Home
http://www.faz.net/-gdf-vbsj
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Schanghai Der Gral steht in der Küche

10.09.2007 ·  Schanghai ist anders als alle anderen Städte in China: extrovertiert, flatterhaft, unsentimental, geschichtsvergessen, matriarchalisch, prunksüchtig, nimmersatt - kurzum: Schanghai ist phantastisch.

Von Jakob Strobel y Serra
Artikel Bilder (11) Lesermeinungen (5)

Der Teufel kam um sechs Uhr nachmittags über Schanghai. Er tauchte mit den ersten Schatten der Dämmerung auf, und er holte sich nur die Jüngsten. Plötzlich wuchsen leuchtend rote Teufelshörnchen aus lauter Kinderköpfen, zu Hunderten, zu Tausenden, zu Hunderttausenden, immer mehr und mehr, bis die ganze Stadt ein infernalisches Glühwürmchengewimmel war und kein Zweifel mehr bestand, dass es beim Wirtschaftswunderwahnsinn Schanghais also doch mit dem Teufel zugeht.

Die Kinder des Höllenfürsten zogen allerdings nicht in die Unterwelt hinab, sondern nur ihre Eltern so lange am Rockzipfel, bis auch sie ein Paar der Plastikhörnchen von den ambulanten Händlern bekommen hatten, die seit Sonnenuntergang ausnahmslos Beelzebubs Zubehör im Angebot führten. Die Mütter und Väter ließen sich die Versuchung gern gefallen, schließlich dauerte die ewige Verdammnis nicht länger als das Leben einer Batterie. So war der Teufelshörnchenspuk um zehn Uhr abends schon wieder vorbei, und Schanghai glitzerte golden genau so, wie es sich am liebsten sieht: als Himmel auf Erden.

Keine Marotte, sondern reine Notwendigkeit

Der chinesische Kollektivismus funktioniert im Kapitalismus ebenso gut wie im Kommunismus. Kauft einer Teufelshörnchen, kaufen alle Teufelshörnchen, an vorderster Front die ungeheuren Volksmassen, die in Ferienzeiten über Schanghai herfallen, um ihre eigene Zukunft in Augenschein zu nehmen. Dreimal im Jahr - proletarisch korrekt zum Tag der Arbeit im Mai, politisch korrekt zum Nationalfeiertag im Oktober und astrologisch korrekt zum chinesischen Neujahrsfest im Frühjahr - macht das ganze Land gleichzeitig Urlaub, was Schanghai zwei, drei Millionen Besucher innerhalb von zwei, drei Tagen beschert.

Das klingt nach Überschwemmung, fällt aber in einer Stadt mit achtzehn Millionen Einwohnern schon deswegen nicht weiter auf, weil die Besucher aus der Provinz streng diszipliniert und angemessen demütig sind. Nicht einmal auf ihrer Paradestrecke, der Promenade vor der wundervollen Uferzeile Bund am Fluss Huangpu, sorgen sie für Menschenstaus, wenn sie sich mit ritueller Inbrunst vor der Kulisse des neuen China fotografieren. Das ist keine Marotte, sondern reine Notwendigkeit: Sie brauchen den Bildbeweis, weil das, was hier zu bestaunen ist, jede Vorstellungskraft und ganz bestimmt die Phantasie der Verwandtschaft daheim sprengt.

Ein Feuerwerk der Wolkenkratzer

Wie wollte man mit Worten allein erklären, was man an den Ufern des Huangpu sieht und spürt: das pochende Herz des einundzwanzigsten Jahrhunderts; das in die Höhe gereckte Haupt des chinesischen Drachen; die Schöpfung einer Stadt in wenig mehr als sieben Tagen; das millionenfach am Schopf gepackte Schicksal; den Griff von Millionen nach dem Glück; das lustvolle Kokettieren mit einer lasterhaften Vergangenheit; die unfassbare Kraft einer Megalopolis, die jetzt nicht mehr nur ans Geldscheffeln denkt, sondern es auch so großzügig wie glamourös zum Fenster hinausschmeißt.

Das Morgen liegt auf der einen Seite des Flusses, im Geschäftsviertel Pudong, in dem die Wolkenkratzer so schnell in die Höhe schießen wie Feuerwerksraketen aus Glas und Stahl, diese Gründungspfeiler des neuen Schanghai, die nicht in den Boden gerammt, sondern gen Himmel geschleudert werden. Der phantastisch kapriziöse Jin Mao Tower, das schönste Hochhaus der Welt, ist längst nicht mehr der Herrscher der Silhouette, er ist umzingelt von einem ganzen eifer- und geltungssüchtigen Hochhäuserhofstaat.

Was für eine Lust am Protz, am Chichi, am Too Much! Das ist aufgedonnerte Urbanität in der Pubertät, herrlich unbekümmertes, wunderbar eklektizistisches Architekturwunschkonzert. Der Gipfel der neureichen Prunksucht ist das Aurora Building, das seinen Namen wortwörtlich nimmt und wie ein monströses Praliné goldglänzend an der Promenade posiert. Puristen mögen sich mit Grausen wenden, doch ihr Lamento über so viel stilistische Achterbahnfahrerei ist nichts wert in einer Stadt, die schon immer ein extraterritoriales Experimentierfeld auch jenseits aller Grenzen des guten Geschmacks war.

Götter schütten die Füllhörner aus

Das Gestern, das sich auf der anderen Seite des Flusses am Bund mit sandsteinstolzer Grandezza präsentiert, liefert den Beweis: Hier drängen sich die Prachtbauten der Kolonialmächte, die sich einst Schanghai unter den Nagel gerissen, in Konzessionen aufgeteilt und in den zwanziger und dreißiger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts zur Welthauptstadt des Glücksrittertums erkoren hatten. Sie alle brachten ihre Stile mit und wetteiferten um das kolossalste Monument, ein Monopoly aus Neoklassizismus und Neogotik, Bauhaus und Art déco, Tudor und viktorianischem Barock.

Gewonnen hat der Geldpalast der Hongkong and Shanghai Banking Corporation, damals das mächtigste Bankhaus östlich von Suez. Sein Foyer ist ein Pantheon mit einer himmelhohen Kuppel voller venezianischer Mosaiken, die Götter mit Füllhörnern und die Dependancen des Hauses von Kalkutta bis New York zeigen, Zeugnis eines anmaßenden, weltweiten, ja universellen Anspruchs. Was muss das für eine Stadt gewesen sein, in der sich Banken Tempel bauten und das komplette Material dafür aus Europa heranschaffen ließen - auch den Marmor, der zu zwölf Meter hohen Säulen aufgetürmt ist, vier von ihnen aus einem einzigen Stück Stein, das gibt es sonst nur im Louvre, und der hat nicht mehr als zwei solcher Säulen.

So macht Kommunismus richtig Spaß

Schanghais Sinneswandel vom Schuften zum Prassen küsst den Bund wach wie eine verführerische Fee. Noch hausen in vielen der Paläste Staatsbehörden mit ihrem Resopal-Muff, doch die neue Lust am Luxus vertreibt sie aus einem nach dem anderen. Die Kleinbauernbanken müssen Cartier und Kenzo weichen, die Mao-Anzugsträger der Mango-Boutique. Statt des harten Brotes revolutionärer Tugendhaftigkeit werden im „Whampoa Club“ oder im „Jean Georges“, einer Filiale des New Yorker Drei-Sterne-Restaurants, Dekadenzen wie mit parfümiertem Reis gefüllte Lotusblüten serviert.

In der minimalistischen „Glamour Bar“ hocken die Schönen der Nacht mit ihren tellergroßen Sonnenbrillen wie die Hühner auf der Stange, während in der schwülstigen „Bar rouge“ der Moët&Chandon in Magnumflaschen weggeht wie im Hofbräuhaus die Mass Bier, von laszivem Personal serviert im silbernen Kübel mit Wunderkerzen auf der Terrasse hoch über dem Bund - so macht Kommunismus richtig Spaß, hat es ihn jemals gegeben?

Keine Träne für das Gestern

Dass Schanghai beim Champagner seine Vergangenheit als Lasterhöhle beschwört, ist indes ein Trugschluss alteuropäischer Nostalgiker, die ihren Malraux zu schwärmerisch gelesen haben. Diese Stadt ist grenzenlos unsentimental und bedingungslos zukunftshörig. Ihre Geschichte ist für sie nur Kulisse, das Alte kein Wert an sich, bestenfalls Ornament, und wehe, es glänzt nicht. Als ein Investor das Stammhaus eines Pressezaren am Bund behutsam restaurierte, die Granitsäulen nur säuberte, anstatt sie abzuschleifen, und ein steinernes Relief mit Fiberglas täuschend echt ersetzte, wurde er von allen Seiten gescholten, weil das Ganze ja schrecklich alt und gar nicht neu aussehe. Und die flächendeckend an die Fassaden genagelten, Marmor imitierenden Plastiktafeln, die auf „Heritage Architecture“ hinweisen, strotzen nur so vor Fehlern; an einer Tudor-Villa am Bund ist noch der Gründungsstein mit dem Datum 1936 zu sehen, einen halben Meter darüber hängt die Plastiktafel mit der Jahreszahl 1937. Was soll's, was ist schon ein Jahr, es gibt Wichtigeres als Geschichte.

In Europa schleppt man sie mit sich herum, in Schanghai jongliert man mit ihr. Dafür möchte man die Stadt umarmen, weil sie diese Leichtigkeit mit ihren Besuchern teilt und vor ihnen alles, was sie hat, alles Alte und alles Neue, ausbreitet ohne Gram und Scham: das ehrwürdige, trotzig seine Patina umklammernde Astor-Hotel mit den knarzenden Teak-Bohlen und dem verträumten Art-déco-Ballsaal; die Villen in der französischen Konzession im stillen Schatten der Platanen und die neogotischen Handelshäuser in der britischen Niederlassung, die sich für Magnolien entschied; die klaustrophobischen Gassen in den Häuserknäueln des alten Schanghai, pittoreske Armut mit Vogelgezwitscher und Verfallsdatum, denn die Lawine der Apartmenthochhäuser rollt unaufhaltsam auf sie zu, und keiner denkt daran, sie aufzuhalten; das bizarre Ausgehviertel Xintiandi mit seinen bayerischen Bierlokalen, italienischen Pizzabäckereien und brasilianischen Barbecues, in dem man die französische Konzession en miniature inklusive Ziegelsteinen, Kopfsteinpflaster und Erkerfensterchen nachgebaut hat, als gebe es nicht zwei Straßen weiter das Original, das man nur ein wenig herrichten müsste - aber nein, das sähe dann nicht neu genug aus.

Speisen bis der Tisch sich biegt

Der Gral der chinesischen Tradition wird in Schanghai ohnehin nicht hinter historischen Mauern, sondern in der Küche verwahrt. Das Essen ist das, was unangetastet bleibt in dieser Stadt, in der man aus Prinzip keinen Stein auf dem anderen lässt. Die Rezepte der Ahnen und Zubereitungen der Vorväter sind ein heiliges Erbe. Das wird einem spätestens dann klar, wenn man die Schanghaier von ihrem Nationalgericht Dumpling schwärmen hört, den Teigtaschen, die es nirgendwo besser gebe als in der Wujiang-Straße, einer Fußgängerzone voller Garküchen und Imbissstände und Menschenmassen, die so geduldig Schlange stehen vor den besten Teigtaschenbuden und Tintenfischgrills und dabei derart aufgekratzt sind, dass man sich gleich dazustellt.

Nicht weniger turbulent ist die Stimmung nebenan in einem dreistöckigen Familienrestaurant, das für seine Hot Pots gerühmt wird. In den Tischen befinden sich runde Öffnungen mit Heizplatte, in die ein Topf mit einer scharfen und einer milden Brühe gestellt wird, in der man wiederum allerhand Fleisch und Fisch und Gemüse gart. Die Kellnerin kommt mit einer Speisekarte auf Chinesisch, der Gast malt Hühner, Krabben und Karotten in sein Blöckchen, die Kommunikation klappt, die Bestellung aber ist zu knapp.

Damit werde man nie satt, gibt die Kellnerin zu verstehen - nicht um den Umsatz in die Höhe zu treiben, sondern aus ehrlicher Sorge um den Ausländer. Also wird nachbestellt, bis sich der Tisch unter einem Privatbuffet der Köstlichkeiten biegt: Fleischbällchen von Kalamar und Krebs, Waggonladungen von Frühlingszwiebeln und Bambussprossen, Pagoden aus Wachteleiern, Entenzungen, Hühnerfüßen, Schweinehirnen, Haifischflossen und streichholzgroßen Flusskrabben, die über den Tisch hüpfen, wenn man den Deckel lupft. Und das alles für fünfzig Yuan, fünf Euro sind das. Man beginnt, die Schanghaier zu verstehen und zu loben und zu preisen.

Erst das Geschäft, dann die Sünde

Nur eines versteht man nicht: warum die Chinesen nicht nur ihre Nutztiere, sondern auch die eigenen Kinder mästen, als müssten sie möglichst rasch das maximale Schlachtgewicht erreichen. Die Horden dicker Kinder sind wohl die Rache der Natur an der chinesischen Politik der Ein-Kind-Familie, lauter verzogene, verfressene kleine Kaiser, die zu kleinen Kaisermonstern anschwellen, sich entsprechend imperial benehmen und viel mehr als nur ein Paar Teufelshörnchen einfordern. Dafür haben die Schanghaier Familienverhältnisse auch überaus sympathische Seiten. Hier herrscht nämlich Matriarchat. In China geht das Wort, dass man keinen besseren Ehegatten als einen aus der Stadt am Huangpu finden könne, denn er koche exzellent, umsorge die Kinder, gehorche seiner Frau, sei also ein klassischer „snag“: ein „Sensitive New Age Guy“.

Natürlich hält man das für ein schönes Klischee, eine Macho-Finte, bis man in einer Seitenstraße des Bund plötzlich auf einen „Adult shop“ stößt, eine hübsche Überraschung im keusch-kommunistischen China. Das Sortiment sexueller Stimulanzien entspricht globalen Usancen, nicht aber das Publikum: Der Laden schwirrt vor schnatternden Frauen, die sich so zwanglos benehmen wie beim Gemüsekauf auf dem Markt und den Dildo so geübt prüfen wie eine Gurke, während sich ein, zwei schüchterne Herren in der Ecke herumdrücken. Etwas verstört stolpert man hinaus, glaubt jetzt fest an die Wiederkehr des sündigen Schanghai, landet bald auf der kaufrauschhaften Haupteinkaufsstraße Nanjing Road und wird dort ein ums andere Mal mit immer denselben Verlockungen von der Seite angesprochen. Angeboten werden stur „watch, bag, lady massage“, die beiden ersten gefälscht, das Dritte echt, und immer in genau dieser Reihenfolge. Jetzt ist man sich wieder unsicher wegen der Sünde, weil in Schanghai das Geschäft prinzipiell vor der Unmoral zu kommen scheint, allen Teufeln zum Trotz. Wo stecken sie nur? Es dämmert schon.

Die Stadt der Türme

Anreise: Finnair fliegt von vielen deutschen Flughäfen aus täglich über Helsinki nach Schanghai (www.finnair.com). Die Preise in der Economy Class beginnen bei 530 Euro, in der Business Class bei 3450 Euro ohne Steuern und Gebühren. Für die Einreise ist ein Visum erforderlich, weitere Auskünfte im Internet unter www.china-botschaft.de.

Unterkunft: Das Shangri-La in Pudong (33 Fu Cheng Road, Pudong, Shanghai 200120, Telefon: 0086/21/ 68828888, E-Mail: slpu@ shangri-la.com, Web: www.shangri-la.com) bietet den schönsten Blick der Stadt auf die Prachtpromenade Bund. Doppelzimmer ab 233 Euro.

Informationen: Fremdenverkehrsamt der Volksrepublik China, Ilkenhansstr. 6, 60433 Frankfurt, E-Mail: info@china-tourism.de, Internet: www.china-tourism.de.

Quelle: F.A.Z., 06.09.2007, Nr. 207 / Seite R1
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1966, Redakteur im „Reiseblatt“.

Jüngste Beiträge