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Samstag, 18. Februar 2012
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China Die Bergfee wundert sich nicht mehr

06.02.2008 ·  Betörende Landschaften, trostlose Neubauten: Eine Kreuzfahrt auf dem aufgestauten Jangtse in China ist ein Wechselbad der Gefühle und Eindrücke. Passiert man in einen Moment die Alpen, ist es im nächsten die Felsküste von Nordzypern.

Von Volker Mehnert
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Schluss mit den Diskussionen. So lautet jetzt die Devise. Der umstrittene Staudamm und die durch ihn dramatisch veränderte Landschaft sind am Jangtse Tatsache, deshalb ist man dort ab sofort nur noch stolz. Bei der Besichtigung der Staumauer ist die Rede von Quadratkilometern Oberfläche und Kubikmetern Wasser, von unfassbaren Betonmassen, erzeugten Kilowattstunden und denkbarer Schiffstonnage, von verhinderten Überschwemmungen und einer goldenen Zukunft. Und weil sie geschickte Propagandisten sind, erklären die Chinesen ihren europäischen Gästen, dass diese schon den Rhein von Rotterdam bis Basel hätten aufstauen müssen, um ein ähnlich gigantisches Werk zu schaffen.

Ein kleines Zugeständnis an die etwas zu kritisch fragenden Fremden hat die Reiseführerin immerhin parat: „Die negativen Auswirkungen werden bei uns nicht so aktiv bekanntgegeben.“ Das muss genügen, denn der Drei-Schluchten-Staudamm gilt den Chinesen als gigantischer Meilenstein auf dem unaufhaltsamen Marsch ihres Landes in ein besseres Morgen. Und ein „Großer Sprung nach vorn“, wie ihn Mao Tse-tung nur erträumen konnte, ist der Damm tatsächlich. Der aufgestaute Jangtse ist eine mächtige Schneise, um die rasante Entwicklung in den Küstenregionen des Ostens nun auch ins rückständige Hinterland zu tragen.

Der bombastische Stil des sozialistischen Realismus

Ob der monumentale Damm als Sehenswürdigkeit taugt, sei dahingestellt. In naher Zukunft jedenfalls soll ein ebenso monumentaler Park das ganze Bauwerk umgeben; die Bäume dafür sind vielfach schon gesetzt, die Uferpromenaden angelegt. Weil aber die Staumauer der Kristallisationspunkt aller chinesischen Ambitionen ist, strömen schon jetzt die Massen hierher, um sich vorführen zu lassen, wozu ihre Nation fähig ist. Von einem Aussichtsrondell aus haben sie einen Blick über das gesamte Gelände, und auf einem überdimensionalen Relief kann man noch einmal ablesen, worum es hier geht: Die Figuren, überlebensgroß, sind im bombastischen Stil des sozialistischen Realismus ausgeführt: muskelbepackte Männer, die in den Fluten umkommen oder sie bezwingen, die ein gigantisches Räderwerk aus Baggern, Schiffen und Lastwagen in Gang setzen, das den Hochhäusern von Schanghai ihre Energie liefert.

Elemente der chinesischen Mythologie sind in dieses Bild hineingewoben, und die vieltausendjährige Geschichte des Landes scheint schließlich im Dammbau zu kulminieren. Welcher Chinese möchte sich davor nicht fotografieren lassen? Der See hinter dem Staudamm ist inzwischen beinahe vollgelaufen. Geplant war der endgültige Pegel von 175 Metern über dem Meeresspiegel erst für 2009, doch wird er wohl im kommenden Jahr schon erreicht sein. „Chinesische Geschwindigkeit“, sagt der Flusslotse auf dem Passagierschiff „Victoria Anna“, als hätte er die Regenschauer höchstpersönlich vom Himmel geschickt.

Landschaften aus der klassischen Malerei

Welche Schicksalsverwerfungen die Umsiedlung von 1,3 Millionen Menschen aus den überfluteten Gebieten mit sich gebracht hat, kann man sich als Außenstehender kaum vorstellen. Auch der chinesische Film „Still Life“, 2006 beim Festival in Venedig mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet, vermittelt davon nur eine Ahnung. Der Regisseur Jia Zhangke hat den melancholischen Streifen in dem inzwischen versunkenen Dörfchen Fengjie gedreht. Zwei Menschen schickt er darin auf die Suche nach ihren Verwandten in einer Welt, die im buchstäblichen Sinne untergeht. Die Unwissenheit der einen und die Arroganz der anderen führen die Suchenden gleichzeitig durch grandiose Landschaften und durch das Elend einer Gesellschaft, die ihr Fundament verloren hat. Der Film ist eine poetische Momentaufnahme aus Tagen des radikalen Wandels in einer tausend Jahre lang gewachsenen Kultur, die sich selbst ertränkt.

Den drei berühmten Schluchten Xiling, Wu und Qutang jedoch, insgesamt hundertdreißig Kilometer lang, deren Felswände bis zu tausend Meter aufragen, hat der um hundert Meter gestiegene Wasserpegel nichts von ihrer Dramatik genommen, im Gegenteil: Der Jangtse ist auf sechshundert Kilometer Länge nun in einen tiefen, aber oft schmalen See verwandelt, der sich harmonisch in die mal schroffe, mal leicht gewellte Gebirgslandschaft einfügt. Die Schiffe fahren meist in Ufernähe an den Felswänden vorbei, die bis in die Gipfellagen mit dichtem grünem Buschwerk bewachsen sind. Der aufgestaute Fluss windet sich um eine Felsnase nach der anderen; tiefe Spalten in den Abhängen wechseln sich ab mit Einkerbungen, aus denen die Nebenflüsse des Jangtse herausfließen. Im schwülen Dunst des subtropischen Klimas erscheinen die Schluchten wie eine jener mystischen Landschaften aus der klassischen chinesischen Malerei.

Der „Eingang zur Hölle“

Die Schlucht von Xiling galt den chinesischen Schiffern jahrhundertelang als „Eingang zur Hölle“, und man kann es Kapitän Li, dem Kommandanten der „Victoria Anna“, nicht verdenken, dass er froh ist, sich nicht mehr um ihre Tücken, ihre Stromschnellen und die gefährlichen Felsblöcke in der Flussmitte kümmern zu müssen. Noch immer gilt hier streckenweise ein Überholverbot, weil die Durchfahrt zwischen den Felsen zu schmal für gewagte Manöver ist. Aber, so der Kapitän, der seit dreißig Jahren den Jangtse befährt, es seien auch neue Gefahren entstanden. Seit dem Dammbau sei die Wasseroberfläche viel größer geworden, so dass es jetzt mehr Nebel und häufiger Stürme gebe. Dennoch sei die Schifffahrt insgesamt verlässlicher geworden.

Mehr als fünfzig Passagierschiffe verkehren zwischen dem Staudamm und Chongqing am Oberlauf des Jangtse: luxuriöse und spartanisch ausgerüstete Kreuzfahrtschiffe, Autofähren und drei- bis vierstöckige Flussdampfer, die aussehen, als seien sie vor einem Jahrhundert auf dem Mississippi ausgemustert worden, um nun in dieser Weltgegend mit ihrem verrosteten Rumpf flussauf und flussab zu stampfen. Manchmal scheinen nur noch die vergoldeten chinesischen Schriftzeichen für den Schiffsnamen das Gefährt zusammenzuhalten. Auf diesen Schiffen sieht man kaum einen Passagier an Deck; die meisten sitzen auch während der Fahrt durch die schönsten Landschaften in ihren Kabinen und haben den Fernseher eingeschaltet.

Millionen von Apfelsinen- und Mandarinenbäumen

Noch ist der aufgestaute Jangtse für die meisten Chinesen ein Mittel zum Zweck, nichts weiter als ein Transportweg. Aber die komfortablen Schiffe der internationalen Kreuzfahrtlinien fahren nicht mehr bloß mit staunenden Ausländern durch die gigantischen Schluchten. Jeder fünfte Passagier ist inzwischen Chinese. Allerdings sind auch solche einheimischen Touristen offenbar weniger an der Landschaft als am Staudamm interessiert. Während sie rund um die Staumauer unendlich viele Fotos machen, sitzen viele von ihnen beim Passieren der Schluchten im Gesellschaftsraum und spielen Karten oder Mahjong.

Die Landschaft zwischen den Schluchten ist weniger dramatisch, aber auf eigene Weise schön. Man passiert mediterran anmutende Steilufer, auf denen vom Wasserspiegel bis in die Höhenlagen Terrassen mit Millionen von Apfelsinen- und Mandarinenbäumen angelegt sind. Sie erinnern abwechselnd an die Bucht von Amalfi, an die Felsküste von Nordzypern und an die Weinberge über dem Genfer See. Dann wieder hat man des Gefühl, sich in einem Alpental, im Rheingau, in einem norwegischen Fjord oder in einem Meeresarm in Schottland zu befinden - eine unglaubliche Serie von Bilderbuchlandschaften, aufgereiht an einem Strom, der nun zum See geworden ist.

Ausflüge auf traditionellen Holzkähnen

Wo immer es ging, haben sich an den steilen Ufern des Jangtse im Laufe der Jahrtausende Bauern angesiedelt und Terrassen angelegt. Viele sind verlassen, doch mit dem Ansteigen des Wasserspiegels ist der Zugang weniger mühsam als früher, und sie werden wieder in Betrieb genommen. Anderswo wird jetzt auch in vorher unzugänglichen Höhenlagen neues Ackerland erschlossen. Häufig kleben an den Steilhängen betonierte Bassins, in denen ganze Lastwagenladungen Kohle aus dem Hinterland auf den Abtransport in Richtung Schanghai warten. Den Energiehunger des Landes werden die Turbinen am Drei-Schluchten-Staudamm allein nicht stillen können.

Der neue See dringt auch weit in die Seitentäler des Jangtse ein. So erreicht man von Badong aus durch die Shennong-Schlucht jetzt viel leichter das gebirgige Hinterland, und das haben sich die Einheimischen zunutze gemacht. Dort, wo das aufgestaute Wasser klarer und flacher wird, haben sie ihre traditionellen Holzkähne zu Ausflugsbooten umgewidmet. Sechs Männer rudern ein Dutzend Passagiere den Fluss hinauf, bis sie eine Reihe von Stromschnellen erreichen. Dort tun sie, was ihre Vorfahren seit tausend Jahren getan haben: Sie steigen aus und treideln ihre Boote durch das rauschende Wasser. Früher musste das nackt geschehen, weil die rauhen Stoffe ihrer Kleidung die nasse Haut aufgerieben hätten; heute sind die Textilien weicher, und außerdem dauert die Exkursion keinen langen Arbeitstag mehr, sondern nur ein oder zwei Stunden.

„Mein Herz flattert wie das Seil, an dem wir ziehen“

Für die Besucher ist dieser Ausflug eine Lektion. Sie bekommen einen unmittelbaren Eindruck von der einst so harten Arbeit der Männer am Jangtse und an seinen Nebenflüssen. Streckenweise mussten sie sich ihre Treidelpfade sogar mühselig in den Fels hauen oder sie als schwankende Holzwege oberhalb der Wasserlinie in die Bergwände hängen. Heute wie damals halten sich die Treidler bei Laune mit romantischen Liedern, die davon erzählen, dass sie statt der schweren Fracht ihre Geliebte im Boot den Fluss hinaufziehen. „Mein Herz“, so heißt es in einem der Lieder, „flattert wie das Seil, an dem wir ziehen.“ In diesen Seitentälern des Jangtse ist der chinesische Fortschritt nur bedingt angekommen: Neben ihren neuen Häusern, die mit Elektrizität und Fernsehanschluss versorgt sind, stehen die Menschen in den steilen Bergen auf ihrem Ackerland und bearbeiten den Boden wie vor tausend Jahren mit primitiven Hacken.

Eine weitere Lektion erhält der Jangtse-Reisende über die Auswüchse des chinesischen Massentourismus: In Fengdu, Geisterstadt und Sitz des sogenannten Höllenkönigs, trifft man auf ein mythologisches Durcheinander aus Buddhismus, Taoismus, Konfuzianismus und Volksglaube. Das Konglomerat aus Tempeln und steilen Treppen, das sich über dem See den Berg hinaufzieht, kulminiert in einer Art Kreuzweg, der gesäumt ist von abschreckenden Steinfiguren, die alle Übel der Welt repräsentieren. Auf dem Gipfel des Berges sitzt die Statue des Höllenkönigs, der umgeben ist von seinen sechzehn Generälen und von Dioramen, in denen die schlimmsten Höllenqualen plastisch dargestellt sind. Zwischendurch kann sich der Besucher zahlreichen Prüfungen unterziehen, bei denen sich die guten von den schlechten Menschen scheiden sollen. Räucherstäbchen verbreiten dicke Luft.

Die neue chinesische Stadt

Unfassbare Besuchermassen drängen sich auf den Wegen zwischen den Tempeln. Reisegruppen mit einheitlichen Mützen folgen ihren Führern, die bunte Fähnchen schwenken und mit Megaphonen die Welt des Höllenkönigs erklären. Betriebsgruppen lassen sich mit ihren Bannern fotografieren. Neben und manchmal sogar in den Tempeln stehen Verkaufsbuden, in denen alles nur Denkbare verramscht wird: Ansichtskarten, Bildbände und billige Keramik, gruselige Masken, Totenköpfe, Glücksbringer und Pin-up-Girls, natürlich auch Mao-Schriften, Mao-Mützen, Mao-Bilder und schließlich tausend Varianten von abergläubischem Tand. Der europäische Besucher fühlt sich wie in einer Mischung aus Tempel und Geisterbahn, aus Jahrmarkt und Gruselkabinett.

Weniger lebendig erscheinen die modernen Siedlungen am Seeufer. Die Neubauten für die Umsiedler sind grau und trostlos. In größeren Provinzstädten wie Badong, Wushan oder Fengdu leben Zehntausende von Menschen inzwischen fast ausschließlich in neuen, zehn- bis zwanzigstöckigen Hochhäusern, die dicht an dicht an den Berg gestaffelt stehen: genormte Plattenbauten mit fabelhaftem Blick auf den Jangtse. Nur die Fassaden zum Fluss hin sind manchmal weiß getüncht oder gekachelt. Fengdu gilt in ganz China als Modellstadt, und der Flusslotse seufzt bei ihrem Anblick ganz spontan und ohne offiziellen Auftrag der Partei: „Ist das nicht wunderschön?“

Das westliche Auge muss sich an diese Form der neuen chinesischen Stadt erst gewöhnen, kommt aber später ebenfalls auf seine Kosten. Denn dort, wo der Stausee langsam endet und der Jangtse wieder in seinem ursprünglichen Bett fließt, wird die Bebauung weniger kompakt. Auch wenn ihre Architektur alles andere als klassisch chinesisch ist, passen sich die kleinen Dörfer und einzelnen Häuser harmonischer in die subtropische Hügellandschaft ein.

Die Bergfee ist weg

Obwohl die neuen Städte zum Fluss hin ausgerichtet sind, scheinen sie sich eher von ihm abzuwenden, als mit ihm zu leben. Ein Hafenbetrieb wie an anderen großen Strömen der Welt ist hier nicht zu erkennen: kein geschäftiges Kommen und Gehen, kein Beladen und Entladen, keine Märkte oder Kneipen. Auch die großen Brücken, die manchmal den Fluss überqueren, sind fast gespenstisch leer. Nur gelegentlich gehen ein paar Fußgänger darüber, manchmal ist ein Radfahrer zu sehen, nur selten ein Auto. Es sind Brücken für die Zukunft, denn hier wird nicht gebaut, wenn der Bedarf es nötig macht, sondern man rechnet fest mit einem Bedarf, den man vorausschauend einkalkuliert. Noch ist der Fluss die einzige bedeutsame Verkehrsader, doch auch das wird sich ändern.

„Ein glatter See“, schrieb Mao Tse-tung prophetisch, „wird in den engen Schluchten aufsteigen. Die Bergfee, so sie denn noch existiert, wird sich wundern über die veränderte Welt.“ Die Bergfee freilich wundert sich längst nicht mehr. Sie wurde umgesiedelt und sitzt bekümmert in einer der neu gebauten Provinzstädte; vielleicht aber betreibt sie auch eine erfolgreiche Werbeagentur in Schanghai. Beides ist in diesem neuen China möglich.

Anreise: Verschiedene chinesische Fluglinien fliegen von Schanghai oder Peking nach Chongqing und Yichang, den Ausgangs- und Endpunkten der meisten Jangtse-Fahrten.

Kreuzfahrten: Schiffe mit westlichem Standard sind rar auf dem Jangtse. Die größte und komfortabelste Flotte besitzt Victoria Cruises. Die sieben Schiffe der Reederei verkehren von März bis November regelmäßig zwischen dem Staudamm und Chongqing; ein Schiff bedient auch die verlängerte Route von Chongqing nach Schanghai. Information im Internet unter www.victoriacruises.de, Buchung nur über Veranstalter.

Veranstalter: Kreuzfahrten auf dem Jangtse in Kombination mit anderen Zielen im Land hat unter anderem der China-Spezialist GeBeCo im Programm (Holzkoppelweg 19, 24118 Kiel, Telefon: 0431/54460, Internet: www.gebeco.de).

Quelle: F.A.Z., 31.01.2008, Nr. 26 / Seite R3
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