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China Eine Stadt rollt den roten Teppich aus

03.07.2008 ·  Shenyang rüstet sich für neue Industrie und für die Olympischen Spiele. Als erste europäische Fluglinie steuert jetzt die Lufthansa die Stadt im Nordosten Chinas an, die einstweilen noch ein weißer Fleck auf der touristischen Landkarte ist.

Von Lilo Solcher
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Die Passagiere im Münchner Flughafen staunten nicht schlecht: Zu Musik und Reden wurden Häppchen für die Reisenden und Bier für die Crew gereicht - es galt, den Start von gleich zwei neuen Lufthansa-Langstreckenflügen zu feiern. Unterschiedlicher könnten die neuen Ziele kaum sei. Der eine Flug ist eine Wiederaufnahme der Strecke nach Singapur. Der andere dagegen führt in die chinesische Provinz nahe der nordkoreanischen Grenze, nach Shenyang.

Die Stadt ist noch ein weißer Fleck auf der touristischen Landkarte, unter Geschäftsreisende jedoch gilt sie schon länger als ein wichtiges Ziel. Shenyang, das im sogenannten rostigen Gürtel liegt, wie Chinesen die Region wegen der dort lange Zeit dominierenden Stahlindustrie nennen, hat sich zu einem Wirtschaftszentrum gewandelt. Auto- und Schiffsbauber haben sich am Ufer des Hunhe angesiedelt sowie Pharmazie- und Computerhersteller. Auch mehrere deutsche Unternehmen haben in Shenyang einen Standort eröffnet, wie zum Beispiel der Autohersteller BMW, der mit dem chinesischen Unternehmen Brilliance im Joint Venture Autos produziert.

Umweg über Seoul

Das BMW-Werk war für Lufthansa einer der Gründe, Shenyang als fünftes Ziel in China in den Flugplan mit aufzunehmen. Allerdings mit dem Umweg über Seoul. Damit will die Fluggesellschaft die nötige Grundauslastung für den Airbus A340-300 schaffen, der die Strecke bedient. Man wolle mit Augenmaß wachsen, sagte Thomas Klühr, der Konzernbeauftragte und Leiter des Hubmanagements, in seiner Eröffnungsrede. Es könne dauern, bis die Strecke im Markt verankert ist.

Während der Olympischen Spiele will Shenyang internationales Interesse wecken. Einige der Fußball-Vorrundenspiele sollen in dem neu gebauten Stadion ausgetragen werden. Die an eine Doppelmuschel erinnernde Konstruktion aus Stahl und Beton wurde innerhalb von zwei Jahren gebaut. Tag und Nacht arbeiteten 12.000 Menschen an dem neuen Symbol der über zweitausend Jahre alten Stadt.

Auf dem Erstflug steigen die meisten der Passagiere in Seoul aus. Auch dort ist Feiern angesagt, in kleiner Runde diesmal, bei Tee und süßem Gebäck. Wieder wird ein rotes Band zerschnitten, ehe die Reise weitergeht. Eineinhalb Stunden später landet das Flugzeug in Shenyang und wird mit einer Wasserfontäne begrüßt. Fotografen säumen die Landebahn, aufgeregte Sicherheitskräfte in orangefarbenen Warnwesten scheuchen die Neugierigen zur Seite. In der Gangway ist ein roter Teppich für uns ausgerollt, in akkuratem Abstand sind Blumengebinde angebracht und geduldig lächelnde Menschen aufgereiht.

Shopping Malls auch hier

Die Soldaten, die im Flughafen die Einreiseformalitäten überwachen, lächeln nicht. Wie Zinnsoldaten stehen sie mit starrem Blick vor den Ankommenden. Im Hintergrund hält sich eine Einheit mit Plexiglas-Schildern bereit. Und dann ziehen die Soldaten plötzlich ab, im Gleichschritt und ohne die Reisenden noch eines Blickes zu würdigen. Willkommen in China. Shenyang selbst präsentiert sich auf der Höhe der Zeit mit breiten Boulevards, die wie Schneisen die Wohnschluchten durchschneiden. Der Verkehr rauscht sechs- oder achtspurig durch die Stadt. Überall wird gebaut und alte Bausubstanz abgerissen. Wo noch vor kurzem graue Wohnhöhlen standen, werden jetzt moderne Wolkenkratzer in die Höhe gezogen, gern verspiegelt oder mit verspielten Türmchen gekrönt. In den Shopping Malls haben Gucci, Prada und Armani Einzug gehalten.

"Shenyang ist wie ein junger Mann, voller Energie", sagt Aida, der Stadtführer, und schwenkt energisch sein Fähnchen. Jung sind vor allem die Passanten, die Männer tragen Jeans und bunte T-Shirts, die Mädchen dagegen modischen Zwiebellook. Shenyang, die alte Hauptstadt der Mandschurei, blickt in die Zukunft.

Der Kaiserpalast

Nur ein paar Relikte aus der alten Zeit werden diesem Blick standhalten. Der Kaiserpalast etwa, der kleine, feine Prototyp von Pekings Verbotener Stadt. Aida spricht aufgeregt in seine Flüstertüte, erzählt von Dachreitern, Konkubinen, dem Theater, der - längst verlorenen - Bibliothek und der glorreichen Geschichte: In der Thronhalle Chongzhengdian wurde der erste Kaiser der Qing-Dynastie, die später über ganz China herrschte, gekrönt. Die "Halle der großen Regierung", wo einst Audienzen und kaiserliche Zeremonien stattfanden, wird gerade aufgehübscht. Überall sind Maler unterwegs, Bauarbeiter schieben Schubkarren mit Zement durch die weitläufige Anlage, Bambusgerüste versperren immer wieder den Blick auf einzelne Gebäude. Ein Junge, von seinen Eltern als kleiner Kaiser verkleidet, rennt vor dem Fotoapparat davon, eine Schulklasse schwärmt schnatternd durch die Räume der Konkubinen. Fünfzig Frauen hatte einer der alten Kaiser, sagt Aida ehrfürchtig, und sie alle wollten fürstlich untergebracht sein.

Noch schöner als die Verbotene Stadt ist das Zhaoling-Kaisergrab im BeilingPark. Die wunderbar erhaltenen Gebäude aus dem siebzehnten Jahrhundert sind in riesige Gartenflächen mit Bäumen, Blumen und Seen eingebettet. Symboltiere wachen in Reih und Glied vor dem Aufgang zum Schrein. Das Grab ist ein großer grauer Tumulus, auf dem ein einzelner Baum wächst. Es ist still hier und friedlich. Kein Aida, der in seine Flüstertüte redet, und kein Autolärm. Auf dem Weg zum großen Schrein messen sich zwei alte Männer im Drachensteigen.

Alles recht groß

Draußen vor dem Tor macht sich die neue Zeit wieder breit mit Hochhäusern und Straßenschneisen. Alles ist groß. Die Häuser, die Straßen, die Plätze, die Denkmäler. Der gigantische zentrale Platz vor dem erstaunlich unscheinbaren Rathaus wird von der vergoldeten Statue des Sonnenvogels überragt, einem Totem aus grauer Vorzeit. Untertags ist der Platz fast leer. Am Abend nehmen ihn die Einwohner in Besitz, musizieren, tanzen, plaudern. China ist ein Land der öffentlichen Räume. Jetzt spielen nur zwei kleine Kinder unter den Augen ihrer stolzen Mutter mit einem Luftballon. Als das kleine Mädchen die langnasigen Touristen sieht, lässt es vor Schreck die Schnur los, und der Ballon fliegt in den Himmel über Shenyang.

Zwei Tage nach der Ankunft und nach einer großen Inaugurationsfeier in einer aufgelassenen Stahlfabrik hebt auch die Lufthansa-Maschine wieder ab. Von oben wirkt die Stadt mit ihren vielen Parks und den frisch implantierten Bäumen grün und aufgeräumt. Shenyang ist bereit für Geschäfte und für die Olympischen Spiele.

Der Weg nach Shenyang

Lufthansa fliegt jeweils dienstags, freitags und sonntags von München aus nach Shenyang, mit Zwischenlandung in Seoul. Die Abflugzeit in München ist um 11.55 Uhr, die Ankunft in Shenyang um 7.30 Uhr. Zurück nach Deutschland geht es jeweils montags, mittwochs und samstags um 9.00 Uhr, die Ankunft in München ist um 17.45 Uhr. Weitere Informationen im Internet unter www.lufthansa.com.

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