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China Ein Bett im Reisfeld

28.05.2008 ·  In den Reisfeldern verlassene Wohntürme, als hätte ein chinesischer Hundertwasser des 19. Jahrhunderts sich ein halb orientalisches, halb barockes Manhattan erträumt: Zu Besuch in der Gegend um die Stadt Kaiping, in der Schwemmebene des Tan-Flusses.

Von Michael Winter
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Die Szene kam unerwartet. Wir mussten am Morgen der Abreise in der Hotelhalle Aufstellung nehmen. Jeder bekam einen Liedtext mit dem Refrain „we miss you“ nach einer bekannten Schlagermelodie in die Hand gedrückt. Auf den Stufen der Treppenkurve standen die Funktionsträger des Hauses. Ob in zur Höhe entgegengesetzter, aber zur Raumtiefe richtiger Hierarchie oder umgekehrt, darüber hätte man während der folgenden Busfahrt den Perlfluss hinauf nachdenken können.

Die Hotelleitung stand nicht oben-hinten oder vorne-unten, sondern zwischen den Gästen, und der Food and Beverage Manager dirigierte mit einem Salatbesteck den Chor. Auch dem, der viel durch China gereist ist, stellte sich hier die Frage nach der Fähigkeit der Chinesen zur Ironie. Was wäre, hätte man im „Shangri-La“-Hotel von Zhongshan Delegierte der Siemens AG auf diese Weise verabschiedet? Sind Chinesen, wenn sie lachen und zugleich vom Unglück erzählen, ein Milliardenvolk mit „double bind“-Syndrom (eine zur Aussage gegenteilige Mimik)? Herr Liu, der in Hamburg ein Nischenunternehmen für Chinareisende gegründet hat, die zwischen Kashgar und Hainan schon alles kennen, ließ sich nicht aus der Ruhe bringen.

Produktion für Europa

Wir waren am Vormittag mit der Fähre über die Mündung des Perlflusses von Hongkong nach Macao gefahren. Dort standen wir in einer von Grenzbeamten zu begutachtenden Personenschlange. Zwei Systeme, ein Land, drei Währungen, drei Passkontrollen. Herr Liu wurde umso munterer, je mehr wir uns von Hongkong entfernten.

Er entschuldigte sich, während wir an der Corniche der Stadt Zhuhai (viel schöner als Benidorm) mit stolz gepflanzten Palmen entlangfuhren, für mögliche Unbequemlichkeiten im Bus. Er entschuldigte sich jedoch nicht direkt, sondern versteckte die Entschuldigungen zwischen den Zeilen, im Unterkeller seiner Sätze. Erst als nach ein paar Stunden die Knie schmerzten und die Füße angeschwollen waren, wurde klar, dass es sich bei dem Bus um eine Notlösung handelte, und man ahnte jetzt, was Herr Liu mit dem Boom des innerchinesischen Tourismus hatte andeuten wollen: Reisegruppen mit zuweilen tausend Personen ziehen Engpässe bei bequemen Bussen nach sich.

Wir fuhren auf Hochstraßen, von denen man Aussicht auf Hallendächer unterschiedlicher Solidität hatte. Sie reichten in jeder Richtung bis zum Horizont. Herr Liu und der örtliche Reiseführer erklärten, dass hier die Zone sei, in der eigentlich alles hergestellt würde, was man in Europa kaufen könne. Europäische Firmen würden zu Hause dann nur noch ihre Markennamen aufkleben, -stempeln, -nähen oder einstanzen lassen.

Wenn Chinesen auswandern

Herr Liu gab den diskreten Hinweis, dass die Boomregion am Perlfluss den Investoren aus Europa, den Vereinigten Staaten und Japan zu verdanken sei. Zwischen den Zeilen kam die Frage auf: Was wäre, wenn die Chinesen ein westliches Lohnniveau erreichen, die westlichen Investoren sich wieder auf ihre abgemagerten Länder besinnen und die Chinesen, die nicht vom Boom profitiert hatten, in den Westen auswandern würden?

Millionen von Chinesen haben das seit dem 19. Jahrhundert getan, getrieben vom Elend des feudalen, des kolonialen und des kommunistischen China. Sie sind nach Amerika und Kanada, Hongkong, Singapur und Australien ausgewandert. Chinesische „Kulis“ haben auf der ganzen Welt Eisenbahnen, Tunnel und Straßen gebaut, in Bergwerken geschuftet, Gold gesiebt, Restaurants und Wäschereien eröffnet. Tausende sind dabei umgekommen. Die Nachkommen derer, die das überlebt haben oder unter angenehmeren Umständen im Ausland zu Reichtum kamen, haben heute einen Anteil von siebzig bis achtzig Prozent aller Auslandsinvestitionen in China. Dahinter steckt ein geschätztes Vermögen von vielen Milliarden Dollar.

Schlösser im Reisfeld

In der Gegend um die Stadt Kaiping, in der Schwemmebene des Tan-Flusses, konzentriert sich die Geschichte der chinesischen Auswanderer. Der gesamte Kreis der Industriestadt Kaiping hat etwa 700.000 Einwohner. Aus dieser Gegend sind allein im 19. Jahrhundert 750.000 Chinesen nach Amerika und Australien ausgewandert. Die meisten Nachkommen der Überseechinesen stammen aus der Region um den Perlfluss. Die, die hiergeblieben sind, leben vom Reis- und Ackerbau, und als wir in dieses flache Land unter grauem Himmel hineinfuhren, dachten wir, wir seien auf einen fremden Planeten gefallen.

In den Reisfeldern standen Wohntürme mit fünf bis acht Stockwerken, die ausschauten, als hätte ein chinesischer Hundertwasser aus dem 19. Jahrhundert sich ein halb orientalisches, halb barockes Manhattan erträumt. Wir wandelten wie im Traum, vorbei an den Gebäuden, die über die gesamte Ebene in Ansammlungen verteilt lagen. Die Häuser waren unbewohnt, an vielen nagte der Verfall. Die schlichten Türme trugen auf ihrem oberen Stockwerk Märchenschlösser, die über den Grundriss hinausragten. Wir stiegen dunkle Steintreppen hinauf, und wenn man oben war, hätte man hier für immer sitzen bleiben und von Rapunzel oder Romeo und Julia träumen mögen, und man wäre damit gar nicht so weit entfernt gewesen von den Geschichten, die sich um die Türme ranken.

„Sie haben hier mit Messer und Gabel gegessen“

Alle „diao lou“, erklärte Herr Liu, seien von reichen Überseechinesen vor allem zwischen 1860 und 1930 gebaut worden. Liu erzählte vom Taiping-Aufstand einer christlichen Sekte, die gegen die marode Qing-Dynastie um 1860 einen südchinesischen Terrorstaat gegründet hatte. Daraus entwickelte sich der verheerendste Bürgerkrieg der Zivilisationsgeschichte, der über dreißig Millionen Menschen das Leben gekostet hat.

In dieser Zeit, in der nichts mehr sicher war, bauten die Bewohner des Kaipingkreises mit dem Geld ihrer ausgewanderten Verwandten Schutzräume gegen Soldaten, Banditen, Entführer und Schutzgelderpresser. Je prächtiger so ein Wehr- und Wohnturm, desto größer war das Interesse der Banden. Um 1920 baute man mit Stahlbeton, befestigte alle Eingänge mit Stahltüren, rüstete mit Kanonen auf und ließ Generatoren laufen, um Alarmsirenen aus Deutschland und Scheinwerfer aus den Vereinigten Staaten zu betreiben.

„Die hatten alles“, erzählte Herr Liu, „alles, was im Westen Standard und Mode war. Sie haben hier mit Messer und Gabel gegessen und sich von ihren Angehörigen Anzüge und Kleider aus New York schicken lassen.“ Nach dem Sieg Maos flohen die Letzten, die Kontakt zu Verwandten im Ausland hatten. In der Kulturrevolution wurden viele Gebäude zerstört, für Baumaterial abgebrochen, oder sie verwahrlosten. Im Jahr 2007 wurden die architektonisch bedeutendsten Ensembles zum Unesco-Weltkulturerbe.

Das Dorf lag an den verschilften Seen

Ob er sich ebenfalls als ein Überseechinese fühle? Herr Liu, der zu Beginn der Kulturrevolution mit zwei Jahren von seiner Mutter getrennt worden war und bei Verwandten auf dem Land aufwuchs, antwortete, dass er glücklich sei, in Deutschland leben zu können. Und ehe man fürchten musste, wieder in den Unterkeller seiner weiteren Sätze zu steigen, rangierte der Bus ein paar hundert Kilometer nördlich von Kaiping vorm Eingang zum Dorf Jinlin nahe der Stadt Zhaoqing.

Das Dorf lag an einem Wasserlauf mit verschilften Seen, auf denen wir mit einem Floß entlangglitten, während auf einer ins Wasser gebauten Bühne Mädchen unter bunten Sonnenschirmen tanzten. Eine Bäuerin hatte eine Geschäftsnische entdeckt: Für ein paar Yuan trieb sie sechs Ferkel mit einem Gong in einem eingezäunten Rennkurs voran und dann weiter auf ein Sprungbrett, vom dem aus sie widerwillig in den See sprangen und schnell wieder zurück ans Ufer schwammen.

Phönix oder Huhn?

Später wollte uns Herr Liu ein typisches Esslokal in einem Einkaufszentrum von Zhaoqing zeigen. Wir kamen um halb acht an. Alle Tische waren schon abgewischt, und in den Becken für die Fische und Meeresfrüchte dümpelten nur die Exemplare, die bereits den Beginn des Tages nicht überlebt hatten. Herr Liu gab sein Bestes, um die Mädchen, die hinter den Ausgabetheken am Putzen waren, zu überzeugen. Es gab schließlich warmen Reis mit ein paar Tintenfischringen. Dazu, für alle Mutigen, Schlangenschnaps aus einem Glasgefäß, in dem noch alles mögliche andere Getier eingelegt war.

Zhaoqing ist einer der schönsten Orte Chinas wegen der ihn umgebenden Karstberge und Seen. Man musste nur ein wenig in dieser Spielzeuglandschaft des Naturparks herumlaufen, um sich in eine chinesische Tuschezeichnung versetzt zu fühlen.

Der Brückenbauer

Herr Liu, der Germanistik studiert hat und später in Hamburg und Kiel zusätzlich noch Brauereitechnik, hat in Deutschland den Schock seines Lebens bekommen, als er merkte, dass fast alles, was er im maoistischen China über sein Land gelernt hatte, falsch gewesen war. Kurzerhand studierte er noch einmal: Sinologie. Und um das Geld für das Studium zu verdienen, begann er, Reisen nach China zu organisieren. Auf die Frage, warum er nicht als Sinologe habe Karriere machen wollen, antwortete Herr Liu mit einer rätselhaften Gegenfrage: Willst du der letzte Phönix sein oder das erste Huhn?

Als Überseechinese im traditionellen Sinn fühle er sich nicht, sagte Herr Liu später. Er verstehe sich eher als ein Brückenbauer. Sein Anliegen sei es, die Menschen auf beiden Seiten ein wenig hinter die Kulissen zu führen, sowohl die Deutschen hinter die, die in China für die Touristen aufgebaut worden seien, als auch die Chinesen hinter die, die in Deutschland den Touristen aus Asien geboten werden. Das heißt, Vorurteile abbauen, negative wie positive.

Der Weg auf den Perlfluss

Anreise: Die obligatorischen Visa stellt die chinesische Botschaft aus (www.china-botschaft.de). Cathay Pacific (www.cathaypacific.com) fliegt täglich von Frankfurt nach Hongkong. Von dort geht es weiter mit Fähre und Bus.

Veranstalter: Entlang des Perlflusses geht „Die außergewöhnliche Zeit-Reise durch China“ von Chinatours (www.chinatours.de, Telefon 0 40/8 19 73 80), Start und Ziel ist Hongkong. Die 16-tägige Reise beginnt am 12. September und kostet ab 2890 Euro.

Weitere Informationen beim Fremdenverkehrsamt der Volksrepublik China in Frankfurt unter Telefon 0 69/52 01 35 oder im Internet unter www.fac.de.

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