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Dienstag, 14. Februar 2012
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Paralympics Sport als Chance für chinesische Behinderte

03.09.2008 ·  Rund 83 Millionen Behinderte leben in der Volksrepublik China. Noch vor wenigen Jahrzehnten galten sie als minderwertig, wurden weggeschlossen und verstoßen. Die Lage hat sich mittlerweile verbessert wie sich bei den Paralympics zeigen wird.

Von Frank Hollmann, Peking
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Wenn Hou Bin sich mit seinem linken Bein kraftvoll abstößt und über die Latte schraubt, wenn er für einen kurzen Moment die Erde hinter sich lässt, dann glänzen seine Augen. „Ich liebe dieses Gefühl, als ob ich fliege“, sagt der 33 Jahre alte Athlet.

Dreimal – in Atlanta, Sydney und Athen – ist Hou Bin zu olympischem Gold im Hochsprung der Amputierten geflogen, nachdem er mit neun Jahren sein rechtes Bein bei einem Verkehrsunfall verloren hatte. Damit ist er einer der erfolgreichsten Paralympics-Teilnehmer, zudem Athletenvertreter und erster Botschafter des Internationalen Paralympischen Komitees. Bisher habe China die Behinderten kaum beachtet, sagt Hou. Das will der Vorzeigeathlet ändern.

Deng Xiaopings Sohn als Vorkämpfer

Rund 83 Millionen Behinderte leben in der Volksrepublik, andere Zahlen sprechen sogar von über 90 Millionen. Noch vor wenigen Jahrzehnten galten sie als minderwertig und wurden an den äußersten Rand der Gesellschaft verstoßen. Gerade in ländlichen Regionen betrachten viele Eltern ein behindertes oder entstelltes Kind als Unglück, sie verstecken es oder setzen es gar aus. Chinas Kinderheime sind voll von Mädchen mit Hasenscharten.

Doch langsam bessert sich die Lage der Behinderten in China, und das ist vor allem das Verdienst von Deng Pufang, dem Sohn des früheren Staatsführers und Initiators der Öffnungspolitik, Deng Xiaoping. Der war während der Kulturrevolution 1968 in Ungnade gefallen. Die von Mao aufgestachelten Roten Garden betrachteten Dengs Familie als Freiwild und jagten seinen Sohn Pufang durch die Universität. Ob sie ihn aus dem Fenster stürzten oder ob der junge Student in seiner Verzweiflung versuchte, selbst mit einem Sprung aus dem dritten Stock seinen Peinigern zu entgehen, ist umstritten. Fest steht, dass ihm im Krankenhaus jede Behandlung verweigert wurde.

„Sport hilft mir beim normalen Leben“

Er vegetierte in einem Heim, bis endlich sein Vater Deng Xiaoping rehabilitiert wurde. Der holte seinen Erstgeborenen sofort zu sich und pflegte ihn. Dann, nach Maos Tod und als neuer starker Mann der Kommunistischen Partei, zeigte er seinen gelähmten Sohn demonstrativ in der Öffentlichkeit. Nichts hat die Stellung der Behinderten in China mehr verändert als diese Geste. Heute ist Deng Pufang selbst Mitglied der Führungsriege der KP und Vorsitzender des von ihm vor 20 Jahren gegründeten Behindertenverbandes des Riesenreiches.

Keinem anderen hätte die Partei Mittel für Gelähmte oder Amputierte bewilligt als dem Sohn von Deng Xiaoping, glaubt auch Xie Yingying. Die 70 Jahre alte Germanistikprofessorin ist seit einer Krebsoperation am Rückenmark gelähmt, aber noch immer voller Tatendrang. So oft sie kann, spielt sie Tischtennis und erntet den Respekt ihrer nichtbehinderten Gegner. Ein Sonnenschein sei Xie, sagen die, ein Vorbild an Lebensfreude. Die alte Dame schmunzelt angesichts so viel Lobes: „Ich versuche nur, so normal wie möglich zu leben. Sport hilft mir dabei.“

Die Regierung zahlt einen Euro pro Trainingstag

Sport hilft auch Yao Fang in Schanghai. Nach einem Autounfall vor acht Jahren stürzte sie emotional in ein tiefes Loch. Sie konnte ihren Beruf nicht mehr ausüben. Das Leben mit ihrer Familie wurde zur Belastung, die kleine enge Hochhauswohnung, in der sie ständig herumgehoben werden musste, zum Gefängnis. Yao Fang schildert das wie selbstverständlich und lächelt, wenn sie von ihrem 14-jährigen Sohn erzählt. Es ist das Lächeln einer Siegerin. „In Peking will ich Gold holen“, sagt die Sechsunddreißigjährige bestimmt, dreht sich in ihrem Rollstuhl, schiebt die Maske vors Gesicht und greift zum Florett.

Yao Fang lebt und trainiert in einem der modernsten Sportzentren für Behinderte in China im Schanghaier Stadtteil Hongkou, einem weitläufigen, hochschulähnlichen Areal mit mehreren Hallen, Freiplätzen, Wohnheim und Mensa. Das Stadion, in dem die deutschen Fußballfrauen 2007 Weltmeister wurden, liegt in Sichtweite. Hier trainieren Rollstuhlfechter, amputierte Leichtathleten und Sitzvolleyballerinnen wie Li Hongqi. In Athen gewann ihr Team Gold. Erregt sei sie gewesen, als die Fahne hochgezogen wurde und die Hymne erklang. Um solch einen Glücksmoment noch einmal zu erleben, trainiert sie jeden Tag mit Unterstützung ihrer Firma. Die habe sie dafür freigestellt. Die Regierung zahlt zudem 10 Yuan Prämie für jeden Trainingstag, umgerechnet rund einen Euro.

Behinderte haben eine viel größere Willensstärke

Doch viel wichtiger als die kleine finanzielle Anerkennung sei das Selbstwertgefühl, das sie durch den Volleyball gewonnen habe. Ihre schwere Gehbehinderung hatte sie zu einer stillen, in sich gekehrten Frau gemacht, sagt Li Hongqi rückblickend. Doch jedes Training, jeder Wettkampf habe sie heiterer gemacht. „Ich liebe diesen Sport“, sagt Li und strahlt.

Diese Begeisterung steckt auch die Trainer an. Zhang Jun hat früher ein herkömmliches Team betreut, „stehend Volleyballer“ nennt er sie heute. Aber seine neuen Athleten seien viel ehrgeiziger. Behinderte hätten eine viel größere Willensstärke, sich emporzuarbeiten. Er könne mit ihnen genauso hart trainieren wie mit Nichtbehinderten, sagt Zhang stolz. Seine Spielerinnen nicken zustimmend.

„Früher hat man Behinderte in China verachtet“

Der Sport habe ihn zurück ins Leben gebracht, sagt auch Rollstuhlfechter Zhang Lei – und in die Welt. Er war schon zu Wettkämpfen in Korea und Deutschland, am besten aber gefiel ihm Neuseeland. Vor vier Jahren in Athen gewann er Gold und Silber. Ohne den Sport, betont der gehbehinderte Athlet, wäre er wohl nie aus China herausgekommen.

Yao Fang dagegen freut sich auf ihre ersten Paralympics. Erst vor einem halben Jahr wurde sie ins Nationalteam aufgenommen, seitdem habe sie riesige Fortschritte gemacht – auf der Planche wie im Leben: „Früher hat man Behinderte in China verachtet. Auch ich habe das nach meinem Autounfall gespürt. Jeder in meiner Umgebung tat so, als müsste ich mein ganzes Leben nun im Bett liegen und könnte nichts mehr verdienen. Doch der Sport hat alles verändert. Heute fühle ich mich als gesunde Frau.“

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