an, auf dessen Touren man zwischen individuellem und geführtem Programm wählen kann: zum Beispiel bei der siebentägigen Gruppenreise „Pulsierendes Schanghai“, inklusive Flug ab Frankfurt/Main, Unterbringung in einem Viersternehotel mit Frühstück und einer Stadtführung. Das Zusatzprogramm umfaßt unter anderem den Besuch im Jadebuddha-Tempel, eine Hafenrundfahrt und einen Tagesausflug nach Suzhou. Preis pro Person ab 799 Euro. Information und Buchung bei China Tours Hamburg, Rehkoppel 7, 22119 Hamburg, Telefon 0 40/8 19 73 80, im Netz unter www.china-tours.de.