02.08.2008 · Besucher, die diesen Sommer zu den Olympischen Spielen reisen, erleben abseits der Wettkämpfe ein futuristisches Peking. Erst ausgeprägte Streifzüge durch die Stadt offenbaren die Vielschichtigkeit der Metropole. Denn die chinesische Hauptstadt ist wie ein offenes Buch.
Von Mark SiemonsWas werden die fünfhunderttausend Besucher aus aller Welt sehen, die jetzt zu den Olympischen Spielen nach Peking reisen? Jenseits der Wettkämpfe präsentiert sich ihnen eine Stadt, die allem Anschein nach ganz auf Zukunft eingestellt ist, auf eine noch etwas unsortierte, unübersichtliche Zukunft voller Schnellstraßen, Hochhaussiedlungen, großer Einkaufszentren und diverser Architekturwunder, die als Solitäre ohne erkennbare Ordnung nebeneinanderstehen.
Bei so viel Futurismus, den sich dieser autoritär gemanagte Kapitalismus leistet, können einem historische Überbleibsel wie das Mao-Mausoleum auf dem Platz des Himmlischen Friedens so unwirklich und skurril vorkommen wie der warholeske Mao-Pop, den man im Kunstviertel „798“ besichtigen kann.
Unter der Oberfläche
Gegenüber den harten Fakten des Wirtschaftsaufstiegs und Machtkalküls, die sich in Peking so unübersehbar kundtun, scheint die jüngere Vergangenheit von Stadt und Land bloß noch ein propagandistisches Relikt ohne praktische Bedeutung zu sein. In der westlichen Welt hat man sich daran gewöhnt, die Ideenkämpfe des zwanzigsten Jahrhunderts, die von den Neutralisierungen der gegenwärtigen Geschäftstüchtigkeit so weit entfernt sind, bloß als Exotik und Folklore anzuerkennen. Sie lassen sich allenfalls vor Sehenswürdigkeiten wie dem Checkpoint Charlie in Berlin noch gut verkaufen.
In Peking jedoch könnte kaum etwas verfehlter sein als eine solche Vorstellung, mit der die hiesigen Exaltationen von Ökonomie und Architektur völlig in der Luft hängen würden. In Wirklichkeit ist die Geschichte im kollektiven Unterbewussten hier ganz und gar gegenwärtig: Die Stadt drängt sie zwar nicht auf, aber sie verbirgt sie auch nicht. Man muss die Orte nur aufsuchen, in denen sich die Geschichte materialisiert, dann zeigt sich dem Besucher hinter den globalisierten Fassaden noch eine zweite Topographie der Stadt. Und erst sie enthüllt die Antriebskräfte Pekings.
Schon damals westlich
Wer etwa die Öffnung zum Westen, die bei den Olympischen Spielen ihren vorläufigen Höhepunkt erreichen wird, für etwas radikal Neues und einen Abschied von der chinesischen Vergangenheit hält, sollte hinausfahren in den nordwestlichen Bezirk Haidian, in dem hinter den Elitehochschulen Tsinghua und Peking-Universität der Alte Sommerpalast liegt.
In diesen „Gärten der vollkommenen Klarheit“ beginnt die chinesische Gegenwart. Man spaziert in einer naturbelassenen Parklandschaft zwischen den Trümmern von Schlössern umher, die unverkennbar barock und europäisch sind. Sie stammen aus dem achtzehnten Jahrhundert, als Kaiser Qianlong in seiner Begeisterung für westliche Kultur die Jesuitenmönche Giuseppe Castiglione und Michel Benoist zehn Höfe und Paläste im europäischen Stil errichten ließ, die an Raffinesse und Pracht alles vereinten, was die Zeit zu bieten hatte.
Wie ein modernes Pompeji
In einer der vielleicht absurdesten Wendungen der Weltgeschichte wurden diese Gebäude dann 1860 von britischen und französischen Truppen im Zweiten Opium-Krieg zerstört, zusammen mit den Hunderten von chinesischen Pavillons, Tempeln, Gärten und Seen des kaiserlichen Parks. Ausgerechnet das bis dahin herausragendste Dokument der kulturellen Öffnung zum Westen wurde vom Westen vernichtet und führte China mit nicht zu überbietender Deutlichkeit seine Ohnmacht gegenüber dieser bis dahin mit treuherziger Großzügigkeit betrachteten Welt vor Augen.
Umstanden von hohen Zypressen, liegen die Ruinen heute wie ein modernes Pompeji da. Doch nicht in das Leben einer untergegangenen Epoche fühlt man sich hier ein, sondern in den Moment ihrer Zerstörung. Dort, wo früher ein kunstvoller Springbrunnen aus einem Fabeltier in der Mitte und zehn bronzenen Hunden ringsum sprudelte, steht jetzt nur noch ein Torbogen. Der Rest sind Brocken mit dekorativen Elementen, zwischen denen Mädchen mit bunten Sonnenschirmen spazieren gehen.
Mao-Fotos und Coca-Cola
Wenn sie sich vor den Altertümern fotografieren lassen, machen sie das Victory-Zeichen, aber das hat erkennbar keine politische, sondern eine seinerseits nur dekorative Bedeutung. Gegenüber steht eine Baracke, in der man Mao-Fotos und Kaiser-Porträts kaufen kann; auch ein Yuanmingyuan-Poker ist im Angebot. An der Pergola prangt pikanterweise der etwas verblichene Schriftzug von Coca-Cola, in lateinischen Buchstaben ebenso wie in chinesischen Schriftzeichen.
Erst seit den achtziger Jahren fungiert das Gelände, das zwischenzeitlich verwilderte und von Plünderern und Roten Garden noch weiter verwüstet wurde, als offizielles Mahnmal der nationalen Schande. Damit wurde die Anlage, die früher nur für den kaiserlichen Hof zugänglich war, zum ersten Mal öffentlich. Auf einigen Steinen sieht man Wappen und Ritterrüstungen, die schon damals keine Bedeutung gehabt haben dürften und heute vollends zusammenhanglos sind.
Historische Lektion im Gedächtnis behalten
Einer der Paläste wurde von der kaiserlichen Konkubine Rong, die muslimischen Glaubens war, als Moschee genutzt. Die bukolische Stimmung des Ortes mit seinen Busladungen von Touristen, die aufgeräumt durch die Trümmer streifen, macht nicht den Eindruck aufgeladener Agitation. Aber man kann sicher sein, dass keinem der chinesischen Besucher die Moral von der Geschichte entgeht, wie sie eine Schautafel noch einmal ausdrücklich festhält: „Jeder Stein hier entzündet unseren patriotischen Enthusiasmus und mahnt jeden Chinesen, die historische Lektion im Gedächtnis zu behalten, dass, wenn wir zurückfallen, geschlagen werden und zulassen, dass man auf uns herumtrampelt.“
Um zu sehen, wie dieser Trotz Konturen bekam, muss man im Westen der Stadt bleiben und Richtung Süden zu den blitzblanken Bürogebäuden, Einkaufszentren und Hotels der Financial Street fahren, einem Geschäftszentrum, das im Unterschied zu dem im Westen der Stadt kaum von Ausländern frequentiert wird. Die Gongmenkou Ertiao Nr. 19 liegt an der Rückseite dieses Businessdistrikts inmitten eines Gassengewimmels mit Gemüseläden, Schustern, Friseuren und Imbissständen, wie es selten geworden ist in Peking, überragt von einer weißen Pagode.
Lu Xun - wichtigster Schriftsteller Chinas im zwanzigsten Jahrhundert
Hier wohnte ein Mann, der die Schwäche Chinas mit einer Geschlechtskrankheit verglich: Überlebenschancen bestünden nur, wenn man die Blutgefäße, die Adern des kollektiven Bewusstseins, vollständig reinige. Lu Xun hatte Medizin studiert, bevor er sich aus Verzweiflung über die Selbsterniedrigung und Abgestumpftheit seiner Landsleute dazu entschloss, den Patienten China mit seiner sarkastisch scharfen Literatur zur heilen. Er wurde zum wichtigsten Schriftsteller Chinas im zwanzigsten Jahrhundert und zu einem der radikalsten Vertreter der nationalen Modernisierungsbewegung.
Heute steht ein hoher Fahnenmast für die Landesflagge auf der weitläufigen Anlage, die rund um sein Wohnhaus mitten in das Gassengewühl ringsum gebaut wurde. Auf den Ungebärdigen beruft sich der Staat ebenso, wie es jene tun, die gegen ihn rebellieren. Die Wohnung selbst liegt klein und unscheinbar am Rande des Komplexes, ein bescheidenes, reduziertes Hofhaus. Den offenen Hof überwölben die ausladenden Blätterzweige zweier Magnolienbäume, die Lu am 5. April 1925 gepflanzt hatte. Außer den Schlafzimmern und der Küche gibt es noch eine Bibliothek und einen Empfangsraum mit zwei Korbsesseln und einem kleinen Tisch in der Mitte.
Mit Formbewusstheit und Klarheit
Der Stil ist ganz und gar chinesisch, aber ohne die in der späten Kaiserzeit so häufigen Schnörkel. In der Ausstellung nebenan kann man die akkuraten Grundrisszeichnungen sehen, die Lu Xun von dem Hofhaus angefertigt hatte, das er selbst renovierte und umbaute. Der Besucher kann heute nur durch die Fenster in die dunklen Räume hineinblicken. Doch was man sieht, ist eine Formbewusstheit und Klarheit, die jener Brechts in seiner Ost-Berliner Nachkriegswohnung nicht nachsteht.
Ebendiese Haltung scheint auch das zu sein, wofür Lu Xun bis heute steht. Im Gästebuch schreibt jemand: „Die Ehrlichkeit und die Echtheit ist das, was unserer Nation am meisten fehlt, die sich an das Betrügen und das Betrogenwerden gewöhnt hat.“ Der Furor dagegen, mit dem Lu Xun den Konfuzianismus bekämpfte, wirkt in einer Zeit, die sich allenthalben ihrer Traditionen zu besinnen versucht, kaum noch plausibel.
„Menschen fressen!“
Lu Xun jedoch, der selbst mit äußerster Sorgfalt die alte chinesische Literatur und Philosophie erforschte, erschien der Konfuzianismus wie ein System, das die Nation mit Selbsttäuschungen einschläferte und darüber hinaus moralisch unempfindlich machte. „Menschen fressen!“ liest der delirierende Ich-Erzähler in Lu Xuns berühmtem „Tagebuch eines Verrückten“ überall dort, wo in den alten Geschichtsbüchern „Menschlichkeit, Gerechtigkeit, Moral und Tugend“ steht.
Lu Xun veröffentlichte diesen Text 1918 in der Zeitschrift „Neue Jugend“, die das Hauptsprachrohr des damaligen Antitraditionalismus war. Im Jahr darauf fand am 4. Mai vor dem Tor des Himmlischen Friedens eine Studentendemonstration gegen die demütigende Behandlung Chinas bei den Versailler Verträgen statt. Sie gab der damals anbrechenden Epoche ihren Namen, die im Traditionsbruch eine Vorbedingung des Fortschritts sah. In einer nur äußerlich paradoxen Volte wurden als Mittel, um die Nation zu erneuern und gegenüber dem Westen zu behaupten, die westlichen Ideen entdeckt. Statt Konfuzius, hieß es damals, solle man lieber „Herrn Wissenschaft“ und „Herrn Demokratie“ studieren.
Einfluss bis in die Gegenwart
In eben dieser Zeit, als sich die Begriffe neu ordneten, zwischen 1912 und 1926, lebte Lu Xun in Peking, die letzten beiden Jahre davon in seinem umgebauten Hofhaus. In der Ausstellung im Gebäude nebenan, die Dokumente aus seinem Leben zeigt, sieht man Exemplare der „Neuen Jugend“ und den schlichten Holzschreibtisch mit Korbsessel, an dem er schrieb; man sieht auch die Ausgabe des „Kommunistischen Manifests“ auf Chinesisch, das der Übersetzer ihm im Erscheinungsjahr 1920 vermacht hatte.
Zur gleichen Zeit entstand unter Anleitung sowjetischer Berater die Kommunistische Partei Chinas. Lu Xun äußerte zunehmend seine Sympathie, wurde aber nie Mitglied. Als er 1936 starb, stand auf dem weißen Tuch, das die Bürger Schanghais auf seinen Sarg gelegt hatten: „Seele der Nation“. Und jetzt steht im Gästebuch, als hätte es ein Begräbnis nie gegeben: „Herr Lu Xun, ich und meine Frau nehmen Sie als Vorbild.“ Und ein anderer Eintrag schlägt direkt den Bogen in die Gegenwart: „Siebzig Jahre sind vergangen. Unglaubliche Dinge sind passiert. Die chinesische Nation ist aufgestanden. Ihr ,Ruf' wurde erhört. Aber die Chinesen müssen noch weiter ihre Schwächen überwinden, den Konservativismus ebenso wie den Egoismus.“
Die chinesische Nation ist „aufgestanden“
Dass die chinesische Nation „aufgestanden“ sei, ist ein Zitat: Mao Tse-tung sagte das, als er 1949 die Volksrepublik unter der Herrschaft der Kommunistischen Partei ausrief. Eine Ära mit zahllosen Schrecken und Opfern begann, vor allem während des „Großen Sprungs nach vorn“ Ende der fünfziger Jahre und während der Kulturrevolution. Doch was viele Chinesen dieser Epoche nach wie vor zugutehalten, ist, dass sie das Land unabhängig und am Ende sogar stark gemacht habe.
Der Traditionsbruch und die Öffnung zum Westen, zu dem ja auch die teilweise Aneignung des Leninismus gehört, hätten es tatsächlich geschafft, dass sich die Nation jetzt gegenüber dem Westen behaupten könne - was jedoch keineswegs heißt, dass historische Kontinuitäten als Legitimationsquelle für die Kommunisten nicht wichtig wären. Das sieht man, wenn man in die Mitte der Stadt fährt, an den Houhai-See. Hier verkündet seit einigen Jahren eine kunterbunte Mischung aus Nachtbars, Cafés und Thai-Restaurants den Anschluss Pekings an die internationale Unterhaltungsindustrie.
Witwe des „Vaters der chinesischen Republik“
Doch am westlichen Teil des Sees, an dem es ein bisschen ruhiger zugeht und auch im Winter muskulöse Rentner zwischen den Eisschollen schwimmen, öffnet sich eine andere, gleichwohl nicht weniger reale Welt. Da steht inmitten eines kleinen verwunschenen Gartens das Haus von Song Qingling, der Witwe von Sun Yat-Sen, des „Vaters der chinesischen Republik“, auf den sich die Kuomintang in Taiwan genauso wie die Kommunistische Partei in Peking berufen; Sun gründete die revolutionäre „Nationale Volkspartei“, die Kuomintang, und war nach dem Sturz des Kaisers für kurze Zeit der erste Präsident der chinesischen Republik.
Seine Frau fungierte von 1949 bis zu ihrem Tod 1981 als Vizepräsidentin der Volksrepublik. Wie hoch ihre symbolische Präsenz auch heute noch eingeschätzt wird, sieht man dem Schlagbaum an, der vor der Anlage installiert ist, und dem Soldaten der Volksbefreiungsarmee, der dahinter Wache hält.
Der Prinzengarten
Hat man einmal den Park mit seinen gewaltigen Trauerweiden betreten, den alles überwuchernden Pflanzen und der zierlichen überdachten Brücke an einem Teich, dringt man noch in eine weitere Zeitebene ein: Das Gelände war früher ein Prinzengarten, in dem Pu Yi, der letzte Kaiser, geboren worden war.
Die Frau des Mannes, der ihn vom Thron stieß, las später, als sie schon längst an Pu Yis Familiensitz lebte, seine Biographie und schrieb einer Freundin mit Genugtuung, dass ein Mensch offenbar doch erzogen und umgewandelt werden könne.
„Schatz des Landes“
Das Haus selbst sieht nicht so aus, als sei seit damals viel verändert worden. An den Türen stehen die Namen und Dienstbezeichnungen der Sekretäre und Sicherheitsbeamten, die die alte Dame nicht allein ließen. Tschou En-lai, der sie als „Schatz des Landes“ bezeichnete, hatte sie 1963 gegen ihr anfängliches Widerstreben überredet, in dem Anwesen Wohnung zu nehmen. In dem geräumigen Schlafzimmer, in dem sie auch arbeitete, stehen verstreut noch die Vierziger-Jahre-Holzmöbel inklusive Radioapparat.
Die Sessel im Empfangszimmer sind mit den gleichen weißen Häkelarbeiten überzogen wie in allen Empfangszimmern damals. Zu besichtigen ist das Minibillard, mit dem sie spielte, und der Rollstuhl, den sie in den letzten Jahren benutzte. Das einzige Buch aus ihrer Bibliothek, das man von außen erkennt, ist der kommunistische Klassiker „Wie der Stahl gehärtet wurde“ von Nikolai Ostrowski.
Gegensätzliche Schwestern
Im Unterschied zu ihrer Schwester May-ling, die den Nationalistenführer Tschiang Kai-schek heiratete, schlug sich Song nach dem Tod ihres Mannes auf die Seite der Kommunisten. Und für die war ihre Loyalität umso nützlicher, als sie kein Parteimitglied war. Unter den vielen Dokumenten, die die Ausstellung präsentiert, beeindruckt neben der Pistole, die ihr Sun Yat-Sen zur Hochzeit schenkte, vor allem der sorgfältig kalligraphierte Brief, mit dem Mao sie 1949 aufforderte, nach Peking zu kommen, und noch mehr das vermeintlich naiv leuchtende Wasserfarbenbild, das sie von drei roten Blumen in einer grünen Vase malte, während draußen die Kulturrevolution wütete und auch Anstalten machte, in ihr Refugium einzudringen.
Sogar das bourgeoise Hobby des Taubenzüchtens wollte man ihr nehmen. Jetzt steht hinter dem Haus ein großer Käfig, für den die Vorsitzenden von zwei taiwanischen Taubenzüchtervereinen 2001 zwölf Taubenpaare gestiftet haben.
Song Qingling - Symbolfigur der Stunde
Song Qingling ist für die Herrscher Chinas die Symbolfigur der Stunde. Mit der Kuomintang, dem einstigen Feind im Bürgerkrieg, tauscht die Kommunistische Partei immer herzlichere Zeichen des Einvernehmens aus, im Interesse der Wiedervereinigung mit Taiwan, aber auch, weil sie von ideologischen Differenzen nichts mehr wissen will. Das Haus am Houhai-See ist ein reales Zeichen der großen Aufhebungen geworden, für die China heute steht: All die Gegensätze zwischen Nationalismus und Kommunismus, Markt und Planwirtschaft, Dekadenz und Reinheit, West-Orientierung und Isolation scheinen in jene einzige große Bewegung hineingenommen zu sein, die viele „Systeme“ in einem Land zulässt.
Unter der Oberfläche rumoren die alten Energien indes weiter und bringen immer Neues hervor. Es gibt unter der Innenstadt noch eine Stadt im Untergrund, die Mao 1969 anlegen ließ, als er einen Atomangriff der Sowjetunion befürchtete. Ein Teil der Bevölkerung sollte in den Bunkern die Verflüchtigung der Strahlen abwarten, der Rest sollte durch unterirdische Gänge in die Westberge entkommen. Fünfundachtzig Quadratkilometer soll diese zweite Stadt groß sein, bis zu achtzehn Meter tief unter der Oberfläche, mit Geschäften, Restaurants, Kliniken, Theatern und einer mehrspurigen Straße, die vom Regierungssitz direkt zu einem Militärflughafen geführt haben soll.
„Tief graben, viel Reis horten und nicht nach Hegemonie streben“
Das Wochenmagazin „Phoenix“ schreibt, im Zuge der vorolympischen Sicherheitsmaßnahmen seien dreihunderttausend Billiglohnarbeiter aus diesen Katakomben vertrieben worden, die Jahren dort hausten. Gewiss ist nur, dass die Stadtregierung im Jahr 2000 im alten Viertel Qianmen ein kleines Teilstück zur Besichtigung freigab, in dem ausländische Touristen rekonstruierte Räume mit zeitgenössischen Propagandapostern und dem damals aktuellen Mao-Slogan „Tief graben, viel Reis horten und nicht nach Hegemonie streben“ in Augenschein nehmen konnten.
Pünktlich vor den Olympischen Spielen ist diese Sehenswürdigkeit wieder geschlossen worden; die beschäftigungslos gewordenen Führer, die jetzt vor dem unscheinbaren Eingang mit der Aufschrift „Underground City“ hocken, meinen, möglicherweise komme man wieder im Oktober hinein.
„New Idealist“ und „Anything is possible“
Doch um den Umschlag der Energie von innen nach außen zu beobachten, betritt man den Untergrund auch besser nicht an dieser exotischen Stelle, sondern im völlig unexotischen Xidan-Distrikt, einem der beliebtesten Einkaufsviertel Pekings. Wie an vielen anderen Ecken der Stadt, in denen der frühere Bunkerraum mit Restaurants, Hotels und Theatern gefüllt wurde, bekommt die militärische Zuflucht an der Xidan-Straße auch hier eine neue Funktion, in diesem Fall eine kommerzielle. Weiträumige Lebensmittelläden und schicke Coiffeure, in denen die Friseure gelbe Hüte tragen, sind hier in den alten Gemäuern eingerichtet.
Auf der anderen Seite der Straße taucht die ganze Palette der Systemgastronomiemarken das frühere Schattenreich in grelles Licht, als Fundament eines Kaufhauses, das sich nun darüber erhebt. „New Idealist“ und „Anything is possible“ steht auf den riesigen Plakaten an der Fassade. Doch auch diese Markenbotschaften annullieren die früheren Parolen nicht.
Symbolischer Gipfel eines langen Kampfs
Die Umfunktionierung der Katakomben von Xidan ist insofern interessant, als sie den Punkt markiert, da die unglaubliche Kraftanstrengung, die die chinesische Gesellschaft ein Jahrhundert lang für ihre innere Festigung aufgewendet hat, plötzlich einen neuen Inhalt bekommt und die Welt verändert. Dreihunderttausend Pekinger hatten, oft mit bloßen Händen, das titanische Werk der Bunkerstadt vollbracht, für das sie die alte Stadtmauer und die historischen Tore als Steinbruch benutzten: ein symbolischer Gipfel ihres langen Kampfs um Selbstbehauptung und Autonomie.
Und nun konzentriert sich diese Energie seit den achtziger, vor allem seit den neunziger Jahren auf die Marktwirtschaft; was bislang in der Tiefe verbuddelt wurde, schießt in die Höhe und bringt Pekings neue Skyline hervor. Kein Wunder, dass dies auch die globalen Verhältnisse nicht so lässt, wie sie waren.
Ein Besuch bringt Klarheit
Damit sind die Kämpfe dieser Stadt natürlich nicht vorbei. In Xidan stand an einem inzwischen längst abgerissenen Busbahnhof 1979 die „Mauer der Demokratie“, an die Kommunisten, Dichter und Dissidenten ihre Thesen schlugen. Einer von ihnen, der ehemalige Rotgardist Wei Jingsheng, der über die „fünfte Modernisierung“, die Demokratie, geschrieben hatte und damit ein Thema der „4.Mai-Bewegung“ von 1919 wiederaufnahm, bezahlte das mit einer langen Haftstrafe.
Auf dem Platz des Himmlischen Friedens bezahlten zehn Jahre später viele Studenten ihr Reformverlangen sogar mit dem Leben. Aber das Thema ist damit nicht erledigt; mit Demokratisierungsstrategien beschäftigen sich heute viele, einige sogar innerhalb der Partei. Auch die anderen Themen des vergangenen Jahrhunderts bleiben, ebenso wie deren Orte. Und jeder, der wissen will, was die vermeintlich so disparate Stadt zusammenhält, kann sie besuchen. Denn Peking ist wie ein offenes Buch.
Endlich
Kurt Augenstein (ying)
- 05.08.2008, 21:19 Uhr
ja, endlich...
enno ladwig (mal_sehen)
- 06.08.2008, 20:19 Uhr