07.10.2007 · 1,3 Milliarden Chinesen sehen sich seit 1999, als die Regierung drei staatliche Feiertage zu „Goldenen Wochen“ ausgeweitet hat, mit einem „Recht auf Urlaub“ konfrontiert und der Frage: wohin? Über das große Experiment Urlaub am Strand von Beidaihe.
Von Mark SiemonsVergangene Woche war es wieder so weit: Da fand nach dem Nationalfeiertag am 1. Oktober eine jener drei „Goldenen Wochen“ statt, in denen 1,3 Milliarden Menschen gleichzeitig Urlaub machen oder wenigstens diejenigen unter ihnen, die in Städten wohnen und nicht in Geschäften oder Krankenhäusern unabkömmlich sind.
Fahren wir also nach Beidaihe, 300 Kilometer östlich von Peking. Der Zug nach Qinhuangdao, Nummer Y 509, verlässt morgens um 7.50 Uhr den alten Pekinger Hauptbahnhof, und er ist zum Bersten voll. Ein guter Teil der Fahrgäste hat keinen der vorzubestellenden Sitzplätze mehr bekommen und steht die drei Stunden Fahrtzeit im Gang. Das tut der aufgekratzt-geselligen Stimmung aber keinen Abbruch. Man isst, plaudert oder spielt Karten in einem fort; so einsamen Beschäftigungen wie Lesen gibt sich hier keiner hin. Die Klimaanlage funktioniert bestens, bald werden Jacken und Pullover aus den Taschen gekramt. Der vorherrschende Typus sind Doppelverdienerpaare um die dreißig, aber auch unübersichtlichere Konstellationen sind zu finden. Auf der anderen Seite des Gangs legen gleich zwei junge Frauen mit gefärbten Haaren einem stämmigen Mann ihre Füße in den Schoß. Man ist toleranter geworden, was das Privatleben angeht.
Die Einrichtung mischt sich ins Äußere ein
Fast alle Fahrgäste steigen im gigantischen neuen, strahlend weiß gehaltenen Bahnhof von Beidaihe aus, ein langer, unabsehbarer Strom von Menschen zieht zum Ausgang und verläuft sich dann in verblüffender Geschwindigkeit in Bussen und Taxis. Der Himmel ist eindeutig blauer als in Peking, es zeichnen sich sogar die scharfen Umrisse von Wolken ab, was im milchigen Dunst der Hauptstadt nur selten vorkommt. Wir beziehen das „Pekinger Arbeiter-Hotel“ (Jinggong), eine inmitten von Grünflächen gelegene Anlage niedriger Gebäude, in der römische Elemente (Säulen unter Architrav) mit stalinistischen (Eingangshalle) und kalifornischen (Landhäuser) eine zwanglose Verbindung eingehen. Ein Schild weist das Hotel als „she wai bin guan“ aus, als eine sich ins Äußere einmischende Einrichtung also. Mit anderen Worten: Hier dürfen nicht bloß Pekinger Arbeiter wohnen, sondern auch chinesische Staatsbürger mit ganz anderen Berufen und sogar Ausländer. Die Beschriftung erfolgt daher nicht bloß in chinesischen Zeichen, sondern auch in lateinischen und kyrillischen Lettern.
Die Ferienheime und Sanatorien der großen Arbeitseinheiten bilden das Rückgrat von Beidaihe. Nachdem Ende des neunzehnten Jahrhunderts europäische Diplomaten und Geschäftsleute den Ort, der sie offenbar an heimische Küsten erinnerte, für ihre Bungalows und Villen entdeckt hatten, wurde das Städtchen nach der Gründung der Volksrepublik zur Sommerfrische der kommunistischen Nomenklatura. Der schwimmbegeisterte Mao Tse-tung begann hier im Kreise der Familie die heißen Monate zu verbringen, andere Funktionäre taten es ihm nach, und so entwickelte sich Beidaihe allmählich zu einer Stätte der informellen Absprachen und Konferenzen, einem Ort, an dem im Schatten der Pinienhaine große Politik gemacht wurde. Den Parteispitzen folgten die mittleren Ebenen; die Arbeitseinheiten, in denen das ganze Land organisiert war, konnten hier, ähnlich wie in den Ostseebädern der DDR, ihre verdientesten Mitglieder in die Erholung schicken.
Hotel für das Erdölwesen Chinas
Inzwischen haben die „Einheiten“ im Zeichen des Marktes ihre das Leben und die Wirtschaft strukturierende Bedeutung längst verloren. Und Staatspräsident Hu Jintao hat 2004 das informelle Absprachewesen in Beidaihe untersagt; die führenden Kader sollen sich in den Sommermonaten lieber in den Armutsgebieten des Landes als am Meer blicken lassen. Aber das Sanatorium der Behörde für Baumaterial steht immer noch, desgleichen das Hotel für die Volkspolizei, das Kaderkurhaus der Provinz Helongjiang und das Hotel für das Erdölwesen Chinas.
Viele der Einrichtungen haben unterdessen ihren exklusiven Charakter verloren; sie sind, wie die Plakate vor dem Eingang verkünden, „nach außen geöffnet“, suchen also auch nach zahlungskräftigen Gästen jenseits ihrer angestammten Klientel. So weit geöffnet, dass sie Ausländer aufnehmen dürften, sind die meisten allerdings auch wieder nicht. Das Gleiche gilt für die Ferienwohnungen, die von Privatleuten günstig (achtzig Yuan, also acht Euro, für dreißig Quadratmeter pro Nacht) vermietet werden; einmal, erzählt uns der freundliche Anbieter, der mit den Fotos seiner Wohnungen an einer Kreuzung steht, habe er doch eine Ausländerin übernachten lassen, aber das war eine Koreanerin, und ihr hätte man es eben nicht gleich angesehen.
Das Recht auf Urlaub kam über Nacht
So ist Beidaihe für den Entstehungsprozess der chinesischen Leisure Class ein exemplarischer Ort: Sozialistische Sommerfrische und kapitalistischer Massentourismus gehen da mit ihren zahlreichen Abstufungen von Öffnung und Verschließung ineinander über. Erst 1999 hat die Regierung drei staatliche Feiertage - das chinesische Neujahr, den 1. Mai und den Nationalfeiertag - zu „Goldenen Wochen“ ausgeweitet und ihre Bürger damit zum ersten Mal in der Geschichte Chinas mit einem „Recht auf Urlaub“ konfrontiert. Eine historische Entwicklung, die in Europa mehr als hundert Jahre brauchte, ist damit auf wenige Jahre zusammengedrängt: der Weg von der adligen und großbürgerlichen Muße, die sich in Sommersitzen auf dem Land erging, hin zum Konzept einer garantiert lohnarbeitsfreien Zeit als Ausgleich zum industrialisierten Leben.
Auch in China wurde der Urlaub erst zur zwingenden Idee, als der Konkurrenzkampf des Marktes härter wurde und seine Teilnehmer zusehends vereinzelte. Wenn Arbeit die Sphäre der „Entfremdung“ ist, soll Urlaub die Phase sein, in der man „zu sich selbst“ kommt. Eine solche Strukturierung der Zeit schlägt bekanntlich zwei Fliegen mit einer Klappe: Sie erhöht die Produktivität und steigert den Konsum. Aber wie kommt man „zu sich selbst“? Das Urlaubsproblem ist überall auf der Welt eine offene Frage, und wie viel mehr in einer Gegend, die gewissermaßen über Nacht von ihm überrascht wurde. Zwar laufen auch hier Mädchen mit einem T-Shirt herum, auf dem „Personal Life Style“ steht. Aber die kulturellen Muster sind noch rar gesät, die einem sagen, was das heißen könnte.
Einmal im Leben bedeutend sein
In Beidaihe findet man sie am ehesten in dem kleinen Strandabschnitt, der für echte Fischerboote abgesperrt ist. Fischer sitzen da unter Pepsi-Sonnenschirmen und werten ihre Fänge aus. Hier fügt es sich, dass einige Felsbrocken aus dem Meer herausragen, und diese Konstellation genügt, dass gleich vier Hochzeitspaare - die Frauen in langen weißen Gewändern - Schlange stehen, um sich fotografieren zu lassen. Die Fischer, die Boote, das Meer und der Felsen setzen sich in Verbindung mit dem im Wind wehenden Schleier zu einem Bild zusammen, das als individuell und romantisch allgemein anerkannt ist. Die Paare werden von professionellen Hochzeitsfoto-Teams betreut; während die einen am Felsen posieren, werden in einem Pavillon etwas oberhalb der Bucht schon die nächsten Bräute geschminkt. Das Geschäft scheint zu funktionieren.
Das Angebot, einmal im Leben ein Model, also bedeutend, zu sein, ist das gleiche Individualisierungsversprechen, von dem auch der Urlaub als ganzer zehrt. Aber die anderen Fotografen, die am Strand alle paar hundert Meter mit ihren großen Tafeln sorgfältig inszenierter Bilder ihre Dienste anbieten, haben nicht viel zu tun. Beidaihe ist vielleicht zu ehrlich, um sich Projektionen irgendwelcher Art anzudienen. Der Sandstrand ist zehn Kilometer lang, hundert Meter breit und hat nicht das geringste Fleckchen Schatten. Im Hinterland erhebt sich ein kleiner Hügel, aber sonst stellen sich dem Anblick der weit geschwungenen Buchten keinerlei Hindernisse entgegen. In der Ferne sieht man ein paar Hochhäuser.
Wenige schlafen, niemand liest
Der Strand ist, wenn es warm genug ist, gut gefüllt; die meisten haben für einen Sonnenschirm gezahlt, aber viele sind nach westlicher Art auch dazu übergegangen, sich in voller Länge der Sonne auszusetzen. Die Vergnügungen hier sind bescheidener Art: Schlauchboot umkippen, in schwarzen Schwimmreifen plantschen, sich gegenseitig nass spritzen, in Sand einbuddeln, Kind fotografieren. Wenige schlafen, niemand liest, alle sind auf irgendeine Weise beschäftigt, meistens mit der Familie.
Jenseits von Meer, Badeartikel-Shops und Fischlokalen gibt Beidaihe der Urlauberphantasie kein Futter. Noch nicht mal der sonst übliche Konfuziusladen hat hier geöffnet: keine Tempel, keine Buddhismus-Show, nur eine mittlerweile stark reduzierte kommunistische Folklore mit einem alten Lu-Xun-Park und einem nagelneuen „Kulturhaus für das arbeitende Volk“ mit einer Kalligraphie des revolutionären Generals Zhu De an der trutzigen Vorderfront.
Russische Touristen sind folkloristische Elemente
Immerhin werden immer irgendwo irgendwelche Führer willkommen geheißen. „Die Führer der Landwirtschaftshochschule von Hebei sind da! Herzlich willkommen!“, heißt es dann etwa auf einem roten Transparent, das an einer Hotelfassade hängt. Beidaihe weiß noch mit Autoritäten umzugehen. Polizeiwagen rauschen häufig mit markerschütternden Sirenentönen durch die Straßen, gefolgt von den klassischen schwarzen Audis mit abgedunkelten Scheiben. Andere Inszenierungsversuche wurden offenbar abgebrochen. Ein Gelände für Filmkulissen ist ziemlich heruntergekommen; in dem Gebäude werden heute Möbel und Autoreifen verkauft. Auch das Touristen-Informationszentrum ist verlassen. Allerdings wurde gerade eine neue Siedlung namens „Schwanenburg“ mit europäischen Türmen, amerikanischen Bars und russischen Pelzboutiquen fertiggestellt. Und russische Touristen gehören tatsächlich zu den verlässlichsten folkloristischen Elementen, die der Ort zu bieten hat.
Was das Kulinarische betrifft, empfehlen kundige Taxifahrer nicht die Etablissements am Strand, die nur in der Saison geöffnet haben, sondern die Lokale im Zentrum, die auch von den Einheimischen aufgesucht werden. So sind wir auf das Gasthaus mit dem unscheinbaren Namen „Da Hai Fandian“ (Meerrestaurant) aufmerksam geworden. Wie beliebt es ist, merkten wir gleich, als wir mittags um halb eins eintraten: Da waren schon fast alle Tische und der Boden mit Gräten, Schalen und Knochen übersät, während die offensichtlich zufriedenen Esser das Feld wieder verlassen hatten.
Der Unmut über den Urlaub wächst
Auch das Personal war anscheinend so erschöpft, dass es die Bestellung nur noch eislutschenderweise entgegennehmen konnte. Leider waren die größten Köstlichkeiten zu diesem Zeitpunkt dann schon nicht mehr vorrätig. Kurz: Es empfiehlt sich dringend, in Beidaihe spätestens um elf zum Mittagessen zu erscheinen.
Wenn nun ein falscher Eindruck entstanden sein sollte: Beidaihe ist überaus beliebt. Anscheinend schätzt das Publikum gerade das Unaufdringliche dieses Orts, der niemanden mit Kultur, Etikette oder anderen ungewohnten Ansprüchen behelligt, die den Aufenthalt an vielen der erst neuerdings in Mode gekommenen Ziele so anstrengend machen. Gleichwohl lässt sich, aufs Ganze gesehen, nicht verhehlen, dass der Unmut über die Goldenen Wochen im Lande wächst.
Manifest eines Ferienverweigerers
Kürzlich tauchte im chinesischen Internet sogar das Manifest eines radikalen Ferienverweigerers auf. Beredt schildert er Verlockung und Enttäuschung des Urlaubsprojekts: „Wieder macht uns eine Goldene Woche schöne Augen, und alle Welt liegt uns in den Ohren, wohin wir denn diesmal fahren. Das Gras juckt, und die Herzen werden unruhig.“ Er gibt zu, dass auch er sich früher von den wogenden Massen in Bahnhöfen und Flughäfen mitreißen ließ, um sich am Ende dann wieder völlig erschöpft zur Arbeit zu schleppen. „Allmählich aber habe ich in den Goldenen Wochen zuerst die Orientierung und dann mich selbst verloren, und jetzt weiß ich nicht mehr, was ich machen soll, wenn ich auf den Kalender schaue.“ Seither vernichte er die sieben freien Tage: Er verlässt nicht mehr das Bett, verbringt die Zeit mit Fernsehshows und Computerspielen und hat ein schlechtes Gewissen. Denn: „Ich tue überhaupt nichts fürs Bruttoinlandsprodukt.“ Noch ist der chinesische Weg zum Urlaub von Selbstzweifeln begleitet.
Bildunterschrift:
Wohin mit der neuen Freizeit? 1,3 Milliarden Chinesen sehen sich seit 1999, als die Regierung drei staatliche Feiertage zu „Goldenen Wochen“ ausgeweitet hat, mit einem „Recht auf Urlaub“ konfrontiert und der Frage: wohin?
Foto Yann Layma, dem Bildband „China“ entnommen (Knesebeck-Verlag 2003)
Kasten:
Der Weg nach Beidaihe
Einreise Für Reisen nach China benötigt man ein Visum, das vor
Reiseantritt beantragt werden muss. Mehr bei der chinesischen
Konsularabteilung in Berlin unter Telefon 0 30/ 27 58 85 72.
Informationen gibt es auch beim Fremdenverkehrsamt der
Volksrepublik China in Frankfurt unter Telefon 0 69/52 01 35
oder im Internet unter www.fac.de.
Anreise Der Hamburger Veranstalter China Tours bietet zwar
keine Gruppenreisen nach Beidaihe an, hilft Touristen aber bei
der Organisation von Individualreisen. Mehr Informationen
unter Telefon 0 40/8 19 73 80 oder im Internet unter
www.chinatours.de. Lufthansa (Telefon 01 80/5 83 84 26,
www.lufthansa.com) und Emirates (Telefon 01 80/5 42 56 52,
www.emirates.com) sind aus Deutschland die preisgünstigsten
Zubringer nach Peking, der Hin- und Rückflug ist ab etwa
750 Euro erhältlich. Von Peking geht es mit dem Zug weiter an
die Küste nach Beidaihe.
cawe