24.05.2005 · Jeffrey Wong schützt seine Häuser wie bedrohte Tierarten: Er kauft die traditionellen Bauten des alten Schanghai auf, um sie andernorts wieder neu zu errichten - und so vor dem Untergang zu bewahren.
Von Janis VougioukasJeffrey Wong geht die Straße entlang, ganz langsam, wie ein Herzog, der seine Güter besieht. Er hebt den Arm in großer Geste, hier, das Haus, sein Lieblingsanwesen, die Residenz eines kaiserlichen Beamten. Da vorne, neben der Pagode, die Villa von Du Yuesheng ("Großohr-Du"), dem berühmten Opiumkönig.
Samstag morgen, Zhujiajiao, ein Schanghaier Vorort. Vögel singen in den Bäumen. Ein Ort der Ruhe am Rande von Schanghai. Jeffrey kaufte das Gelände als Brachland, eine große Wiese und sumpfige Flüsse. Er ließ enge Straßen aus Kopfsteinpflaster bauen und errichtete Häuser, Tempel, Brücken und Pagoden.
Wie der Herr eines Naturreservats
Jeffrey schützt seine Architekturdenkmäler wie der Herr eines Naturreservats bedrohte Tierarten. Ein eleganter ehemaliger Unternehmer mit dunklen Haaren und knabenhaftem Blick, trotz seiner 64 Jahre. Er kennt die Geschichten seiner Häuser, weiß von ihren Bewohnern, die Umstände ihres Lebens und die Schicksale ihres Todes. In vier Jahren hat er in seinem Dorf das Weiterleben von hundertzehn Häusern, zwanzig Pavillons, zehn Brücken, sechs Pagoden, fünf Türmen und vier Tempeln gerettet. Jedes Bauwerk ist für ihn eine Seele, ein Stück lebendige Vorwelt des steinernen Organismus, der Schanghai heißt. Die Geschichte droht ausgelöscht zu werden. Einer muß sie retten.
Das größte Opfer des Schanghaier Wirtschaftswachstums ist die Architektur. 1990 gründete Deng Xiaoping die Sonderwirtschaftszone Pudong - und die Walze des wirtschaftlichen Booms rollte von Osten nach Westen über die Stadt und zerstörte die alte Kultur. Schanghais junger Geldadel verlangte nach Glas und Stahl. Er wollte Brücken, breite Straßen, mehrstöckige Kreuzungen, Einkaufspassagen, Büroflächen, Luxuswohnungen und Parkhäuser. Prospektglanz. Und das Alte stand dem Neuen im Weg.
Bronzelöwen bewachten die Eingänge
Die Hafenstadt war einmal die prächtigste Stadt Asiens. 1873 bauten die Briten ihr Konsulat, wo der Suzhou-Fluß in den Huangpu fließt. Hotels, Herrenklubs, Banken und Handelshäuser folgten, die Grundstückspreise am Flußufer "Bund" übertrafen die der Fifth Avenue und der Champs-Elysees. Der Sitz der Hong Kong and Shanghai Bank galt als das prächtigste Gebäude östlich des Suez-Kanals. Bronzelöwen bewachten die Eingänge. Die vier mächtigen Marmorsäulen in der Innenhalle wurden in einem Stück von Italien nach Schanghai geschifft.
Schanghais Kolonialverträge hatten die Stadt zu einer Versammlungsstätte internationaler Architektur gemacht. In den Platanenalleen der französischen Konzession bauten Pariser Investoren luxuriöse Apartmentgebäude und phantastische Villen. Im Internationalen Settlement wuchsen Opernhäuser, Rennbahnen und Luxushotels aus dem Sumpfboden, die selbst in London und New York Thema waren. Die Deutschen bauten mit dem Club Concordia ein architektonisches Nationalsymbol: Zur Grundsteinlegung schickte Kaiser Wilhelm II. seinen Sohn Prinz Adalbert von Preußen. Das Gebäude des Schweriner Architekten Heinrich Becker war der teuerste Bau der Stadt und das imposanteste Haus am Bund. Die Stadt schwelgte in Neorenaissance, Art deco und Funktionalismus. Chinesische Bauherren suchten sich die schönsten Elemente westlicher Baustile für ihre Villen und Repräsentanzen heraus, die sie mit chinesischen Holzkonstruktionen, geschwungenen Dächern und Pagoden vermählten. Das Schanghai der dreißiger Jahre war ein architektonischer Dialog zwischen Ost und West.
Stein für Stein, Balken um Balken
Nach der Revolution enteigneten die Kommunisten die steinerne Dekadenz. Partei und Militär beschlagnahmten die prächtigsten Villen für sich. In der orthodoxen St.-Nicholas-Kirche in der Gaolan-Straße rissen sie die Holzbänke raus und gründeten eine Waschmaschinenfabrik im Hause Gottes. Kolonialvillen wurden zu Slums und verfielen, wie in einer dicht besiedelten Geisterstadt.
Jeffrey ist ihr Retter. Haus für Haus kauft er zum Abriß verurteilte Architektur. Stein für Stein, Balken um Balken, jede Gaube und jeden Ziegel kartographieren die Arbeiter. Sie fertigen Skizzen und machen Fotos. Schichtenweise tragen sie das Haus ab und puzzeln den leblosen Steinhaufen in Jeffreys Dorf in alter Pracht zusammen.
Hemden und Hosen für Quelle & Co.
Jeffrey saugt die Historie in sich auf. Er, der zurückgekehrte Überseechinese, der einstige Textilunternehmer, auf der Suche nach seiner Kultur. Jeffrey wurde 1940 im japanischen Kobe geboren, Sohn einer reichen chinesischen Händlerfamilie. Die Mutter eine elegante Hausfrau, der Vater ein eiserner Geschäftsmann. Der schickte den gerade neun Jahre alten Sohn auf monatelange Handelsmissionen durch Hongkong, Thailand und Indonesien. Jeffrey besuchte die Fabriken des Vaters, ließ sich von den Managern lange Tabellen vorlegen, die er nicht verstand. "Mein Vater wollte so früh wie möglich einen Geschäftsmann aus mir machen", sagte Jeffrey. Und er hatte Erfolg.
Jeffrey übernahm die Firma. Mit Asiens Aufstieg wuchs das Familienunternehmen zu einem globalen Konzern mit 15000 Arbeitern und Fabriken auf der ganzen Welt. Jeffreys Firmen verkauften ihre Hemden und Hosen bei Quelle, Neckermann und Otto, bei Galeries Lafayette in Frankreich und Macy's in den Vereinigten Staaten. Am Tag arbeitete er wie besessen, aber in der Nacht gingen seine Gedanken auf Reisen. Er wollte Künstler sein. Er nahm eine Oldie-CD auf, gar nicht schlecht, aber zum Profisänger reichte es nicht. "Vielen Leuten macht Geldzählen Spaß", sagt er heute. "So einer bin ich nicht." 1994 verkaufte er das ganze Imperium und begab sich auf die Suche nach dem Sinn des Lebens.
Geschichte einer ehemaligen Kolonie
Im gleichen Jahr reiste Jeffrey zum ersten Mal nach Schanghai. Ein Tourist, der das Land seiner Vorfahren besuchte. Die Maschine aus Hongkong landete am alten Flughafen Hongqiao. Es war Februar, direkt nach dem Frühlingsfest. Die Luft schmeckte nach Dreck. Jeffrey fuhr mit dem Hotelbus in die Stadt. Er sah lärmende Züge, flache Gebäude, blaue Uniformen, verfallene Häuser, Menschen in Schlafanzügen, verrußte Gassen, lachende Kinder, viele Fahrräder, ganz wenig Autos, Betten auf den Gehsteigen, leuchtende Reklame, spuckende Frauen; verschmutzte Fassaden, strenge Polizisten, und all das war von einer solchen unmittelbaren Vitalität, daß sich Jeffrey, der weit Gereiste, sofort in Schanghai verliebte.
In den zwanziger Jahren hatte sein Vater den Dazhong-Verlag in der boomenden Kolonialstadt gegründet. Jeffrey hatte eine vergilbte Visitenkarte gefunden und machte sich auf die Suche. Er fand das Haus im Hongkou-Distrikt, dem ehemaligen japanischen Viertel. Jeffrey verbrachte einen halben Tag mit den Bewohnern, und ihre Geschichten elektrisierten ihn. Sie erzählten von ausländischen Frachtschiffen, jüdischen Nachbarn und den schönen Schanghaierinnen, für die die Stadt einst ebenso berühmt war wie für ihre Architektur. Jeffrey begann, sich für die Geschichte der ehemaligen Kolonie zu interessieren. Er wußte es noch nicht, aber an dem Tag hatte er seine Aufgabe gefunden.
Zwei Drittel des alten Schanghais sind schon verschwunden
Es begann mit einer Geschichte. Ein Freund hatte ihm von der Residenz eines kaiserlichen Beamten erzählt, eine Villa, gebaut im 16. Herrschaftsjahr des Kaisers Qianlong (1752). Das Gebäude sollte seinen Platz räumen für eine moderne Stadthaussiedlung. Nach der Revolution hatte die Regierung das Anwesen zum Volkseigentum erklärt, und das Volk brauchte Wohnungen. Familien zogen in den Palast. Als Jeffrey das Haus zum ersten Mal sah, standen Fahrräder im traditionellen Garten, Hunde liefen durch das Vestibül, und graugewaschene Unterhosen hingen auf Bambusstangen. Aber die Struktur war erhalten. Jeffrey sah kunstvolle Schnitzereien und rote Holzsäulen, die das Ziegeldach abstützten. Eine Woche später kaufte er das Haus und zahlte bar. Er suchte neue Häuser für die alten Bewohner, moderne Wohnungen mit eigenen Küchen und Badezimmern. Die chinesische Villa wurde das erste Gebäude in Jeffreys Dorf.
Zwei Drittel des alten Schanghai sind mittlerweile verschwunden. Fast drei Millionen Menschen wurden nach offiziellen Angaben umgesiedelt, Millionen warten noch auf den Umzugsbefehl. Vierhundert alte Häuser hat die Stadtverwaltung inzwischen unter Denkmalschutz gestellt. Aber für Tausende andere war es da schon zu spät. 30.000 Tonnen Bauschutt entstanden Mitte der Neunziger jeden Tag. Nach Jahrzehnten der Armut setzen viele Chinesen Entwicklung und Fortschritt mit Spiegelfassaden und Expreßaufzügen gleich. Und verlieren den Bezug zum alten.
Die Stadt rückt näher
Jeffreys Arbeiter lachen über ihn, wenn er wieder ein halbverfallenes Haus ohne Badezimmer und Klimaanlage gekauft hat. "Warum kaufst du nicht lieber moderne Wohnungen", fragen sie ihn dann. Jeffrey nimmt sich immer Zeit, seine Mission zu erklären. Er will Architektur retten, die für ihn Kunst und Geschichte ist. Er will Künstler aus aller Welt in sein Dorf einladen, damit sie seine Botschaft in die Welt tragen.
In der Nachbarschaft seines Dorfes ist es inzwischen voll geworden. Ein Freizeitpark, Fabriken und ein Golfressort sind entstanden. Hochspannungsmasten werfen Schatten auf die Dorfkulisse, Autobahnen umzingeln das Gelände. Die Stadt rückt näher. Jeffrey wird weiterziehen und sein Dorf woanders aufbauen. Haus für Haus bauen die Wanderarbeiter ab, wieder markieren sie jeden Balken, numerieren jeden Stein. 1500 Mal sind die blauen Zehntonner schon durch den Torbogen gefahren, beladen mit Steinen und Geschichten. Jeffrey hat schon ein neues Gelände gekauft, einen Quadratkilometer groß und weit entfernt vom neuen Schanghai.