11.06.2008 · Apartmenttürme neben neuenglischen Aristokratenvillen, Chinesinnen im Dirndl, die zu amerikanischen Countrysongs chinesisches Paulanerbier servieren: So sieht die Zukunft des Tourismus aus. Ein Besuch auf der Insel Hainan, dem „Hawaii von China“.
Von Niklas MaakEinen Moment lang dachte ich, oha, da ist jetzt ein böser Fehler passiert: Haben die mich falsch abgefertigt? Sitze ich nicht im Flugzeug nach Hainan, sondern in einer Maschine nach Wladiwostok oder Omsk oder Moskau? Jedenfalls saßen mit mir im Flugzeug keine Chinesen, sondern nur Russen: Vor mir ein blasser Mann mit einem dünnen Schnurrbart und einer iltisartigen Frisur, seine Arme waren tätowiert und sehr breit, seine blassen Beine schauten aus Shorts heraus, auf die in zuckenden Buchstaben Army Style gedruckt war.
Im Gang stand eine chinesische Stewardess. Hinter mir rülpste jemand. Keiner sprach Englisch, deswegen schaute ich aus dem Fenster und sah weit unten den neuen Flughafen von Peking im Dunst verschwinden. Dann knackte der Lautsprecher; der Kapitän verkündete etwas auf Chinesisch und wiederholte das Ganze in einem phantasievollen Englisch. Mehrmals tauchte das Wort "Hainan" auf. Wir waren offensichtlich doch auf dem richtigen Weg; aber warum saßen neben mir ausschließlich Russen im Flugzeug?
Ich las eine Broschüre durch, die ich mir in Peking gekauft hatte. Hainan, stand dort, sei eine Trauminsel und das neue Hawaii, dazu sah man ein Foto: türkisblaues, klares Wasser, weiße, leere Pulversandstrände. Von Peking aus fliegt man dreieinhalb Stunden südwärts. Mit etwas über 34 000 Quadratkilometern ist Hainan deutlich größer als Hawaii, hat aber nur neun Millionen Einwohner. Früher, in der Zeit, die wir Mittelalter nennen, also um das Jahr 1000 herum, war Hainan das Sankt Helena der Song-Dynastie, unliebsame Regenten und politische Widersacher wurden hierhin abgeschoben und tauchten nie wieder auf, im 20. Jahrhundert besetzten die Japaner die Insel, es gab einen blutigen Befreiungskampf, und danach wurde Hainan mehr oder weniger vom chinesischen Militär kontrolliert. An Tourismus war nicht zu denken. Vielleicht, dachten wir, ist Hainan genau das, was man will - eine Insel wie Hawaii, bevor die Touristen kamen.
In der Stretchlimousine
Dann kamen wir an. Vor dem Flughafen von Sanya, der großen Stadt im Süden von Hainan, wartete ein Fahrer des Hotels mit einer Stretchlimousine, wie sie B-Stars in New York benutzen, wobei die New Yorker Stretchlimousinen immerhin schwarz lackiert sind. Diese hier strahlte in einem selbstbewussten Kanariengelb. Man kann davon halten, was man will, aber ganz sicher sind giftgelbe Stretchlimousinen ein Zeichen dafür, dass es möglicherweise mit der unverdorbenen, untouristischen, pionierhaften Atmosphäre schon eine Zeitlang vorbei ist.
Wir fuhren zum "Kempinski-Hotel". Am Seitenfenster der Limousine tauchten endlose Baustellen auf, es sah aus, als würde man gleichzeitig die Costa Brava, Mallorca und Daytona Beach nachbauen, ein Hochhaus stand neben dem anderen. Unten am Meer spülten Pumpmaschinen Sand in ein verlassenes altes Reisfeld, ein Schild verkündete, hier entstehe ein Golfplatz mit 85 exklusiven Villen, von denen jede angeblich über eine Million Dollar kosten soll.
Golf statt Reis: Das ist das inoffizielle Motto von Hainan. Es ist genau 25 Jahre her, dass das hier eine vom Tourismus unberührte Insel war, und wenn man den Menschen in Sanya glaubt, war es keine gute Zeit: Mao hatte hier Han-Chinesen angesiedelt, die China mit Reis und Früchten versorgen sollten, aber die Felder waren durch die Monokultur bald kaputtgewirtschaftet, die Leute hungerten, und als Zhao Ziyang 1983 nach Hainan reiste, war er entsetzt über die Armut auf der Militärinsel. Wenig später wurde, um die Misere zu ändern, Hainan zu Chinas größter Sonderwirtschaftszone erklärt. Es kamen Geschäftsleute, Hasardeure, Betrüger, die Korruption erreichte Ausmaße, die die sizilianische Mafia vor Neid in den Tisch beißen lassen würde, und weil all die korrupten Geschäftemacher irgendwo schlafen mussten, entstanden auch ein paar Hotels.
Gäste aus Russland
Auf Hainan herrscht ein tropisches Monsunklima. Die durchschnittliche Jahrestemperatur liegt bei 22 bis 26 Grad, meistens weht ein angenehmer Wind, das Wasser ist sauber und klar. Deswegen kamen auch bald die ersten Touristen, vor allem aus Russland, von wo aus man es nicht so weit hat wie in die Karibik; und mit dem Wirtschaftsboom, mit der Verwestlichung des Lebens in den neuen ökonomischen Zentren des Pearl-River-Deltas, in Hongkong und Schanghai wuchs schließlich auch im neuen chinesischen Mittelstand der Wunsch, etwas zu machen, das man in China bisher so gar nicht kannte: Strandurlaub.
2007 kamen etwa 500 000 Touristen nach Sanya, 30 Prozent mehr als im Vorjahr. Das mittelbare Ziel für die Insel aber heißt: 50 Millionen Touristen im Jahr, und deshalb wird ein Apartmentturm nach dem anderen aus dem Boden gestampft. Schon jetzt ist Sanya laut der aktuellen "China Hotel Industry Study" lukrativer als Peking, die Stadt hat die höchste Dichte an Fünf-Sterne-Hotels in China.
Es gibt in Sanya, wie in Rio de Janeiro, unterschiedliche Buchten, nur dass man, anders als in Rio, hier fast niemanden im Wasser sieht. Auch die zigtausend Apartmenttürme scheinen leerzustehen. Was ist hier los? Es gehört zu den zahlreichen Paradoxien des neuen China, dass Badeurlaub eine Statussache ist, zahlreiche Chinesen aber alles zu vermeiden versuchen, was nach euro-amerikanischer Vorstellung zu einem guten Strandurlaub gehört. Viele Chinesen können oder wollen nicht im Meer schwimmen, sie wollen nicht braun werden und dösen so lange im Schatten, bis die Sonne verschwindet. Erst dann legen sie die grobgeblümten Ganzkörper-Schwimmensembles an, die hier gerade Mode sind, und gehen bis zum Bauch ins Wasser. Dort stehen sie dann still, unterhalten sich oder schauen an Land wie Menschen, die an einer Ampel darauf warten, weitergehen zu dürfen.
Ein Resort neben dem anderen
Wir fuhren durch Sanya, die Stadt, die immer noch den kryptosozialistischen Muff einer in den sechziger Jahren hochgezogenen Militärbasis ausstrahlt, nach Yalong Bay. Die Landschaft wurde idyllisch, am Fenster des Wagens flogen Reisfelder und alte Kasernen aus den sechziger Jahren vorbei, Bauwerke mit exzentrisch zuckenden Betondächern und -toren, deren Stil man als maoistischen Futurismus bezeichnen muss und der leider überall abgerissen wird, um einem fiktiven Las-Vegas-Klassizismus Platz zu machen.
Dann kamen wir an den Strand. Auch hier sah man keinen Menschen, jedenfalls keinen Chinesen, nur ein paar Russen lagen mit abgedeckten Köpfen in der prallen Hitze, und ihre Haut färbte sich von Gelblichweiß auf Dunkelrot.
Yalong Bay ist das Cancún von China. Hier steht ein Resort neben dem anderen - riesige, Hunderte Zimmer große, in U-Form an den Strand gebaute Resorts. Von Sanya, der alten Stadt, von der Bevölkerung sieht man hier nichts, eine scheußliche Langeweile breitet sich aus, das Reihenhauselend, vor dem der Tourist fliehen will, erfährt hier seine Wiedergeburt. Hier spürt man nichts von China; die Endloshotelanlage könnte auch in Thailand oder sonst wo stehen, man hört die internationale Erkennungsmelodie der luxuriösen Langeweile, das Geräusch der Zikaden, das ferne Brummen der Sportflugzeuge über der Bucht und das tischtischtischtisch der Wassersprenger, die den Kunstrasen am Leben halten.
Luxuriöse Hotelanlagen
Wer an seine Geschäftsreise nach Peking, Hongkong oder Schanghai ein Erholungswochenende anhängen möchte, so etwas wie Einsamkeit sucht und genügend Geld hat, kann sich im „Mandarin Oriental“ einbuchen, das Ende des Jahres eröffnet wird. In der Ferne sieht man die Hochhäuser von Dadonghai aus dem Dunst auftauchen, aber mit dem Rummel dort hat das Hotel nichts zu tun. Hier kann man am Pool liegen, in der Bucht schwimmen, hervorragende Weine trinken oder sich auf alle erdenklichen Weisen im Spa behandeln lassen. Architektonisch betrachtet ist das „Mandarin“ das eleganteste Hotel der Insel; der Bau kostet 140 Millionen und wäre so nirgendwo sonst auf der Welt baubar - denn dass die spektakuläre Anlage überhaupt für diesen Preis gebaut werden kann, liegt an den absurd niedrigen Löhnen, die in China für Bauarbeiter und Angestellte gezahlt werden; ein Kellner bekommt hier 150 Dollar im Monat - und das gilt schon als begehrtes besseres Gehalt. Mit dem Personal gibt es andererseits Probleme, sagt Gerd Knaust, der Direktor des „Mandarin Oriental“. Bei dem Einstellungstest für den Posten des Rettungsschwimmers, erzählt Knaust, konnten von 20 Bewerbern gerade mal zwei überhaupt schwimmen.
Ansonsten ist die neue Architektur von Sanya seltsam. In der Uferlinie stehen Villen, die unter Zuhilfenahme einer eindeutigen Überdosis von Gipssäulen und griechischen Kapitellen neuenglische Aristokratentempel nachspielen. Aber direkt hinter diesen Palästen wachsen Apartmenttürme in die Höhe, die jeden europäischen Millionär in die Flucht schlagen würden. Doch die euro-amerikanische Trennung - entweder noble Strandvillen oder Massentourismustürme - gibt es hier nicht: In China stört man sich offensichtlich nicht am direkten Beieinander unterschiedlichster Konzepte. Was man hier sieht, ist Hybrid City, die Stadt der Zukunft, in der alles so eng ineinandergedrängelt ist, dass Gated Communities nicht einmal mehr Platz für ihr Gate hätten. Die seltsame Mischung aus Luxusvillen und Massenwohnsilos entspricht dabei auch einem politischen Zwang: Um zu vermeiden, sagt Knaust, dass sich die zahlreichen neuen Reichen alle Filetstücke am Strand mit Privatvillen vollbauen, habe die Regierung eine Regelung erlassen, die eine Mindestbettenzahl pro Strandgrundstück vorschreibe.
Chinesiche Biergärten
Dann wurde es Abend, und die Sonne verschwand im gelblichen Dunst. Um diese Uhrzeit war kein Mensch zu sehen, das neue Sanya mit seinen hohläugigen, offenbar leeren Apartmenttürmen sah so unwirklich aus wie ein auf den realen Maßstab emporvergrößertes Modell. Wir gingen zurück zum „Kempinski“. Das Hotel ist eines der wenigen Häuser, die einen Privatstrand haben - und das einzige, das mitten am Strand mit einem Paulaner-Biergarten aufwarten kann. Der chinesische Biergarten ist ein wahrhaft durchglobalisierter Ort: Chinesinnen im Dirndl servieren in China gebrautes Paulanerbier, dazu spielt eine philippinische Band abwechselnd amerikanische Countrysongs und chinesische Liebeslieder.
Später fuhren wir mit einem der wenigen Hotelangestellten, die ein verständliches Englisch sprechen, ins nahe Dadonghai. Für die westlichen Gäste nenne er sich Johnson, sagt er, das sei einfacher für die, in Wirklichkeit aber heiße er Fu Hai Fu, seine Freunde nennen ihn A Fu. Kurz hinter dem Hotel macht die Straße einen Schwenk um eine Art Verkehrsinsel herum - hier stand ein muslimischer Friedhof im Weg, den die Behörden nicht abreißen durften. Anderswo am Strand ist man weniger zimperlich, kurz vor Sanya tauchen seltsame Sandhaufen am Strand auf; hier, sagt Fu, sei bis vor kurzem ein Friedhof mit Gräbern der Hui-Minderheit gewesen, die gerade mit großen Baggern an einen weniger störenden Ort verlegt würden. Der Tourismus frisst das alte Leben auf. 42 000 Dollar pro Haus und Feld zahlten die Hotelleute den Bauern, damit sie ihr Land aufgäben; das erscheine den Bauern viel, aber wenn sie dann keine Felder mehr hätten, wenn sie das Essen kaufen und Wohnungen mieten müssten, sei das Geld schnell aufgebraucht. Viele müssen sich dann auf dem Bau verdingen, viele stürzen in noch größere Armut.
Die neue Welt
Auch in Dadonghai reißen sie die alten Militärbauten aus den sechziger Jahren ab, um sie durch Hotelkästen im neoklassizistischen Stil zu ersetzen. Dort, wo es vom Casino zum Strand geht, steht das auf Antik gemachte Restaurant „Roma“, davor wandert, verkleidet als römischer Legionär, ein echter Italiener namens Francesco auf und ab, der den ganzen Mumpitz sichtbar weniger witzig findet als seine Kunden. Über der Restauranttür steht „audaces fortuna adiuvat“, den Mutigen hilft das Glück. Den sehr jungen Chinesinnen, die ein paar Meter weiter an der Treppe des „VIP“-Clubs stehen, hilft es nicht. Sie sind kaum volljährig; sie kommen aus den armen Gegenden des Landes, und obwohl Prostitution in China verboten ist, haben ihre Zuhälter die Strandpromenade von Dadonghai in ein gigantisches Freiluftbordell verwandelt, gegen das der Überwachungsstaat China ganz offensichtlich nichts unternimmt. Dadonghai ist auch ein Ausblick auf eine neue Welt, die ohne den Humanismus der alten auskommt - eine erbarmungslose Fleischwelt aus gegrillter Wurst, rotgebrannter Haut und verkauften Körpern.
Ein paar Meter weiter bietet ein Händler lebende Fische an, die in einem Becken mit grünem, moosigem Wasser schwimmen. Im Fernseher, der hinter den Aquarien steht, laufen melodramatische Vorabendserien, ein Mann weint auf Chinesisch. Vor dem Laden rufen die Taxifahrer den vorbeitorkelnden Herrengruppen „Lady masaje“ zu. Ein Chinese hält ein Mobiltelefon in die Höhe, auf dem Pornofilme laufen, und zerrt Interessenten in einen Karaoke-Club, in dem nicht nur gesungen wird. Ein sehr junges, sehr dünnes Mädchen steht lächelnd auf zu hohen Pumps am Straßenrand; ein Russe schwankt auf sie zu, seine weißen Waden sind so breit wie ihre Taille. Mag sein, dass Hainan für viele das chinesische Hawaii ist; für einige, die auch einmal mit Hoffnungen hierher kamen, ist es die Hölle auf Erden.