09.04.2008 · War da was in Tibet? Jedenfalls nicht für die Nationalen Olympischen Komitees, die sich in Peking treffen. Aus ihrer Deklaration wurde das Problem aus dem Himalaya verbannt. Die deutschen Vertreter finden das „grenzwertig“.
Von Evi Simeoni, PekingMario Vázquez Raña schaute sich um. „Wo ist denn nun die chinesische Delegation?“ Sein Gesicht entspannte sich, als er die Gastgeber im Konferenzsaal des China World Hotel entdeckte. Ach, da waren die Herren ja. Und sie schienen zufrieden. Konnten sie auch sein. Schließlich war es dem mexikanischen Chef der Vereinigung der Nationalen Olympischen Komitees (Anoc) gerade mit einem Handstreich gelungen, ein Wort aus einer Deklaration der 205 Mitglieder zu streichen, das China zur Zeit gar nicht gern hört: das Wort „Tibet“ nämlich.
Fünf Buchstaben nur, und doch ein den Sportrepräsentanten der spätkommunistischen Diktatur höchst lästiges Synonym für den ganzen olympischen Ärger der vergangenen Wochen. Verschwindibus! Vázquez Raña reckte den Daumen in Richtung der Olympia-Gastgeber. So macht man das unter Leuten, die gemeinsame Interessen verfolgen. Obwohl: Die Mienen der Olympier werden langsam starr angesichts des chinesischen Muskelspiels. Dazu kommt, dass man machtlos zusehen muss, wie anlässlich des olympischen Fackellaufs die eigenen Symbole zu Hass-Objekten werden. Ob in China oder anderswo: Die Dinge drohen außer Kontrolle zu geraten.
Der Tibet-Konflikt kommt nun nicht mehr vor
Demokratie nach Art des Hauses: Kurz vor Schluss der dreitägigen Versammlung der Nationalen Olympischen Komitees (NOK) zog Vázquez Raña eine Erklärung noch einmal hervor, welche die Versammlung am Montag per Akklamation verabschiedet hatte. Sie hatte schon auf Papier die Runde gemacht und sollte in dieser Form an diesem Donnerstag in ein Treffen mit der Exekutive des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) eingebracht werden: Der Beitrag des nationalen Unterbaus zu einer gemeinsamen Deklaration mit dem Spitzengremium. Thema: Olympische Spiele, Absage an einen Boykott und an politische Instrumentalisierung.
Anlass: Der Tibet-Konflikt, der nun in der Vorlage der NOK nicht mehr vorkommt. Der umstrittene Passus: „Die Versammlung vertraut darauf, dass die Regierung der Volksrepublik China eine faire und vernünftige Lösung der internen Konflikte finden wird, zum Wohle der Spiele und der Athleten.“ Vorher hatte es geheißen: „. . . eine faire und vernünftige Lösung des internen Konflikts, der die Region Tibet betrifft.“ „Es war mein Fehler“, räumte der Vorsitzende ein. „Der Text enthielt eine Einmischung in interne Angelegenheit eines Landes. Wir mussten Tibet herausnehmen.“
Der DOSB wird düpiert: „Grenzwertiges Verfahren“
Auf der Tagesordnung hatte die Änderung nicht gestanden. So war die Delegation des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) zum Zeitpunkt von Vázquez Rañas Husarenstück nur noch zum Teil anwesend. DOSB-Präsident Thomas Bach nahm in seiner Rolle als IOC-Vizepräsident an verschiedenen Vorbereitungssitzungen für die Exekutiv-Tagung teil. Auch Generaldirektor Michael Vesper hielt eine Besprechung ab.
„Ich finde das Verfahren grenzwertig“, sagte der von der Änderung überraschte ehemalige Grünen-Politiker. Immerhin, fand er, wisse immer noch jeder, was gemeint sei. Nachlesen konnte er das aber vorerst nicht. Eine schriftliche Fassung der Erklärung verweigerte Vázquez Raña auch nach der Annahme durch die Versammlung noch mit Hinweis auf die Vorläufigkeit. „Ich bin sehr zufrieden mit unserer Endversion“, sagte der Mexikaner. „Wir wollen China helfen.“
Wen Jiabao und Rogge:„Ein gutes Treffen“
Da dürfte auch der chinesische Premierminister Wen Jiabao am Mittwoch sehr zufrieden gewesen sein. Und tatsächlich – so jedenfalls steht es in der offiziellen Pressemitteilung des IOC – gab es ein „gutes Treffen“ zwischen dem Politiker und IOC-Präsident Jacques Rogge in der „Großen Halle des Volkes“ nahe dem Platz des Himmlischen Friedens. Hinterher ging Wen sogar auf ein Thema ein, mit dem zur Zeit Medienvertreter manchen Olympier sogar in die Flucht schlagen können: die Krawalle beim olympischen Fackellauf. Der Staatsmann hätte mit seiner salbungsvollen Einlassung als Rogge-Darsteller eine gute Figur gemacht: „Ich glaube, dass die Fackel, die allen Menschen gehört, niemals gelöscht wird.“
Das IOC sah sich genötigt, den Einsatz chinesicher Wächter beim weltweiten olympischen Fackellauf zu verteidigen. Die Eskorte für den Fackellauf werde immer vom Gastgeberland der Olympischen Spiele gestellt, sagte IOC-Sprecherin Giselle Davies. „Das ist hundertprozentig normal, und es ist nichts Ungewöhnliches daran.“ Zuletzt war Kritik am aggressiven Verhalten der chinesischen Fackel-Wächter laut geworden. Indien und Australien, wo der Fackellauf in diesem Monat fortgesetzt wird, hatten sich gegen den Einsatz der chinesischen Polizeibeamten in ihrem Land ausgesprochen.
„Handgemenge“ zwischen chinesischen Fackelschützern und britischen Polizisten
Bei den Wächtern handelt es sich nach Angaben chinesischer Staatsmedien um ausgesuchte, speziell trainierte Beamte einer paramilitärischen Polizeitruppe. Vor allem aus Großbritannien wurde berichtet, die Chinesen hätten sich wie „Schläger“ aufgeführt. Die frühere britische TV-Moderatorin Konnie Huq, die beim Lauf in London eine Zeitlang die olympische Fackel trug, sprach gegenüber der Zeitung „The Times“ von „Handgemengen“ zwischen den chinesischen Einsatzkräften und britischen Polizisten.
Auch an diesem Donnerstag, wenn die Exekutive offiziell ihre Sitzungsarbeit aufnehmen wird, wird der Fackellauf ein Thema sein. „Es ist davon auszugehen, dass es weitergeht“, ließ sich immerhin IOC-Vizepräsident Thomas Bach entlocken. „Ich hoffe, dass der Staffellauf friedlich und glatt ablaufen wird“, erklärte Rogge im chinesischen Staatsfernsehen. Wer das weltumspannende Schaulaufen der Wirtschaftsmacht China letztlich stoppen könnte, ist sowieso eine offene Frage.
Selbstdarstellungs-Orgien vor dem Ende?
Das Organisationskomitee Bocog ist der Organisator – es hat die Verträge mit den Etappen-Städten geschlossen. Das IOC gibt lediglich die Symbole und sein Einverständnis zum Streckenverlauf dazu. „Wir sind ganz sicher, dass die Route des Fackellaufs beibehalten wird“, so Vázquez Raña. Für die Zukunft allerdings erwarte er „Änderungen im System“. Was wohl heißen soll, dass es internationale Selbstdarstellungs-Orgien von Olympia-Veranstaltern künftig nicht mehr geben soll.
„In jedem Land, das Olympische Spiele austrägt, gibt es schließlich Probleme“, behauptete der pragmatische Mexikaner. Er selbst habe bei der Vergabe der Spiele vor sieben Jahren für Peking gestimmt, stellte er klar. IOC-Präsident Rogge bekräftigte: „Ich glaube, dass unsere Entscheidung, die Spiele 2008 in Peking abzuhalten, richtig war.“ Ob er recht behält, hängt nun genauso von Chinas Wohlwollen ab wie die Zukunft Olympias. Mit vornehmer Zurückhaltung der Gastgeber wird Rogge wohl nicht rechnen können.