20.04.2006 · In der Zwölf-Millionen-Stadt Guangzhou, dem früheren Kanton, wird Vergangenheit in Zukunft verwandelt. Das neue China verschlingt das alte mit einem Heißhunger, der angst und bange macht.
Von Jakob Strobel y SerraDer Mann wollte nur spielen. Für jeden anderen wäre es ein Spiel auf Leben und Tod gewesen. Er stocherte mit seinen Stäbchen in einem roten Plastikbottich, fischte Tier für Tier heraus, betrachtete jedes einzelne, konnte sich nicht entscheiden, warf eines nach dem anderen zurück ins Gewimmel. Dann traf er seine Wahl. Während er den Skorpion zwischen den Stäbchen fixierte, zupfte er mit Daumen und Zeigefinger den Stachel heraus, behutsam und seelenruhig. Nachdem er das Gift aus dem Schwanz gepreßt hatte, setzte er das Tier auf seinen nackten Unterarm, um es dort herumkrabbeln zu lassen, als sei es ein Marienkäfer.
Fast wäre der Skorpion unter seinen Ärmel gekrochen, gerade noch schnappte er ihn sich und lachte herzhaft darüber mit seinen Kollegen, die die Schlangen und Schildkröten bewachten. Nach ein paar Minuten kam ein Kunde, ein Herr mit Anzug, Aktentasche und selbstdenkendem Mobiltelefon. Er wollte zwei Dutzend. Der Mann schmiß seinen Spielkameraden zurück in den Bottich, verlas vierundzwanzig besonders schöne Exemplare, packte sie sorgfältig ein, überreichte sie dem Herrn und wünschte guten Appetit.
Auf dem Qing-Ping-Straßenmarkt der Zwölf-Millionen-Menschen-Metropole Guangzhou, der größten Stadt Südchinas und drittwichtigsten des Landes nach Peking und Schanghai, bekommt man nicht nur allerhand ausgefallenes Getier für den Kochtopf - getreu dem Motto, daß hier alles gegessen wird, was schwimmt, fliegt oder Beine hat außer U-Booten, Flugzeugen und Tischen. Im Angebot sind zappelnde Frösche, an den Schenkeln zum Dutzend zusammengebunden oder schon enthäutet, wenn man sich die Mühe sparen will; Kätzchen und Hündchen wahlweise für den Schoß oder den Wok; getrocknete Seepferdchen für die Suppe und züngelnde Nattern für die Pfanne, verknotet wie Medusenhaar, ein albtraumhafter Anblick; Tigerkrallen und Rhinozeros-Hörner für die Potenz, letzte Hoffnungen einer betrügerischen Autosuggestion, komplizenhaft feilgeboten von Straßenhändlern mit Schurkengesichtern.
Der Heißhunger des neuen China
Es gibt salatschüsselgroße Baumpilze, rübengroße Ingwerwurzeln, Lotussamen, Süßholz, Wildknochen und tausend andere Kräuter und Körner für die Gesundheit. Es gibt Geschäfte mit hundert Sorten Tee und andere mit hundert Honigen und Kabuffs kaum größer als ein Fahrradschuppen, in denen ein klappriger Tisch mit einem Taschenrechner und einer chinesischen Rechentafel steht, nichts sonst. An der Rückwand sieht man eine Tür. Sie ist ein Sesam-öffne-dich ins Reich der Tiefkühlkost, der Eingang zu einem riesenhaften Lagerraum, in dem genug gefrorenes Fleisch für eine Armee lagert, eine Schatzkühltruhe für den Hunger von Millionen auf ein besseres Leben. Und zu alldem gibt es noch etwas gratis dazu: Auf dem Qing-Ping-Markt sieht man mit den eigenen Augen, wie die Zeit rast, wie sich Vergangenheit in Zukunft verwandelt, wie das neue China das alte verschlingt, mit einem Heißhunger, der angst und bange macht.
Das alte China ist eine düstere Welt, stickig und eng wie das London von Dickens: zu Wohnhöhlen zusammengepferchte Häuser, in denen Licht das kostbarste Gut ist, kostbarer noch als Intimität. Kreuz und quer hängen die Stromleitungen und Isolatoren über dem Gassengewirr, als bewahrten sie die vier-, fünf-, zehnstöckigen Behausungen vor dem Umfallen. In Hauseingängen, eher Schlitze im Mauerwerk, führen steile, hölzerne Treppen in die Dunkelheit, oben bewacht von einer stummen Alten. Unablässig brummen an den grauen Fassaden die Kästen der Klimaanlagen und heizen die Luft mit Muff. Unentwegt flattert im Smog des Fortschritts die trocknende Wäsche auf den Balkonen, die ausnahmslos vergittert sind wegen der Gier des Nachbarn, Neid kann es nicht sein.
Geld oder Gerechtigkeit
Es ist eine pittoreske Misere, eine Reise zurück in die Zeit der Frühindustrialisierung. Doch ihr fehlt der Odem des Elends. Wer so eng zusammenlebt wie die Menschen in der Altstadt von Guangzhou, nimmt entweder Rücksicht oder verliert den Verstand. Die Gassen sind blitzblank gefegt, nirgendwo Gestank, kein Geschrei, kein Gezeter, kein Geplärre, nur freundliches Flüstern. Die Straßen sind eng und voll, aber für die Banyan- und Kampferbäume ist immer Platz, grüne Besänftigungen des stumpfen Steins, die aus Verkehrsadern Alleen machen und aus Wüsten Gärten. Es sind die Zimmerpflanzen eines drangvollen Universums, einer Welt, in der die Grenze zwischen Privatem und Öffentlichem eine Membran ist.
In der Altstadt lebt man auf der Straße. Kinder waschen sich im Rinnstein die Haare, Frauen schneiden auf dem Trottoir das Gemüse, Männer haben dort ihre Werkstätten - eine Stanze, ein paar Gummilappen, Nägel, Zange, Hammer, Schemel, mehr braucht der Schuster nicht. Und die Alten lausen abseits des Getümmels am Ende der Sackgassen ihre Katzen, zupfen Koriander oder schauen den Räucherstäbchen beim Abbrennen zu, die sie zu Ehren der Ahnen entzündet haben, im müden Blick die Gewißheit, daß sie selbst bald Ahnen sein werden. Um das Wohlwollen der Götter beim Streben nach Wohlstand wird überall gebeten, an kleinen Altären, an Schreinen und Opfersteinen, in Geschäften und Wohnungen, in denen ab und zu auch noch ein Plakat des Großen Vorsitzenden hängt. Doch Mao hat es schwer in einer Zeit, in der das Glück nach Geld schmeckt und nicht nach Gerechtigkeit.
Eine Stadt wie urbane Urmasse
Das alte China endet mit einem Donnerschlag: Man tritt aus einer Gasse heraus und prallt plötzlich gegen ein vierzig Stockwerke hohes Appartementhochhaus, das in den Boden gerammt wurde wie der Gründungspfeiler einer strahlenden Zukunft, unter der Wucht seiner Fundamente das Alte restlos ausradierend - ein kolossales Fortschrittsfanal, die Zungenspitze der Muräne eines verheißungsvollen Morgens, beängstigend für den Besucher, begehrenswert für die Einheimischen, der Henker des Qing-Ping-Marktes und Heilsbringer seiner Bewohner. Und es ist erst der Anfang.
Noch ist Guangzhou wie eine urbane Urmasse, eine werdende Stadt, die noch nicht erkaltet ist und deren Morphologie man erst langsam durchschaut. Was hat Bestand, was ist Episode? Das Häuserknäuel der Altstadt vermengt sich mit dem Stelenwald der fleckigen, wurmstichigen, zwanzigstöckigen Wohnsilos aus spätsozialistischer Zeit und der stolzen Parade der riesenhaften Glitzerhochhäuser zu einem amorphen Stadtgebilde ohne sichtbares Ordnungsprinzip, ohne stilistischen Willen. Nur eine Regel scheint es zu geben: Gut ist das Neue, schlecht das Alte. Und der Antrieb von allem, der Grund der ungeheuren Dynamik Chinas ist ein einziges Verlangen: die Gier nach Glück. Die Menschen wollen um jeden Preis heraus aus ihren Wohngefängnissen mit den vergitterten Balkonen, um Quartier zu beziehen in den goldenen Käfigen der strahlenden Hochhäuser, die bei ihrem unbekümmerten Plünderzug durch die europäische Architekturgeschichte Säulen und Kapitelle, Giebelimitate französischer Renaissance-Schlösser und unbeholfen kopierte Schweizer Chalets als Penthouses zusammengerafft haben.
Europa liefert den Schnaps
Guangzhous Skyline kann sich bei weitem nicht mit der von Schanghai messen. Der Stadt fehlen emblematische Gebäude wie der Jin Mao Tower, der schönste aller Wolkenkratzer dieser Erde. Guangzhou raubt einem nicht den Atem - dafür aber den Schlaf. Denn Schanghai wirkt auf den westlichen Besucher wie entfesselte Zivilisation, wie ein Turmbau zu Babel, ein Tanz auf dem Vulkan der Zukunftshörigkeit, reine Hybris, die eines Tages Rechenschaft ablegen muß. Guangzhou wächst unspektakulär, dafür zäh und beharrlich, emsig und ehrgeizig, hier ist kein Carpe diem, hier wird gesät, und wer weiß, was für die anderen übrigbleibt vom großen Kuchen, wenn alle Chinesen ihren Hunger auf ein wenig Lebensglück gestillt haben werden.
Wer es geschafft hat, speist im Zhong Sen Club im Herzen der Stadt, einer Villa im traditionellen Stil mit Pagodendächern und einem Dutzend Separees für diskrete Geschäftsessen. Der Club ist eine typisch chinesische Mischung aus Eleganz, Kitsch und Protz, kombiniert abstrakte Gemälde und Mahagoni-Böden mit gerafften Gardinen und monströsen Sofas, klobige Trophäen eines neuen Reichtums. Serviert werden Rothschild-Rotweine aus dem Bordeaux, nur erste Gewächse aus dem Chablis und natürlich die besten Cognacs. Überall stehen Horden so freundlich wie verständnislos lächelnder Mädchen in goldglitzernden Leibchen, die kein Wort Englisch verstehen und auch nicht mit einer Karte auf englisch weiterhelfen können. In diesen Clubs, die früher einmal - als Guangzhou wegen eines phonetischen Mißverständnisses noch Kanton hieß - die Nahtstelle zwischen Ost und West waren und in denen Europa zu Tisch bat, nicht Asien, ist das neue China heute unter sich. Den Westen braucht es nicht mehr, höchstens noch als Wein- und Spirituosenlieferanten.
Der touristische Imperativ
Wer es nicht geschafft hat, wühlt in den Mülltonnen. Für die Lumpenmenschen und erst recht für die vier Millionen rechtlosen Wanderarbeiter muß es wie Hohn klingen, wenn auf den Abfalleimern steht, daß man Guangzhou lieben müsse - auf kantonesisch für die Einheimischen, auf englisch für die Besucher als eine Art touristischer Imperativ. Ordnung und Disziplin, schon für den Großen Vorsitzenden die Stützpfeiler jeden Fortschritts, herrschen auch sonst in der Stadt. Vor der Benutzung der öffentlichen Toiletten ist man gehalten, sich mit den "social moralities" vertraut zu machen. In den Restaurants wird man auf Hinweisschildern von salutierenden Polizisten dazu aufgefordert, auf seine Wertsachen und seine Kinder aufzupassen - die Reihenfolge ist bemerkenswert. Das Hupen im Straßenverkehr ist strikt verboten, die Taxitarife sind exakt festgelegt, darüber wacht niemand Geringeres als das "Guangzhou City Price Bureau Price Supervision Check Office". Die Polizeipräsenz ist eher verstörend als beruhigend. Sogar in den Nachtclubs wachen stocksteife Volkspolizisten in Uniform über die Wahrung der Etikette. Und auf der Haupteinkaufsstraße, der Fußgängerzone Bejing Road, flitzen sie in Golfkarren umher.
Unter Panzerglas liegen an der Bejing Road die Reste des alten Guangzhou, ein paar Steine auf dem Grund eines Ozeans aus Geschäften und Konsum. Ihre zweitausendjährige Geschichte verwahrt die Stadt in ganz wenigen, versprengten Schatzkästchen, Stecknadelköpfe der Diachronie im wuchernden Jetzt. Das Mausoleum des glücklosen Königs Zhao Mo, der im zweiten vorchristlichen Jahrhundert einer kurzlebigen Dynastie vorstand, behauptet sich trotzig inmitten eines emsigen Geschäftsviertels unter einer gläsernen Pyramide: eine Handvoll niedriger Grabkammern, in die der König tausend Dinge mitnahm, Waffen und Schmuck, Jade und Bronze, Gold und Silber, Verpflegung und ein Dutzend Mätressen. Am anderen Ende der Innenstadt steht das Haus des Chen-Clans, errichtet von den Trägern dieses häufigsten chinesischen Familiennamens in der Provinz Guangdong. Es ist ein imposantes Ensemble aus zwanzig Gebäuden mit überreichen Holzschnitzereien, die die Schätze des chinesischen Kunsthandwerks beherbergen, Dschunken aus Elfenbein, gestickte Gemälde, Kakimonos, Vasen, Porzellan, prachtvoll und rar.
Singen an der Promenade
Die Spuren der Europäer in ihrem Kanton sind kaum mehr als ein Hauch der Geschichte. Für die Handelskontore der Kolonialmächte schuf man eine künstliche Insel im Perlfluß, dort mußten die Briten, Franzosen, Amerikaner, Österreicher, Russen residieren, dort empfingen sie ihre chinesischen Geschäftspartner. Heute stehen auf der Shamian-Insel noch eine Handvoll Gebäude im klassizistischen und neogotischen Stil, die Kulisse für eine Oase mit vielen Bäumen und wenig Verkehr, ein Atemholen vom kurzen chinesischen Marsch in die Zukunft. Auf der Promenade am Perlfluß treffen sich unter weißen Laternen und roten Lampions die Einheimischen zum Tanzen, zum Singen chinesischer Opern und zum überaus populären Federball-Fußballspiel: Dabei schießt man sich im Kreis einen beschwerten Federball mit den Füßen zu, ohne daß dieser den Boden berühren darf. Er macht es kaum einmal. Eines Tages wird China wahrscheinlich auch noch Fußball-Weltmeister.
Europäer und Amerikaner sieht man immer noch in Scharen auf der Shamian-Insel - nicht nur herkömmliche Touristen, sondern verwirrend viele Paare mit leuchtenden Augen und chinesischen Babys im Arm. Sie alle sind gekommen, um das Riesenreich der Ein-Kind-Politik von der Last des überzähligen Nachwuchses zu befreien, Mädchen meist, denn die kleinen Kaiser behalten die Chinesen für sich. Es ist ein Bild von fast makabrer Symbolik: Die aussterbenden westlichen Gesellschaften besorgen sich Kinder in jenem Land, das wegen seiner bloßen Menschenmasse die gutgepolsterte Existenz Europas in Frage stellt, ein verzweifelter Akt demographischer Korrektur.
Der goldene Schuh des Aschenputtels
Abends, wenn die Babys schon schlafen, muß man auf dem Perlfluß auf und ab fahren, so will es der Brauch. Die Hochhäuser sind illuminiert wie Weihnachtsbäume und unterhalten das Publikum mit Laser-Shows an ihren Fassaden. Da es noch keine wirklich imponierende Skyline gibt, strahlt man auch alle Betonbrücken honiggelb und die Bäume am Ufer so grün an, daß sie wie Brokkoli aussehen. Das wird bald nicht mehr nötig sein, denn Guangzhou wird weiterwachsen und wohl eines Tages wie das keine zwei Stunden entfernte Hongkong aussehen, diese Beute Englands aus den Opiumkriegen, diese Konkubine des Kolonialismus, von deren Glanz sich das Aschenputtel Guangzhou hundert Jahre lang blenden lassen mußte. Jetzt aber trägt es selbst den goldenen Schuh.
Anreise: Guangzhou wird derzeit von drei europäischen Gesellschaften angeflogen: Finnair, Lufthansa und Air France. Finnair (www.finnair.com) bietet derzeit drei Verbindungen pro Woche von mehreren deutschen Flughäfen aus über Helsinki an, ab Juli vier. Die Preise für ein Rückflugticket in der Economy-Class beginnen bei etwa 800 Euro.
Einreise: Für die Einreise benötigen Bürger der EU ein Visum, das bei der chinesischen Botschaft in Berlin (Märkisches Ufer 54, 10179 Berlin, Telefon: 030/275880, Web: www.china-botschaft.de) oder den Generalkonsulaten in Frankfurt (Telefon: 069/75085534), Hamburg (Telefon: 040/82276013) und München (Telefon: 089/17301625) beantragt werden muß.
Unterkunft: Als erste Adresse in Guangzhou gilt das Garden Hotel, ein zentral gelegenes Fünf-Sterne-Haus mit allen international üblichen Standards, das zur Vereinigung der World Hotels gehört. Die Preise beginnen bei 100 Dollar pro Doppelzimmer (gebührenfreie Telefonnummer: 00800/77796 753, www.thegardenhotel.com.cn).
Information: Fremdenverkehrsamt der VR China, Ilkenhansstraße 6, 60433 Frankfurt, Telefon: 069/520135, E-Mail: info@china-tourism.de, Internet: www.china-tourism.de.