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Olympisches Lexikon: H Ein Fass ohne Boden

11.03.2008 ·  Die Einwohner Pekings sollen rechtzeitig zu den Olympischen Spielen von unschönen Gepflogenheiten wie Spucken, Müllwegwerfen und Vordrängeln abgebracht werden. Die westlichen Zivilisationen belächeln das. Zu Unrecht.

Von Mark Siemons, Peking
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Limao: Gegenstand einer zentralen Regierungskampagne, durch die die Pekinger Bevölkerung auf die Olympischen Spiele vorbereitet werden soll. Synonym verwendet mit Manieren und „Zivilisiertheit“ - ein von europäischen Kolonisatoren übernommener Wortgebrauch, den sich China hier aber als ein Land zu eigen macht, das in seinem kulturellen Selbstbewusstsein immer noch gebrochen ist und von anderen lernen will. Auch der Maßstab, anhand dessen sich China als „Zivilisation“ zu erkennen geben möchte, ist der westlichen Etikette entlehnt.

Als vordringlich wird der Verzicht auf Spucken, Müllwegwerfen und Vordrängeln erachtet. An diesen Faktoren orientiert sich der „Zivilisationsindex“, mit dem das Ethikentwicklungskomitee Pekings regelmäßig die Verhaltensänderungen der Hauptstädter überprüft. Im letzten Jahr ist der Zivilisationsindex auf 73,38 Punkte (von hundert möglichen) gestiegen, das ist eine Verbesserung um 4,32 Punkte gegenüber 2006 und gar um 8,17 Punkte gegenüber 2005.

Es geht offensichtlich weniger um Propaganda als um Selbstachtung

Die Kampagne verbindet ältere Methoden (Spruchbänder mit der Aufforderung „Die Schönheit der Stadt schützen - nicht mit Verkaufsständen den Weg versperren“ zum Beispiel) mit innovativen Maßnahmen wie dem Schlangestehtag an jedem Elften eines Monats und Geldstrafen (fünfzig Yuan, also fünf Euro, fürs Spucken). Das Höflichkeitsprojekt ist ein Fass ohne Boden. Die Sportzuschauer sollen zu „professionellen Fans“ erzogen werden, die auch über Athleten anderer Nationen jubeln können; die Polizeibeamten sollen im Dienst nicht länger rauchen, kauen oder ausfallend werden; und in Fernsehspots wird gemahnt, nicht zu laut zu lachen, um andere nicht zu stören.

Dass dabei auch noch der Spott der westlichen „Zivilisationen“ in Kauf genommen wird, die solche dezisionistischen Staatsaktionen eher lustig finden und sich selbst im Übrigen keiner weiteren Zivilisierung bedürftig, spricht nicht gegen Peking. Es geht in diesem Fall offensichtlich weniger um Propaganda als um Selbstachtung.

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Jahrgang 1959, Feuilletonkorrespondent in Peking.

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