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Peking Promenieren in Pantoffeln und Pyjama

31.10.2007 ·  Peking rüstet sich für die Olympischen Sommerspiele 2008 und opfert dafür viel von seinem architektonischen Erbe - ein Gang durch die letzten Hutongs, die alten Viertel der Stadt.

Von Volker Mehnert
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Frau Liu lebt gegen den Trend. Anstatt aus der Pekinger Altstadt in die neu errichteten Hochhäuser in den Außenbezirken zu ziehen, ist sie vor einem Jahr zurückgekehrt in die engen, grauen Hutongs, jene Gassen nördlich der Verbotenen Stadt, die noch aus der Kaiserzeit stammen. Jetzt betreibt sie dort einen bescheidenen Mittagstisch für Touristen. Ihr Mann kocht in einer improvisierten Küche im Hof, sie selbst serviert die Hausmannskost. Dass die beiden es schaffen, ein Dutzend Gäste gleichzeitig in dem winzigen Wohnzimmer um einen Tisch zu versammeln und kurz nacheinander eine ganze Reihe unterschiedlicher Gerichte appetitlich aufzutischen, grenzt an ein Wunder.

Frau Liu setzt sich gern zu ihren Gästen und wechselt ein paar Worte mit ihnen. Sie sei zurückgekommen in ein Stadtviertel, das allgemein als rückständig, übervölkert und verwahrlost gelte, weil sie die Isolation im Hochhaus nicht mehr ertragen habe. Dafür nehmen sie und ihr Mann nun wieder die kleine, verwinkelte Wohnung und die dürftigen sanitären Einrichtungen in Kauf. Die wenigen Quadratmeter Wohnfläche sind eingepfercht zwischen dünnen Mauern, die Gemeinschaftstoilette ist fünfzig Meter vom Haus entfernt und mit ihren kaum voneinander abgetrennten Hocknischen für westlich geprägte Vorstellungen eine Zumutung.

Verständnis von Wohnen, Nachbarschaft und Intimität

Doch Frau Liu betrachtet die fehlende Privatsphäre dort in einem anderen Licht: Die öffentliche Toilette, so sagt sie, sei ein praktischer Treffpunkt und eine gute Gelegenheit, mit den Nachbarinnen in Pantoffeln zu plaudern. Kein Problem mit den Blicken der Mitbewohner haben offenbar auch die älteren Herren, die nach Einbruch der Dunkelheit im Pyjama durch die Gassen zum Klo schlurfen - in den Hutongs von Peking herrscht ein Verständnis von Wohnen, Nachbarschaft und Intimität, das Westlern völlig fremd und anderswo in den runderneuerten Städten Chinas schon Vergangenheit ist.

Mitten in der Bauwut, die Peking im Vorfeld der Olympischen Sommerspiele erfasst hat, ducken sich die letzten Hutongs und warten, dass der Sturm über sie hinwegbraust. Viertausend Hutongs soll es derzeit noch geben, die längste Gasse ist anderthalb Kilometer, die kürzeste nur ein paar Meter lang. Benannt sind sie traditionell nach den Gewerben, die sich in der jeweiligen Straße konzentrierten, manchmal auch nach ihrer Form oder einer Familie, die dort das Sagen hatte. Man trifft in dieser althergebrachten Umgebung noch auf Schweißer, Scherenschleifer und Schuster und kann sie in ihren offenen Werkstätten bei der Arbeit beobachten. Auf Schiefertafeln an den Hausmauern werden Sportveranstaltungen und Weiterbildungskurse angekündigt. Winzige Läden und Garküchen sichern eine bescheidene Versorgung und dienen zugleich als Treffpunkte für die Bewohner.

Eine Ansammlung von Dörfern

Hinter den Mauern der Hutongs leben Familien und Arbeitskollegen zum Teil schon seit Jahrzehnten zusammen. Hier und da steht noch eine Akazie, von deren Ästen die beliebten Vogelkäfige hängen. Zwar erscheinen die Mauern von außen verschlossen und abweisend, doch wenn man neugierig um eine Ecke oder in einen Toreingang schaut, wird man freundlich angelächelt und manchmal sogar hereingewinkt. Noch werden hier Touristen, vor allem aus dem Ausland, offenbar nicht als Belästigung, sondern als willkommene oder zumindest kuriose Erscheinung empfunden. Nur vereinzelt tastet sich ein Kleinwagen um die Kurve, ansonsten sind Fahrräder die gebräuchlichsten und sinnvollsten Verkehrsmittel in den schmalen Gassen. Während sich Fahrrad-Rikschas anderswo in Asien als schwächste Verkehrsteilnehmer durch das rasende Getümmel kämpfen müssen, sind sie in den Altstadtvierteln von Peking das beherrschende, bequemste und schnellste Transportmittel. Mit den Rikschas lassen sich Einheimische und chinesische Touristen ganz selbstverständlich durch die Hutongs kutschieren, während der ausländische Besucher meint, darin endgültig in eine andere Welt transportiert zu werden, als sitze er in einer rollenden Zeitmaschine.

Die ursprüngliche Bauweise der Hutongs stammt aus der Zeit der Dynastien Yuan, Ming und Qing, einige gehen bis ins dreizehnte Jahrhundert zurück. Zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts sollen alle Gassen zusammengenommen doppelt so lang wie die Chinesische Mauer gewesen sein. In den verschiedenen Dynastien waren die Kaiser persönlich für die Stadtplanung zuständig. Rund um die Verbotene Stadt gruppierten sie die Wohngebiete nach einem strengen, gesellschaftlichen Ordnungsprinzip. Je höher der soziale Status war, desto näher am kaiserlichen Zentrum durften die Familien wohnen. Straßen und Gassen wurden in einem planmäßigen Raster angelegt und von großzügigen, aber nur einstöckigen Hofhäusern, den Siheyuan, gesäumt. Deshalb galt Peking, die Hauptstadt des mächtigen Kaiserreiches, lange nicht als Metropole, sondern als Ansammlung von Dörfern.

Vom Hofhaus zum Slum

Schon in den Jahren der chinesischen Republik von 1911 an begann der Niedergang der Hutongs. An den Rändern der Stadt entstanden planlos Wohnbezirke, während die Hutongs in der Innenstadt ihren noblen Charakter nach und nach einbüßten. Die Auflösung des kaiserlichen Feudalsystems führte zur Verwischung der strikten sozialen Schranken innerhalb der Gesellschaft, so dass sich auch die einst hermetisch abgeschlossenen Wohnquartiere für andere Bewohner öffneten. Die Siheyuan, bisher von einer einzigen Familie bewohnt, wurden unter mehreren Haushalten aufgeteilt. Die Verarmung Pekings während der Bürgerkriegswirren führte dazu, dass Wohnraum extrem knapp wurde. In den Hofhäusern mussten sich immer mehr Familien die Zimmer teilen. Als das nicht mehr ausreichte, baute man hier ein Extrazimmer, dort einen Schuppen an oder fügte ein zweites Stockwerk aufs Erdgeschoss. Auch nach dem Sieg der Kommunisten wurden die Höfe Schritt für Schritt immer dichter verbaut. Am Ende war die ursprüngliche Struktur der Siheyuan kaum noch sichtbar, überlagert und verdeckt von anspruchslosen Spontanbauten. Durch Überbelegung und mangelnde sanitäre Einrichtungen verkamen viele Viertel zu Slums.

Überragt werden die Altstadtgassen im Zentrum Pekings von zwei mächtigen Gebäuden aus der Kaiserzeit: von Zhou Lou, dem Glockenturm, und Gu Lou, dem Trommelturm. Beide Türme liegen auf der Nord-Süd-Achse Pekings, dem "Weg der Mitte", der die letzten Hutongs durchschneidet und auf dem sich in einer Linie auch der Kaiserpalast und das Mausoleum Mao Tse-tungs befinden. Um den Bewohnern und den Besuchern der Innenstadt die Zeit mitzuteilen, wurden früher vormittags in regelmäßigen Abständen die Glocken geläutet, nachmittags hingegen gab das Dröhnen der Trommeln den Zeittakt vor.

Rückverwandlung im Schneckentempo

Es herrscht eine gespenstische Stille im Halbdunkel des Trommelturms. Im obersten Stockwerk steht eine ganze Reihe großer und kleiner Trommeln, eine museal anmutende Sammlung. Doch plötzlich tauchen aus einer versteckten Tür Männer und Frauen in traditionellen Gewändern auf und positionieren sich schweigend und theatralisch vor den gewaltigen Instrumenten. Dann beginnt ein Trommelwirbel, der den ganzen Raum erschüttert. Nach kurzer Zeit ist der Spuk schon wieder beendet. So schnell und so lautlos, wie sie gekommen sind, verschwinden die Trommler wieder im Halbdunkel.

Solche Rituale, aber auch die alten Fassaden und der ruhige Gang des Alltags können nicht darüber hinwegtäuschen, dass ein Wandel die Hutongs erfasst hat - ein Wandel freilich, der nach derzeitigen chinesischen Maßstäben im Schneckentempo vor sich geht. In einer Gasse zum Beispiel befindet sich unmittelbar gegenüber einem verfallenen Hauseingang das aufwendig verzierte Portal eines Wohnhauses, das offenbar von einer reichen Familie von Grund auf restauriert wurde. Neben einem Hinterhof, in dem sich Gerümpel stapelt, hat sich eine schicke Bar einquartiert, in der eine Tasse Tee fünf Euro kostet. Arme und Neureiche leben und vergnügen sich schon Tür an Tür.

Moderne Unterkunft im traditionellen Umfeld

An der Straße Gu Xiang versteckt sich hinter grauen Mauern ein luxuriöses Boutiquehotel, dessen Zimmer, Lobby, Flure und Aufenthaltsräume kostspielig mit traditionellem und modernem chinesischen Design ausgestattet sind. Wohnen im Hutong, so die Botschaft, kann für Peking-Besucher nicht nur originell, sondern auch schick und komfortabel sein. Dass man sich nur zehn Schritte entfernt an einem Kiosk mit schlichter chinesischer Kost versorgen kann, erhöht noch den Reiz dieser modernen Unterkunft im traditionellen Umfeld. Und dass sich gelegentlich ein Nachbar in Schlafanzug und Pantoffeln in die Lobby verirrt, scheint hier ebenso wenig schlimm zu sein wie der neugierige Blick des Touristen in einen der privaten Höfe.

Am Ufer des Huohai-Sees wiederum ist eine Restaurantzeile für Diplomaten, ausländische Geschäftsleute und die Pekinger Schickeria entstanden. Man speist in klassischen Hofhäusern wie dem "Huohai5", dessen fein gearbeitete Holztüren und Fensterläden perfekt restauriert worden sind. Es ist eines der wenigen zugänglichen Gebäude, in denen man den Grundriss und die Bauweise der traditionellen Siheyuan im Detail studieren kann. Als der Kellner das Interesse seiner Gäste an der Architektur bemerkt, versucht er sich vorübergehend als Fremdenführer - mit wenig Kenntnissen, aber umso mehr Enthusiasmus. Am Huohai-See beginnt auch eine Gasse, in der die globalisierte Moderne ihre Fühler probeweise mitten ins Herz der Hutongs ausstreckt: Neben schäbigen Krämerläden und Werkstätten hat dort schon eine beträchtliche Zahl feiner Teegeschäfte, Andenkenläden und Modeboutiquen eröffnet. Eine Immobilienagentur preist in ihrem Schaufenster Dutzende von kostspieligen Häusern und Wohnungen in der Nachbarschaft an. Für Frau Liu ist hier nichts dabei.

Information: Fremdenverkehrsamt der Volksrepublik China, Ilkenhansstraße 6, 60433 Frankfurt, E-Mail: info@china-tourism.de, Internet: www.china-tourism.de; Städte- und Kulturreisen nach Peking, Schanghai und in andere asiatische Metropolen bietet unter anderen der China-Spezialist GeBeCo an (Holzkoppelweg 19, 24118 Kiel, Telefon: 0431/54460, Internet: www.gebeco.de). In Peking sind die Hutongs ein wesentlicher Bestandteil des Besuchsprogramms.

Quelle: F.A.Z., 25.10.2007, Nr. 248 / Seite R3
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