24.06.2008 · Das Erdbeben, das China im Mai erschütterte, hat das gipfelstürmerische Pathos, mit dem sich China feiern wollte, ins Wanken gebracht. Aber es hat es durch etwas anderes ergänzt: Jetzt erlebt sich das Land vor allem als Nation, die gemeinsam leidet.
Von Mark Siemons, PekingAiguo zhuyi: ein Antriebsfaktor der Pekinger Spiele, der durch das Erdbeben in Sichuan einen neuen Bezugspunkt bekommen hat. Vor dem 12. Mai 2008, als um 14.28 Uhr ein mehrminütiges Beben der Stärke 8,0 siebzigtausend Menschen in den Tod riss, stand Olympia im Zeichen des Triumphs: Der Gastgeber wollte sich der Welt als Aufsteiger präsentieren, dessen ökonomische Erfolge in den zurückliegenden Jahrzehnten ihn nun endlich auch zu einer symbolisch angemessenen Selbstdarstellung im Konzert der großen Mächte berechtigen. Zur Überraschung Chinas provozierte dieser vor Superlativen und Glitzereffekten nicht zurückschreckende Zug beim Westen scharfe Abwehr, da dieser manipulative Absichten dahinter vermutete, eine Ablenkung von den Kosten der Diktatur. Die offizielle chinesische Geschichtserzählung bewegt sich seit den neunziger Jahren entlang der aufsteigenden Linie wachsenden Wohlstands und Einflusses in der Welt.
Das Erdbeben hat diese Geschichtserzählung nicht beseitigt. Aber es hat sie durch etwas anderes ergänzt: Jetzt erlebt sich das Land vor allem als Nation, die gemeinsam leidet, mitfühlt und sich gegenüber einem grausamen Schicksal behauptet. Die Massivität der landesweiten Solidarität, im Zuge deren Rekordsummen gespendet wurden und sich mehr als zweihunderttausend Freiwillige im Erdbebengebiet einfanden, hat die Bevölkerung selbst überrascht. Von Anfang an verband sich die Philanthropie dabei mit nationalen Gefühlen: Nach einer Schweigeminute auf dem Tiananmen-Platz in Peking brachen die Massen in den trotzigen Ruf aus: „China, geh voran!“
Das nackte Leben
Doch unter dem Eindruck des Schocks geschah etwas, das in den letzten sieben Jahren, seitdem Peking den olympischen Zuschlag bekommen hatte, undenkbar gewesen wäre: Die Spiele selbst wurden relativiert. Drei Tage setzte der Fackellauf aus, mit einem Mal bestimmte Olympia nicht mehr allein das Maß des Patriotismus. Als der Fackellauf wiederaufgenommen wurde, begleiteten ihn Schweigeminuten und Spendenaufrufe, und einige der Fackelläufer waren Helfer aus der Katastrophenzone.
An die Stelle des gipfelstürmerischen Pathos rückten die Sicherung und Wertschätzung des nackten Lebens als vorrangiger Daseinszweck der Nation, die jetzt wieder mehr ihren Charakter als armes Entwicklungsland in den Vordergrund stellte. Dieser Umbruch reichte bis in die Regierungsrhetorik. Die Botschafterin der Volksrepublik in London rief die Welt dazu auf, bei den Olympischen Spielen gemeinsam „das Leben zu feiern“, so wie sie zuvor den Menschen von Sichuan in ihrem Leiden beigestanden habe. Inwiefern dieser neue Akzent des chinesischen Patriotismus in der Lage ist, den Charakter der Spiele selbst zu verändern, wird erst der August zeigen.